Kultur Mosaik der Verzweiflung
Wie so viele maghrebinische Geschichten beginnt auch der jüngste Roman des Marokkaners Tahar Ben Jelloun in einem Café. Die Männer treffen sich dort am Abend, sie sagen keinen Ton, als hätten sie das Schweigen verabredet, trinken Minztee, lassen die langstieligen Haschischpfeifen kreisen und starren aufs Meer hinaus, auf die abweisenden 14 Kilometer, die Tanger von Spanien jenseits der Straße von Gibraltar trennen. Das gelobte Land, die Projektion aller Träume und Sehnsüchte, dessen Lichter verheißungsvoll vom Horizont herüberblinken. Von Marokko aus sieht man Spanien, aber die Spanier sehen die Auswanderungswilligen nicht, ihnen ist das völlig egal, mit Marokko haben sie nichts zu tun, und was das Meer von dort herüberspült, ist für sie unerwünschter Abfall.
Der junge Azel, akademisch gebildet, aber arbeitslos, ist besessen von dem Wunsch, das Land zu verlassen, das ihm keine Zukunft bietet, der Demütigung, die Armut, Not und Verzweiflung ihm zufügen, zu entkommen, um seine Haut zu retten. Aber er trägt sie, wie seine Schicksalsgefährten, ungewollt zu Markte, denn er hat nur drei
Möglichkeiten, aus der Heimat, die ihre Kinder verstößt, wegzuziehen: sich Schleppern anzuvertrauen, die ihn um seine Ersparnisse bringen, ohne die Überfahrt zu garantieren; sich den islamistischen Brüdern anzuschließen, die ihn in ein pakistanisches Ausbildungslager bringen wollen; oder einen reichen europäischen Gönner zu finden, der ihn in seine (sexuellen) Dienste nimmt und so das begehrte Visum besorgt.
In 40 kleinen Kapiteln hat Ben Jelloun ein nüchternes und genaues Mosaik der Verlassenheit zusammengefügt. Aus dem Abgrund der Einsamkeit gibt es für den Auswanderer kein Entrinnen; das Exil, erträumt als paradiesischer Ort der Befreiung, ist lediglich das Spiegelbild des heimischen Gefängnisses, aus dem Azel floh. Eine Rückkehr als stolzer reicher Held bleibt ihm versagt; die Mutter wird ihn nie wiedersehen.
Tahar Ben Jelloun, 1944 in Fès geboren und seit 1971 vorwiegend in Paris lebend, erzählt den massenhaften Exodus aus Nordafrika in die feindliche Festung Europa als figurenreiche und schonungslose Tragödie.
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