Kultur: Rückkehr in einen Jugendtraum - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kultur Rückkehr in einen Jugendtraum

Mit bemerkenswerter Leichtigkeit behandelt der Ire John Banville das Thema Alter und Sterben in seinem Roman "Die See".
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zurück zur Übersicht

Nach mehr als 50 Jahren reist der Kunsthistoriker Max Morden noch einmal in jenen Badeort am Meer, in dem er als Kind die Sommerferien mit seinen Eltern verbrachte. Er kehrt zurück in der Absicht, in den "Trümmern der Vergangenheit zu leben". Seine Frau Anna ist kurz zuvor an Krebs gestorben. Morden steigt in einer Pension ab, die sich seine Eltern früher nicht leisten konnten, in der aber damals, als er elf Jahre alt war, die Familie Grace wohnte. In jenem Sommer tauchte Max ein in eine große Schwärmerei für die Mutter Connie Grace und entdeckte noch in denselben Ferien seine Leidenschaft für ihre Tochter Chloe.

Thema des Romans "Die See" des Iren John Banville, 60, ist das Sterben und die Frage, was das Sterben dem Leben hinzufügen kann. "Vorher war ich behaust gewesen, jetzt war ich im Freien, auf der Lichtung, wo weit und breit kein schützendes Dach zu sehen war", denkt Max nach Annas Tod. Und die Begegnung mit der Familie Grace, das Gefühl tiefer Liebe, ereilt Max in jenem Kindheitssommer, in dem er zum ersten Mal mit dem Tod konfrontiert wird.

Der fast schon aufreizend einfallslose Titel des Romans und seine Ereignislosigkeit stehen in spannungsvollem Gegensatz zu der großen Kunst, mit der er erzählt ist. Banville lässt die Erinnerungen des Ich-Erzählers Max ineinander verschwimmen. Der von Stahl und Glas beherrschten Welt der klaren Diagnosen und des Sterbens, durch die Max seine Frau Anna in ihren letzten Monaten begleitet hat, steht das Motiv des Meeres entgegen, das in seinem steten Kommen und Gehen alle Spuren verwischt.

Verwandte Artikel