Kultur Die Leichtigkeit der Innenwelt
Was ist eine Erkenntnis? Ernst Pöppels Antwort zu Beginn seines Opus magnum "Der Rahmen" lautet: "Wenn man freudig erschrickt." Das ist typisch für dieses wissenschaftliche Werk, das aus subjektivem Erleben schöpft. Der Münchner Hirnforscher reiht nicht wissenschaftliche Erkenntnisse aneinander, sondern bindet sie ein in sein assoziativ dahingleitendes Erzählen. Er fordert den Leser auf, sich seine eigene Schneise durch das gegebene Material zu schlagen, die wiederkehrenden Lebens-Leitmotive zu entdecken.
Da ist vor allem Pöppels Lieblingsmetapher, die dem Buch den Titel gab: Keine Freiheit ohne einen Rahmen, der sie als Freiheit definiert, aber keine Freiheit auch ohne Erweiterung jener Rahmen, die unsere Kreativität behindern. Wie zum Beispiel die "Monokausalitis", der menschliche Hang, für jedes Faktum möglichst nur eine Ursache angeben zu wollen. Unter den vielen zitierten Dichtern findet man auch George Bernard Shaw: "Alle Berufe sind Verschwörungen gegen den Laien." Pöppel gehört zu jenen Forschern, die es nicht über sich bringen, in der Fallgeschichte eines Schädel-Hirn-Traumas einfach nur das wissenschaftlich Interessante herauszufiltern und sich stumpf zu machen gegen das Leid.
Man muss dafür kein Melancholiker sein, aber Pöppel ist einer. Eben darum nutzt er jede Gelegenheit zur Entdeckerfreude, stellt Vermutungen an über die Offenbarungen eines gemeinsamen Wissens in Zen-Gärten, Jackson-Pollock-Gemälden, Goethe-Gedichten. Riskiert einen Rückblick auf sich als Vater oder versucht, vom Schreibtisch am Fenster aus, den Tagesablauf der Vögel zu begreifen. "Ein Blick des Gehirns auf unser Ich" nennt Pöppel sein Buch im Untertitel. Sein diskreter Rat: Man sollte es nicht zu sehr darauf anlegen, glücklich zu sein. Es gibt etwas anderes - die kostbare "Leichtigkeit der Innenwelt", die meistens zu scheu ist, sich in Vorträgen oder Gesprächen zu behaupten. Sie gilt es wahrzunehmen und zu schützen.
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