Wahlkampf: "Wir sind keine Spaßbremsen" - DER SPIEGEL
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Wahlkampf "Wir sind keine Spaßbremsen"

Der grüne Spitzenkandidat Jürgen Trittin über die Erfolge seiner Partei bei bürgerlichen Wählern und die Chancen für ein schwarz-grünes Bündnis nach der Bundestagswahl
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr Trittin, sind Ihnen die Wähler der Grünen manchmal unheimlich?

Trittin: Warum sollten mir Wähler unheimlich sein, die den Grünen bei den Europa- und Kommunalwahlen das beste Ergebnis aller Zeiten eingebracht haben?

SPIEGEL: Weil die einstige Protestpartei inzwischen vor allem da Erfolge feiert, wo behagliche Biederkeit herrscht: im Stuttgarter Süden, in Berlin-Prenzlauer Berg, sogar am Starnberger See, wo die Millionärsvillen stehen.

Trittin: Die Grünen waren immer die Partei der gebildeten Großstädter unter 60. Dass unter solchen Leuten auch manche sind, die gut verdienen, ist logisch. Ich werde mich nicht darüber beklagen.

SPIEGEL: Der Politikwissenschaftler Franz Walter hat gesagt: "Ganz bösartig ausgedrückt: Der gemeine Grüne ähnelt Helmut Kohl immer mehr."

Trittin: Das stimmt schon deshalb nicht, weil Umfragen zeigen, dass der durchschnittliche Grüne zwei- bis dreimal die Woche Sport treibt. Da stellt sich keine Kohlsche Leibesfülle ein.

SPIEGEL: Joschka Fischer gibt sich im Moment alle Mühe.

Trittin: Joschka war eben noch nie ein durchschnittlicher Grüner.

SPIEGEL: Beobachten Sie manchmal an sich selbst eine Tendenz zur gediegenen Bürgerlichkeit?

Trittin: Ich lege demnächst wieder als DJ auf, da spiel ich die "Toten Hosen" und ihr: "Es gibt tausend gute Gründe, auf dieses Land stolz zu sein. Warum fällt uns jetzt auf einmal kein einziger mehr ein?" Wenn Sie das spießig finden - bitte.

SPIEGEL: Der CSU-Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg jedenfalls hält die Grünen für so arriviert, dass er sich eine Koalition mit ihnen im Bund vorstellen kann.

Trittin: Vor einigen Monaten hat die CSU noch jedes Gespräch mit uns verweigert. Jetzt hat sie bei den Europawahlen neun Prozentpunkte verloren und stalkt uns. Aber Guttenberg will Laufzeiten von Kernkraftwerken verlängern und Steuern massiv senken. Das wird ein sehr kurzes Gespräch.

SPIEGEL: Ein kategorisches Nein klingt anders.

Trittin: Bei der Bundestagswahl wird es für kein Zweierbündnis reichen.

SPIEGEL: Die jüngsten Umfragen sprechen eine andere Sprache. Infratest dimap sieht die Union bei 36 Prozent, die Grünen bei 13 - das könnte reichen.

Trittin: CDU/CSU haben bei der Europawahl 6,7 Prozentpunkte verloren. Bei der Bundestagswahl wären sie damit unter der 30-Prozent-Marke.

SPIEGEL: Wir wissen, dass einige Spitzenpolitiker von Union und Grünen starke Neigungen zu Schwarz-Grün haben.

Trittin: Bei uns kenne ich keinen. Die Union ist für Atomkraft, Steuersenkungen für Gutverdienende, Freiheit für die Finanzlobby und Aufweichung von Klimaschutz zugunsten von Spritfressern und Industrie. Das sollen grüne Neigungen sein?

SPIEGEL: Dann reden wir über Dreierkoalitionen. Wie wäre es mit Jamaika, einem breiten Bündnis der bürgerlichen Kräfte in Deutschland?

Trittin: Vergessen Sie's! Das wäre für die Grünen eine Verliererkonstellation, denn bei allen wichtigen Fragen - Umwelt, Klima, soziale Gerechtigkeit - wären wir gegenüber Horst Seehofer, Angela Merkel und Guido Westerwelle in der Minderheit. Es stünden immer drei Parteien gegen eine. Wir sind doch keine Masochisten!

SPIEGEL: Wie steht's mit Rot-Rot-Grün?

Trittin: Erstens hat Frank-Walter Steinmeier eine Koalition mit Lafontaine, dem letzten Fan der Großen Koalition, ausgeschlossen. Außerdem ist Lafontaine nicht einmal bereit, den EU-Reformvertrag von Lissabon zu akzeptieren.

"Die Grünen sind gewillt, dieses Land zu regieren"

SPIEGEL: Bleibt also nur noch die Ampelkoalition aus SPD, Grünen und FDP.

Trittin: Die Grünen sind gewillt, dieses Land zu regieren - aber dazu gehören eine soziale und ökologische Modernisierung, mehr Bürgerrechte und eine verlässliche Außenpolitik.

SPIEGEL: Warum so kompliziert? Sie können doch klipp und klar sagen: Nach der Wahl kann ich mir eine Ampel vorstellen.

Trittin: Weil Regieren kein Selbstzweck ist. Wir werden Koalitionen davon abhängig machen, ob wir unsere Ziele durchsetzen können.

SPIEGEL: Warum ist Westerwelle so ein Schreckgespenst für die Grünen?

Trittin: Guido Westerwelle ist kein Schreckgespenst, sondern ein politischer Gegner. Nur glaube ich - wenn ich mir mal einen bescheidenen Coaching-Tipp erlauben darf - dass er mit seiner Ein-Punkt-Kampagne völlig falschliegt. Niemand glaubt, dass Geld für Steuersenkungen da ist, wenn wir gleichzeitig Milliarden zur Stützung der Konjunktur brauchen.

SPIEGEL: Wie wird der grüne Wahlkampf aussehen?

Trittin: Wir wollen eine Million Jobs in den nächsten vier Jahren schaffen. Deutschland geht einen falschen Weg bei der Bekämpfung der Krise. Der amerikanische Präsident Barack Obama nimmt 787 Milliarden Dollar in die Hand, um der Wirtschaftsflaute entgegenzuwirken, und will durch Ökoinvestitionen fünf Millionen grüne Jobs schaffen, die Chinesen versuchen Ähnliches mit 500 Milliarden Dollar. Der Beitrag der Bundesregierung dagegen ist lächerlich gering, gerade mal 80 Milliarden Euro. Das ist ein Armutszeugnis für ein Land, das Wachstumslokomotive für die Weltwirtschaft sein will.

SPIEGEL: Obama hat dieses Jahr ein Haushaltsdefizit von 13 Prozent zu verantworten. Wollen Sie im Ernst einen solchen Schuldenberg auftürmen?

Trittin: Erst mal muss man sagen, dass die Koalition viel Geld zum Fenster rausgeworfen hat - zum Beispiel zehn Milliarden für eine Steuersenkung, von der vor allem Besserverdiener profitieren. Die tragen das Geld nicht in die Geschäfte, sondern kaufen Staatsanleihen. Tolles Konjunkturprogramm!

SPIEGEL: Wie sähe das Konjunkturprogramm der Grünen aus?

Trittin: Massive Investitionen in erneuerbare Energien und Bildung. Wir würden die Hartz-IV-Sätze auf 420 Euro anheben und einen Mindestlohn einführen. Das würde sofort wirken, weil Geringverdienern gar nichts anderes übrig bleibt, als das Geld gleich wieder auszugeben.

SPIEGEL: Wie viel wird das kosten?

Trittin: 20 Milliarden Euro pro Jahr, bis 2013 also 80 Milliarden.

SPIEGEL: Wie soll das gehen? Gerade hat die Steuerschätzung ergeben, dass wegen der Krise dem Staat bis 2013 Mindereinnahmen von über 300 Milliarden Euro drohen.

Trittin: Erstens werden wir den Spitzensteuersatz von 42 auf 45 Prozent erhöhen. Dazu wird es zweitens eine Vermögensabgabe geben. Es ist ja nicht einzusehen, dass die Verursacher der Krise - und das sind vor allem Superreiche - nicht auch einen Beitrag zu deren Bekämpfung leisten. Und drittens wollen wir das Ehegattensplittung abschmelzen. Wir wollen das Leben mit Kindern unterstützen, nicht die Alleinverdienerehe.

SPIEGEL: Glauben Sie, Ihre Wähler in Starnberg wissen, was ihnen blüht, sollten die Grünen an die Macht kommen?

Trittin: Dort und in Berlin-Kreuzberg und in Hamburg-St. Pauli. Es gibt in Deutschland Initiativen von Millionären, die sich für eine angemessene Vermögensbesteuerung einsetzen. Daran sehen Sie: Auch Reiche kennen soziale Verantwortung.

SPIEGEL: Ist eine Stimme für die Grünen eine Art Absolution für einen luxuriösen Lebensstil?

Trittin: Schon wieder so ein Klischee. Ein Großteil unserer Wähler ist in Ausbildung und lebt in bescheidenen Verhältnissen. Wir haben aber auch zu einem guten Teil Leute, die sich ein gutes Leben leisten können und gleichzeitig nicht wollen, dass die Umwelt und die Armen hier und in der Welt vor die Hunde gehen. Das ist doch eine gute Einstellung!

SPIEGEL: Müssen Sie Ihren betuchten Wählern nicht die unbequeme Wahrheit sagen: "Um Umwelt und Klima zu retten, ist Konsumverzicht notwendig"?

Trittin: Was wir brauchen, ist kohlenstoffarmer Konsum. Anders leben, das ist das Ziel. Wir sind keine Spaßbremsen.

SPIEGEL: Die SPD hat bei der Europawahl das schlechteste Ergebnis ihrer Geschichte eingefahren. Was hat sie falsch gemacht?

Trittin: Sie hat sich im Wahlkampf als Partei der sozialen Gerechtigkeit präsentiert und gleichzeitig als Regierungspartei Sozialabbau betrieben. So was muss schiefgehen.

SPIEGEL: Liegt es nicht auch am drögen Spitzenmann Frank-Walter Steinmeier?

Trittin: Die SPD hat sich für Steinmeier entschieden.

SPIEGEL: Klingt nicht sehr begeistert.

Trittin: Die SPD kann sich niemanden backen. Sie muss sich zwischen den Leuten entscheiden, die sie hat.

SPIEGEL: Können die Grünen die SPD als linke Volkspartei ablösen?

Trittin: Es gibt Gegenden, wo die SPD über Jahrzehnte gedemütigt wurde, in Bayern und Baden-Württemberg etwa. Da ist sie zu einer Partei ohne Selbstbewusstsein geworden, und es gibt in der rot-grünen Wählerschaft die Sehnsucht nach einer echten Alternative. Das eröffnet uns die Chance, die SPD als starke Partei des linken Spektrums abzulösen. Aber ich warne vor Größenwahn. Wir sind noch weit davon entfernt, im ganzen Bundesgebiet 30 oder 40 Prozent zu holen.

SPIEGEL: Im Moment wildern Sie gehörig auf dem Terrain der SPD. Erst vor kurzem haben die Grünen zusammen mit dem DGB und der Linkspartei eine Resolution zum Mindestlohn verabschiedet.

Trittin: Ich darf mal daran erinnern, dass die Grünen schon für einen gesetzlichen Mindestlohn waren, als ihn die SPD für dirigistisches Teufelszeug hielt. Wenn jetzt die Genossen kommen und sagen: "Jetzt sind die Grünen auch für den Mindestlohn", dann sage ich: Nein, liebe SPD, ihr habt ihn verhindert, als wir in der rot-grünen Koalition noch eine Mehrheit dafür hatten.

SPIEGEL: Es fällt auf, dass Sie dauernd über Wirtschaftspolitik reden. Bei den Grünen heißt es, Sie übten schon Ihre Rolle als erster grüner Wirtschaftsminister.

Trittin: Wir Grünen haben uns bewusst dafür entschieden, einen Wahlkampf mit unseren Rezepten gegen die Krise zu führen. Dass ich ein bisschen Erfahrung in der Industriepolitik wie auf globaler Bühne mitbringe, muss ich ja nicht verschweigen.

SPIEGEL: Haben Sie Ihren Traum ausgeträumt, der nächste grüne Außenminister zu werden?

Trittin: Meine Träume breite ich bestimmt nicht im SPIEGEL aus.

INTERVIEW: DIRK KURBJUWEIT, RENÉ PFISTER