Kultur: Lascher Held, furchtlose Frauen - DER SPIEGEL
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Kultur Lascher Held, furchtlose Frauen

In Benjamin Kunkels Debüt geht es um einen, der unentschlossen durchs Leben geht, sich dabei aber viel denkt.
Von Moritz von Uslar
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

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Das böse Wort vom "Kultroman" ist gefallen, und man ist in den Feuilletons der letzten Wochen derartig oft zum Gut-Finden, Geil-Finden und Wichtig-Finden aufgefordert worden, dass ein Reflex in Richtung "Muss ich nicht lesen" geht. Wie schade wäre es um dieses Buch! Ein Debüt mit dem leider unentschlossen wirkenden Titel "Unentschlossen" hat es nicht leicht. Die Handlung klingt gefährlich nach Thirty-Something-Roman - hipper, kluger, desillusionierter junger Mann beklagt sein hippes, leeres Leben: Der Held Dwight Wilmerding taumelt zwischen tollen Frauen und einem mäßig tollen Job hin und her, bis ihm sein Mitbewohner ein Medikament gegen chronische Unentschlossenheit anbietet. Zwischendrin muss Dwight, und das ist die wahre Handlung, unentwegt laut denken. Es sind die abgefahrensten, klügsten, frischesten Gedanken, die sich ein Mensch über das Heute machen kann: "Anscheinend konnte ich nur über etwas nachdenken, wenn ich an etwas anderes dachte. Und das machte den Vorgang wirklich zunichte." Die Gegenwarts-Wirklichkeits-Datendichte ist, wie so oft im amerikanischen Roman, enorm hoch.

Benjamin Kunkel, 33, schreibt in einer Sprache, die moderne Menschen am Arbeitsplatz in Privat-E-Mails benutzen, um sich von ihrer eigentlichen Arbeit abzulenken: knapp, klar, philosophisch, weil der Alltag nun mal andauernd die Sinnfrage stellt, ein ständiges Angebot zum Widersprechen, Weiterdenken, Lachen. Kunkels Trick ist es, dass er neben seinem jämmerlichen Ich ein Aufgebot furchtloser, mitleidloser Frauen installiert, wahre Überfrauen, die den Helden erst durch New York, schließlich in den Dschungel von Ecuador schleifen, wo Dwight seine sexuelle Befreiung und die Erweckung zum "demokratischen Sozialisten" erlebt: In Dwights Schwester Alice, eine College-Dozentin und Linke alter Schule, muss sich der Leser schlichterdings verlieben.

Man mag Kunkel vorwerfen, dass er sein Ziel, als Stimme seiner Generation zu sprechen, mit gelegentlich cleverer Berechnung verfolgt. Die große Frage aber lautet: Warum haben wir in Deutschland keinen Autor, der, so beinhart nah dran an der Wirklichkeit, die Wirklichkeit Satz für Satz ständig neu erfindet, damit sie wahr wird, und dabei, hoppla, auch noch eine politische Vision entwickelt? Das ist natürlich keine Kritik. Schon eher eine kleine Eifersucht.

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