Debatte Sagen, was Sache ist!
Peter Sloterdijk hatte recht, als er nach dem Ende der zweigeteilten Welt feststellte: Zwar sei bis auf weiteres die sozialistische Idee hinreichend diskreditiert, aber ebenso klar sei: Der Kapitalismus habe vielleicht weltweit gesiegt, aber eigentlich sei er doch nur übriggeblieben mit all seinen Vorzügen und Versprechungen (mehr Freiheit, mehr Wachstum, mehr Wohlstand). Die Legitimationslasten für dieses politische und ökonomische Gesellschaftsmodell würden nunmehr eher größer denn kleiner sein, weil ihm das ideologische Gegenstück in der Realität fehle. Der Kapitalismus (fast) allein zu Haus - das gilt heute mehr denn je.
Politik beginnt - für Sozialdemokraten spätestens seit Ferdinand Lassalle - damit zu sagen, was Sache ist. Aber sprechen die öffentlich zitierten Sozialdemokratinnen und Sozialdemokraten derzeit eigentlich über das, was für Menschen in Deutschland "Sache ist"? Würden wir danach fragen, was den Bürgerinnen und Bürgern unseres Landes unter den Nägeln brennt, dann stünden Themen wie die Linkspartei oder der nächste SPD-Kanzlerkandidat gewiss nicht zuerst und vermutlich noch nicht einmal zuletzt auf der Themenliste. Genau diese zwei "Sachen" bestimmen aber seit Wochen die Wahrnehmung der SPD in der Öffentlichkeit. Und wenn sich das nicht sofort und grundlegend ändert, dann werden wir erleben, dass Wählerinnen und Wähler diese Nabelschau bestrafen. Aktuelle Umfragen legen das nahe. Denn die SPD gibt es nicht um ihrer selbst willen, sondern damit sie sich um die Lebensbedingungen von Menschen national und international kümmert. Statt also dem politischen Gegner und dem Boulevard das Leben leicht zu machen und täglich neue und unnötige Debatten zu führen, sollten wir uns einfach die Grundlagen für die Erfolgsgeschichte der deutschen Sozialdemokratie in Erinnerung rufen: Offene und notfalls harte Diskussionen nach innen, aber Geschlossenheit nach außen. Gerade in Zeiten, in denen es heiß hergeht, gehört dazu vor allem die aktive Unterstützung der Personen, die wir selbst in Ämter gewählt haben. Und das gilt insbesondere für den Vorsitzenden und seine Stellvertreter. Wichtigste Grundlage unseres Erfolgs aber war und ist die Beschäftigung mit dem, was wirklich "Sache ist" in unserem Land.
Und was ist denn heute Sache in Deutschland? Knapp 18 Jahre nach der deutschen Einheit kommen wir zu einem durchwachsenen Befund. Gewiss: Es gibt eine Erfolgsgeschichte des wiedervereinigten Deutschlands, und auch weltweit hat es im Zuge der Globalisierung Wachstums- und Wohlstandsschübe gegeben. Doch ebenso deutlich sind gravierende Verwerfungen und Fehlentwicklungen. Das Grundversprechen der sozialen Marktwirtschaft "Wohlstand für alle" mag noch immer für viele in der Welt in Deutschland als eingelöst gelten, doch in der Wahrnehmung der hier lebenden Menschen klingt das vielgerühmte "Modell Deutschland" mittlerweile für einen wachsenden Teil unserer Gesellschaft seltsam hohl und realitätsfern.
Längst zeichnet sich ein gegenläufiger Trend ab: Während die Mittelschichten weltweit - vor allem in Wachstumsstaaten wie Russland, China, Indien - zahlenmäßig zunehmen und an Kaufkraft gewinnen, ist die Mitte in Deutschland unter erheblichen Druck geraten. Wer sind diese Mittelschichten in unserem Land? Es sind die Facharbeiter, die Gesellen im Handwerk, die Techniker, Ingenieure und Meister ebenso wie die Krankenschwestern, Polizisten, Beamten und Angestellten, Lehrer, wissenschaftlichen Mitarbeiter oder Selbständigen. Sie und andere Berufsgruppen sind die wahren Leistungsträger Deutschlands. Ihre Lebenserfahrung war lange Zeit: Nicht alles ist in unserer Gesellschaft perfekt, aber am Ende zahlen sich Leistung und Solidarität aus.
Und ebendiese Mitte bröckelt, auch wenn sie statistisch noch immer weit über die Hälfte der Bevölkerung umfasst. Vor allem aber leidet sie an wachsender materieller Auszehrung und mangelnder Sicherheit. Zur Grunderfahrung des Modells Deutschland gehörte der Aufstieg: materiell ebenso wie sozialpsychologisch. Diese Erfahrung schwindet rapide. Die neue Grunderfahrung lautet: Unsicherheit bestimmt den Alltag. Immer häufiger verlieren Angehörige der Mittelschicht ihren materiellen Status und finden sich schneller als früher am Rande der Wohlstandsgesellschaft wieder. Ein Wiederaufstieg zurück in diese Mitte ist schwerer als je zuvor. Die Lebenserfahrung heute: Trotz Leistung ist der Aufstieg oft nicht möglich, der Absturz aber kommt leicht und schnell. Und die Solidarität reicht für viele nicht aus, um wieder in Arbeit zu kommen oder eine Rente zu erhalten, von der angemessen gelebt werden kann. "Sache ist" also: Die Grunderfahrung, dass sich Leistung und Solidarität für den eigenen Aufstieg und die eigene Sicherheit lohnen, schwindet. Diese Grunderfahrung aber bildete zugleich die Vertrauens- und Legitimationsbasis für sozialdemokratische Politik. Entweder wir finden glaubwürdige Angebote und Wege - national, europäisch und international -, wie die positiven Folgen der Bereitschaft zu Leistung und Solidarität wieder erfahrbar werden, oder das Politikangebot der SPD wird keine ausreichenden Mehrheiten finden. Egal welchen Kanzlerkandidaten wir aufstellen.
Natürlich ist diese Situation nicht ausweglos. Wir müssen uns als Sozialdemokraten nur vor zwei politischen Berufsbildern schützen, die längst Eingang in die mediale Politikvermittlung gefunden haben: das Berufsbild der Regenmacher und das der Seelsorger. Die Regenmacher projizieren alle ihre Hoffnungen auf den "Magier", der am Ende schon für die Lösung der Probleme sorgen wird. Die Folge sind inhaltsleere Debatten um den richtigen Kanzlerkandidaten und die Reduktion auf die bessere persönliche Performance von Kandidatinnen und Kandidaten. Die anderen - die politischen Seelsorger - belassen es bei der täglichen Beschwörung der wirtschaftlichen und sozialen Probleme und verweisen auf paradiesische Wunschlösungen, wenn man nur die "richtigen" Mehrheiten hätte. Die einen leugnen die Probleme, und die anderen scheuen die Mühen der Lösungssuche. Und beide gemeinsam verweigern die Realität und neigen in ihren Alternativvorschlägen zum "ganz großen Wurf". In die Falle dieser Alternative dürfen wir nicht tappen.
Wir brauchen aber auch nicht sofort und bereits zu Beginn einer Auseinandersetzung zu jeder zentralen Frage eine passende Antwort oder Lösung zu haben. Zuerst geht es vor allem mal darum, wieder eine politische Sprache für das zu finden, was Menschen in Deutschland in ihrem Alltag erleben. Sprechen wir also über:
- sinkende Reallöhne trotz wirtschaftlichen Aufschwungs;
- Entlassungen trotz Rekordgewinnen;
- die Folgen der zunehmenden Leiharbeit;
- die ungelöste Frage, wie wir Menschen, die nicht einmal bis zum 65. Lebensjahr arbeiten können, ohne zu große Einkommens- und Rentenverluste bis zum Renteneintrittsalter mit 67 bringen;
- den drohenden Pflegenotstand in Krankenhäusern;
- die wachsende Altersarmut in Ostdeutschland;
- die Chancen und Grenzen ökologischer Steuern, bei denen der Staat angesichts steigender Energie- und Rohstoffpreise selbst in zunehmendem Maße Windfall Profits erzielt und das verfügbare Einkommen der unteren und mittleren Einkommensbezieher zusätzlich schmälert;
- die sozialdemokratische Antwort auf die populistische Forderung der CSU nach einer Rolle rückwärts bei der Pendlerpauschale.
Zu dem, was "Sache ist", gehört natürlich nicht nur die Alltagswahrnehmung breiter Teile unserer Bevölkerung, sondern auch die Betrachtung gesellschaftlicher Strukturen. Tatsächlich muss die Sozialdemokratie registrieren, dass viele ihrer Aufstiegs- und Wohlstandsversprechen einen Teil ihrer Kern-klientel gar nicht mehr erreichen. Die Bildungsreformen der siebziger Jahre sind Vergangenheit, die turbokapitalistische Globalisierung hat überall in der Welt bildungshungrige junge Menschen in Marsch gesetzt, mit denen unsere Jugendlichen schon heute auf den Arbeitsmärkten konkurrieren. Bildungspolitik mag im Kern noch immer Gesellschaftspolitik sein, aber vor allem ist sie eine Politik zur Stärkung der Leistungsfähigkeit unseres Landes und der Menschen, die hier leben und arbeiten wollen. Unsere Schulen und Hochschulen sind für diesen Wettbewerb nicht hinreichend gerüstet, weil flächendeckend absolut unterfinanziert und in der Verantwortung klammer Kleinstaaten. Hier liegen die wahren öffentlichen Investments der Zukunft. Aber die politische Elite in Deutschland führt Scheindebatten über die Erhöhung von Kindergeld.
Bildungspolitischer Neofeudalismus hat sich breitgemacht
Längst hat sich bei uns ein bildungspolitischer Neofeudalismus breitgemacht, der von Sozialdemokraten nicht hingenommen werden darf. Aufstieg durch Leistung - das sozialdemokratische Bildungsversprechen - wurde zu Teilen ersetzt durch Wohlstand wegen Herkunft. Während ein Großteil der Mittelschichten immer höhere private Investitionen in die schulische Zukunft ihres Nachwuchses investiert, werden hochqualifizierte Jobs wieder mehr und mehr durch Netzwerke von Eliten vermittelt. Die Adenauer-Ära lässt grüßen. Dieser Neofeudalismus, der inzwischen Züge einer Klassengesellschaft trägt, zeigt sich auch in anderen Bereichen unserer Gesellschaft. Die Verteilung von Vermögen und Einkommen in Deutschland hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten gravierend auseinanderentwickelt. Dies nehmen nicht nur Armutsforscher, sondern auch Wirtschaftsexperten und Elitenforscher sorgenvoll zur Kenntnis. Denn diese Entwicklung untergräbt all das, was konstitutive Elemente der sozialen Marktwirtschaft seit ihrer politisch-ideologischen Grundlegung in den sechziger Jahren ausmachte. Selbst das "manager magazin" fragte kürzlich bang auf dem Titel: "Zerstört der Superkapitalismus die Demokratie?" Nun, möchte man mit Oscar Wilde antworten: Nicht zu große Worte, denn sie besagen zu wenig. Doch die Befunde sind schon alarmierend. Die Wahlbeteiligung sinkt seit Jahren auf breiter Front rapide, das Vertrauen zu den politischen und ökonomischen Eliten erreicht immer neue Tiefststände. Und ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht.
Eliten und Basis, Regierende und Regierte haben sich längst auseinanderentwickelt und voneinander entfremdet. Doch auch Wirtschaft und Politik begegnen sich überwiegend mit Misstrauen. Die Verachtung einiger selbsternannter Eliten gegenüber der Politik ist nicht mehr weit von Weimarer Verhältnissen entfernt. Nur verbirgt sich diese Haltung meist hinter ökonomisch verbrämtem Standort- und Globalisierungsgerede. Aus Sicht weiter Teile der deutschen Bevölkerung leben allerdings beide - die Spitzen von Wirtschaft und Politik - längst in Parallelwelten, die kaum noch etwas mit dem Dasein der Normalbevölkerung zu tun haben. Kurzum: Demokratische Politik verliert zusehends an Zustimmung von unten und von oben!
Gerade die SPD ist deshalb gefordert, ihre Mitte und die der bundesdeutschen Gesellschaft neu zu entdecken und ihr zugleich eine neue Richtung zu geben. Von Union und FDP wird dies niemand erwarten, diese Parteien setzen auf die Moderation von scheinbaren Sachzwängen. Sie warten doch nur darauf, dass die SPD die Mitte räumt und aus der gefühlten linken Mehrheit eine - wenn auch knappe - politische Minderheit wird. Dieses Szenario ist leider so unwahrscheinlich nicht, weil die SPD sich nicht darauf verlassen sollte, dass ihre mangelhafte Performance ohne Folgen für die Bundestagswahl bleibt. Selbst die größten Optimisten würden das derzeitige Erscheinungsbild der Partei wohl kaum als vertrauensbildend bezeichnen.
Die Lage der SPD ist kompliziert. Nicht deswegen, weil es einen tatsächlichen Linksschwenk des Parteivorsitzenden oder gar der Parteispitze gibt. Die Ursache für die Beunruhigung reicht tiefer: Erstens führt die Partei ihre Diskussion über ihre machtpolitischen Perspektiven aus einer politischen Schwäche heraus; zweitens hat sie keine Erklärung oder Begründung außer der, dass es mit den Linken und den Grünen irgendwie schon arithmetisch reichen wird, um die drittgrößte Industrienation der Welt zu regieren; und drittens hat sie derzeit kein politisches Angebot für die tatsächlichen Leistungsträger, die die wahre Mitte unserer Gesellschaft bilden. Das wiederum braucht die SPD, um den Leuten die Angst vor der Linkspartei und die Illusionen über Schwarz-Gelb zu nehmen.
"Die der SPD noch gutwillig Gestimmten wollen wissen, was sie von ihrer Partei zu erwarten haben."
Nach dem Sagen, "was ist", muss der zweite und weitaus schwierigere Schritt folgen: die Entwicklung von politischen Angeboten, von Konzepten und Handlungsvorschlägen, die eine Chance auf Umsetzung haben. Die Befunde des Alltags müssen an den absehbaren wirtschaftlichen und finanziellen Realitäten gespiegelt werden, um nicht Wunschdenken zu produzieren.
Was immer man von Details der politischen Agenda 2010 von Gerhard Schröder halten mag, und natürlich sind sie auch veränderbar - grundsätzlich aber gilt: Hier wurde die Realität gespiegelt. Und nichts anderes ist auch Gegenstand sozialdemokratischen Regierungshandelns in der Großen Koalition. Beides im Übrigen durchaus erfolgreich: sinkende Arbeitslosigkeit, eine solide Haushalts- und Finanzpolitik, steigende Investitionstätigkeit und nicht zuletzt eine engagierte und selbstbewusste Außenpolitik. Es ist töricht, diese Erfolge zu verschweigen. Mit was wollen wir denn 2009 zur Bundestagswahl antreten, wenn nicht auch mit den Erfolgen von dann elf Jahren sozialdemokratischer Regierungspolitik, die sich den Realitäten gestellt hat, während andere sie noch verweigern wollten oder wollen? Etwas stolzer dürfen wir durchaus schon sein, denn wenn wir diese Erfolge nicht öffentlich verkaufen, werden sie von anderen beansprucht.
Ein Kern eines politischen Angebots an die tatsächlichen Leistungsträger unserer Gesellschaft bleibt eine überzeugende Wirtschafts- und Finanzkompetenz. Sie muss auch in Zeiten der Globalisierung wirtschaftliche Stabilität, Wachstum und Beschäftigung ermöglichen und sich gleichzeitig den sozialen und den ökologischen Herausforderungen der kommenden Jahre stellen. Eine Reduzierung auf soziale Kompetenz allein wird nicht reichen, zumal dies zwangsläufig auf einen Wettbewerb um die jeweils populärste sozialpolitische Forderung mit der Linkspartei hinauslaufen würde, den die SPD als Regierungspartei nicht gewinnen kann. Eine Zulassung zur Regierungspolitik aber wird die SPD beim Wähler-TÜV alle vier Jahre immer nur erhalten, wenn sie den Realitätstest in der Wirtschafts- und Finanzpolitik auch besteht.
Aber diese Wirtschafts- und Finanzpolitik muss sich ebenfalls einem neuen Realitätstest stellen. Eine moderne sozialdemokratische Wirtschafts- und Finanzpolitik muss zur Beantwortung der drängenden ökologischen Fragen beitragen. Sie muss gebunden sein an die Lösung so großer Herausforderungen wie Klimawandel, Zerstörung der Artenvielfalt und Ressourcen- und Rohstoffknappheit einer dramatisch wachsenden Weltbevölkerung und weltweiten Industrialisierung.
Problematisch ist nicht, dass wir noch keine ausreichenden Antworten auf all diese Frage haben. Im Gegenteil: Es würde die SPD für viele Menschen attraktiv und spannend machen, darüber JETZT und lange vor der nächsten Bundestagswahl öffentlich und offen zu diskutieren. Problematisch ist, dass wir zurzeit den Eindruck vermitteln, wir wollten das gar nicht, sondern beschäftigten uns lieber mit uns selbst. Die der SPD noch gutwillig gestimmten Menschen wollen wissen, was sie von "ihrer" Partei zu erwarten haben. Darauf Antworten zu geben wird den Akteuren der Partei mehr Kraft und Konzentration abverlangen als die Suche nach Regenmachern oder Seelsorgern. Das wäre der nun fast 150-jährigen SPD-Geschichte auch angemessen. Schließlich sind wir in unserem Traditionslied "Mit uns zieht die neue Zeit" Schrittmacher und Baumeister.
Die SPD muss sich konzentrieren. Und sie muss aufhören, innerparteilich zuerst auf die Differenz zu achten statt auf das Verbindende. Wer um Vertrauen in der Öffentlichkeit wirbt, muss zuerst seinen eigenen Mitstreitern trauen und sich gemeinsam mit ihnen etwas zutrauen. Wir werden gehörige Disziplin, Loyalität und Solidarität aufbringen müssen, um aus dem 30-Prozent-Ghetto herauszukommen. Wir werden uns gemeinsam ändern müssen: politisch, aber auch habituell. Aber genau damit haben wir auch alle Chancen auf erneuerten Erfolg.
Eine längere Fassung des Essays von erscheint auf der Website der Zeitschrift "Berliner Republik" unter www.b-republik.de .