Debatte: Tückisches Idyll - DER SPIEGEL
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Debatte Tückisches Idyll

Kurt Beck verflucht die Journalisten und Politiker in der Hauptstadt. Aber das ist die Welt, in der er sich bewähren muss.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mainz ist herrlich, Mainz ist wunderbar. Man kann dort sehr schön leben, vor allem als Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Berlin dagegen ist schrecklich, findet Kurt Beck, der auch Vorsitzender der SPD ist und es deshalb nicht vermeiden kann, sich hin und wieder dem Hauptstadtmilieu auszusetzen. Das aber behagt ihm gar nicht.

Es gab zuletzt ein paar Ausbrüche von ihm. Er schimpfte gegen Politiker seiner Partei, die in Berlin Journalisten mit ihren Zweifeln an Beck als Kanzlerkandidaten und Parteivorsitzenden füttern. Er schimpfte gegen Journalisten, die ihn als mangelhaften Mann aus der Provinz darstellen würden. Damit hat er eine Debatte vom Zaun gebrochen. Es geht vor allem um die Frage, wie sich Politik und Idyll vertragen.

Kurt Beck malt das Bild, das von ihm existiert, zum allergrößten Teil selbst. Er ist ein Mann, der das, was er ist, mit großer Begeisterung ist. Er ist gern bodenständig, er ist gern ein Mann, der gern Schlager hört und Schweineschnauzen vertilgt, er sagt gern einen Satz wie: "Meine Frau sagt immer, ich hab Haare wie ein Meerschweinchen." Beck führt das alles mit großem Behagen vor, auch weil es zu seinem politischen Konzept gehört.

Dieses Konzept heißt: nah bei den Leuten. Er malt ein Idyll, das ihn und die Bürger in Einfachheit vereint. Es ist sein Gegenkonzept zu Berlin, das ihm als entrückt vorkommt, als raumschiffhaft und verlogen intellektualisiert. Ein Politiker jedoch, der seine gesamte Persönlichkeit in sein politisches Konzept einfließen lässt, kann nicht erwarten, dass ihm eine kritische Betrachtung dieser Persönlichkeit erspart bleibt. Und würde Beck beim Genuss von Schlagern oder Schweineschnauzen ein paar kluge Sätze zur Zukunft der SPD oder der Bundesrepublik sagen, würde diese Betrachtung so kritisch nicht ausfallen.

Berlin verachtet die Provinz nicht, weil es die Provinz braucht, um Metropole sein zu können. Ohne die Schwaben und Westfalen hätte Berlin nicht mal eine anständige Subkultur in Kreuzberg hingekriegt.

Aber man kann nicht nach Berlin gehen und sich immer nur nach der Heimat sehnen. Man muss das neue Spiel annehmen. Dieses Spiel ist, zugegeben, sehr hart. Es gibt in der Hauptstadt eine hysterische Aufmerksamkeit für die Politik, eine ständige Suche nach Streit und Unzulänglichkeiten. Kameras an jeder Ecke, und Samthandschuhe trägt niemand hier.

Natürlich ist es nicht schön für Beck, wenn er - im SPIEGEL - lesen muss, dass einige Politiker der SPD darüber nachdenken, wie sie ihn als Parteivorsitzenden loswerden können. Es ist ärgerlich für ihn, dass ihre Namen nicht genannt werden, weil das die Bedingung der Gespräche war.

Soll man deshalb nicht darüber berichten? Es ist die Aufgabe der Journalisten, ihren Lesern ein möglichst realistisches Bild der Realität zu geben. Zu dieser Realität gehört derzeit, dass einige Politiker in Berlin Beck gern loswerden möchten.

"Kompletter Unsinn", findet der stellvertretende Parteivorsitzende Frank-Walter Steinmeier. Und Fraktionschef Peter Struck hat am Dienstag vergangener Woche in der Fraktionssitzung gesagt: "Kurt, du kannst dich auf die Fraktion verlassen." Zwei Tage später zitiert die "Zeit", anonym, einen Abgeordneten der SPD: "Sie werden sehen, nach der Sommerpause findet ein Aufstand statt, trotz der Beschwichtigungsversuche von Kurt Beck und Frank-Walter Steinmeier in den letzten Tagen." Würden Journalisten solche Sätze nicht veröffentlichen, wäre das Bild von der Politik hübsch, warme Farben, viel Harmonie, ein Idyll. Aber es wäre falsch.

Beck steckt nun mitten in dem üblichen Berliner Kampf um die Deutungshoheit. Die Spitzenpolitiker verschleudern schöne Sätze, die Journalisten fahnden nach den hässlichen, und insgesamt ergibt sich dann ein Bild, das der Wahrheit recht nahe kommt. Ein Idyll ist es nicht. Zum Glück.

Bei dem Spiel, das Beck so richtig nicht spielen will, geht es darum, einen Politiker zu finden, der das Regierungsschiff durch schwierige Gewässer steuern soll, der großen Krisen gewachsen ist und in Verhandlungen gegen den amerikanischen oder den chinesischen Präsidenten bestehen muss. Es braucht da nicht den idyllischen Typus, sondern den gestählten.

Man kann sich da nur einen Politiker wünschen, der nicht schon nach einer Serie kritischer Geschichten ins große Jammern verfällt. Man kann sich da nur einen Politiker wünschen, der als Oppositionsführer mehr aufzuweisen hat als einen widersprüchlichen Kurs zur Linkspartei, als einen widersprüchlichen Kurs zur Bahnreform, als einen widersprüchlichen Kurs zu einer eigenen Präsidentschaftskandidatin der SPD. Man kann sich da nur einen Politiker wünschen, der die Öffnung nach links nicht planlos vor der Wahl in Hamburg ausplaudert.

Aber Becks größter Fehler ist die Sehnsucht nach dem Idyll. Sein Vorgänger Matthias Platzeck hat dieses Idyll in seiner Potsdamer Küche, und er hat dazu noch den Traum von einer Kneipe in der Uckermark. Umso schrecklicher erschienen ihm die Härten des Berliner Betriebs. Es war nicht auszuhalten für Platzeck. Er gab das Amt des Parteivorsitzenden nach einem Hörsturz auf und ist wieder glücklich, seitdem er nur noch Ministerpräsident in Potsdam ist.

Es hilft nicht, diese Berliner Welt schrecklich zu finden. Es ist die Welt, die da ist. Eine andere gibt es nicht für einen Mann, der Kanzler werden möchte. In der Bundespolitik setzen sich jene Politiker durch, die nicht in Gedanken fliehen, sondern das Berliner Spiel in aller Entschiedenheit spielen. Gerhard Schröder war so einer, Angela Merkel ist so eine.

Wenn Beck Erfolg haben will, muss er Abschied nehmen von seinem Mainzer Idyll. Innerlich muss er Kennedys großen Satz sagen können: Ich bin ein Berliner. Sonst ist er weder der richtige Kanzlerkandidat noch der richtige Parteivorsitzende.