Autorennen: Formel Vettel - DER SPIEGEL
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Autorennen Formel Vettel

Der erst 21-jährige Rennfahrer Sebastian Vettel macht verblüffend steil Karriere in der Formel 1. Er sieht aus wie ein etwas schüchterner Abiturient, aber Bernie Ecclestone feiert ihn bereits als kommenden Weltmeister - der Deutsche ist der Prototyp der neuen Pilotengeneration.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Absperrgitter, rot und endlos lang, verläuft inmitten der Boxenstraße. Es teilt die Welt der Formel 1. Auf der einen Seite befinden sich die Garagen mit den aufgebockten Rennwagen, an denen Mechaniker herumwerkeln. Auf der anderen stehen Hunderte Menschen. Sie schlagen Notizblöcke und Hefte auf, entrollen Poster, halten Karten und Mützen parat und zerren die Verschlusskappen von ihren Filzstiften ab.

Es ist der Donnerstag vor dem Grand Prix in Barcelona, das Rennen wird erst am Sonntag gefahren, doch ab Freitag sitzen die Piloten beim Training vermummt in ihren Cockpits. So nah wie bei dieser Autogrammstunde werden sich Fans und Fahrer am Wochenende nie mehr sein.

Sebastian Vettel, jungenhaft schmächtig, ausgewaschene Jeans, schwarzes Hemd im Sponsorenmuster, kommt aus der Garage des Red-Bull-Teams. "Vättääl", kreischen die Spanier, ein Sicherheitsposten stemmt sich gegen das Gitter und fordert über Funk Verstärkung an. Vettel stutzt, dann stopft er seine Wasserflasche in die Hosentasche.

In solchen Momenten erkennt man nicht bloß, wie beliebt ein Rennfahrer ist. Es zeigt sich vor allem, wie er mit dieser Popularität umgeht. Kann er mit den Leuten?

Sebastian Vettel tritt bis an die Barriere heran und beginnt zu schreiben, ein geschwungenes S, den Nachnamen wie eine Fieberkurve, schnelle Schleife zum Schluss, eine routinierte Autogrammschrift. Ein hübsches Mädchen mit Sonnenbrille im Haar schreit: "Ich liebe dich", Väter hieven ihre Kinder über das Gitter, sie laufen auf Vettel zu, ein Junge hebt die Hand. Lächelnd schlägt Vettel ein. Eine halbe Stunde geht das so, dann drängt die Pressefrau zum nächsten Termin. Vettel winkt entschuldigend.

Es ist ein Dreivierteljahr her, da war Sebastian Vettel kaum mehr als ein Kandidat jener deutschen Castingshow, die unter dem Titel läuft: Wer wird Nachfolger von Michael Schumacher? Inzwischen hat er im Regen von Monza im unterlegenen Toro Rosso gewonnen, ist im Winter zu Red Bull Racing gewechselt - und hat auch in Shanghai wieder gesiegt, als der Asphalt erneut einem Feuchtgebiet glich. Regenrennen gelten als intensivste Talentprobe, weil sie vom Piloten hohe Konzentration und Fahrzeugbeherrschung verlangen, und wenn nicht alles täuscht, mischt Vettel sich diese Saison in den Kampf um die Weltmeisterschaft ein, mit erst 21 Jahren.

Zwei Tage nach der Signierstunde sitzt Vettel an einem Esstisch in der "Energy Station", der doppelstöckigen Gute-Laune-Lounge von Red Bull im Fahrerlager. Das Gerede der vielen Menschen schluckt sogar fast die Musik, bis auf die Bässe, doch der Lärm hier scheint ihn nicht zu stören. Im Vergleich zu vorgestern hat er seine Ruhe. Er ist gutgelaunt, vorhin hat er sich für die erste Startreihe qualifiziert.

Wie empfindet er den Ansturm auf seine Person? "Es ist ein bisschen ungewohnt", sagt Vettel. "Es ist schön zu sehen, dass die Leute anerkennen, was man leistet. Aber auf der anderen Seite ist es immer noch ein bisschen unangenehm, weil ich etwas schüchtern bin.

Natürlich kann man es nicht jedem recht machen, aber ich versuche, so vielen wie möglich ihren Wunsch zu erfüllen." Und Schumachers Schatten? Anfangs sei der Vergleich "total überzogen" gewesen, "auf der anderen Seite ist es verständlich. Michael hat einen Standard gesetzt, an dem man als junger deutscher Fahrer gemessen wird".

Vettel antwortet prompt auf Fragen, trotzdem wägt er ab, was er sagt. Wenn man von jenen, die ständig mit ihm zu tun haben, wissen möchte, was seine auffälligste Eigenschaft sei, dann hört man immer das Gleiche: Vettel sei für sein Alter verblüffend reif. Sie loben seinen Fleiß, schwärmen von seiner Intelligenz und bewundern seine Entschlossenheit.

Das ist seine zweite, harte Charakterseite. Man kann sie ihm ansehen, wenn er in die Boxengarage kommt, die feuersichere Haube über den Kopf zieht und den Helm aufsetzt, um loszufahren. Dann sind die kindlichen Gesichtszüge gewichen, und der Blick ist fest. Die Formel 1 ist ein Verdrängungswettbewerb, es geht um die begehrtesten Arbeitsplätze der ganzen Branche, und Vettel scheint der neue Prototyp des Gewinners zu sein.

"Auf dem Weg, ein ganz Großer zu werden"

Rennen zu fahren ist ein hochkomplexer Beruf geworden. Es reicht nicht, schnell zu sein. Ein Pilot bedient ein Lenkrad voller Knöpfe, etwa um die Bremskraft, das Benzingemisch oder den Frontflügel zu verstellen; er muss das Fahrverhalten des Wagens, den Verschleiß der Reifen wie ein Sensor erfassen und die Ingenieure so prägnant über Funk informieren, dass sie verstehen, wo genau ein Problem und dessen Lösung stecken könnten; er muss analysieren und vorausschauen; er muss sein Auto hart rannehmen oder schonen, je nach Situation. Im Qualifikationstraining zum Beispiel kommt es darauf an, dreimal eine perfekte Runde hinzulegen, mit kurzen Pausen in den Boxen, wo Schlagschrauber rattern, Mechaniker und Ingenieure umherschwirren und Motoren aufbrüllen. Das Rennen verlangt andere Fähigkeiten. Manchmal ist Geduld die wichtigste, ein Grand Prix kann zwei Stunden dauern.

Für Vettel läuft es in Barcelona ziemlich schief. Beim Start überrumpelt ihn Felipe Massa, fast das ganze Rennen über steckt er hinter dem Ferrari fest. Aber er harrt aus. Erst als Massa nach 62 Runden plötzlich langsamer wird, schlüpft Vettel vorbei und wird Vierter. Statt hinterher mit seinem Pech am Start zu hadern, sagt er: "Wir haben ein paar wichtige WM-Punkte mitgenommen."

So läuft der Job, und es steht nur scheinbar im Widerspruch dazu, dass immer jüngere Rennfahrer Weltmeister werden. Sie lernen nur viel früher, was man alles wissen muss, weil sie sonst untergehen.

Mario Theissen erzählt, als er Vettel kennengelernt habe, 2002 sei das gewesen, da habe der ihn bei einem Nachwuchsrennen der Formel BMW am Ärmel gezupft und gesagt: "Ich bin der Sebastian, nächstes Jahr fahre ich hier mit." Vettel war 15, von klein auf Kart gefahren und trug Zahnspange, Theissen war damals wie heute Motorsportdirektor von BMW. Zwei Jahre später hatte Vettel 18 der 20 Saisonrennen gewonnen.

Ein Formel-BMW sieht aus wie ein kleines Formel-1-Auto, mit Flügeln und offenem Cockpit, und er funktioniert ähnlich. Vettel lernte in dem Ausbildungsprogramm der Rennserie, wie man Daten analysiert, das Fahrwerk abstimmt, sich passend ernährt und fit hält. Er war 17, stand vor dem Abitur und steckte schon mittendrin im Beruf.

An der Strecke von Barcelona sitzt Theissen, 56, im ersten Stock des Motorhome, die Klimaanlage in dem Büroraum säuselt vor sich hin. Seit der Formel BMW hat er Vettel nicht mehr aus den Augen verloren, sogar bei seinem Formel-1-Debüt vor knapp zwei Jahren saß Vettel im BMW-Sauber. Dass es bei diesem einen Grand Prix für das Team blieb, lag an Vettels mangelnder Erfahrung. "Er war nach unserer Einschätzung noch nicht so weit, einen etablierten Fahrer abzulösen", sagt Theissen. Er selbst habe Vettel halten wollen, so berichten es Eingeweihte, aber zu viele seien dagegen gewesen.

Bedauert er die Entscheidung? "So wie er heute fährt, ist er für jedes Team eine Topbesetzung", sagt Theissen. "Er ist jetzt wirklich auf dem Weg, ein ganz Großer zu werden."

Vielleicht war es sogar Vettels großes Glück, dass BMW ihn weiterziehen ließ. In der Formel 1 kann der talentierteste Rennfahrer nichts werden, wenn er nicht zum richtigen Zeitpunkt im richtigen Auto sitzt. Michael Schumacher wechselte 1991 zu Benetton, als dessen Konstrukteure begannen, ihre besten Autos zu bauen. Und Vettel stieg 2007 bei Toro Rosso zu, als der Rennstall jemanden brauchte, der ihn als Fahrer vorantreibt. Jetzt strauchelt BMW, während Vettels Red-Bull-Team auf dem Sprung nach vorne ist.

Dort entwirft Adrian Newey die Rennwagen, ein genialer, aber auch etwas weltfremder Radikalkünstler. Newey hat lange für die Teams Williams und McLaren-Mercedes gearbeitet und weltmeisterliche Kreationen entworfen, dann kam er zu Red Bull.

Newey, 50, hat schütteres Haar und große Ohren, er redet mit sanfter Stimme, sein Gesichtsausdruck wechselt in Sekundenbruchteilen zwischen Grinsen und Grübeln. Als Newey bei Red Bull anfing, mussten sie McLaren-Mercedes sogar sein altmodisches Reißbrett abkaufen - Newey pflegt seine Geistesblitze erst zu Papier zu bringen, bevor er sie von anderen in den Computer übertragen lässt und dem Realitätstest unterzieht.

Er hatte nie mit Schumacher zusammengearbeitet, jetzt genießt er es, an Vettel geraten zu sein. "Ich wollte immer noch einmal die Chance haben, in einem Team zu arbeiten, das jung ist", sagt Newey. "Und man muss sich vor Augen führen, wie jung Sebastian noch ist."

Vom "Baby-Schumi" zu "einfach nur Vettel"

Vor viereinhalb Jahren erst ist Red Bull Racing entstanden, damals kaufte Dietrich Mateschitz den maroden Jaguar-Rennstall auf und entfaltete sein eigenes Formel-1-Projekt. Der Österreicher Mateschitz, 64, ist ein unkonventioneller Unternehmer. Einst hatte er als Marketingchef bei Blendax gekündigt, um mit Hilfe thailändischer Investoren eine Firma aufzubauen, die ein pappsüßes, aber belebendes Getränk auf den Markt bringt.

Red Bull ist längst ein Welterfolg geworden, und Mateschitz hat gelernt, sich nicht beirren zu lassen, wenn man seiner Idee folgt. Mittlerweile legt sich Mateschitz sogar mit Coca-Cola und Pepsi an, so wie er es in der Formel 1 mit den Marktführern Ferrari und Mercedes tut. Er besitzt gleich zwei Teams, Toro Rosso und Red Bull Racing.

Seit zehn Jahren finanziert Mateschitz die Rennkarriere von Sebastian Vettel. Er, der Marketingmann, könnte seinen neuen Star jetzt herumreichen als Werbefigur für seine hippe Dose. Er könnte an Vettels Seite kleben, seht her, ich habe ihn zu dem gemacht, was er ist. Doch Mateschitz meidet lieber die Öffentlichkeit. Zu Vettel hält er unauffällig Kontakt. Wenn es am Wochenende eines Grand Prix etwas zu besprechen gibt, reden sie im abgeschiedenen Bürotrakt der Energy Station miteinander.

Vettel braucht auch nicht durch Motorshows zu touren, weil kein Autokonzern sein Gehalt finanziert; Red Bull least seine Motoren bei Renault. Er hat keinen Manager, der ihn mit so vielen Sponsorverträgen und Werbeauftritten versorgt, damit er, der Manager, selbst blendend verdient. Vettel ist ungewöhnlich normal für einen prahlerischen Sport wie die Formel 1.

Seit dem Rennen von Monza ist er der jüngste Fahrer der Formel 1, der je von der Pole Position gestartet ist, außerdem war niemand jünger, als er seinen ersten Grand Prix gewann. Diese Rekorde bedeuten Vettel nichts, "es gab einen Jüngsten vor mir, und es wird einen nach mir geben", sagt er.

Wichtiger ist ihm, was er nicht mehr ist. Als er in die Formel 1 kam, hieß er in den Schlagzeilen erst "Baby-Schumi", später "Bubi-Schumi". Derzeit trägt er keinen festen Boulevardnamen, aber was immer den Redakteuren so einfällt: irgendetwas mit "Schumi" werden sie kaum noch schreiben. Vettel ist "Vettel". Vielleicht ist das sein erstaunlichster Triumph.

Formel-1-Herrscher Bernie Ecclestone ist sein Fan und hält ihn für den kommenden Weltmeister. Sein wichtigster Berater aber bleibt weiterhin Vater Norbert, ein Zimmermann mit eigenem kleinen Betrieb in Heppenheim. Sebastian Vettel ist mit drei Geschwistern in bescheidenen Verhältnissen aufgewachsen, und bevor er im Talentkader von Red Bull landete, ging er mit dem Vater auf der Essener Motormesse von Stand zu Stand, um nach einem Förderer zu suchen. "Wir haben dort nie einen gefunden", sagt Sebastian Vettel, "aber wir haben es zumindest probiert."

Nach außen hin mag er offen und unkompliziert auftreten, aber er hat den Rennsport als Geschäft begriffen. Er ist misstrauisch. Nach dem ersten Rennsieg in Monza wollten ihn alle erdenklichen Leute managen, Fernsehkommentatoren, Agenturen. Der unvermeidliche Willi Weber diente sich via "Bild" an und sagte, Vettel könne hundert Millionen verdienen. Andere riefen bei den Eltern an und hinterließen ihre Bewerbung.

"Ich hatte nie Bedarf an einem Manager", sagt Vettel. "Nicht ausgeschlossen, dass ich einmal einen brauche. Aber das muss jemand sein, der mehr macht als nur Prozente zu kassieren. Ein enger Freund."

Noch ist das Leben vergleichsweise einfach. Außer Red Bull dient er keinem Sponsor, einen Skandal hatte er nicht zu bewältigen. Seine Freundin erscheint nie an der Rennstrecke, der Schutz der Privatsphäre scheint zu halten, im Internet kursieren keine Paparazzifotos von ihr.

Er mag schüchtern sein, aber sein Team folgt ihm schon nach fünf Rennen. Als er vorigen Sommer erstmals für Red Bull, ein durch und durch englisches Team, testete, funkte er während der Fahrt an die Box: "I need to get out of the car for a Pat Cash." Tennisprofi Cash unterbrach vor einigen Jahren ein Wimbledon-Match im entscheidenden Satz für einen Toilettengang, und wenn heute die Taxifahrer in London für eine Pinkelpause anhalten wollen, kündigen sie einen Pat Cash an.

Die Mechaniker in der Box waren ziemlich überrascht, wie dieser junge Bursche aus Deutschland da mit ihnen redete.