Kultur: Notorische Siegesgewissheit - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Kultur Notorische Siegesgewissheit

Elisabeth Noelle-Neumann, die große Demoskopin, zieht die Bilanz eines erfolgreichen Lebens.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Zurück zur Übersicht

Sie hat die Bundesrepublik von Beginn an politisch mitgeprägt, zweimal prangte ihr Porträt auf der Titelseite des SPIEGEL, das erste Mal 1953, da war sie 36 Jahre alt, das zweite 1957, und da wurde sie als "Herrin der öffentlichen Meinung" gefeiert. Elisabeth Noelle-Neumann hat die sozialwissenschaftliche Methode der Demoskopie in Deutschland etabliert, das renommierte Allensbacher Meinungsforschungsinstitut gegründet und gilt als eine der weltweit wichtigsten Kommunikationswissenschaftlerinnen. Sie verkehrte mit den Größen der alten Bundesrepublik, war Beraterin Adenauers und Helmut Kohls, kannte Ludwig Erhard und auch Adorno gut.

Nun, kurz vor ihrem 90. Geburtstag im Dezember, legt Noelle-Neumann ihre Autobiografie vor. Keiner soll sich darüber wundern, dass gerade sie es geschafft hat, zu einer der führenden Frauenfiguren des Landes zu werden. Seite um Seite liefert sie Beweise für die eigene Großartigkeit. Ihre Eltern, so schreibt sie, hätten früh schon nichts mit ihr anfangen können, "weil ich so intelligent war", ihre Doktorarbeit schrieb sie angeblich in drei Monaten, und "sensationell schön" war sie sowieso. Noelle-Neumanns Lebensbericht ist ein frappierendes Dokument der Überlebenskunst durch notorische Siegesgewissheit. Im Zweiten Weltkrieg fielen rechts und links von ihr die Bomben, später wurde ihr Opportunismus in der Nazi-Zeit nachgewiesen, ein beliebtes Hassobjekt der 68er Studenten war sie auch - doch kein Angriff konnte ihr je etwas anhaben. So blickt sie zurück, ohne zu zweifeln. Noelle-Neumanns Begeisterung von sich selbst wirkt irritierend, aber auch mitreißend: "Es war weiß Gott alles andere als ein langweiliges Leben", schreibt sie. Das glaubt man ihr gern.

Verwandte Artikel