Grüne "Realismus und Bescheidenheit"
SPIEGEL:
Die Grünen haben am Sonntag, nach 16 Niederlagen bei Landtagswahlen in Folge, ein ziemlich überraschendes Comeback hingelegt. Gibt es ein Geheimnis dahinter?
Fischer: Es hat einfach alles gestimmt. Der Wahlkampf war professionell, die Mobilisierung hoch, die Partei geschlossen zum ersten Mal haben wir Grüne reibungslos funktioniert, und zwar von oben nach unten und von unten nach oben.
SPIEGEL: Anfang des Jahres wirkten die Grünen eher chancenlos.
Fischer: Aber nur bei vordergründiger Analyse von Umfragen. Wir haben den Wechsel von der Protest- zur Regierungspartei vollzogen und dabei als Reformmotor diese Koalition inhaltlich vorangetrieben. Ich ging immer davon aus, dass unsere gute Arbeit sichtbar wird spätestens wenn in der heißen Wahlkampfphase die politischen Alternativen deutlich werden.
SPIEGEL: Haben Sie Ihre Truppe nun endgültig auf Regierungskurs getrimmt?
Fischer: Auf jeden Fall lastet jetzt auf uns der Druck, das Vertrauen von Millionen von Wählern in unsere Regierungstätigkeit zu rechtfertigen. Wir haben gezeigt, dass zwischen Kreativität und Professionalität, zwischen Grundsatzorientierung und Durchsetzungsstärke keine Widersprüche bestehen.
SPIEGEL: Wie groß ist der Fischer-Faktor in diesem Wahlergebnis? Die Kampagne Ihrer Partei war komplett auf Sie zugeschnitten.
Fischer: Das weiß ich nicht. Unser Ziel war es, die Popularität meiner Person für die Partei nutzbar zu machen. Da waren wir uns alle einig. Es war doch wichtig, dass wir in der Medienrealität bei der Personalisierung mithalten konnten.
SPIEGEL: Ist Schröder jetzt ein Kanzler von Fischers Gnaden?
Fischer: Wir müssen bedenken, wie viele rot-grüne Wechselwähler uns ihre Zweitstimme gegeben haben ich rate hier zu Realismus und Bescheidenheit. Exakt das wollten wir: rot-grüne Stimmen werben. Das sehr gute grüne Ergebnis ist also auch ein Vertrauensbeweis für Rot-Grün.
SPIEGEL: Aber die SPD hat verloren, Sie nicht.
Fischer: Wir haben zusammen für den Fortbestand der Koalition gekämpft, und Gerhard Schröder wird von uns gemeinsam wieder zum Kanzler gewählt.
SPIEGEL: Der Alt-Linke Christian Ströbele hat in Kreuzberg mit der Parole gewonnen: Ströbele wählen heißt Fischer quälen. Zittern Sie schon?
Fischer: Nein, nein. Wir haben zueinander ein menschlich gutes Verhältnis, auch wenn wir uns politisch bisweilen streiten. Ich habe auf diese Frage immer nur gesagt: Quält mich, wenn das Ströbele den Wahlkreis direkt bringt. Allerdings nur bis zum Wahltag.
SPIEGEL: Ströbele erklärte schon am Sonntagabend kategorisch: "Ich sage Nein zu Krieg."
Fischer: Ich kenne Ströbeles Position, und damit werden wir wie in der Vergangenheit umgehen können. Nach diesem Wahlergebnis müssen alle grünen Abgeordneten wissen, dass sie eine hohe Verantwortung für Rot-Grün tragen.
SPIEGEL: Wie viele Mandate Mehrheit brauchen Sie für eine stabile Regierung?
Fischer: Mehrheit ist Mehrheit, das sehe ich wie der Kanzler.
SPIEGEL: Nachdem die Grünen an diesem Wahlabend das erste Direktmandat gewonnen haben, könnten Sie doch ein Projekt 18 anpeilen.
Fischer: Wir sollten in aller Bescheidenheit versuchen, auf diesem Erfolg aufzubauen und dieses Land weiter zu gestalten. Das wird schwer genug. Innen- wie außenpolitisch brauchen wir unsere ganze Erfahrung und Geschlossenheit. Was die Partei aber geschafft hat, das hat sich schon im Wahlkampf gezeigt, war der Ausbruch aus dem Generationengefängnis. Es war doch sichtbar, spürbar, wie viele junge Leute nicht nur zu unseren Veranstaltungen gekommen sind, sondern die Kampagne vor Ort getragen haben.
SPIEGEL: Die Grünen sind also kein Auslaufmodell?
Fischer: Natürlich nicht. Nie ist die Partei eigenständiger und selbstbewusster gewesen als in diesem Wahlkampf.
SPIEGEL: Trotz der engen Anbindung an die SPD?
Fischer: Vor Ihnen sitzt einer der Väter von Rot-Grün neben Erhard Eppler. Für mich war immer die Frage, ob es eine demokratische linke Mehrheit in Deutschland gibt. Das ist schwer genug zu erreichen. Diese Politik dann umzusetzen ist noch schwerer die Mehrheit zu erhalten ist am allerschwersten. Das haben wir geschafft!
SPIEGEL: Dabei sind die Grünen die Kanzlermacher. Was wollen Sie in den Koalitionsverhandlungen durchsetzen?
Fischer: Das wird erst im Laufe der Verhandlungen geklärt, und zwar auf fairer und partnerschaftlicher Grundlage. Im Übrigen wiederhole ich: Nicht wir Grünen sind die Kanzlermacher: Beide Parteien, SPD und Grüne, wollen gemeinsam eine Koalition fortsetzen, die vier Jahre unter schwierigen Umständen erfolgreich gearbeitet hat.
SPIEGEL: Dennoch dürfte es auch inhaltliche Ziele geben, die Ihnen besonders wichtig und eilig sind.
Fischer: Das werden wir in den Verhandlungen diskutieren auf der Grundlage unseres Wahlprogramms, mit dem die Grünen diesen Erfolg erzielt haben.
SPIEGEL: Sie wurden bei Ihrem nächtlichen Besuch im Willy-Brandt-Haus bejubelt, als gehörten Sie selbst schon zu den Genossen.
Fischer: Das habe ich nicht so empfunden. Ich bin empfangen worden als Vertreter einer erfolgreichen grünen Partei, mit der die SPD weiter regieren will. Der Applaus war nicht stärker als der, den Gerhard Schröder bei uns bekommen hätte.
SPIEGEL: Als Außenminister steht Ihnen eine dringende Aufgabe bevor: Sie müssen das lädierte deutsch-amerikanische Verhältnis kitten.
Fischer: Wir werden alles tun, um die Beziehungen zu unserem wichtigsten Partner außerhalb Europas auf der traditionell guten Grundlage fortzusetzen unbeschadet von bestehenden Diskussionen.
INTERVIEW: RALF BESTE, PETRA BORNHÖFT