Karrieren Königin der Hinterzimmer
Andrea Nahles gibt es zurzeit in zwei Ausfertigungen. Die eine saß am vorigen Mittwoch frisch frisiert und brav wie ein Schulmädchen in der Talksendung "Hart aber fair". Sie sei die "heimliche Parteivorsitzende" der SPD, sagte Moderator Frank Plasberg. Die Zuschauer im Saal kicherten.
Nein, nein, entgegnete Nahles daraufhin furchtbar bescheiden. "Das Adjektiv ist falsch. Ich bin stellvertretende Parteivorsitzende."
Die andere Nahles saß zwei Stunden später in der Bar eines Berliner Hotels. Sie streifte die Schuhe ab und fläzte sich in einen riesigen Sessel. Dann begann sie Kopfnoten an die anderen aus ihrer Partei zu vergeben. Sie wirkte wie Big Boss.
Als Erstes war Fraktionschef Peter Struck an der Reihe. In der Fraktion laufe das derzeit ja gar nicht gut; da müsse sich einiges ändern. Dann bekamen Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück eine verpasst: Die brauchten alle paar Wochen einen Tritt vors Schienbein. Sonst machten die sich selbständig. Und Parteichef Kurt Beck? Ach, der Kurt, der komme schon wieder in Schwung, befand sie gönnerhaft.
Auf der einen Seite mimt Andrea Nahles in diesen Tagen die treue Parteisoldatin, sie versucht sich unterzuordnen, gibt sich loyal gegenüber Parteichef Beck, ist ganz Stellvertreterin. Sie beherzigt die alten Sozi-Slogans von Brüderlichkeit und Solidarität. Sie versucht, den Trubel, der nun rund um sie entsteht, zu dämpfen. Sie weiß, dass es ihr schaden kann, wenn allzu offenkundig wird, dass sie selbst ganz nach oben will.
Dabei baut Andrea Nahles gerade wie kaum jemand sonst in der SPD ihren Einfluss auf. Sie zieht Strippen, knüpft Netzwerke, beeinflusst Entscheidungen. Und wenn nicht alles täuscht, dann hat sie bei ihrem rasanten Aufstieg an die Spitze inzwischen eine Stufe erreicht - gleich unterhalb des Gipfels.
Nahles ist jetzt 37 Jahre alt. Seit ihren Tagen als Juso-Vorsitzende gilt sie als Vorzeigelinke, als eine, der soziale Gerechtigkeit über alles geht. Als eine, die sich selbstlos für Arbeitslose, arme Rentner und andere sozial Schwache einsetzt. Doch inzwischen ist nicht mehr so klar, was sie wirklich antreibt. In letzter Zeit scheint Nahles nicht nur ein Herz für die Bedürftigen zu haben, sondern vor allem auch ein Herz für sich selbst.
Wie zielstrebig Nahles ist, hat sich längst bis ins Kanzleramt herumgesprochen. Nachdem sie zusammen mit anderen Abgeordneten gegen den Willen von Frak-tionschef Struck und Vizekanzler Steinmeier die Professorin Gesine Schwan als Präsidentschaftskandidatin durchgesetzt hatte, bemerkte Kanzlerin Angela Merkel halb ironisch, halb anerkennend: "Man weiß ja gar nicht mehr, wen man in der SPD anrufen soll, Herrn Beck oder gleich Frau Nahles." Die ehrgeizige Sozialdemokratin habe Beck "am Nasenring durch die Arena geführt", urteilte NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers.
Das alles ist etwas übertrieben, natürlich wollten Merkel und Rüttgers mit solchen Sätzen vor allem Beck ärgern. Trotzdem enthält der Spott viel Wahrheit.
Nahles dringt Stück für Stück in eine Machtlücke vor, die Parteichef Beck mit seiner unnachahmlichen Pannenserie geöffnet hat. Weil der Vorsitzende in eine Art Lethargie verfallen ist und längst keine Gestaltungskraft mehr besitzt, gestaltet eben die Stellvertreterin. Nahles will die SPD nach ihren Vorstellungen formen, auch um sie in nicht allzu ferner Zukunft einmal ganz zu übernehmen.
Mit welchem Geschick ihr das aus der zweiten Reihe schon jetzt gelingt, stellte sie kürzlich wieder eindrucksvoll unter Beweis. Da meldete sich Anfang vergangener Woche der frühere Parteichef Franz Müntefering öffentlich zu Wort und forderte einen erneuten förmlichen Abgrenzungsbeschluss der SPD gegenüber der Partei Die Linke. Sofort lehnte Beck den Vorstoß des alten Rivalen ab. "Es gibt, wenn man die Beschlusslage betrachtet, keinen Grund für eine solche Forderung", giftete Beck. Doch dann schaltete sich Nahles als Vermittlerin ein.
Erst telefonierte sie mit Müntefering. Viele sähen die weitere Annäherung an die Linke skeptisch, sagte der. Mit einem förmlichen Beschluss würden sich die Dinge beruhigen.
Nahles übermittelte die Botschaft sofort an Beck, es wurde kurz diskutiert. Dann entschieden beide, nun doch auf Münteferings Forderung einzugehen, um keinen neuen Krach zu provozieren. Abends verkündete Nahles bundesweit als Erste - und vor allem noch vor Beck - die neue Linie: Die SPD werde im Bund mit der Linken nicht koalieren, sagte sie. "Es spricht nichts dagegen, das im Rahmen eines Parteitags noch einmal zu bekräftigen." Beck stolperte tags darauf erst hinterher.
Wenn Nahles über sich selbst redet, über den Vater, der Maurer war, über ihre Kindheit, dann kann sie sehr charmant und lustig sein. Sie lacht laut und viel und erzählt, wie sie als Schülerin bei der Lokalzeitung jobbte. "Das war nichts für mich", sagt sie, "da beobachtet man nur und kommt selber gar nicht vor." Später hat sie dann studiert, Germanistik in Bonn, als Erste aus ihrer Familie.
Das sind die nichtpolitischen Stationen ihres Lebens. Der Rest nimmt deutlich mehr Raum ein. Mit gerade 18 gründete sie in ihrem Heimatort Weiler den ersten SPD-Ortsverein. Mit 25 Jahren wurde sie Juso-Chefin, drei Jahre später saß sie im Bundestag. Die Politik ermöglichte ihr den Weg hinaus aus der Enge der Provinz. "Wo ich herkomme, gibt es für ein katholisches Mädchen eigentlich nur zwei Karrieren: Funkenmariechen oder Weinkönigin."
Nahles wählte die dritte. Und ihr Machtinstinkt führte sie immer höher in der Parteihierarchie - darin gleicht sie Gerhard Schröder, der ebenfalls von ganz unten kam. Der Ex-Kanzler war der Ex-Juso-Chefin lange viel zu pragmatisch, viel zu rechts. Doch inzwischen spricht sie anders über den Feind von früher, ganz versöhnlich. Schröder habe für viele die Coolness der Arbeiterklasse ausgestrahlt, sagt sie nun. Ein Rudelführer sei er. Einer, der den anderen zuerst die Zähne ausschlägt. Es klingt, als rede sie über ein Vorbild. Vielleicht merkt man an dieser Bewunderung für den Machtmenschen Schröder am besten, wie nahe ihr das auch alles liegt.
In ihrer Altersgruppe hatte Nahles nie viel Konkurrenz in der Partei. An Durchsetzungsfähigkeit und rhetorischem Talent sind ihr viele gleichaltrige Genossen unterlegen. Zudem hat sie sich schon früh starke Verbündete gesucht und sich über die Jahre zur unbestrittenen Wortführerin des linken Flügels hochgearbeitet. Der stellt auf Parteitagen meist über die Hälfte der Delegierten. Auch im Parteivorstand geben die Linken den Ton an. Das ist ihre Machtbasis.
Und die versteht sie zu nutzen. So ist es ihr immer wieder gelungen, Konkurrenten kaltzustellen. Vor allem Umweltminister Sigmar Gabriel hat das bitter zu spüren bekommen. Ende vergangenen Jahres verhinderten Nahles und ihr Gefolge seinen Aufstieg in das Parteipräsidium. Stattdessen wurde der Linke Ralf Stegner aus Schleswig-Holstein gewählt. Im Hause Gabriel trägt Nahles seither den Beinamen "Robespierre".
Zu Parteichef Beck hat die Vizevorsitzende ein schwieriges Verhältnis. Seit sie als junge Juso-Chefin 1995 am Sturz von Becks altem Kumpel Rudolf Scharping beteiligt war, traut er ihr nicht wirklich über den Weg. Als der Pfälzer Vorsitzender wurde, gingen die beiden trotzdem einen Pakt ein. Nahles setzte auf Beck, denn er war derjenige, der das Schiff ganz in ihrem Sinne wieder nach Backbord lenkte. Auch seinen Öffnungskurs in Richtung Linkspartei verteidigte sie im Frühjahr gegen Kritik von der Parteirechten.
Doch die Loyalität, von der sie eine Zeitlang profitierte, ist nun zur Belastung für Nahles geworden. Auch ihr kann nicht verborgen geblieben sein, was ihre linken Freunde offen aussprechen: dass es mit Beck so nicht weitergehe. Der Pfälzer steckt seit seinem Eiertanz nach der Hessen-Wahl in einer tiefen Krise - und mit ihm die SPD.
Beim linken Flügel der Partei glaubt kaum noch jemand, dass ihr Vorsitzender sich jemals wieder politisch erholt. Manch einer rechnet fest damit, dass die Partei schon bald einen neuen Chef brauchen wird. Und da käme auch Nahles ins Spiel. Schlecht stünden ihre Chancen wohl nicht.
So gesehen ist der wankende Beck von Nahles abhängig. Würde sie bei ihren linken Freunden und den Landesfürsten gegen ihn Stimmung machen, könnte es bald vorbei sein mit ihm.
Doch noch hält sich Nahles zurück. Auf keinen Fall will sie als Königsmörderin dastehen - die werden nie geliebt. Das musste sie erfahren, als sie 2005 für den Posten des SPD-Generalsekretärs antrat. Der damalige Parteichef Franz Müntefering hatte einen eigenen Kandidaten und empfand dies als Putsch. Empört trat er zurück. Etliche Genossen nahmen das Nahles schwer übel.
Außerdem gibt es noch die Parteirechten, die ja auch nicht ganz ohne Einfluss sind, Finanzminister Steinbrück etwa, Fraktionschef Struck und Vizekanzler Steinmeier. Die wollen eine Machtübernahme der Linken in der SPD um jeden Preis verhindern.
Wie das Ringen endet, ist derzeit noch ungewiss. Nahles wird weiter dabei sein, so viel ist klar, aber jetzt will sie erst einmal auf Tauchstation gehen. Einstweilen arbeitet sie weiter in Hinterzimmern an ihrer Karriere. Ihren Ehrgeiz tarnt sie so gut es geht. Manchmal ist das gar nicht so einfach.
Wie vorige Woche, als irgendjemand ihre Abi-Zeitung hervorkramte. Eins sei klar, so schrieb die damals 19-Jährige darin über ihren weiteren Lebensweg: Entweder sie werde "Hausfrau oder Bundeskanzlerin".