Festivals Blut und Blüten
Bei der Eröffnung seines Festivals hatte Berlinale-Chef Dieter Kosslick oft kein Glück. Mal blieben die angekündigten Stars dem roten Teppich am Marlene-Dietrich-Platz fern, wie 2004 Nicole Kidman und Jude Law. Dann wieder war das Premierenpublikum sprachlos angesichts der Dürftigkeit des präsentierten Films, wie 2005 bei dem Pygmäen-Drama "Man to Man". Jetzt, zum Auftakt der 58. Internationalen Berliner Filmfestspiele am kommenden Donnerstag, scheint Kosslick ein Befreiungsschlag zu gelingen.
Als Einheizer des zehntägigen Spektakels engagierte er die berühmtesten Rockstars der Welt: die Rolling Stones. Martin Scorseses Dokumentation "Shine a Light" über zwei Konzerte der Band läuft als Eröffnungsfilm. Weil neben Regisseur Scorsese auch die vier rüstigen Musiker ihr Kommen angekündigt haben, ist der Andrang zur Gala im Berlinale-Palast so groß wie nie. Die Stones als Vorgruppe - das hat bisher nicht mal das Konkurrenzfestival von Cannes geschafft. "Let's rock", jubelt Kosslick.
Um die 400 Filme werden auf der diesjährigen Berlinale zu sehen sein; Stars wie Madonna, Scarlett Johansson, Natalie Portman, Daniel Day-Lewis, John Malkovich und der Rapper Mos Def werden in Berlin erwartet. Im Wettbewerb um den Goldenen Bären konkurrieren unter anderen Doris Dörries neues Werk "Kirschblüten - Hanami", "Feuerherz", Luigi Falornis Adaption des umstrittenen Bestsellers über eine Kindersoldatin aus Eritrea, sowie eine Dokumentation: Errol Morris schildert in "Standard Operating Procedure" die Misshandlungen im Gefängnis von Abu Ghureib.
Auch der - außer Konkurrenz gezeigte - halbdokumentarische polnische Spielfilm "Katyn" dürfte für Debatten sorgen, Andrzej Wajdas Rekonstruktion des Massakers von sowjetischen Geheimdiensteinheiten an polnischen Offizieren und Zivilisten im Jahr 1940. In Russland wird das Verbrechen bis heute verharmlost.
Hollywood präsentiert auf der Berlinale ein neues Kostümdrama über das blutige englische Scheidungsrecht unter Heinrich VIII. ("Die Schwester der Königin") sowie "Fireflies in the Garden", in mehrfacher Hinsicht ein Familienfilm: Hinter der Kamera stand Daniel Moder, davor seine berühmte Ehefrau Julia Roberts.
Einer der Festivalfavoriten stammt ebenfalls aus den USA: das bereits für acht Oscars nominierte Epos "There Will Be Blood". Der Film ist eine Art "Dallas" für Intellektuelle - ein gravitätisches (158 Minuten) Porträt eines skrupellosen Öl-Tycoons und seiner verkorksten Sippe, frei nach Upton Sinclairs Roman "Oil!" von 1927.
Regisseur Paul Thomas Anderson, der 2000 für "Magnolia" den Goldenen Bären gewann, zeigt die Karriere seines Antihelden in langen, ruhigen Einstellungen, deren angestrengter Kunstwille allerdings auf die Dauer schwer erträglich ist. Potenziert wird dieser Eindruck durch das manierierte Spiel von Hauptdarsteller Daniel Day-Lewis, der stets so gereizt guckt wie Autofahrer beim Bezahlen an der Tankstelle.
Uneingeschränktes Lob verdient dagegen Jack Fisk, der Ausstatter von "There Will Be Blood": Das Öl, das im Film fließt, ist nämlich in Wahrheit eine Art Bio-Treibstoff, zusammengerührt aus Lebensmittelfarbe und Methylzellulose - einem Zusatzstoff (E 461), der sonst Salatsoßen und Tapetenkleister andickt. "There Will Be Blood" kommt am 14. Februar in die deutschen Kinos und trifft auf eine Branche in Feierlaune. Seit Ende Dezember melden die Filmtheater konstant hohe Besucherzahlen, fast drei Millionen Zuschauer kommen derzeit pro Woche. Allerdings krankt der Markt am wachsenden Überangebot: Rund 500 neue Filme drängten 2007 ins Kino, gut ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren. Und während die Blockbuster abräumen, bleiben kleine Produktionen oft auf der Strecke.
Denn mit immer teureren Marketingkampagnen schieben die Hollywood-Studios ihre Filme an. Der Werbeeffekt einer Festivalteilnahme in Berlin und sogar der gewonnener Preise verpufft dagegen oft. Gerade deutsche Regisseure wie Hans-Christian Schmid ("Requiem") oder Christian Petzold ("Yella") mussten in den vergangenen Jahren erfahren, dass die Berlinale eine wacklige PR-Plattform ist. Obwohl ihre Filme mit Bären prämiert wurden, fanden sie später nur wenige Zuschauer.
Dabei ist es Festivalchef Kosslick seit seinem Amtsantritt im Jahr 2001 gelungen, die Berlinale zu einer echten Heimstatt für das deutsche Kino zu machen. Früher schlichen deutsche Regisseure zu den Berlinale-Pressekonferenzen wie zu ihrer eigenen Hinrichtung. Heute stellen sich Kritik und Publikum während des Festivals oft einhellig hinter die einheimischen Produktionen - mit ganz ungewohntem Patriotismus. Doch die Begeisterung auf der Berlinale verschleiert häufig das bescheidene kommerzielle Potential eines Films.
So scheinen die hiesigen Regisseure und Produzenten vorsichtiger geworden zu sein, ihre Filme nach Berlin zu schicken - oder Kosslick wählt strenger aus. Jedenfalls zeigt er in diesem Jahr mit "Kirschblüten" und "Feuerherz" nur zwei deutsche Filme im Wettbewerb.
Dafür hat Kosslick mehrere Dokumentationen ins (Neben-)Programm genommen, die sich mit der Geschichte des deutschen Films beschäftigen: "Auge in Auge" von Michael Althen und Hans Helmut Prinzler ist eine geist- und lehrreiche Tour de Force von den Anfängen des deutschen Films bis heute, Dominik Wesselys "Gegenschuss" rekapituliert materialreich und kurzweilig den deutschen Autorenfilm.
Wessely zeigt eine Berlinale-Pressekonferenz von 1970, auf der das Regie-Enfantterrible Rainer Werner Fassbinder zu seinem Film "Warum läuft Herr R. Amok?" befragt wird. "Wenn man will, ist der Film schlecht", murmelt Fassbinder. "Ein deutscher Mann erschlägt seine Familie nicht", mault ein Journalist, "ist Ihr Film als Aufforderung gemeint?" Fassbinder grinst und erwidert: "Ja, wir sind Utopisten."
Manchmal wünscht man sich die feindselige Stimmung auf der Berlinale zurück.