Wahlkampf "Ich bin die Nummer eins"
Es sind noch 58 Tage bis zur Landtagswahl in Hessen, in einer Viertelstunde wird Kurt Beck in der Mainzer Staatskanzlei mit seinem Gast auftreten, und es stellen sich einige sehr grundlegende Fragen.
"Wie heißt der noch mal, Schäfer-...?", fragt ein Radioreporter. "...-Gümbel!", tönt es kollegial aus der anderen Ecke zurück. Gleich soll es eine Pressekonferenz geben, und wo schon mal so offen über Wissenslücken gesprochen werden kann, ermannt sich ein Dritter, die Sinnfrage zu stellen. "Sach mal, weiß jemand, warum die sich treffen?"
Thorsten wie? Thorsten warum? So fing es an. Es sah aus, als habe sich die hessische SPD einen Scherz erlaubt, Thorsten Schäfer-Gümbel zum Spitzenkandidaten für die Landtagswahl zu erklären. Ein Mann mit einem Doppelnamen wie aus dem Loriot-Sketch, in dem sich zwei Herren in einer Badewanne um die Ente streiten. Ein Mann mit dicker Brille, ein Mann als Marionette einer machtversessenen Frau. Einer, der den Kopf immer linkisch zur Seite neigt, wenn er zuhört. Eine Notlösung. Das war die Lesart.
Auch in der SPD-Zentrale in Berlin befürchtete man anfangs das Schlimmste. An jenem Wochenende, als Andrea Ypsilanti SPD-Chef Franz Müntefering davon unterrichtete, dass an ihrer Stelle ein gewisser Schäfer-Gümbel am 18. Januar antreten werde, wurde viel telefoniert im Willy-Brandt-Haus, und was die Rechercheure in Erfahrung brachten, hörte sich nicht gut an: ewiger Juso, Hardcore-Linker, festes Mitglied in Ypsilantis Truppe von Hessen-Süd.
Am Montagmorgen versammelte sich die SPD-Spitze mit Schäfer-Gümbel in Münteferings Büro. Es fing harmlos an, Müntefering sagte, dass sich die SPD-Spitze freue, dass Thorsten sich bereit erkläre, die Kandidatur unter derart schwierigen Bedingungen zu übernehmen. Danach wurde der Neuling einem Belastungstest ausgesetzt, schlug sich wacker, und hinterher gingen die Beteiligten angenehm überrascht auseinander.
Schäfer-Gümbel erinnert sich gut an den Test seiner Parteifreunde. Die wollten sehen, "ob ich zwei Sätze zusammenhängend am Stück sagen kann". Und dann, sagt er, "waren es manchmal sogar drei".
Inzwischen, vier Wochen später, ist auch den Menschen in Hessen klar, dass es sich bei Schäfer-Gümbel nicht um eine Lachnummer handelt. Selbst sein Gegner Roland Koch sieht das so.
Geblieben vom ersten und bisher einzigen Duell der beiden im hessischen Landtag ist vordergründig die Frage, wer schöner sei von ihnen beiden. Es sei ja schon viel über seine Brille geschrieben worden, sagte Schäfer-Gümbel und drehte sich zu Koch um: "Wir machen hier aber keinen Wettbewerb 'Germany's next Topmodel'. Im Übrigen: Diesen Wettbewerb würde ich gewinnen."
Interessant war vor allem der Blick, mit dem Koch den 39-jährigen Kandidaten bei dessen Rede bedachte. Er musterte ihn genau und verfolgte jedes Wort. So betrachtet man keinen, den man nicht für voll nimmt.
Es ist zugig und nasskalt auf dem Offenbacher Wilhelmsplatz, die SPD hat einen Sonnenschirm aufgespannt neben einem Zeitungskiosk, in dem auch die "Offenbach-Post" ausliegt. Sie macht auf mit der Schlagzeile: "Zieht Ypsilanti Hessens SPD-Spitze mit in den Abgrund?"
Schäfer-Gümbel legt sich einen roten Schal um den Mantelkragen und marschiert über den Markt. An einem Imbissstand bekommt er eine fette Wurst verabreicht, dazu die Abreibung einer Passantin. Er solle, bitte, alles tun, Frau Ypsilanti künftig aus dem Spiel zu halten, die müsse das Feld räumen, sagt die Dame flehend. "Sie hat das Feld doch geräumt", sagt Schäfer-Gümbel, und als der letzte Wurstzipfel verspeist ist, setzt er nach: "Ich mach Ihnen einen Vorschlag: Rufen Sie mich in zwei Wochen an - vielleicht kann ich Sie ja überraschen."
In Wahrheit hat Schäfer-Gümbel sich schon jetzt von Ypsilanti emanzipiert. Er ist zu Hermann Scheer, dem Spiritus Rector Ypsilantis, auf Distanz gegangen. Scheer wird in seinem Team keine Rolle spielen. Er hat die Ächtung der vier Abtrünnigen, die Ypsilanti nicht wählen wollten, verhindert. Sein Wahlprogramm soll zwar das gleiche sein wie jenes seiner Vorgängerin, der Sound ist aber ein anderer. Schäfer-Gümbel hat einen positiven Wachstumsbegriff. Die Wirtschaft wird zuerst genannt, "It's the economy, stupid!" - und die Krise gibt Schäfer-Gümbel die Gelegenheit, die Akzente zu verschieben.
Im Hinterzimmer des Hotels Born in Grünberg nimmt Schäfer-Gümbel vor einer schweren beigefarbenen Gardine Platz. In der Aussprache sagt eine besorgte Dame, dass sie das Soziale als Stichwort vermisse, in dem, was sich als Wahlprogramm abzeichne. Das Soziale, sagt der Kandidat, falle unter die Begriffe Arbeit und Bildung. So reden sonst Unionisten, und in der SPD allenfalls Seeheimer und Netzwerker, aber nicht Linke.
Schäfer-Gümbel hat bessere Kontakte zur FDP als zur Linkspartei. Kann sein, dass sich Ypsilanti Schäfer-Gümbel als ihren Hampelmann ausgesucht hat. Aber es funktioniert nicht. Der Hampelmann emanzipiert sich, die Marionette läuft los. Manche sagen, sie hätten sich immer schon gewundert, was "TSG" in der Ypsilanti-Truppe verloren hatte. Da sei es mehr um Anerkennung und ums Dazugehören als um Übereinstimmung gegangen.
"Ich bin die Nummer eins"
Manchmal schaffen Personen Situationen, in diesem Fall erschafft die Situation die Person - und damit die Machtverhältnisse. Formal mag Landeschefin Ypsilanti die Nummer eins sein, faktisch ist es der Kandidat. "Es gibt keine Doppelspitze!", sagt Schäfer-Gümbel sehr entschieden, "ich bin die Nummer eins." Es soll im Wahlkampf genau zwei gemeinsame Auftritte der beiden geben. Einen am Anfang und einen am Ende.
Vergangene Woche hat er in der "Süddeutschen Zeitung" ein Tabu gebrochen und Ypsilantis "Wortbruch" zum eigentlichen Fehler der SPD erklärt. Ypsilanti selbst hat das Wort nie in den Mund genommen. "Da gibt es keinen Dissens", behauptet Schäfer-Gümbel tapfer. Zwischen Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine hat bekanntlich auch nie ein Blatt Papier gepasst.
"Des wird schwer", sagt ein Gemüsehändler mitfühlend, "aber Kopf hoch!" Schäfer-Gümbel nickt und zitiert einen alten Sponti-Spruch: "Du hast keine Chance, also nutze sie!" Pause. "Es ist schwierig. Das wissen wir."
Die Landtagswahl wird schwierig für ihn, sowieso. Die Umfragewerte der SPD sind schlecht, sie liegen bei 23 Prozent. Aber die entscheidende Auseinandersetzung kommt für Schäfer-Gümbel erst später, wenn es darum geht, Andrea Ypsilanti als Parteichefin herauszufordern. Die Ansprüche darauf hat er schon erhoben. Die Landtagswahl ist auf seinem Weg eine Etappe. Das Ziel ist sie nicht.
Der Kandidat enteilt seiner Mentorin. Das ist nötig, aber es beschert ihm ein Glaubwürdigkeitsproblem, denn er hat bis vor kurzem alle Fehler mitgemacht: die Abgrenzung von der Linken vor der Wahl, den Wortbruch hinterher.
Aber was hat Thorsten Schäfer-Gümbel bei dieser Vorgeschichte zu verlieren? Bisher nur sieben Kilogramm Körpergewicht und beinahe die Kontrolle über sich selbst. Er werde sich eine neue Brille zulegen, hatte er gesagt, als die Debatte über sein Gestell entbrannt war. In Weiterstadt beim Seniorentreffen setzt sich Schäfer-Gümbel neben seine Parteifreundin Brigitte Zypries. In der Hand hält er ein Etui, er nimmt die Brille ab, tauscht sie gegen die aus dem Etui und schaut Zypries erwartungsvoll an. Sie soll jetzt was Nettes sagen.
"Joaahh ...", sagt Zypries zögerlich und gedehnt. Das neue Modell sieht genauso aus wie das alte.
Die Brille bleibt. Mag doch lachen, wer will. Der Zufallskandidat verfügt über Fähigkeiten, auf die die Hessen-SPD lange verzichten musste. Er ist schlagfertig, selbstbewusst, belastbar, und - das ist hier in der hessischen Sozialdemokratie das Erstaunlichste - er kann über sich selbst lachen. Das konnte die dauerangespannte Ypsilanti weniger gut.
Wenn Schäfer-Gümbel über Koalitionsoptionen spricht, dann schickt er voraus, dass die absolute Mehrheit für die SPD nicht unmittelbar drohe. Wenn der Moderator in Rüsselsheim ihn als Optimisten tituliert, schließlich trete er für die SPD an, dankt er für die "zutreffende Einleitung".
Es ist, als habe jemand die Fenster aufgestoßen. Der Mief und die Verhärmtheit der Südhessen ist weg. In einer Ausbildungsstätte für schwierige Jugendliche in Gießen bekommt Schäfer-Gümbel eine Powerpoint-Präsentation, auf der ziemlich große Buchstaben zu sehen sind. Ob es alle lesen könnten, fragt die Frau an der Maus. "Also ich nicht", sagt Schäfer-Gümbel. Dann werden die Unterzeilen eben vorgelesen. Auf einem Bild sind junge Männer mit Äxten zu sehen, drüber steht: "Hacken von Brennholz", drunter die Zeile: "Menschen mit auffälligem Sozialverhalten". Die Dame an der Maus erläutert, das sei für Leute, die mal Dampf ablassen müssten.
"Vielleicht", sinniert Schäfer-Gümbel da, "wär das auch mal was für die SPD."