SPD "Es gibt ein Kopf-an-Kopf-Rennen"
SPIEGEL: Herr Beck, wir haben uns in den vergangenen Wochen des Öfteren über Sie gewundert. Wir würden das gern mal mit Ihnen aufarbeiten.
Beck: Dann arbeiten Sie mal.
SPIEGEL: Angefangen hat die Misere der SPD mit Ihrem Satz ...
Beck: ... Moment, da stimmt gleich zu Beginn Ihrer Aufarbeitung etwas nicht. Eine Misere kann ich nicht erkennen.
SPIEGEL: Wie nennen Sie das denn?
Beck: Wir befinden uns in einer herausfordernden Lage.
SPIEGEL: Gut. Sie sind in diese herausfordernde Lage geraten, weil Sie nach der Wahl in Hessen ein Versprechen gebrochen haben. "Keinerlei aktive Zusammenarbeit" mit der Linken hatten Sie zugesagt. Danach wollten Sie doch mit denen zusammenarbeiten. Seit diesem Fehler sieht's finster aus für Sie und die SPD.
Beck: Ein Fehler war allenfalls der Zeitpunkt, an dem das öffentlich wurde, so kurz vor der Wahl in Hamburg. Was wir entschieden haben, ist dennoch richtig.
SPIEGEL: Dass die Linke gar nicht übel ist.
Beck: Das haben wir nicht beschlossen, und das wissen Sie auch. Aber es ist Bewegung ins Parteiensystem gekommen. Gerade das schwarz-grüne Bündnis in Hamburg zeigt uns, dass wir es bei der CDU mit einem Gegner zu tun haben, der eiskalt Machtperspektiven sucht. Ohne jede Rücksicht auf Inhalte. Warum sollten wir uns dort, wo es verantwortbar ist, solche Perspektiven zumauern. Im Bund bleibt es dabei: keine Zusammenarbeit mit der Linkspartei.
SPIEGEL: Am Tag nach der Hamburg-Wahl sind Sie plötzlich krank geworden. Manch einer spekulierte damals über eine "politische Krankheit". Als wollten Sie sich wegducken.
Beck: Wer mich kennt, weiß, dass ich mich nicht wegducke. Ich konnte an jenem Montag schon morgens vor den Gremiensitzungen nicht mehr. Ich musste einen Flieger chartern, der mich von Berlin heim nach Mainz flog, so elend ging es mir.
SPIEGEL: Sie lagen dann im Bett, während die ganze Republik über Ihre Fehler lästerte. Wie haben Sie das wahrgenommen?
Beck: Die ersten paar Tage habe ich das nur sehr gedämpft miterleben können. Ich hatte hohes Fieber.
SPIEGEL: Die Kommentare über Sie hätten auch nicht beim Genesen geholfen.
Beck: Das glaube ich auch. In den ersten Tagen war ich nicht einmal fähig zu telefonieren.
SPIEGEL: Als Sie dann wieder Zeitung lesen und fernsehen konnten, wie war das für Sie?
Beck: Wenn man nicht handeln kann, ist das immer das Unangenehmste. Streit gehört zum Geschäft. Aber wenn man selber handlungsunfähig ist und Interpretationen hört, denen man gern entgegentreten würde, das ist schon ärgerlich. Das war keine schöne Zeit. Übrigens nicht nur für mich.
SPIEGEL: Für wen war es denn noch unangenehm?
Beck: Für meinen Vater zum Beispiel. Für ihn war das nicht mehr zu ertragen mit den ganzen Kamerateams vor unserem Haus. Wenn er die Katze rausgelassen hat, haben zehn Kameras geklickt. Der Mann ist 86.
SPIEGEL: Als Sie krank waren, mussten Sie im SPIEGEL lesen, dass Franz Müntefering, Matthias Platzeck sowie Ihre beiden Stellvertreter Frank-Walter Steinmeier und Peer Steinbrück eine Absprache getroffen haben: Kurt Beck darf nicht Kanzlerkandidat werden.
Beck: Diese Absprache gab es nicht.
SPIEGEL: Wir haben andere Erkenntnisse.
Beck: Ich habe mit den Betreffenden gesprochen. Sie sind auf mich zugekommen und haben das unisono versichert.
SPIEGEL: Und das glauben Sie?
Beck: Ich habe überhaupt keinen Grund, mich von dem Versuch, Keile zwischen uns zu treiben, leiten zu lassen.
SPIEGEL: Können Sie nach den Erfahrungen der vergangenen Wochen noch Vertrauen schenken?
Beck: Natürlich. Dass man in der Politik auch Enttäuschungen erlebt, gehört dazu. Vielleicht hängt das auch mit der Erfindung des Handys und der Simserei zusammen, die nicht nur eine Verballhornung der Sprache, sondern manchmal auch eine Verballhornung der Sitten mit sich bringt.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Beck: Sie können kaum noch eine Verhandlung führen, ohne dass irgendjemand unter dem Tisch SMS verschickt. Ich halte das nicht für einen besonderen Fortschritt der Kommunikation. Aus meiner Sicht macht es mehr Sinn, miteinander zu reden und hinterher zu kommunizieren, statt zwischendurch zu kommunizieren.
SPIEGEL: Sie simsen nicht?
"Er wäre als Dorfbürgermeister nach drei Stunden gescheitert"
Beck: Ich habe bei Sitzungen kein Handy dabei. Ich habe nichts dagegen, wenn man SMS schickt, meinetwegen in die ganze Welt. Aber es gibt Situationen, die einen bestimmten Stil erfordern.
SPIEGEL: Sie mussten während dieser Zeit viel einstecken. Oskar Lafontaine bezeichnet Sie als Dorfbürgermeister.
Beck: Er selbst wäre als Dorfbürgermeister schon nach drei Stunden gescheitert.
SPIEGEL: Manfred Güllner vom Meinungsforschungsinstitut Forsa sagt, Sie hätten sich zur "Witzfigur der deutschen Politik" gemacht.
Beck: Ich habe ihn in meinem Leben überhaupt noch nie getroffen. Ich weiß nicht, was er gegen mich hat. Ich habe mich allerdings einmal über sein Institut geäußert, als er in Rheinland-Pfalz wenige Wochen vor der Landtagswahl ein Patt zwischen SPD und CDU vorausgesagt hat. Am Ende lagen wir 13 Prozentpunkte vorn.
SPIEGEL: Trauen Sie ihm nicht mehr?
Beck: Ich habe nicht mehr an seine Objektivität geglaubt. Aber persönlich habe ich nichts gegen Herrn Güllner. Ich habe schon in meiner Jugend auf Jahrmärkten Damen kennengelernt, die in schönen Glaskugeln die Zukunft gesehen haben. Gegen die habe ich auch nichts unternommen.
SPIEGEL: Die Umfragen der anderen Institute sind aber auch nicht viel günstiger.
Beck: Wir wollen daran ja auch arbeiten. Aber nicht der Umfragewerte wegen, sondern der Wahlen wegen.
SPIEGEL: Wie erklären Sie sich, dass Außenminister Steinmeier viel beliebter ist als Sie?
Beck: Es ist immer so, dass ein Parteivorsitzender anders bewertet wird als ein Regierungschef oder ein Regierungsmitglied. Das habe ich hier in Rheinland-Pfalz über 14 Jahre erlebt. Darüber beklage ich mich nicht. Aber es ist die Realität.
SPIEGEL: Was hilft Ihnen eigentlich, mit all den bösen Zitaten und Zahlen fertig zu werden? Machen Sie Yoga?
Beck: Wenn es geht, spaziere ich nachts von Sitzungen in Berlin zu Fuß nach Hause. Hier in Mainz auch. Zeit für Yoga bleibt mir nicht.
SPIEGEL: Haben Sie politische Vorbilder, die in so schwerer Zeit Kraft geben?
Beck: Willy Brandt sicherlich.
SPIEGEL: Das sagen alle Genossen.
Beck: Ich weiß, dass das alle sagen. Aber es ist halt so. Brandt ist zu Recht die große Figur der Sozialdemokratie. Aber wer sich mit seiner Biografie beschäftigt, der sieht, wie viele Zweifel er auch hatte, wie viel Anfechtungen er ertragen musste.
SPIEGEL: Und das hat ihn für Sie so sympathisch gemacht?
Beck: Ja. Ich schätze an ihm, dass er trotz allem politisch was bewegt hat, Mensch geblieben ist und nicht zum Apparat-schik wurde. Das halte ich für nachahmenswert.
SPIEGEL: Aber Brandt hatte eine Mission. Wofür Sie politisch stehen, wissen viele Menschen nicht. Der Ministerpräsident Beck gilt als pragmatisch. Als Parteichef erfreuen Sie vor allem den linken Flügel. Sie verwirren die Leute.
Beck: Dieser Eindruck ist medial vermittelt worden. Er entspricht nur nicht der Realität.
SPIEGEL: Dann haben Sie nun die Chance zur Klärung: Wo stehen Sie: links, rechts, Mitte?
"Ich habe Schwierigkeiten mit dieser Gesäßgeografie"
Beck: Ich habe Schwierigkeiten mit dieser Gesäßgeografie. Ich finde, man muss dafür sorgen, dass es eine erfolgreiche Wirtschafts- und Sozialpolitik gibt. Aber man muss auch vernünftige Grenzen setzen. Ich verteidige leidenschaftlich die Existenzbedingungen von Betrieben. Genauso leidenschaftlich kämpfe ich dafür, dass ein Mensch, der vollschichtig arbeitet, davon auch leben können muss. Ich würde es als eine Position der linken Mitte bezeichnen.
SPIEGEL: Viele in Ihrer Partei werfen Ihnen vor, den Reformkurs, die Agendapolitik, zu verraten.
Beck: Das sehe ich anders. Der Parteitag in Hamburg hat meinen Kurs mit großer Mehrheit bestätigt. Mir geht es darum, nicht den Kontakt zu den Menschen und ihren Sorgen zu verlieren. Schauen Sie: Ich musste eben an einer Ampel halten. Da waren zwei Pflasterer. Sie saßen in ihrer Mittagspause auf einem Stapel Steine. Der eine hat einen Kaffee getrunken, der andere aß ein Stück Brot aus der Hand. Wenn wir das Empfinden verlieren, mit solchen Menschen genauso umzugehen wie mit denen, die einen komplizierteren Job haben, dann hätte die SPD ihr Herz verloren.
SPIEGEL: Sind Sie der Einzige in der SPD, der noch Pflasterern begegnet?
Beck: Die Pflasterer habe ich an der Ampel gesehen. Aber wenn ich morgens durch die Stadt gehe, sind meine ersten Gesprächspartner die Straßenkehrer und die Müllleute. Dann spüre ich: Diese Leute machen harte, ordentliche Arbeit. Das muss von uns bedacht werden.
SPIEGEL: Neben dem Arbeitslosengeld I haben Sie jetzt auch Schröders Rentenreform korrigiert. Aus Angst vor den älteren Wählern wollen Sie den Rentnern mehr Geld geben als eigentlich vorgesehen.
Beck: Ich bin für einen fairen Ausgleich zwischen den Generationen. Es ist fatal, wenn jetzt einige daraus einen Generationenkonflikt konstruieren. Ich glaube, der frühere Bundespräsident Roman Herzog hat einen kapitalen Fehler gemacht.
SPIEGEL: Er warnte vor einer Rentnerdemokratie.
Beck: Er beurteilt die Dinge einseitig. Hier in Mainz gibt es Familien, die haben 850 Euro Rente, und davon gehen 450 Euro für die Wohnung und Heizkosten drauf. Das darf man nicht vergessen.
SPIEGEL: Arbeiten Sie noch gern mit Frau Merkel zusammen?
Beck: "Gern"? Das wäre übertrieben. Ich hätte lieber eine sozialdemokratisch geführte Regierung.
SPIEGEL: Die Kanzlerin ist laut Umfragen fünfmal beliebter als Sie. Was hat Merkel, was Beck nicht hat?
Beck: Das sollen andere beurteilen.
SPIEGEL: Merkel nutzt ihre Auftritte auf internationalem Parkett. Würden Sie dort auch eine gute Figur abgeben?
Beck: Ich finde internationale Politik äußerst spannend. Aber darum geht es nicht. Die Frage ist: Kann man die außenpolitische Agenda erkennen? Die SPD hat diese klar definiert und ist mit dem SPD-Außenminister bestens aufgestellt. Als Parteivorsitzender sollte man nicht versuchen, diesen zu übertönen.
SPIEGEL: Ihnen wird als Nachteil ausgelegt, dass Sie keine Fremdsprache können.
Beck: Ich kann Umgangsenglisch. Ich hatte nicht die Chance, auf ein Gymnasium zu gehen. Ich musste neben der Akkordarbeit meine Schulausbildung nachholen.
SPIEGEL: Empfinden Sie das als Manko?
Beck: Ich fände es schöner, wenn ich es besser könnte, keine Frage. Aber es ist auch ein Antrieb für mich, Bildung für alle jungen Menschen unabhängig vom Geldbeutel der Eltern zu ermöglichen.
SPIEGEL: Wir kommen nun zu einer sehr einfachen Frage, Herr Beck: Würden Sie eigentlich gern Kanzler sein?
Beck: Eine sehr einfache Antwort: Es bleibt bei dem, was ich immer gesagt habe ...
SPIEGEL: Ja klar. Kennen wir schon.
Beck: ... die Entscheidung fällt Ende des Jahres. Oder Anfang nächsten Jahres.
SPIEGEL: Die Frage ist aber, ob Sie das Amt reizen würde? Das kann ja trotzdem heißen, dass Sie am Ende einem anderen den Vortritt lassen.
Beck: Ich weiß doch, was passiert, wenn ich mich jetzt dazu äußere.
SPIEGEL: Was denn?
Beck: Es würde schaden. Ich habe aus der Erfahrung, die Johannes Rau machen musste, gelernt, dass eine Diskussion zur falschen Zeit auch herausragende Politiker chancenlos machen kann.
SPIEGEL: Bei Gerhard Schröder war immer klar, dass er Kanzler werden wollte. Er hat sogar am Zaun gerüttelt. Bei Ihnen hat man den Eindruck, Sie halten sich die Augen zu, wenn Sie am Kanzleramt vorbeifahren.
Beck: Ich bin öfter im Kanzleramt, als Sie denken. Auf manche dieser Termine könnte ich gut verzichten, oft geht es darum, dass die CSU mal wieder sinnlos am Rad dreht. Ich will gestalten. Da kommt es nicht in erster Linie darauf an, ob man eine persönliche Karriereplanung hat.
SPIEGEL: Franz Müntefering hat Ihnen einen sehr kritischen Brief geschrieben. Darin fordert er, dass sich das Verhältnis zur Linken auch in der Personalentscheidung 2009 widerspiegeln muss. Was heißt das für Sie?
Beck: Ich habe den Brief gelesen.
SPIEGEL: Die Union wird 2009 immer auf die "Gefahr" eines rot-rot-grünen Bündnisses und auf Hessen verweisen. Ein Kandidat Beck könnte dem nicht glaubwürdig entgegentreten.
Beck: Mag sein, dass die CDU versucht, im Wahlkampf Funken daraus zu schlagen. Aber ich habe den Eindruck: So leichtgläubig sind die Bürger nicht. Wir wollen keine Zusammenarbeit mit diesen Leuten im Bund. Dabei bleibt es.
SPIEGEL: Hat die SPD 2009 überhaupt noch Chancen auf ein gutes Ergebnis?
Beck: Ja, klar! Die SPD kann kämpfen. Fest steht, Schwarz-Gelb hat keine Mehrheit in Deutschland. Daher sind auch andere Konstellationen denkbar: Rot-Grün oder eine Ampel-Koalition. Auch Guido Westerwelle sieht das bekanntlich so.
SPIEGEL: Welches Ergebnis peilen Sie für die SPD an. 20 plus x?
Beck: Sehr komisch. Wir wollen so viel Stimmen wie möglich kriegen. Ich sehe die realistische Chance, dass es 2009 ein Kopfan-Kopf-Rennen geben wird.
SPIEGEL: Jetzt werden Sie komisch.
Beck: Überhaupt nicht. Ich erwarte, dass gegen die SPD keine Regierung gebildet werden kann.
SPIEGEL: Wie wollen Sie die Kanzlerin packen?
Beck: Die CDU hat kein Konzept. Das gilt genauso für die CSU. Wir werden den Menschen klarmachen, dass, wer CDU/CSU wählt, nicht weiß, was er kriegt. Für einen großen Teil in der CDU gelten immer noch die neoliberalen Beschlüsse von Leipzig. Über das Wahlprogramm wird es innerhalb der Union einen Machtkampf geben.
SPIEGEL: Was war rückblickend auf die vergangenen Wochen Ihre traurigste Erfahrung?
Beck: Ich hatte keinen Anlass zum Traurigsein. Ich bin ja kein Illusionist. In manchen Medien wurden jedoch Vorurteile über mich verbreitet, die mich schon gewundert haben.
SPIEGEL: Welche Vorurteile?
Beck: Diese ganzen Geschichten von den Pfälzern, die ohnehin zu nichts nutze sind, weil sie ein eigenes Idiom sprechen. Und diese Geschichten von den ländlich Unbedarften, die an den Mauern einer Großstadt geradezu zerschellen.
SPIEGEL: So etwas ärgert Sie?
Beck: Die Berichterstattung ging teilweise ins Persönlichste hinein.
SPIEGEL: Sie haben mal gesagt: "Auch wir hier können uns auf einer Rolltreppe bewegen, ohne hinzufallen."
Beck: Wir Pfälzer wissen sogar, wie man ein Taxi besteigt. Ich will zugeben: Ich habe in letzter Zeit dem Affen auch Zucker gegeben. Ich habe bewusst einmal ein paar pfälzische Sätze oder eine Weisheit meiner Großmutter in meine Reden eingestreut. Meine Großmutter hatte mit Sicherheit mehr Lebenserfahrung als viele von denen, die Politik im Sandkasten machen.
SPIEGEL: Was hätte denn Ihre Großmutter zur Lage der SPD für eine Weisheit parat gehabt?
Beck: Sie hätte gesagt: Junge, es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird.
SPIEGEL: Herr Beck, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das SPIEGEL-Gespräch führten die Redakteure Markus Feldenkirchen und Roland Nelles.