Die Wahlsieger: "Mehrheit ist Mehrheit" - DER SPIEGEL
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Die Wahlsieger "Mehrheit ist Mehrheit"

Ein unvergleichlicher Achterbahn-Wahlkampf endet mit einem Fotofinish: CSU-Chef Edmund Stoiber sieht sich als Sieger, wird aber nicht Kanzler. Gerhard Schröder und Joschka Fischer erhalten ­ dank starker Grüner und eines PDS-Desasters ­ eine zweite Chance.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der grüne Parteichef Joschka Fischer am Rednerpult in der SPD-Parteizentrale - das hat es noch nie gegeben. Doch Gerhard Schröder konnte und wollte in der Nacht zum Montag nicht anders, als "in diesen heiligen Hallen der Sozialdemokratie einem Grünen das Wort zu erteilen".

Denn ohne deren Wahlerfolg - plus 1,9 Prozentpunkte gegenüber 1998 - würde es den roten Regenten demnächst nicht mehr geben. "Ein bisschen mehr hätte es ruhig sein können", so Schröder mit Blick auf das eigene Abschneiden, das der alte und neue Außenminister mit sanfter Ironie begleitete: "Du gestattest, dass ich das ein bisschen anders sehe."

Dabei waren es doch die Zweitstimmen "für Joschka", die das SPD-Ergebnis schmälerten. Aber für die Fortsetzung von Rot-Grün reichte es - wenn auch nur knapp. Die Regierung verfügt über eine absolute Mehrheit von fünf Sitzen.

Ein Wahlkrimi der seltenen Art war dem gemeinsamen Auftritt im Willy-Brandt-Haus vorausgegangen. Das Auf und Ab der Wahlnacht spiegelte die Achterbahn-Fahrt der gesamten Kampagne wider, in dem Verlierer und Sieger des öfteren miteinander die Plätze gewechselt hatten.

Als um 18 Uhr die ersten Prognosen über die TV-Bildschirme flimmerten, ergab sich in jedem Programm ein anderes Bild: Bei der ARD war die SPD abgeschlagen, bei RTL lag sie vorn, beim ZDF gleich auf mit der Union.

Im fünften Stock der Zentrale der Sozialdemokraten machte ein Name die Runde: Justizministerin Herta Däubler-Gmelin. Schröder war mehr als nur verärgert - und schwieg. Statt seiner äußerte sich die Entwicklungshilfeministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul umso deutlicher: "Die hat uns alles versaut", entfuhr es der SPD-Linken.

Auch der ebenfalls anwesende Innenminister Otto Schily mochte seinen Unmut nicht verbergen. Der Vergleich zwischen US-Präsident George Bush und Adolf Hitler, den die Ministerin auf einer Wahlveranstaltung angestellt haben soll, könnte die SPD ein bis zwei Prozent gekostet haben, glaubten viele.

Das Drama nahm danach seinen Lauf. Doch bereits fünf Minuten nach Schließung der Wahllokale genehmigte sich Schröder, der schon früh in die von ihm ungeliebte Parteizentrale gekommen war, trotz all der Unsicherheit ein erstes Glas Champagner.

"Dies wird ein langer Abend", mahnte der Kanzler seine Getreuen zur Gelassenheit - und er erlebte ihn weitgehend im Stehen. In seinem Parteibüro tigerte er unruhig um den Schreibtisch, durchs Vorzimmer und über die Flure. Die neueren Hochrechnungen sahen die Union weiter klar vor der SPD, aber Schröder machte sich Mut: "Das gewinnen wir."

Er präsentierte sich umso nervenstärker, je näher die vermeintliche Niederlage rückte. Um 18.30 Uhr musste der Titelverteidiger - nun sitzend - miterleben, wie der Herausforderer vor den Kameras auftauchte und sich frenetisch feiern ließ. Die Union wieder mal stärkste Fraktion: "Na, warten wir's ab", knurrte der Kanzler mit Blick auf den Bildschirm.

Das Wechselbad der Gefühle ging weiter - immer neue Hochrechnungen mit immer neuen hin und her springenden Ergebnissen folgten. Um 19 Uhr lag im ZDF Rot-Grün erstmals mit 300 Sitzen vor Schwarz-Gelb, und Schröder quittierte diese Achterbahn nur noch mit einem Wort: "Abenteuerlich."

Die Deutschen erlebten danach ihren Kanzler im Nieselregen vor dem Berliner Willy-Brandt-Haus so gedämpft wie lange nicht mehr: kein Victory-Zeichen, das Sakko zugeknöpft - und seine Worte klangen ein bisschen nach Abschied. "Ich finde, wir haben einen guten Kampf gekämpft", rief er mit vor Anspannung heiserer Stimme.

Begleitet von Frau Doris stand er da, die innere Erschütterung nur schwer verbergend. "Wir haben keinen Grund, uns zu verstecken", befand der oberste Sozialdemokrat unsicher, kehrte dann aber angesichts des hauchdünnen Vorsprungs mit dem nächsten Satz schon den alten Kämpfer hervor: "Mehrheit ist Mehrheit - und wenn wir sie haben, werden wir sie nutzen."

Erst viele Stunden später hatte er sie halbwegs sicher - in einem atemberaubenden Fotofinish entschieden die Bundesbürger schließlich zu seinen Gunsten. Dank der so genannten Überhangmandate, des Durchmarsches überdurchschnittlich vieler Kandidaten in ihren Wahlkreisen, des Untergangs der PDS und des Grünenchefs Joschka Fischer, dessen Ökopartei an der FDP vorbeizog, darf Schröder nun eine weitere Legislaturperiode regieren.

So knapp wurde in der Bundesrepublik seit 1949, als der CDU-Patriarch Konrad Adenauer sich selbst zum Kanzler mitwählte, keine Abstimmung entschieden. Unklar ist freilich, wie Schröder und Fischer angesichts der widerstreitenden Flügel in beiden Parteien dieses Bündnis über die Zeit retten wollen. Ihre Mini-Mehrheit verschafft ihnen jedenfalls kaum den nötigen Spielraum für Reformen.

Denn das Zitterbündnis Rot-Grün ist von Einzelinteressen abhängig wie keine Regierung vorher. Allein schon der Altlinke Hans-Christian Ströbele, der im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg sensationell ein Direktmandat errang, kann für erheblichen Unfrieden sorgen. Auch die Gewerkschaftsbank im Bundestag gewinnt nun spürbar an Gewicht. "Knappe Mehrheiten disziplinieren", hofft dagegen Verteidigungsminister und Ex-Fraktionschef Peter Struck.

Auf Wohlwollen der Opposition dürfen die neuen alten Regierenden nicht hoffen. Im Gegenteil: Im Bundesrat steht der rotgrünen Mehrheit ein knallharter Blockade-Block von Schwarz-Gelb gegenüber. Die Strategie der Union ist klar: stören und angreifen. Ein selbstbewusster Edmund Stoiber im SPIEGEL-Interview: "Wenn diese Regierung keinen Bestand hat, dann stehe ich natürlich weiterhin bereit."

Schließlich sehen sich CDU/CSU als die eigentlichen Wahlsieger. Die Union kehrte zur bundesdeutschen Normalität zurück und erreichte mit 38,5 Prozent im neuen Parlament exakt den gleichen Wert wie die Sozialdemokraten.

Für Edmund Stoiber ist das von ihm eingefahrene Ergebnis der bisher größte Triumph seines politischen Lebens. Der Bayer, einst rechte Hand seines im Wahlkampf 1980 gescheiterten Vorbildes Franz Josef Strauß, vibrierte regelrecht, als er vor Anhängern und Journalisten im Konrad-Adenauer-Haus aufkreuzte.

So impulsiv und kraftvoll hatten die aus seiner Heimat mitgereisten Parteifreunde ihren "Chef", wie sie ihn ehrerbietig nennen, kaum je gesehen. Vorbei das Zaudernde und wie weggeblasen die Unsicherheit, die ihn zuweilen lähmen kann. Ihr Matador war - für eine historische Sekunde - tatsächlich jener Siegertyp, den die Wahlstrategen großflächig auf ihren Plakaten verkauft hatten. Edmund Stoiber, "kantig und echt".

Doch die Zuversicht der ersten Stunde schwand allmählich aus seiner Stimme. Mit zunehmender Zeit wurde klar, dass er gleichwohl in München bleiben muss. Das Duell "Er oder ich", zu dem Schröder ihn herausgefordert hatte, hat Stoiber zwar nicht verloren - er wird das Berliner Kanzlerbüro aber trotzdem bis auf Weiteres nicht von innen sehen.

Denn sein Wunschpartner FDP driftete nach einem bizarren Machtkampf an der Parteispitze ins politische Niemandsland. Magere 7,4 Prozent, so der Stand in der Nacht von Sonntag auf Montag, konnten die Liberalen auf ihrem Konto verbuchen. Eine Pleite ist zu besichtigen, die ein Sprecher des Bundesverbandes der Deutschen Industrie in drastische Worte fasste: "Die FDP hat den Wechsel versaut."

Die FDP werde alles tun, "um bundespolitisch wieder eine Kraft zu werden", sagte ein von seinen Vorstandsmitgliedern umstellter kleinlauter Parteichef Guido Westerwelle, der sich monatelang als Kanzlerkandidat bezeichnet hatte.

Nur einer fehlte bei dem Gruppenbild am Sonntagabend: Parteivize Jürgen Möllemann. Er hatte schon in der Endphase des Wahlkampfes keinen Platz mehr auf dem Podium und wird nun aus seiner Position gedrängt - zumindest wenn es nach dem Willen der Hierarchen in Berlin geht. Das Präsidium forderte ihn einstimmig zum Rücktritt auf, was der Streithansel allerdings vorerst unbeirrt zurückwies.

Dem Tohuwabohu am Tag der Entscheidung war ein Wahlkampf vorausgegangen, wie ihn Deutschland noch selten erlebt hat. Bis zum Schluss fiel es den Strategen beider Lager schwer wie nie, die wahre Stimmung im Volk zu ergründen.

Ihre Eindrücke, klagte etwa Angela Merkel zwei Tage vor der Wahl in kleiner Runde, seien "rein subjektiv und daher irrelevant". Alsdann analysierte die CDU-Chefin "zwei Wellen", die sich offenkundig überlagert hätten - "eine emotionale und eine rationale".

Die Schröder-Welle, um bei diesem Bild zu bleiben, erwies sich am Ende als durchschlagender, wenn auch nicht mit der von ihm erwarteten Wucht. Der Kanzler hatte wenige Argumente und kaum Visionen im Angebot. Aber er gab den Wählern immerhin das Gefühl von Ziel und Zukunft, als er vor allem die Flutkatastrophe nutzte, um über Solidarität und Gemeinsinn zu sprechen. Oder einfach nur davon, "dass wir einander beizustehen haben und es nicht genug ist, wenn jeder sich um sich selbst kümmert".

Ohne die eindringlichen Töne zu den Themen Flut und Frieden wäre der Wahlabend für Schröder vermutlich ein Desaster geworden.

Das klang so klein und demütig, dass es wohl auch deshalb viele als großartig empfanden. So vermittelte er den Deutschen fast nebenbei ein Wertesystem, das mit den Vorstellungen einer Mehrheit im Lande durchaus kompatibel scheint.

Ohne die eindringlichen Töne zu den Themen Flut und Frieden wäre der Wahlabend vermutlich ein Desaster für ihn geworden. Denn die Bilanz nach vier Jahren Rot-Grün taugte kaum für starke Reden. Arbeitslosigkeit und Firmenpleiten - auf Rekordniveau. Die Staatsverschuldung hat trotz massiver Sparprogramme schon wieder die kritische Grenze des Maastricht-Vertrages erreicht.

Der Kandidat der Union kämpfte denn auch lieber an dieser Front. Er appellierte monatelang und oft absichtsvoll monoton an eine übergeordnete Rationalität und pflegte das Zauberwort Kompetenz. Doch von Edmund Stoiber, der im kleinen Kreise durchaus überzeugend zu wirken vermag, ging bei Reden in Sälen und auf Marktplätzen - und erst recht bei seinen Auftritten im Fernsehen - kein hinreichender Wärmestrom aus.

Er blieb vielmehr auch jenen Menschen, die seinen Argumenten folgten, zuweilen merkwürdig fremd. Als wollte er seine Biografie mutwillig manipulieren, verneinte Stoiber darüber hinaus hartnäckig alles, was er früher verkörperte. Dass er jemals ein strammer Rechter gewesen war - kein Thema mehr. Beim Urlaub auf Juist musste der Wirt sogar den Bayern-Wimpel, der zur Ehre des Gastes auf dem Tisch platziert worden war, wieder verschwinden lassen. "Ich bin ein Mann der Mitte", hatte sich der Kandidat gleich zu Beginn den Wählern vorgestellt - seine zentrale Botschaft, der er alles unterordnete.

Schröder und Fischer dagegen versteckten nichts und mobilisierten ihre Generation umso intensiver. Aus Revoluzzern oder zumindest Mitläufern waren Regierende geworden, da gab es nichts zu verheimlichen. Rot-Grün war und ist das politische Projekt jener 68er Generation, die nach allerlei Wirren und Umwegen in der Regierungsverantwortung ankam.

Doch Stoiber hielt tapfer dagegen und umgarnte, wie die Wählerströme am Sonntagabend zeigten, das andere Deutschland. Die schwierige Wirtschaftslage und die desaströse Bilanz von Rot-Grün auf dem Arbeitsmarkt haben dem Unionsmann erkennbar genutzt.

Vor allem Arbeiter (plus 9 Punkte) und Arbeitslose (plus 8 Punkte), aber auch Angestellte (plus 5 Punkte) wählten in deutlich höherem Maße, als sie das beim letzten Mal getan hatten, die Christparteien.

Vor allem der Wirtschaftsexperte im Team, Lothar Späth, konnte bei dieser Klientel kräftig punkten. Auch wenn ihn sich die Union aggressiver gewünscht hätte - "er ist ein Plauderer und hat keine politischen Botschaften", fasste ein Stoiber-Berater die Enttäuschung darüber zusammen -, war es gerade diese Sanftheit, die auch bei ehemaligen SPD-Wählern verfing.

Der Spitzenkandidat versuchte unterdessen, in die sozialdemokratische Traditionsklientel einzubrechen, indem er den Kanzler meist von links attackierte. Kein Wahlkampfauftritt, auf dem Stoiber nicht gegen die Bevorzugung der "Großkonzerne" wetterte. Ihm sei nicht bewusst gewesen, "wie sehr sich die CSU als Partei der kleinen Leute fühlt", wunderte sich Späth.

Stoiber präsentierte sich dabei höchst kontrolliert als ein Mann der Unschärfe. Aus dem Wortführer des rechten Unionsflügels machte sein Medienberater Michael Spreng in der öffentlichen Wahrnehmung einen farblosen Repräsentanten der Mitte, der die Einführung des Euro als große Tat pries und die ungeliebte Öko-Steuer nicht rundweg ablehnte. Und selbst die Homo-Ehe - "jeder soll nach seiner Fasson glücklich werden" - galt ihm kaum noch als suspekt.

Und die Doppelstrategie funktionierte zunächst. Die Stammwähler der Union vollzogen Stoibers Taktik nach und ließen die modernen Maskenbildner gewähren. Schließlich nahm der Kandidat den von Rot-Grün enttäuschten Mittelschichten die Angst vor einem Mann, den sie bisher als Reaktionär empfunden hatten.

Erst der große Regen, der über Bayern und dem deutschen Osten niederprasselte, ertränkte die Wahlkampfstrategie des leisen Christsozialen: "Die Flut war in jeder Hinsicht eine Katastrophe", sagte am Sonntag sein Berater Spreng.

Es dauerte danach Wochen, bis die Union wieder auftauchte - aber arg durchnässt. Doch kaum hatte sie sich einigermaßen erholt, stand sie schon wieder schwer unter Druck. Die mit dem Irak-Krieg einhergehende Frage von Krieg und Frieden, die Schröder mehr und mehr ins Zentrum seiner Wahlkampfreden rückte, brachte die Oppositionsparteien erneut in die Defensive.

Die US-Regierung drohte Saddam Hussein mit dem Einmarsch - auch ohne die Unterstützung der Vereinten Nationen. "Wir müssen die Schlacht zum Feind tragen", dröhnte Vizepräsident Richard Cheney - und Stoiber, der das Thema zuvor als "hypothetische Frage" abgetan hatte, stand nun ziemlich blamiert da. Es folgte ein Rückzugsgefecht der Worte, das bis zum Wahltag andauerte.

Den Grünen konnte es recht sein - Flut und Frieden waren ihre Erfolgsthemen. Außenminister Fischer sorgte mit deren Hilfe für einen fulminanten Sieg und besiegelte zugleich die bitterste Niederlage der FDP. Öko und Ernsthaftigkeit waren nun plötzlich wieder en vogue, und der flotte Guido Westerwelle mit seinem Spaßmobil wirkte da von Tag zu Tag deplatzierter.

Die Überraschung wurde am Wahltag offenbar: Die Forschungsgruppe Wahlen und Infratest dimap meldeten am Sonntag bereits um 16 Uhr, was ihre Mitarbeiter in ausgewählten Wahllokalen nach der Stimmabgabe ermittelt hatten. Ein von kaum jemandem erwarteter Doppeltrend zeichnete sich ab: Grün legte zu, die Liberalen sind abgeschlagen.

Günter Rexrodt, FDP-Schatzmeister und Berliner Spitzenkandidat, erfuhr es als einer der Ersten. Seine Frau schickte ihm, als er gerade im FDP-Präsidium über den Rausschmiss des Jürgen W. Möllemann beriet, die Hiobsbotschaft per SMS: "Es sieht nicht gut aus."

Und für Westerwelle war jetzt endgültig Schluss mit lustig. Prompt präsentierte der sichtlich enttäuschte Parteichef ("Wir sind unter unseren Möglichkeiten geblieben") dem Fernsehpublikum den Sündenbock: An jedem Infostand seien die Liberalen in der vergangenen Woche mit der "unerfreulichen Debatte" um Möllemanns antisemitische Sprüche konfrontiert worden - "das hat uns natürlich das Wahlergebnis verhagelt".

Schon am Samstagnachmittag hatten sich die FDP-Oberen telefonisch darauf verständigt, den ewigen Quertreiber endgültig zu kippen. Vergebens versuchte der Westfale am Sonntagnachmittag auf Zeit zu spielen. Um 17.15 Uhr bat er im Präsidium um eine halbstündige Auszeit und verließ den Saal. Als er zurückkehrte, stand die Entscheidung fest: Die Präsiden forderten ihn einstimmig auf, sein Amt als Parteivize "zur Verfügung zu stellen".

Der Parteifreund war fassungslos. Per Handy diktierte er seinem Sprecher Michael Block eine knappe Erklärung: "Dies ist heute Abend die bitterste Stunde während meiner Mitgliedschaft in der FDP." Dann entschwand er durch die Tiefgarage und versetzte sogar Sabine Christiansen, die ihn zu ihrer TV-Talkshow eingeladen hatte.

Doch Westerwelle kann Möllemann zugleich auch dankbar sein. Der Fallschirmspringer aus Münster hat ihm zwar das Wahlergebnis vermiest, indem er ihm das großmäulige "Projekt 18" und die Kanzlerkandidatur aufschwatzte, aber er dient nun auch als vorerst alleiniger Grund für das liberale Desaster. Er zog einstweilen alle Schuldzuweisungen auf sich - und damit weg von Westerwelle.

Als der sichtlich erblasste Vorsitzende gegen 19 Uhr im Thomas-Dehler-Haus vor die Kameras trat, scharte sich die verbliebene FDP-Führung fast schon wie ein Schutzschild um ihn. Westerwelle, der mit seinem missratenen Spaßwahlkampf für das Debakel ebenso verantwortlich ist, dürfte dafür in nächster Zeit kaum haftbar gemacht werden.

Schröders heimliches Kalkül, mit Möllemanns Hilfe bei knappen Ergebnissen seine Kanzlerschaft in einer Ampelkoalition zu stabilisieren, hat sich damit erledigt. Westerwelle am späten Abend: "Eine Ampel wird es nicht geben." Rot-Grün sei keine gute Regierung.

Die Grünen hörten es gern. Sie paktieren lieber mit Schröder allein, als sich mit den verhassten Liberalen abzumühen. Nach 6,7 Prozent 1998 und danach 16 verlorenen Landtagswahlen waren die 8,6 Prozent vom Sonntag für sie ein überraschend klarer Sieg.

Als kurz vor 20 Uhr Joschka Fischer in den Katakomben des Berliner Tempodroms auf die Bühne trat, wurde er wie ein Popstar gefeiert. Zwei von drei Wahlzielen sah der Realo schon am frühen Abend erreicht: Grüne vor der FDP und mehr als acht Prozent der Wählerstimmen. Fehlte nur noch die Mehrheit für die Fortsetzung des rot-grünen Bündnisses. Aber auch da gab er sich zuversichtlich und behielt am Ende Recht.

Ausgerechnet mit einem grünen Tabubruch haben die Ökopaxe Erfolg gehabt: Zum ersten Mal machten sie nur einen der Ihren zum Spitzenkandidaten. "Zweitstimme ist Joschka-Stimme" - diese Parole zog offenbar.

Geschlossen, professionell und pragmatisch wie nie zuvor hatten sich die Grünen in den vergangenen Monaten hinter ihren Parteioberen versammelt. Fischer, der vom Bürgerschreck zum Außenminister Gereifte, behauptete sich in allen Politiker-Hitparaden als beliebtester Politiker Deutschlands.

In den vergangenen sechs Wochen seiner Tour durch die Republik gelang es ihm sogar, was zuvor alle Skeptiker für unmöglich gehalten hatten: Der Vizekanzler (Wahlslogan: "Außen Minister, innen grün") münzte seine Popularität zielstrebig in Stimmen für die eigene Partei um.

Dabei kam ihm die Regierungsbilanz von Rot-Grün zugute - die war nämlich stärker ökologisch geprägt, als es der kleine Koalitionspartner zwischenzeitlich selbst wahrhaben wollte. Sogar Schröder warb in seinem Wahlkampf mit Themen, die im Bündnis heftig umstritten und eher vom kleinen Juniorpartner vorangetrieben worden waren: Atomausstieg, Agrarwende, Naturschutzgesetz, Klimaschutz, Homo-Ehe und das Zuwanderungsgesetz. Mit der Flut im Osten erlebte selbst das lange verstaubte Öko-Thema im Wahlkampf noch eine überraschende Konjunktur.

Jetzt zeigen die Grünen wenig Lust auf Neues: Die drei Minister Fischer, Jürgen Trittin und Renate Künast bleiben auf ihren Posten. Nur die Besetzung der Fraktionsspitze verspricht noch heikel zu werden.

Um die Nachfolge der amtierenden Vorsitzenden Kerstin Müller, die als Staatsministerin ins Auswärtige Amt wechseln möchte, rangeln die Nachwuchspolitikerin Katrin Göring-Eckardt, Arbeitsmarkt-Fachfrau Thea Dückert und Finanzexpertin Christine Scheel. Ihr Kollege Rezzo Schlauch, nach einem 7000-Euro-Bonusmeilen-Trip schon so gut wie abgestürzt, gilt dabei wieder als aussichtsreicher Kompromisskandidat.

Wie die rot-grüne Koalition mit ihrer schmalen Mehrheit regieren will, muss die Zukunft zeigen. Schon die Koalitionsverhandlungen, in denen über die Details der kommenden Regierungsarbeit gestritten wird, könnten schnell zur Schwerstarbeit werden. Schließlich müssen alle wichtigen Gesetze durch den Bundesrat.

Und die Länderkammer wird von den unionsgeführten Ländern beherrscht - voraussichtlich mindestens bis Ende 2003. Zwar wird im nächsten Jahr gewählt - am 2. Februar in Hessen und Niedersachsen, am 25. Mai in Bremen und im Herbst in Bayern -, doch selbst bei den Sozialdemokraten rechnet kaum jemand damit, dass sich dadurch an den Mehrheitsverhältnissen etwas ändern könnte.

Die unionsgeführten Länder Bayern, Sachsen, Saarland, Thüringen, Baden-Württemberg, Hessen, Sachsen-Anhalt und Hamburg mit ihren 35 von 69 Bundesratsstimmen dürften den rot-grünen Koalitionären in Berlin das Leben mehr als schwer machen. Über welche Blockademacht eine gegnerische Bundesratsmehrheit verfügt, wissen die Sozialdemokraten sehr genau. In den letzten Jahren des Kabinetts Kohl war es umgekehrt die SPD unter ihrem Vorsitzenden Oskar Lafontaine, die permanent Gesetzesvorhaben der damaligen Regierung ausbremste.

Schon in den vergangenen Wochen suchte vor allem Hans Eichel die Nähe führender Unionspolitiker. Zuletzt wurde er beim Italiener mit Angela Merkel gesehen. Doch die wiegelt ab: "Unsinn", was da alles spekuliert werde. Man habe nach der TV-Talkshow ein Glas Wein zusammen getrunken.

Vielleicht muss der Finanzminister nun häufiger ran. Die CDU-Vorsitzende, durch den Wahlausgang gestärkt, könnte schon in dieser Woche zur Fraktionschefin der Union aufsteigen.

Trotz des letztlich noch ausreichenden Siegs für Rot-Grün im Bundestag spricht vieles dafür, dass in den nächsten vier Jahren de facto eine Große Koalition das Land regieren wird. Nur im Konsens mit der Unionsmehrheit im Bundesrat und mit Unterstützung der CDU-Dame wird Schröder seine zweite Chance nützen und sein ohnehin nicht sonderlich ehrgeiziges Programm durchsetzen können.

Der Kanzler muss schon in den nächsten Tagen das arg ramponierte deutsch-amerikanische Verhältnis zu reparieren versuchen.

In der Hauptsache besteht Einigkeit. Alle wissen, dass Reformen dringend notwendig sind, und auch über die Agenda der kommenden vier Jahre herrscht weitgehend Konsens:

  • Der Arbeitsmarkt braucht mehr Schwung, mehr Flexibilität, kürzere Vermittlungszeiten, mehr Dienstleistungsjobs und einen Niedriglohnsektor.
  • Das Gesundheitswesen steht kurz vor dem Kollaps, doch passieren wird nur etwas, wenn Rot-Grün den Konflikt mit Kassen, Ärzten und Pharmafirmen besteht. Effizienzsteigerung und höhere Eigenverantwortung verspricht das SPD-Wahlprogramm - ohne konkret zu werden. Nur ein scharfes Eingreifen kann verhindern, dass die Kassenbeiträge auf neue Rekordhöhen klettern.
  • In der Bildungspolitik will die Regierung nationale Standards, Leistungskontrollen für die Lehrer und mehr Einfluss für die Eltern in den Schulen. Hier scheint eine Einigung mit der Union am ehesten möglich.
  • In der Familienpolitik dagegen gibt es einen offenen Dissens. Während die Konservativen die Familien mit mehr Geld unterstützen wollen, setzt die Regierung auf mehr Kinderbetreuung: 10 000 Ganztagsschulen sollen eingerichtet werden, die Kapazitäten für Kinderhorte ab drei Jahren erweitert und die Bildung im Vorschulalter spürbar intensiviert werden.

Personell will Schröder - zunächst jedenfalls - mit der alten Mannschaft starten. Nur die schwer angeschlagene Justizministerin Herta Däubler-Gmelin wird mit hoher Wahrscheinlichkeit gehen müssen. Kein Sozialdemokrat kann ihr verzeihen, dass sie ausgerechnet wenige Tage vor der Wahl in Verdacht geriet, den amerikanischen Präsidenten beleidigt zu haben, und so für einen internationalen Skandal sorgte. Ohnehin muss der Kanzler das arg ramponierte deutsch-amerikanische Verhältnis schon in den nächsten Tagen zu reparieren versuchen.

Im Kernressort Arbeit und Soziales soll dagegen der glücklose Walter Riester oder im Gesundheitsbereich Ulla Schmidt weiter werkeln dürfen. Neue Kräfte könnten zu einem späteren Zeitpunkt antreten: Der Hamburger Landesvorsitzende Olaf Scholz ist als Ressortchef Verteidigung im Gespräch, falls Struck wieder auf den Posten des Fraktionsvorsitzenden wechselt. Auch die Innenstaatssekretärin und Fluthilfe-Koordinatorin Brigitte Zypries und die baden-württembergische SPD-Chefin Ute Vogt gelten als Reservekandidaten.

So gut wie beschlossen ist die Rückkehr von Kurzzeit-Fraktionschef Ludwig Stiegler auf seinen früheren Platz als Fraktionsvize. Im Kanzleramt soll dem farblosen Ostbeauftragten Rolf Schwanitz Brandenburgs früherer Ministerpräsident Manfred Stolpe nachfolgen. Der amtsmüde Regierungssprecher und Schröder-Freund Uwe-Karsten Heye wird seinen Posten ebenso räumen wie der Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin.

Vor allem die neue Fraktion dürfte sich der besonderen Zuwendung des Regierungschefs erfreuen. Jede Stimme zählt, das macht auch einen Kanzler vom Zuschnitt Gerhard Schröders gnädiger.

Schon in der Wahlnacht umschmeichelte der die früher so wenig geliebte Partei. Vor handverlesenen Gästen im Willy-Brandt-Haus stellte der knappe Wahlsieger erleichtert fest, dass die SPD "ihren Frieden gemacht hat mit ihrem Vorsitzenden".

Dergleichen will er mit Mitgliedern und Unterstützern, auch mit den im Wahlkampf so aktiven Künstlern, künftig sanfter umgehen. In der Parteizentrale sagte ein milder und nach dem glücklichen Wählervotum demonstrativ bescheidener Kanzler: "Ich werde was tun, was euch ärgert, und ihr werdet Dinge tun, die mich ärgern."

Und er fügte hinzu, an den Dramatiker Moritz Rinke gewandt, der unlängst die Nibelungen-Sage in Worms auf die Bühne brachte: "Aber es wäre gut, wenn wir nicht so aufeinander einschlagen wie die alten Recken in deiner Walküre."

MARKUS DETTMER, KONSTANTIN VON HAMMERSTEIN, FRANK HORNIG, JÜRGEN LEINEMANN, ALEXANDER NEUBACHER, HARTMUT PALMER, CHRISTIAN REIERMANN, MICHAEL SAUGA, ULRICH SCHÄFER, CHRISTOPH SCHULT, GABOR STEINGART

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