Wahlanalyse Ein Hoch in Bayern
Der Kanzlerkandidat der Union war bester Stimmung. Er werde heute, verkündete Edmund Stoiber am Wahlabend, "noch ein Glas Champagner öffnen". Ein typischer Stoiber.
Vielleicht wäre eine Maß Bier ohnehin passender gewesen. Denn Grund zum Feiern hatte der Herausforderer vor allem in Bayern. Während die Sozialdemokraten in ihren Hochburgen an Rhein und Ruhr zwar stärkste Partei blieben, aber gegenüber 1998 deutlich verloren, errang die CSU in ihrem Stammland Bayern mit 58,6 Prozent 10,9 Prozentpunkte mehr als vor vier Jahren. Das ist eines der besten Wahlergebnisse bei einer Bundestagswahl überhaupt. "Bayern", freute sich Stoiber, "hat einen Riesenbeitrag geleistet."
Fast überall im Freistaat legte die CSU mindestens sechs Prozentpunkte zu ein Sprung in der Wählergunst, der sonst nur noch in einigen Wahlkreisen in Baden-Württemberg gelang.
Selbst im SPD-regierten München ließen die Christsozialen ihre sozialdemokratischen Widersacher weit hinter sich. Auf 44,6 Prozent kommt dort die Partei von Edmund Stoiber, vor vier Jahren waren es nur 38,9 Prozent. Die SPD dagegen dümpelt bei nur 29,6 Prozent. In München-Süd nahm CSU-Querkopf Peter Gauweiler der SPD das bisher gehaltene Direktmandat weg.
Grund zum Jubeln hatte auch Horst Seehofer, der in Stoibers Kompetenzteam für Soziales und Gesundheit zuständig war. Der gerade erst von einer schweren Herzkrankheit genesene Ex-Minister eroberte seinen Wahlkreis Ingolstadt mit stolzen 65,3 Prozent ein Zuwachs gegenüber 1998 von mehr als 10 Prozentpunkten.
Der amtierende SPD-Innenminister Otto Schily konnte dagegen in seinem Wahlkreis München-Land gerade mal 32,1 Prozent der Wähler für sich begeistern.
Auch in anderen Bundesländern mussten Schröders Mitstreiter einige Enttäuschungen verkraften. Kanzleramtschef Hans Martin Bury verlor sein Direktmandat ebenso wie die baden-württembergische SPD-Landesvorsitzende Ute Vogt oder Arbeitsminister Walter Riester. In Tübingen wurde Justizministerin Herta Däubler-Gmelin mit einem Minus von fast sieben Prozentpunkten abgestraft und verlor das Direktmandat. In Montabaur, dem Wahlkreis von Rudolf Scharping, landete der Ex-Verteidigungsminister mit 38,5 Prozent deutlich abgeschlagen hinter dem CDU-Kandidaten Joachim Hörster. Allerdings ist der Verlust von acht Prozentpunkten wohl nicht allein den Eskapaden des Ex-Ministers zuzuschreiben. Der Wahlkreis wurde neu zugeschnitten, einige sichere SPD-Domänen kamen Scharping dabei abhanden.
Überraschend gut schlugen sich die Sozialdemokraten in ihren Hochburgen an Rhein und Ruhr. Zwar erreichten sie diesmal im Ruhrgebiet fast vier Prozentpunkte weniger als vor vier Jahren, aber insgesamt brachten sie es wiederum auf knapp 53 Prozent. Selbst in Köln und Wuppertal haben die Korruptions- und Parteispendenskandale der SPD zwar geschadet, sie aber nicht die Mehrheit gekostet. In der Domstadt blieben die Sozialdemokraten mit 41,8 Prozent (1998: 44,5) stärkste Partei. Ebenso in Wuppertal, wo die SPD allerdings um fünf Prozentpunkte absackte.
Ein besonders gutes Ergebnis hatte die SPD vor vier Jahren mit 52,5 Prozent auch im Saarland, damals noch mit Hilfe von Ex-Parteichef Oskar Lafontaine. Diesmal wurden es 6,5 Prozentpunkte weniger. Dennoch steht die SPD besser da als die CDU.
Spannend war es im Stammland des Kanzlers, in Niedersachsen. Dort gelingt der SPD im Wahlkreis Aurich-Emden, was sonst nur die CSU in Bayern schafft Wahlergebnisse von über 60 Prozent. Und auf die Ostfriesen war auch diesmal Verlass. Mit 61,7 Prozent für die Sozialdemokraten gab es dort 0,1 Prozentpunkte mehr als beim letzten Mal.
Insgesamt allerdings verlor die SPD in Niedersachsen leicht, blieb aber mit 47,8 Prozent deutlich stärkste Partei. Bildungsministerin Edelgard Bulmahn, die auch niedersächsische SPD-Landesvorsitzende ist, eroberte den Wahlkreis Stadt Hannover II sogar mit 56,3 Prozent.
Besonders die Ostdeutschen bescherten dem Kanzler deutliche Stimmengewinne. Außer in Sachsen ist die SPD in allen Ostländern stärkste Partei. Und selbst im Reich von Ex-König Kurt Biedenkopf schafften die Sozialdemokraten 33,3 Prozent nur 0,3 Prozentpunkte weniger als die CDU.
KAREN ANDRESEN