Beutekunst Russland empört den "ehemaligen Feindstaat"
In einem Schreiben des Moskauer Außenministeriums an das Auswärtige Amt in Berlin heißt es, Russland sei nicht bereit, die Rathenau-Akten an die Bundesrepublik zurückzugeben. Sie betrachte die wertvollen historischen Dokumente als Teil der "kompensatorischen Restitution", zu Deutsch: als einen Ausgleich für die erlittenen Kriegsschäden.
Die Note aus Moskau, in der Deutschland als "ehemaliger Feindstaat" bezeichnet wird, sorgt im Außenministerium und im Bundeskanzleramt für Empörung. Dies sei ein Verstoß gegen deutsch-russische Verträge zur Rückführung der Beutekunst und ein "Bruch des Völkerrechts", sagt ein hoher Regierungsbeamter. Der rund 70.000 Blatt umfassende Nachlass des Industriellen und Politikers, der 1922 den deutsch-russischen Vertrag von Rapallo ausgehandelt hatte, war 1945 in einem sowjetischen Geheimarchiv verschwunden.
Erst 1992 wurde er für Forscher zugänglich gemacht - aber nur für kurze Zeit. Seitdem fordert Berlin die Rückgabe der Dokumente. Die Rathenau-Akten sind seit Jahren bei den Verhandlungen um die Rückgabe der von den Russen erbeuteten Kunst- und Kulturgüter einer der wichtigsten Punkte auf der Berliner "Prioritätenliste". Elf Mappen aus dem Nachlass des 1922 ermordeten Staatsmanns hatte im April 1997 der seinerzeit amtierende russische Präsident Boris Jelzin dem damaligen Kanzler Helmut Kohl geschenkt. Noch im letzten Jahr hatte der russische Kulturminister Michail Schwydkoi die Rückgabe des Archivs in Aussicht gestellt.