Der Tag der Wahl "Ich bleibe Kanzlerkandidat"
8.35 UHR, BONN, MARIENSCHULE
Er konnte nicht schlafen in dieser Nacht. Keine Sekunde. Einmal stand er oben am Fenster und schaute hinaus in den Regen.
Es hat selten einen so verkorksten Wahlkampf gegeben, einen wie den des Kanzlerkandidaten Dr. Guido Westerwelle, der vor ein paar Monaten mit prächtigsten Prognosen begann und nun von den eigenen Bewachern bespöttelt wird: 18 Prozent würden es wohl kaum, aber 1,8 ganz bestimmt. Die Bewacher, junge Männer in Grau, stehen unten auf dem Gehsteig der Heerstraße in der Bonner Altstadt und rauchen.
Der Kanzlerkandidat federt sehr heftig, er grinst sehr breit, er duftet sehr kräftig.
9.11 UHR, WOLFRATSHAUSEN
Das Gedränge bleibt aus, als der Kandidat erscheint. Mit mehreren hundert Journalisten hatte man gerechnet, die in der Grundschule am Hammerschmiedweg in Wolfratshausen sehen wollten, wie Edmund Stoiber seinen Stimmzettel in die hohe weiße Urne steckt. In der Aula ist sogar eine Tribüne aufgebaut, für die Kameras. Doch dann kamen nur eine Hand voll.
"So, so, ja ..." sagt Edmund Stoiber, als er den Wolfratshauser Bauamtsleiter Dieter Lejko begrüßt, der die Urne des Stimmbezirks 02 bewacht. Der Kandidat wirkt diesmal ziemlich aufgeräumt, hat auffällig viel Geduld mit den Fotografen, die ihn von links nach rechts und zurück dirigieren. "So, jetzt, glaub' i, könn' ma", ruft er dann und lässt den Stimmzettel in den weißen Kasten fallen.
11.13 UHR HANNOVER, KAISER-WILHELM- UND RATSGYMNASIUM
Trüber Wahlauftakt für Gerhard Schröder: Als der Kanzler mit Ehefrau Doris von seinem Haus in der Plathnerstraße in Hannovers Zooviertel zum wenige hundert Meter entfernten Wahllokal marschieren will, gießt es in Strömen. Mit zehnminütiger Verspätung geht es schließlich die Gneisenaustraße hinunter zum Kaiser-Wilhelm- und Ratsgymnasium, Wahlraum 801. Doris schützt ihren Gatten mit einem grünen Schirm, er lächelt in die Kameras und winkt den Neugierigen zu. "Grün ist die Hoffnung", sagt ein Passant. Ein anderer ruft: "Viel Glück, Herr Kanzler."
Draußen vor der Schule sind eine Stellwand und ein Rednerpult aufgebaut. Doch Schröder will keine Erklärungen abgeben.
11.46 UHR, WAHLLOKAL MÜNSTER-GIEVENBECK
Die tickende Zeitbombe, wie ihn sein Parteifreundfeind Walter Döring nennt, steht auf dem Schulhof, blauer Anzug, blaues Hemd, der Mann lächelt glücklich, die Bügelfalten sind messerscharf. Eben hat Jürgen W. Möllemann noch gewählt; er hat seinen Wahlschein zigmal und mit Schafsgeduld über die Urne gehalten, bis alle Kameraleute, Fotografen, ZDF, dpa, Reuters, WDR, zufrieden waren, am zufriedensten war er selbst: Er ist so wichtig wie lange nicht mehr und so umstritten wie nie.
13.25 UHR, MÜNCHEN Für Bernhard Claus, 38, ist es ein großer Moment. Zum ersten Mal seit 17 Jahren, als ihm ein Unfall sein Augenlicht raubte, kreuzt er selbst den Kandidaten und die Partei für die Bundestagswahl an. Zum ersten Mal gibt es eine Schablone, die Blinde auf ihren Stimmzettel pressen können und mit deren Hilfe sie allein in der Wahlkabine die Stelle finden, an die sie ihre Kreuzchen setzen wollen. Als Geschäftsführer des Bayerischen Blindenbundes hat Claus die Schablone mit entwickelt. Doch ganz zufrieden ist er nicht: "Ich habe nicht gesehen, ob der Stift auch schreibt." Auch die beiden Kandidaten, die nun Bundeskanzler werden wollen, hat Claus während des hitzigen Wahlkampfes nie gesehen, nur gehört. Auf die sachlichen Aussagen, sagt er, habe er sich deswegen sicherlich besser konzentrieren können. Das Ergebnis: "Im Grunde austauschbar."
14.50 UHR, DUISBURG-RHEINHAUSEN
Gertrud Lieblang ist eine freundliche Frau, und der Satz, mit dem sie ihre Kundschaft fängt, lautet: "Guten Tag, wir sind vom ZDF und der Forschungsgruppe Wahlen und wir arbeiten für die Hochrechnung." Lieblang drückt dem Wähler, der gerade seine Stimme abgegeben hat, einen Zettel vor die Brust. Die 18-Uhr-Prognose des ZDF hier ist eines der 244 Wahllokale, in denen sie zu Stande kommt.
Bei jedem neunten Wähler in Wahlbezirk 1146 wird nachgefragt: Wem hat er die Erststimme gegeben, wem die Zweitstimme, was hat er bei der letzten Wahl gewählt? In Duisburg, so sagen die Leute hier, würde auch ein Besenstiel gewählt, wenn man ihn nett fotografiert und SPD draufschreibt. Duisburg ist Stahlarbeiterland, immer öfter auch: Ex-Stahlarbeiterland. Aber immer noch SPD-Land.
15.48 UHR, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Angela Merkel sitzt allein in ihrem Büro im 6. Stock, Laurenz Meyer schaut abwechselnd auf einen der drei Fernseher, die er sich hat aufstellen lassen. Beide telefonieren. Jede Partei hat ihre Vertrauten in den Umfrage-Instituten. Offiziell existieren sie nicht. Es sind Geister. Jetzt ist ihre Stunde. Drei Institute sehen die SPD knapp vor der CDU, drei andere sagen das Gegenteil voraus. Einig sind sich alle: Grün liegt weit vor Gelb. Das reicht nicht.
16.00 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Willy Brandt steht groß und weiß und knittrig im Foyer. Darunter liegt der "Vorwärts": "Wir schaffen das". Politiker lassen sich nicht blicken, die Journalisten essen Bockwürste oder interviewen Journalisten. Jeder hier kennt Zahlen. Wer die frischesten Umfragezahlen kennt, ist der Held des Moments. Alle hängen an den Handys, von dort kommen die Zahlen. Die Zahlen sagen nichts. Schröder könnte Kanzler werden und Stoiber auch. Plötzlich lacht jemand laut auf. Alle gucken. Gibt es neue Zahlen?
16.16 UHR, BERLIN, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Stoibers Schatten kommt zu Fuß. Er hat keinen Schirm dabei, Regen tropft auf seinen blauen Anzug. Michael Spreng, Stoibers Berater, läuft durch einen Korridor aus Fernsehkameras, er guckt auf den Boden, mit rotem Kopf, er lacht nicht, er grüßt nicht, er sieht aus, als würde er sich wegducken.
Rastlos drückt der Wahlkampfmanager des CSU-Kanzlerkandidaten auf die Tasten seines Handys, so, als sei dieses Telefon ein Taschenrechner.
Kann er schon was sagen? "Alles viel zu unübersichtlich, alles viel zu spannend hier", sagt er.
Er stürmt in das Foyer der CDU-Zentrale. Natürlich hat er schon Zahlen. "Wahrscheinlich werden CDU/CSU stärkste Partei", sagt er und hetzt weiter. "Wie wahrscheinlich?" "Sehr wahrscheinlich."
Er sieht noch immer nicht glücklich aus. Michael Spreng steigt über eine Absperrung, dreht noch einmal den Kopf zurück und sagt: "Die FDP scheint abzuschmieren."
16.31 UHR, GRIMMA
In der Schloßgasse müht sich Johann Wächter, Vorsteher des Grimmaer SPD-Ortsvereins, um Gelassenheit. Nur ein in die Wand des Treppenhauses geritzter Schriftzug erinnert noch daran, dass hier bis vor sechs Wochen das örtliche SPD-Parteibüro war. Jetzt gleicht die Zentrale einer einzigen Ruine, es riecht nach brackigem Wasser, fauliger Putz bröckelt von den Wänden. Es klingt ein wenig absurd an diesem Ort, als Wächter leise sagt: "Das Hochwasser hat der Partei wohl den Wahlsieg beschert."
"Als der Kanzler hier bei den Menschen war das war schon was. Die fühlten sich ernst genommen, nicht so allein", berichtet Wächter. Problematisch allerdings sei es danach gewesen, den Flutopfern zu erklären, dass "sie auch SPD wählen müssten, wenn sie Schröder wollten". Und, umgekehrt, Stoiber bekämen, wenn sie für die CDU stimmten.
Fleischermeister Manfred Keller, 48, steht in dem ausgehöhlten Erdgeschoss, das einmal sein Betrieb war. An der Wand im früheren Verkaufsraum hängt noch eine Golduhr. Sie ist Punkt 11.30 Uhr stehen geblieben, an jenem 13. August, an dem das Wasser kam und die Existenz des Metzgers zu einem Stück Treibgut machte.
Im Nebenraum surren überdimensionale Heizlüfter. "Den Schröder wähle ich nicht", schimpft Keller. "Der hat versprochen, dass es keinem schlechter gehen soll als vor der Flut." Er zeigt grimmig auf die feuchten Wände. "Maximal 35 Prozent meines Schadens kriege ich jetzt ersetzt das ist doch lächerlich."
Dass der Stoiber der Bessere ist, glaubt Keller aber auch nicht. "Bei denen in Bayern das ist doch eine ganz andere Welt." Trotzdem hofft er, dass die CDU die Wahl gewinnt. Warum, kann er nicht so genau sagen.
16.50 UHR, AUTOBAHN RICHTUNG BERLIN
Die Limousine vom Bundestags-Fahrdienst bringt Katherina "Kati" Reiche Richtung Berlin. Noch schnell das Kostüm gewechselt, das ihr Baby Elisabeth vollgesabbert hat. Deshalb jetzt das schwarze, körperbetonte mit der weißen Spitzkragenbluse. Dazu roter Mund und Porzellanteint. Im Wagen stillt Reiche ein letztes Mal.
Die 29-Jährige, jung, schön, ostdeutsch, wählt das dritte Mal bei einer Bundestagswahl: 1994 für Helmut Kohl, 1998 zog sie als CDU-Abgeordnete in den Bundestag ein. Diesmal soll sie Stoibers Familienministerin werden. Am Ende dieses Tages kann sie ganz oben sein.
Wahlkampf ist Spaß und Stress, sagt Reiche, für jeden, nicht nur, wenn man kleine Kinder hat: "Ich habe die Augenringe unseres Generalsekretärs gesehen."
In Berlin Mitte übernimmt Mutter Birgitt, 56, die eigens aus Luckenwalde kam, das Baby in der Wohnung eines Freundes. Milch steht dort abgepumpt bereit. Reiche eilt weiter ins Konrad-Adenauer-Haus.
17.00 UHR, BERLIN-CHARLOTTENBURG
Die erste Zigarre des Tages hat er schon vor ein paar Stunden angezündet, vor ihm auf dem Tisch in seinem Wohnzimmer steht eine Flasche Rotwein. Hans-Hermann Tiedje hat viel telefoniert an diesem Nachmittag. Ein bisschen tut er so, als wäre er noch immer Chef von "Bild". Inzwischen führt er eine Politikberatungsfirma, vor vier Jahren hat er Helmut Kohl im Wahlkampf beraten. Obwohl er raus ist aus dem Tagesgeschäft, kennt er schon am Nachmittag die Prognosen der Institute von diesem Nachmittag. Vor allem die, die die CDU vorne sehen und die FDP hinten. Er hat noch Hoffnung auf einen Regierungswechsel, er hat der FDP seine Zweitstimme gegeben.
Heute vor vier Jahren war Tiedje in Bonn, um 17 Uhr ging er rüber ins Kanzleramt. Dort saßen Friedrich Bohl, Norbert Blüm und Kohl. Sie hatten keine Chance gehabt, kein Mittel gefunden gegen die Wechselstimmung, noch nicht einmal eine kleine außenpolitische Krise. Tiedjes Befinden damals: "Friedlich. Man muss ja nicht weinen, nur weil man verloren hat."
Heute bleibt Tiedje zu Hause. Franz-Josef Wagner, Kolumnist bei "Bild" und früher "Bunte"-Chef, wird gleich vorbeischauen und auch Mathias Nolte, vor kurzem noch Chefredakteur des Schweizer "SonntagsBlick", bis er den Schweizer Botschafter Borer zu Fall brachte und seinen Job verlor. Es wird eine Versammlung der ehemaligen Chefredakteure.
Sie wollen sich das Kasperletheater, so nennt es Tiedje, im Fernsehen anschauen, so tun und reden, als wären sie noch immer an vorderster Front. Regenwetter, sagt Tiedje, niedrige Wahlbeteiligung, das war schon immer gut für die Union. Und für die Grünen. "Es wird knapp", sagt Tiedje.
Seine Frau steht in der Küche. Sie macht Quiche Lorraine. Tiedje hat einen 97er Finca Dofi aus dem Priorat ausgesucht. Ein sehr guter Rotwein aus Spanien, aber eigentlich kein Tropfen, mit dem einer wie Tiedje auf den Regierungswechsel anstoßen würde.
17.10 UHR, BERLIN, RTL-STUDIO
Im Aufenthaltsraum, bei belegten Brötchen, bereiten sich vier Oldies auf ihren Studioauftritt vor: Oskar Lafontaine, Ex-Minister, Ex-Ministerpräsident, Hans-Dietrich Genscher, Ex-Außenminister, Norbert Blüm, Ex-Arbeitsminister, Gunda Röstel, Ex-Grünen-Chefin.
"In einer Stunde wissen wir mehr", sagt Frau Genscher. "Vor allem, ob die FDP 18 Prozent bekommt", flachst Blüm. "Diese Frage könnte man möglicherweise schon jetzt beantworten", ruft Genscher dazwischen.
"Hier gibt's ja nur Wasser", staunt Lafontaine, prima gelaunt, verschlankt. "Die haben wohl Angst, dass wir besoffen werden und dummes Zeug reden."
Kurz vor der ersten Gesprächsrunde kommt Heiner Bremer mit einer neuen Prognose: Die CDU liegt angeblich drei Prozent vor der SPD.
17.29 UHR, HAMBURG, REDAKTION DER "BILD"-ZEITUNG
In der Chefredaktion ist es still wie im Inneren eines Schweizer Safes. Erste Meinungsumfragen sehen die Union knapp vor der SPD. Aber das miese Abschneiden der FDP vermasselt alles. Um 19 Uhr ist Andruck. Bis dahin muss die Schlagzeile stehen, die morgen früh die Stimmung am deutschen Frühstückstisch spiegelt. Es ist schwer. Stellvertreter Walter Mayer sagt: "Abwarten." Hat aber auch schon eine Idee. Sie heißt: "Glückwunsch, Kanzler! Aber diesmal musst du es besser machen." Nicht gerade die politische Richtung, welche "Bild" gemeinhin favorisiert. Im Hintergrund ruft eine helle Stimme: "Schröder hat's wieder gepackt." Sie gehört Kai Diekmann, "Bild"-Chefredakteur und Kohl-Biograf.
17.35 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Herta Däubler-Gmelin kommt und macht ein Gesicht der Unschuld. Mit heiterer Miene stapft sie auf die Journalisten zu. Sie könnte pfeifen, so harmlos sieht sie aus. "Sind Sie schuld, wenn die SPD verliert?", fragt jemand. "Ich hoffe nicht", sagt die Justizministerin. Es klingt kläglich, klingt nicht nach der eisernen Herta Däubler-Gmelin. Dann erinnert sie sich an sich selbst und greift an. Nein, sie habe nicht Bush mit Hitler verglichen, sagt sie. Die Journalisten sollten besser recherchieren, sagt sie. Sagt es zweimal, dreimal. Sie geht die Treppen hinauf, und immer wieder wird sie nach Hitler gefragt. Dann steht sie an der Balustrade, im Fernsehen laufen gleich die ersten Prognosen, und Däubler-Gmelin sagt immer noch, dass die Journalisten besser recherchieren sollten. Es gebe sechs eidesstattliche Erklärungen, sagt sie, die ihr Recht geben. Aber jetzt gucken die Journalisten nur noch auf die Bildschirme.
18.00 UHR, BERLIN, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Edmund Stoiber guckt auf einen Fernseher, der in Angela Merkels Dienstzimmer steht, 6. Stock. Sie sitzen an einem ovalen Tisch: Er, der Kandidat, seine Frau Karin, Angela Merkel, Laurenz Meyer, Stoibers Sprecher Martin Neumeyer und Ulrich Wilhelm, und Michael Spreng, der Medienberater. Auf dem Tisch stehen Obst, ein paar belegte Brote und Mineralwasser. Stoiber trinkt Mineralwasser, als die ARD ihre Prognose sendet: Union 39 Prozent, SPD 37 Prozent. Stoiber springt aus seinem Stuhl.
18.01 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
"Es ist wie bei einem englischen Querfeldeinrennen", sagt der Filmregisseur Hark Bohm, er wirkt müde. "Nur dass dem Favoriten beim Start von seiner Justizministerin einige Gewichte in die Satteltasche gelegt worden sind." Bohm sitzt neben Maler Bruno Bruni und Kollege Sönke Wortmann im vierten Stock des Willy-Brandt-Hauses, irgendwo dahinten steht Scorpions-Sänger Klaus Meine, Peter Stein ist auch da. Aufgesprungen vor Freude sind sie bisher nicht, die hundert prominenten Schröder-Unterstützer, die der Kanzler zu einem intimen Künstler-Essen geladen hatte. Auf Videoleinwänden laufen die ersten Hochrechnungen. Bis eben saß auch noch Schröder bei ihnen. Jetzt muss er sich vorbereiten, draußen warten Presse und Volk. "Noch ist das Rennen nicht gelaufen", sagt Hark Bohm.
18.01 UHR, BERLIN-TREPTOW, ARENA
Es ist dunkel im ehemaligen Busbahnhof an der Spree, dunkel und so gut wie leer. Die Arena wird zur Trauerhalle, in der die Journalisten die größte Besuchergruppe stellen. Angela Marquardt, die PDS-Punkerin, ist die einzige Funktionärin ihrer Partei, die sich unter die Leute gemischt hat. Andere wie Parteichefin Gabi Zimmer haben sich hinter dem schwarzen Vorhang hinter der Bühne vor den wenigen Anhängern versteckt, die nach Treptow gekommen sind. Live und laut dröhnt kubanische Musik durch die Halle. Dann die erste Hochrechnung: Dem tonlosen Entsetzen über das Ausscheiden der PDS folgen Jubelschreie, als der Reporter die Aussichten für die Direktmandate verliest. Hinter den Namen Roland Claus, Rosina Neumann und Ernst Welters sind drei dicke rote Striche gemalt. Die Genossen nehmen sie als Siegeszeichen ein Irrtum.
18.13 UHR, BERLIN, TEMPODROM
Der Grüne Cem Özdemir steht weit hinten, weit weg von der Bühne, er trägt einen gut sitzenden Anzug, verschränkt die Hände vor der Brust und sagt nichts. "Überhaupt nichts, das müssen Sie verstehen." Er muss den Jubelschrei noch in den Ohren haben, den von der ersten ZDF-Wahlprognose um 18 Uhr groß, laut und dröhnend, obwohl das Gerücht schon längst durch die Reihen gewandert war: "Wir haben mehr als die FDP." Das haben sie dann auch, neun Prozent, sagt diese erste Prognose. Sie sagt auch: Özdemir wäre drin. Er wäre wieder wichtiges Mitglied im Parlament, ein Jungstar der Grünen. Da triumphieren sie nun, und er darf nicht mehr.
18.15 UHR, BERLIN, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Lothar Späth wagt sich als Erster aus dem Kompetenzteam hervor. "Wird sehr knapp", sagt er. Die Frau von RTL pudert ihm die Nase, es sieht aus, als erhielte er die letzte Ölung. Dann starrt er auf die beiden Monitore. Bei der ersten Hochrechnung jubelt es im Foyer. Die Begeisterung erstirbt, als die Zahlen für die kleineren Parteien erscheinen. 304 Sitze für Rot-Grün, 294 für Schwarz-Gelb. "Jetzt soll jeder die Verantwortung übernehmen, mit der er den Wahlkampf geführt hat", sagt Späth, der jetzt ahnt, dass es ihm erspart bleiben könnte, zu zeigen, was er können könnte.
"Ich hätte mich gefreut, wenn wir die Möglichkeit gehabt hätten, diese Vorschläge umzusetzen." Es ist 18.25 Uhr. Super-Minister in spe Lothar Späth hat sich auf den Konjunktiv irrealis verlegt.
Im Hintergrund jubelt es wieder. Der Trend kippt. Nach der zweiten Hochrechnung liegt die CDU jetzt zwei Prozentpunkte vor der SPD.
18.20 UHR, BERLIN, RTL-STUDIO
Die SPD ist bei RTL knapp vorn. "Noch kann ich mir Hoffnungen auf ein Ministeramt machen", witzelt Lafontaine, der drei Kanäle gleichzeitig verfolgt.
Als plötzlich die CDU vorn liegt, wird er ernst. "Soll doch niemand glauben, ich würde mich freuen, wenn meine Partei eins auf die Mütze kriegt", sagt er. "Dann rinnt mir doch auch mein Lebenswerk wie Sand durch die Finger. Schließlich bin ich seit 1966 bei dem Verein."
"Knapp mit den Grünen, das wird nix", prophezeit er wenig später. "20 Stimmen Mehrheit brauchst du für Rot-Grün, das hatte ich auch 1998 mit Schröder verabredet."
"Habt ihr denn kein Bier da oder wenigstens eine Flasche Weißwein?", fragt Lafontaine und, mit einem Blick auf den Bildschirm, wo gerade Müntefering interviewt wird: "Kann mir einer sagen, warum der so grinst?"
18.20 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Ute Vogt, die Vorsitzende des Innenausschusses, ist eine der Ersten, die ins Foyer kommen. Sie redet über einen Sieg. Sie freut sich. Es sieht gut aus. Die Frage, ob sie als Nachfolgerin von Herta Däubler-Gmelin Justizministerin werde, behagt ihr, aber pflichtgemäß sagt sie, dass darüber später geredet werde. Sie strahlt. Jemand bittet sie, CNN ein Interview zu geben, ein Interview mit einem amerikanischen Sender, mit dem amerikanischen Sender schlechthin. Ute Vogt überlegt kurz. Die Beziehungen zwischen den USA und der SPD sind sehr schlecht, weil Schröder einen Krieg gegen den Irak nicht unterstützen will. "Nein", sagt Ute Vogt grinsend, "die verstehen mich ja doch nicht." Es bleibt unklar, ob sie ihren schwäbischen Dialekt meint oder ihre politische Haltung.
18.28 UHR, HAMBURG, "BILD"-REDAKTION
Die erste Hochrechnung ist raus. SPD und Grüne kommen auf 301 Sitze, das reicht gerade zum Regieren. "Bild" hat noch 32 Minuten bis zum Andruck. Im Fernsehen sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende: "Wir haben einen Wahlkampf gegen die 'Bild'-Zeitung führen müssen." Der stellvertretende Chefredakteur Walter Mayer bastelt an der Schlagzeile, entweder: "Joschka Fischer rettet den Kanzler" oder: "Rettet Joschka Fischer den Kanzler?"
18.40 UHR, BERLIN, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Stoiber steht neben seinem Stuhl in Angela Merkels Zimmer. Er sieht eine neue Hochrechnung der ARD. Zum ersten Mal ist Schwarz-Gelb vor Rot-Grün. Stoiber bewegt sich nicht. Er sagt nur: "Jetzt gemma runter." Ein Fahrstuhl bringt ihn ins Foyer, Angela Merkel steht neben ihm in der Kabine. Als sich die Tür öffnet, hört er Sprechchöre. Die Menschen von der Christenunion rufen: "Edmund, Edmund!"
Stoiber geht an einem Betonpfeiler entlang und sagt: "Sssooo." Sssooo. Der Mann, der jedenfalls für den Moment Kanzler der Bundesrepublik Deutschland ist, hört sich an, als habe er gerade einen Aktenordner zu Ende gelesen.
Dann steht er auf einem Podium mit grauem Teppichboden, er trägt einen dunklen Anzug und eine rote Krawatte mit silbernen Streifen, es ist dieselbe Krawatte, die er beim zweiten Fernsehduell trug, es ist die Krawatte einer Niederlage.
Jetzt streckt er beide Daumen in die Luft, Angela Merkel steht neben ihm, auch ihre Daumen zeigen nach oben. Es sieht aus wie bei einer Siegerehrung in der Formel 1, mit Michael und Ralf Schumacher.
"Eins steht jetzt schon fest", sagt Stoiber, "die Union, die CDU/CSU, wir haben die Wahl gewonnen."
Stoiber dankt Angela Merkel und Laurenz Meyer. Michael Spreng, seinen zweiten Image-Trainer, erwähnt er nicht. Der steht an einem Geländer vor seinem Büro im zweiten Stock, guckt von oben auf seinen Chef und klatscht in die Hände.
18.45 UHR, BERLIN
Vor dem Hotel Adlon sind zwei Panzer aufgefahren. Es sind Attrappen, mit denen der Arbeiterbund für den Wiederaufbau der KPD demonstriert. BDI-Präsident Michael Rogowski schmunzelt und steigt in den schweren Mercedes, der ihn zum Reichstag bringt. Sein Fahrer reicht ihm einen kleinen gelben Zettel. Oben hat er notiert, was er am nächsten Morgen für den Schrebergarten besorgen muss ("1 Handvoll Rasensamen"), unten steht die jüngste Hochrechnung.
Rogowski übt noch mal die Begriffspaare, die er sich für das Fernsehduell gegen den DGB-Chef Michael Sommer zurechtgelegt hat: Freiheit statt Regulierung, Wachstum statt Umverteilung, Differenzierung statt Gleichheit. Noch liegt Schwarz-Gelb knapp vorn, und dass es so knapp wurde, so Rogowski, liege an dem "Egomanen" Möllemann. Über den hat er sich so "granatenmäßig geärgert", dass er seit über 30 Jahren erstmals wieder CDU gewählt hat.
18.45 UHR, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Edmund Stoiber, Angela Merkel, Laurenz Meyer und Frau Stoiber klettern die Stufen zum Podium hoch. Sie haben die zweite Hochrechnung abgewartet.
Laurenz Meyer fasst Frau Stoiber leicht um die Taille, Frau Stoiber greift nach seiner Hand. Angela Merkel schiebt Frau Stoiber an die Seite ihres Mannes, der begreift, was er jetzt zu tun hat und reißt sie an sich. Frau Stoiber ist auf einen Wangenkuss vorbereitet, aber ihr Mann sucht jetzt, wo alles so schön ist, den Mund und nimmt sich den Kuss, als gelte es, eine Wette einzulösen. "Edmund! Edmund!", rufen die Mitarbeiter.
Angela Merkel strahlt wie unterm Weihnachtsbaum. Die Mundwinkel hat, sie im Schrank hängen lassen, jetzt wird gelächelt. Als die vier sich zum Gruppenfoto nebeneinander stellen, ist sie es, die daran denkt, das Mikrofon vorher aus dem Bild zu schieben. "Mein Gott, ist das spannend", sagt sie, bevor sie zu den Fernsehstudios geschoben wird.
18.51 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Franz Müntefering, der Generalsekretär der SPD, steht stumm am Tisch des ZDF und schaut auf einen Monitor. Er sieht Angela Merkel, die fröhlich redet. Die Hochrechnungen für die Union werden immer besser. Müntefering hört Merkel zu, sein Gesicht ist aus Stein. Seine Hände liegen übereinander auf dem Tisch, ein Daumen zuckt auf und ab. Angela Merkel hat eindeutig die bessere Laune.
18.53 UHR, BERLIN, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Euphorisches Kreischen im Foyer. "Wahnsinn!", ruft Kati Reiche im Arbeitszimmer ihres Pressesprechers, als die ersten Hochrechnungen auf dem Bildschirm erscheinen. Stoibers Wahlkampfleiter Spreng gibt im Nebenzimmer eine Runde Sekt aus.
Pressesprecher Franz Stangl geleitet die Fast-schon-Ministerin Reiche im Auto Richtung Reichstag, auf den Knien gelbe Zettel mit den jüngsten Hochrechnungen von ARD und ZDF: "Es klappt!!", jubelt er. Es geht zum Interview-Marathon. Deutsche Welle, N-tv, Bayerischer Rundfunk. Alle wollen Reiche.
Stoibers Vorzeigefrau aus dem Osten kommt rüber wie die Klassenbeste: "Mannschaftssieg", "auf die richtigen Themen gesetzt", "Dank an die Basis, die gekämpft hat bis zum letzten Moment". Wird sie jetzt Ministerin? Reiche lächelt ihr glattes Nur-nichts-Falsches-sagen-Lächeln: "Ich freu mich jetzt erst mal über diesen Sieg." Immer low key, hat ihr Presseprofi Stangl eingeschärft: "Wer sich ins Amt drängt, erhält es nicht."
Die Limousine ist bestellt. Zurück zum Kind, zurück nach Potsdam.
19.00 UHR, HAMBURG, "BILD"-REDAKTION
Kurz vor sieben ist auf einmal Schwarz-Gelb vorn, alles wieder anders. "Bild" druckt um 19 Uhr die Schlagzeile:
"Zitter-Nacht".
"Stoiber klar vor Schröder".
"Rettet Joschka Fischer Rot-Grün?"
"FDP enttäuscht. Schwere Niederlage für die PDS".
19.05 UHR, BERLIN, THOMAS-DEHLER-HAUS
Aus Niederlagen lernt man, sagen Fußballtrainer. Der Kanzlerkandidat Guido Westerwelle kommt die Treppe herab, steigt auf das graue Podium und schlachtet Jürgen Möllemann.
"Guido, Guido", brüllen die Jungen Liberalen.
"Ich glaube, dass uns die Debatte, die Anfang der Woche begonnen hat, weiß Gott nicht genutzt hat", sagt der Kanzlerkandidat, der über sieben Prozent hat.
"Guido, Guido."
"Deswegen haben wir einstimmig Jürgen Möllemann gebeten, dass er das Amt des stellvertretenden Parteivorsitzenden zur Verfügung stellt."
"Guido, Guido."
Möllemann hört den Jubel über seinen Abgang nicht, er hat sich davongemacht, durch die Tiefgarage.
19.25 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Zwei Dutzend Journalisten drücken sich an einer Glasscheibe die Nasen platt und starren auf zwei Aufzugtüren. Wann kommt der Kanzler? Der eine Aufzug steht im sechsten Stock, der andere im vierten, wie an der blauen Leuchtanzeige über den Türen zu sehen ist. Nichts regt sich. Dann regt sich was. Dritter Stock, zweiter, erster. Die Tür fährt zur Seite, heraus treten der Kanzler und seine Frau. Sie gehen gleich nach draußen, wo das Volk wartet. Verhaltener Jubel. Dann redet Schröder, ein zehnminütiger Versuch über die Zuversicht. Er hat jetzt das Zwangslächeln seines Kontrahenten, er hat jetzt das Stoiber-Lächeln. Auf dem Bildschirm lächelt Stoiber, er hat jetzt das Schröder-Lächeln.
19.30 UHR, BERLIN-CHARLOTTENBURG
Die Versammlung der ehemaligen Chefredakteure in der Wohnung von Hans-Hermann Tiedje, dem ehemaligen Chef von "Bild", ist begeistert. "Die spannendste Wahl in der Geschichte der Bundesrepublik", ruft Tiedje. "Spannender noch als 69, als sich Kiesinger schon zum Kanzler erklärte und es doch Brandt wurde." Viel Hoffnung jetzt, mehr noch als vor ein paar Stunden. Und jede neue Nachricht wird so interpretiert, dass die Hoffnung noch ein bisschen größer wird.
"61,2 Prozent für die CSU in Bayern", sagt Franz-Josef Wagner, "Bild"-Kolumnist und Ex-Chef von "Bunte". "Eine Saddam-Wahl."
Tiedje gibt auch seine FDP nicht auf. "Bin sicher, dass die FDP nach der Auszählung der Briefwahl noch mal zulegt."
Die Quiche ist gleich fertig. Wagner trinkt weißen Gavi, Tiedje ist immer noch bei der ersten Flasche Rotwein. "Vor 22 Uhr," wird das nichts mit dem Ergebnis."
19.40 UHR, BERLIN, TEMPODROM
Ja, er sagt es. Joschka Fischer steht auf dieser Bühne und sagt: "Lasst mich an diesem Punkt auch Christian Ströbele grüßen." Ströbele, der seinen Ein-Mann-Wahlkampf betrieb, nachdem die Partei ihn nicht mehr nominierte. Er ließ Plakate zeichnen vom Altfreak Gerhard Seyfried, ganz klein auf diesen Plakaten steht der Satz: "Ströbele wählen heißt Fischer quälen". Er hat es geschafft, hat seinen Wahlkreis Kreuzberg gewonnen, das ist ziemlich sicher. Aber mitfeiern kann er eigentlich nicht. Er war noch mal im Krankenhaus mittags, es geht ihm nicht gut. Noch weiß niemand, welche Folgen bleiben von diesem Angriff vor zwei Tagen beim Wahlkampf, als ihm ein Neonazi eine Eisenstange über den Kopf schlug. Aber auf jeden Fall: Er ist im Parlament.
19.50 UHR, BERLIN, RTL-STUDIO
Schröder ist im Fernsehen. Lafontaine, er hat jetzt ein Pils in der Hand, winkt ab. "Mein Ex-Freund", sagt er. "Ist ja bekannt, dass ich kein Freund mehr von ihm bin, nach all den Enttäuschungen."
Riesenglück habe der Mann gehabt. "Jeder weiß doch, wo wir vor zwei Monaten standen, ohne Flut und ohne Irak. Bei 35 Prozent." Die kleinen Leute, die aus dem sozialdemokratischen Milieu, habe der Kanzler vernachlässigt. Und auch sonst viel falsch gemacht. Innenpolitisch, außenpolitisch. Und überhaupt.
20.00 UHR, BERLIN, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Michael Spreng, der Stoiber-Denker, hält ein braunes Holzkästchen in der Hand, sein Name ist mit goldenen Buchstaben darauf graviert. In dem Kästchen liegt ein handgefertigter Kugelschreiber. Es ist das Geschenk einer CDU-Wählerin, die der Meinung ist, dass in Wahrheit Spreng diese Wahl gewonnen hat.
Ob er sich jetzt als Kanzlermacher fühlt, wird er gefragt. "Stoiber ist der Sieger", sagt er, "und ich habe meinen Teil dazu beigetragen." Manche in der CDU-Zentrale glauben schon, Michael Spreng könne der neue Regierungssprecher werden. Spreng sagt, er habe mit seinem Chef über solche Fragen noch nicht gesprochen.
20.00 UHR, CHARLOTTENBURG
Ein paar weitere Flaschen Wein sind geöffnet, die Herren Chefredakteure a. D. haben sich entschlossen, dem Abend positive Seiten abzugewinnen.
Hans-Hermann Tiedje, Ex-Chef von "Bild", spricht inzwischen "Bild"-Kommentare in die Runde: "Das beste Resultat dieser Wahl: Die Kommunisten sind weg, bis auf zwei. Das ist hoffentlich der Anfang vom Ende der Partei der Schande."
Und die Grünen? Mit denen könne man die Wirtschaft nicht in Ordnung bringen. Weihnachten prognostiziert er 4,8 Millionen Arbeitslose, falls der Krimi heute Nacht nicht doch noch eine Wendung bekommt. "Die Sache bleibt knapp und erst entschieden, wenn morgens um drei der Wahlleiter das offizielle Ergebnis verliest."
20.41 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Es regnet in Strömen. Vor dem Willy-Brandt-Haus drücken sich ein paar Dutzend Leute unter die großen Schirme an den Bierwagen. Es sollte ein Straßenfest werden, die SPD hatte auf Sonne gesetzt. Nun lässt die Partei die Leute im Regen stehen. Esst eure Bratwurst, trinkt euer Bier und geht nach Hause. Es gibt nichts zu feiern. Auf zwei großen Leinwänden ist Schröder zu sehen, wie er in der "Berliner Runde" die Schuld an dem schlechten Ergebnis seiner Partei auf sich nimmt. Ein junger Mann, ein Juso, bittet seinen Freund um eine Zigarette. "Du hast doch aufgehört", sagt der Freund. "Egal", sagt der andere. Sie rauchen zusammen. Dann sagt Nikolaus Brender vom ZDF, dass die SPD wahrscheinlich fünf Überhangmandate bekomme, das wäre der Sieg. Der eine junge Mann könnte sich jetzt ärgern, dass er zwei Minuten zu früh wieder mit dem Rauchen angefangen hat, aber er jubelt. Alle hier jubeln.
21.00 UHR, BERLIN, WILLY-BRANDT-HAUS
Matthias Machnig, Bundesgeschäftsführer und Wahlkampfmanager der SPD, gibt CNN ein Interview. Vor zwei Tagen habe die SPD noch besser dagestanden, sagt lächelnd der amerikanische Journalist. Es klingt wie: Ätsch, mein Lieber, legt euch nicht mit dem großen Bruder an. Machnig weicht aus, will sich nicht aufs Glatteis begeben. Der Journalist will ihn aber dorthin locken, spricht nun direkt die Hitler-Affäre an. Machnig ist sehr freundlich, ist in gutem Englisch ein Förderer der transatlantischen Freundschaft. Er atmet durch, als er das Interview überstanden hat. Sie haben es ziemlich schwer miteinander, die SPD und die USA.
Die nächste Frage kommt von einem deutschen Journalisten: Welche Fehler die Kampa gemacht habe? Darüber reden wir morgen, sagt Machnig. Er sieht müde aus. Er will in sein Büro und nichts mehr sagen müssen.
21.30 UHR, BERLIN, TEMPODROM
Joschka Fischer wandelt im VIP-Bereich zum Ruheraum. "Tendenz positiv", knurrt er, nicht wirklich schlecht gelaunt. "But too early to say." Jürgen Trittin lehnt im Korridor, freut sich über das grausam schlechte Schicksal der FDP und hat keine Lust mehr zu warten. Im Saal toben sie wieder, aber das war nicht die ARD mit neuen Zahlen. Der die Stimmung zum Kochen brachte, das war, so weit ist es schon, der Grüne Werner Schulz.
22.10 UHR, KONRAD-ADENAUER-HAUS
Ein Hüne in dunkelblauem Übergrößen-Anzug eilt durchs Foyer des Konrad-Adenauer-Hauses. Es ist Stoiber-Berater Michael Spreng, der soeben einen glücklichen Auftraggeber nach München verabschiedet hat. Sprengs nächstes Ziel ist die Kölsch-Bar im Wintergarten. Wie ihm die "Imagekorrektur" des "Ähdmund Stoiber" in so kurzer Frist gelungen sei, wollen die Journalisten wissen, jetzt könne er's doch sagen ein schalkhaftes Lächeln huscht über Sprengs Augen: "Imageberatung? Kann mich nicht erinnern. Ich war ein bescheidener Helfer, der Stoiber bei dessen Selbstprofessionalisierung ein wenig zur Seite stand." Der Stolz über seinen Sieg platzt ihm aus allen Knopflöchern seines Übergrößen-Anzugs. Dann eilt er zur Bar.
Sein Mandat, sagt Spreng, sei heute Abend um 18 Uhr zu Ende gegangen. "Ich mache jetzt gerade unbezahlte Überstunden." Morgen früh will er einen Urlaub buchen. Dann steckt er eine Zigarre in Brand.
23.35 UHR, BERLIN, FDP-ZENTRALE
Katerstimmung: Die blau-gelben Luftballons werden abgehängt, die Kellner packen die Reste vom Leberkäs ein, und Florian Langenscheidt, Verleger und außerdem einer von drei Spin-Doktoren Westerwelles, wankt vor Müdigkeit. Und macht sich Sorgen: Möllemann, was wird er anstellen, aushecken, "dieser unberechenbare Egomane?" Zwar können ihn die FDP-Präsiden aus den Ämtern scheuchen; aber sein Mandat als Bundestagsabgeordneter bleibt ihm. "Theoretisch kann dieser Mensch vier Jahre lang im Reichstag sitzen und stänkern, ein Alptraum." Langenscheidts Blick verliert sich im Saal, die Luftballons werden abgehängt, die Kellner gähnen. "Schrecklich", sagt Langenscheidt, "dass man so viel über diesen Möllemann redet."
23.40 UHR, WILLY-BRANDT-HAUS
Die SPD feiert. Eine Combo aus Lateinamerika spielt auf, ein paar Frauen tanzen, deutsche Hüften schwingen irgendwie kubanisch. Udo Lindenberg ist da, Wolfgang Niedecken, Karl Dall und Moritz Rinke. Es gibt Kassler.
Ein Aufschrei geht durch den Saal, als die nächste Hochrechnung kommt. Die SPD rückt der CDU immer näher. Gläser klirren aneinander, Hände klatschen auf Schultern. Sieg. Matthias Machnig, der seine Müdigkeit überwunden hat, hebt ständig die Daumen. Sigmar Gabriel, der Hoffnungsträger der SPD, trinkt kräftig Bier und lässt seine Zigarre dampfen, eine Montechristo. Cohibas sind für Kanzler. Herta Däubler-Gmelin ist nirgendwo zu sehen.
23.55 UHR, MÜNCHEN, HAUS DER HANNS-SEIDEL-STIFTUNG
Vor der Tür spielt die Stadtkapelle Wolfratshausen "Laridah", den Lieblingsmarsch von Edmund Stoiber, innen ertönt der Stadionklassiker "We are the Champions", und der Kandidat wird gefeiert wie der Trainer eines Provinzvereins, der bis ins Pokalendspiel gekommen ist und durch Elfmeterschießen verloren hat. Er trinkt nicht Kamillentee, sondern demonstrativ Bier und ruft: "Wir haben die Wahl gewonnen, wir haben die Wahl gewonnen, wir haben die Wahl gewonnen."
Seine Frau neben ihm lächelt nicht mehr, sie schaut ernst, müde und traurig. Ihr Mann redet frei und ohne Berater, er dankt allen, auch den Polizisten, "die Großes geleistet haben bei vielen tätlichen Angriffen", und lobt, "dass ihr alle bis nach Mitternacht hier ausgehalten habt, zeigt, was für eine tolle Partei die CSU ist". Es gebe "einen Sieger von höchstem Ausmaß, und das ist das Land Bayern". Edmund Stoiber ist jetzt wieder ganz der Landesvater, stolz auf seine CSU und seine Bayern, wackelt vogelartig mit dem Kopf und legt ihn schräg vor lauter Rührung. Denen in Berlin droht er: "Ich werde binnen eines Jahres eine neue Regierung stellen", und darum bleibe er auch nach der Wahl der Kanzlerkandidat.
0.25 UHR, WILLY-BRANDT-HAUS
Joschka Fischer ist gekommen. Der Kanzler und sein Außenminister stehen auf der Bühne, zwei Sieger, sie freuen sich so. Der Kanzler sagt scherzhaft, bei den Grünen hätten es ein paar Stimmen weniger sein können, dafür mehr bei der SPD. Fischer findet das nicht. So feixen sie sich fröhlich an, zwei Jungs vom selben Kiez. Die Partygäste jubeln, Schröder klopft Fischer zweimal auf die Schultern. Es ist mehr als ein Klopfen, Schröders Kopf neigt sich zu Fischer, ein kleiner Moment von Nähe und Wärme. Dann kommt der nächste polternde Scherz. "Gerhard, Gerhard", jubelt das SPD-Volk.
STEFAN BERG, KLAUS BRINKBÄUMER, UWE BUSE,
FIONA EHLERS, MICHAEL FRÖHLINGSDORF, MATTHIAS GEYER, LOTHAR GORRIS, RALF HOPPE, THOMAS HÜETLIN, NILS KLAWITTER, ANSBERT KNEIP, SUSANNE KOELBL, DIRK KURBJUWEIT, CORDULA MEYER, CONNY NEUMANN, SVEN RÖBEL, BRUNO SCHREP, ALEXANDER SMOLTCZYK, BARBARA SUPP