Kultur Peterchens Fluchtfahrt
Wo man Glühwein trinkt und Leberwurstbrote isst, da lass dich ruhig nieder: Viele Gäste gehen ein und aus im ostpreußischen Gut Georgenhof im eiseskalten Kriegswinter 1944/45, in dem Walter Kempowskis neues Buch "Alles umsonst" spielt. Die russische Armee ist nur noch ein paar Kilometer entfernt, auf das nahe Städtchen Mitkau fallen Bomben, aber der zwölfjährige Peter und seine Mutter, die Gutsbesitzergattin Katharina von Globig, halten gemeinsam mit einer altjüngferlichen Tante die Gastfreundschaft in Ehren: ob mannstolle Geigerin oder windiger Geschäftsmann, verletzter Soldat oder baltischer Baron, alle kriegen Brot und Trank und dampfende Suppe, die mit echt silberner Schöpfkelle verteilt wird. "Man hatte nicht gedacht, dass es einmal so gemütlich werden könnte auf Georgenhof", heißt es. "Daran würde man auch später noch denken!"
Wer steckt hinter diesem "man", das hier spricht? Verwirrend an Kempowskis Roman ist nicht nur die Heimeligkeit, mit der ein winterliches Landgut, der Nazi-Blockwart aus der Siedlung nebenan und der Geruch von "reifen Äpfeln und verwesenden Mäusen" im Zimmer des "Tantchens" geschildert werden, verwirrend ist auch die Erzählperspektive. Ein sozusagen überirdischer Berichterstatter plaudert in leichtem, fast märchenhaftem Ton vom monströsen Drama der Vertreibung, von den Tagen und Stunden der Angst, des zweifelnden Ausharrens und der Flucht vor den anrückenden Russen. Der Knabe Peter jedenfalls findet sich plötzlich mutterseelenallein im großen Treck der Flüchtenden zum Haff, vorbei an Säuglingsleichen im Straßengraben, mordenden Soldaten und an Bäumen aufgeknüpften Zwangsarbeitern.
Unterm kalt staunenden Blick des Erzählers erweisen sich die Menschen fast allesamt als widersprüchliche, brutale, leider nie heroische Kreaturen. Im Edelmann steckt ein Betrüger, im eben noch ballernden SS-Mann ein Kinderverhätschler, und der jüdische Flüchtling, den die Gutsherrin in ihrer Kammer versteckt hält, verrät unter Folter seine Helferin. Das Buch schildert all das urteils- und emotionslos, wie mit einem Achselzucken. Die poetische und pathetische Verdichtung, die Günter Grass in "Katz und Maus" oder "Im Krebsgang" betrieben hat, ist Kempowski, dem leidenschaftlichen Erinnerungshuber und Wirklichkeitserforscher, naturgemäß fremd; und so setzt er unter dem Luther-Motto "Alles umsonst" eine betont schlichte Szenenfolge dagegen, die nicht nur auf denselben Ton gestimmt ist, sondern auch denselben Sog entwickelt wie ein besonders grausiges, sehr böses Märchen von der Vergeblichkeit aller Menschenmühe.
Dass einer diese Geschichte aufschreiben musste, so behauptet dieser bei allem Understatement doch schmerzlich ergreifende Roman, ist eine Sache der Gerechtigkeit: Denn "wenn die Menschheit schon leidet, dann soll das auch zu Buche schlagen".
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