Karrieren Der Straßenkämpfer
Mehr Symbolgehalt geht nicht. Links liegt der Bosporus, dieser magische Ort, an dem Europa und Asien aneinanderstoßen, im Hintergrund leuchtet die Kuppel der Blauen Moschee, und jetzt stehen hier auch noch drei Mauerteile aus Styropor.
Berlin präsentiert sich in seiner Partnerstadt Istanbul, die Mauerstücke sollen in ein paar Wochen wieder nach Berlin gehen, wo sie dann am 9. November mit 1000 weiteren Teilen wie Dominosteine aneinandergestellt und umgestoßen werden. Vorher müssen sie allerdings bemalt werden, und der Berliner Bürgermeister soll den Anfang machen.
Jemand hat Klaus Wowereit einen breiten Pinsel in die Hand gedrückt, dazu eine Palette. Es ist sein erster offizieller Termin, alle erwarten, dass er sich jetzt etwas einfallen lässt, was zu diesem feierlichen Moment passt. Also taucht er den Pinsel in die rote Farbe, ein paar kräftige Borstenstriche, dann tritt er zurück und gibt den Blick frei für die Fotografen: "Wowi" steht dort an der Wand, das ist das Wort, das ihm zur Situation einfällt, welches ihm passend erscheint. Nicht "Freiheit" oder "Meine Liebe für Istanbul", wie der städtische Kulturbeauftragte schreibt, der nach ihm an der Reihe ist. Einfach "Wowi".
Man kann das für geschmacklos halten, auch für anmaßend, selbstverliebt, grenzenlos pubertär, oder ganz im Gegenteil für erfrischend burschikos und unprätentiös, in jedem Fall verrät es ein bewundernswert unverstelltes Selbstvertrauen.
Seit acht Jahren ist Wowereit in Berlin Regierender Bürgermeister, die letzte Wahl liegt knapp drei Jahre zurück, aber in der Wahrnehmung seines direkten Umfelds und wohl auch der eigenen ist er längst über das Amt hinausgewachsen. Er ist selbst Programm, das erfolgreichste Exportprodukt der Stadt, sein Pressesprecher spricht von der "Marke Wowereit", das klingt so, als ob Berlin stolz sein müsste, ihn zu haben, nicht umgekehrt.
Mit Sicherheit ist Wowereit einer der bekanntesten Politiker der Republik. Es gibt nicht viele, die von Thomas Gottschalk eingeladen werden, mit ihm bei "Wetten, dass ...?" auf der Bühne zu stehen; nur der Sozi aus Berlin schafft es mit einem Buch über ein Leben, zu dessen Höhepunkten das öffentliche Bekenntnis zur Homosexualität zählt, ganz vorn auf die Bestsellerlisten. Die Frage ist, ob er auch einer der besten Politiker des Landes ist.
Die Antwort darauf wird möglicherweise schon bald bedeutsam, denn Wowereit kann sich gut vorstellen, nicht nur Berlin, sondern auch Deutschland zu regieren, wenn die Zeit reif dafür ist. Und es gibt zunehmend Leute, die das ebenfalls denken. Je weniger aussichtsreich das Unterfangen des SPD-Kandidaten Frank-Walter Steinmeier scheint, im Herbst ins Kanzleramt einzuziehen, desto mehr wird bei den Sozialdemokraten über die Zeit danach nachgedacht. Wowereit wäre eine Alternative, in vielerlei Hinsicht - das erfüllt einige in der Partei mit Hoffnung, aber viele auch mit Sorge.
Das politische Geschäft kennt zwei sehr gegensätzliche Typen von Menschen, den Parteiarbeiter und den Wahlkämpfer. Der Parteiarbeiter verlässt sich beim Aufstieg auf die Gremien, die über die Verteilung von Posten bestimmen und in denen vor allem zählt, wie zuverlässig einer der Sache gedient hat, aus welchem Landesverband er kommt oder welchem politischen Flügel er angehört.
Vor größerem Publikum packt diesen politischen Vertreter oft eine eigentümliche Scheu, er wirkt dann gehemmt und hölzern, aber das macht nichts. Da das deutsche Parteiensystem die für den Parteiarbeiter segensreiche Einrichtung der Listenwahl kennt, ist er gegen die Unwägbarkeiten des demokratischen Auswahlverfahrens abgesichert, solange er nur hoch genug auf der jeweiligen Liste steht.
Der Wahlkämpfer hingegen sucht sein Heil auf der Straße. Er macht sein Fortkommen von der Zustimmung des Bürgers abhängig, was voraussetzt, dass er von diesem verstanden und auch gemocht wird. Der Wahlkämpfer ist deshalb immer versucht, den Stimmungen und Wünschen des breiteren Publikums nachzugeben, der Parteiarbeiter nennt das dann "populistisch", der Wahlkämpfer "populär".
Wowereit ist durch und durch ein Kind der Straße. Er hat alles, was er ist, der Fähigkeit zu verdanken, mühelos Kontakt zu Menschen herzustellen und sie für sich einzunehmen. Oder diese, wenn sie sich als Gegner erweisen, in Schach zu halten und gegebenenfalls niederzustrecken. Er ist das, was man einen politischen Selfmademan nennen könnte, darin gleicht er auf verblüffende Weise Gerhard Schröder und damit ausgerechnet dem Politiker, dem Steinmeier jahrelang treu diente, bis eine kleine Herrenrunde an einem Brandenburger See entschied, dass er jetzt selbst an die Spitze gehöre.
Tatsächlich gibt es zwischen dem ehemaligen Kanzler und dem Berliner Bürgermeister auffällige Parallelen: Beide haben sich aus einfachsten Verhältnissen nach oben geboxt - Wowereit ist wie Schröder vaterlos aufgewachsen, seine Mutter Hertha hat ihn und vier weitere Geschwister als Putzfrau durchgebracht -, beide verdanken ihre Karriere weniger dem braven Einsatz für die Partei, sondern dem Ehrgeiz, es allen zu zeigen, und der achselzuckenden Rücksichtslosigkeit Konkurrenten gegenüber.
"Alles war Kampf. Wer die Rivalen nicht wegbiss, war verloren", heißt es in Wowereits Biografie mit kaum verhohlener Begeisterung über den "innerparteilichen Darwinismus" der Berliner Welt, in der er groß geworden ist: "Das klingt brutal, hatte aber einen entscheidenden Vorteil. So wurde sichergestellt, dass nur abgehärtete Politiker nach oben kamen." Wowereit ist auch eine Art Anti-Steinmeier. Während der eine gerade den ersten Wahlkampf seines Lebens bestreitet, kennt der andere gar kein anderes Überlebensprinzip.
Wer seinen Aufstieg vor allem sich selbst verdankt, urteilt über Menschen, die aus dem Apparat kommen, immer etwas herablassend. Man wird in den Archiven keine abfällige Bemerkung über Steinmeier finden, aber Wowereit beherrscht die Kunst, auch ohne Zitierfähiges deutlich zu machen, wie groß die Distanz ist.
Zur Loyalität ist der wölfische Typ nur begrenzt fähig, das ist in der Politik nicht unbedingt von Nachteil. Schmerzhaft ist diese Erfahrung für diejenigen, die mehr erwartet hatten. Dem ehemaligen Berliner SPD-Fraktionschef Klaus Böger merkt man noch heute die Erschütterung darüber an, mit welcher Kälte sein einstiger Protegé ihn abservierte, als er nicht mehr von Nutzen war.
Jovialer Menschenfeind
In Wirklichkeit ist Wowereit, trotz aller Nonchalance und hemdsärmeligen Zugänglichkeit, ein seltsam zurückgezogener, in sich gekehrter Mensch, der seinen Charme so schnell ausschalten kann, wie er ihn zuvor angestellt hatte. Als "jovialen Menschenfeind" bezeichnet ihn eine Mitarbeiterin aus der Senatskanzlei, die seit langem mit ihm zu tun hat.
Die Senatsvorbesprechungen, bei denen sich der Bürgermeister mit den SPD-Senatoren abstimmt, sind bei den Beteiligten gefürchtet. Wowereit kann furchtbar sarkastisch sein, er empfindet eine geradezu diebische Freude, anderen Fehler nachzuweisen. Anders als man vermuten könnte, ist er ein fleißiger Aktenleser, Zahlen haben ihn immer interessiert, aus der genauen Kenntnis der Verwaltungsvorgänge bezieht er einen Teil seiner Macht. "Es ist fast unheimlich, wie Wowereit bei der Lektüre einer Vorlage sofort auf die Schwachstellen stößt", sagt sein Kulturstaatssekretär André Schmitz, "er hat einen nahezu siebten Sinn für die angreifbaren Punkte, das gilt auch bei Menschen."
Die Stadt hat davon durchaus profitiert. Wowereit trotzte dem Öffentlichen Dienst gleich am Anfang zehn Prozent Gehaltsverzicht ab und strich wie nebenbei noch 30.000 Stellen, was die Haushaltslage deutlich verbessert hat. 2007 musste das Bundesland zum ersten Mal in seiner Finanzgeschichte keine neue Schulden aufnehmen. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hat, kann Wowereit enorm stur sein; jede Verhandlung wird für ihn zur Machtprobe, deshalb nimmt er auch jede ernst.
"Es heißt oft, ich sei ein Spieler, aber das stimmt so nicht", sagt er, "ich weiß immer, welche Karten ich auf der Hand habe. Ich gehe ans Limit, aber ich spiele nicht Hasard."
Ein Missverständnis hat aus Wowereit einen Linken gemacht. Weil er der erste Sozialdemokrat war, der die Linkspartei außerhalb eines klassischen Ostlandes in eine Koalition nahm, glauben viele, dass er auch ihre Ziele teile, dabei hat er die Sozialisten in erster Linie genommen, weil sie aus seiner Sicht weniger Ärger machen als die Grünen. Die Politik des Neides, die bei den Linken hoch im Kurs steht, liegt Wowereit fern. Er ist sogar erstaunlich neidfrei, der Erfolg oder Reichtum anderer stoßen ihn nicht ab, sie faszinieren ihn eher. Er kann im Detail die Vorteile der verschiedenen Zimmer im "Oriental" in Bangkok benennen, was eine für einen Sozialdemokraten überraschende Kennerschaft der Luxushotellerie verrät; sein ungezwungener Umgang mit dem Berliner Glamourmilieu hat ihm früh den Ruf des Partylöwen eingetragen.
Die Schattenlage von Berlin war lange von Vorteil für Wowereit, hier konnte er sich ungestört entfalten, aber wenn er weiter will, braucht er Verbündete. Deshalb hat er sich jetzt mit Andrea Nahles zusammengetan, der Anführerin der Parteilinken in der SPD. Es war eine naheliegende Option, vielleicht sogar die einzige. Die Funktionäre um Steinmeier und Finanzminister Peer Steinbrück haben nie etwas für ihn übriggehabt, an ihrem Tisch ist kein Platz für den Mann aus Berlin. Als er vor zwei Jahren in den Parteivorstand einziehen wollte, wurden die Stellvertretersitze von fünf auf drei gekürzt; Wowereit glaubt, dass es darum ging, ihn dort rauszuhalten.
Er bleibt jetzt im Hintergrund. Er spielt keine Rolle auf Bundesebene, es gibt kein Thema, für das er zuständig wäre, nun trifft ihn auch keine Schuld, wenn es im Herbst schiefgehen sollte. Die Leute in der Führung hoffen, dass es zumindest für eine Fortsetzung der Großen Koalition reicht. Dann wären die Posten sicher, die sie sich erobert haben, sie sind zu alt, um auf eine zweite Gelegenheit warten zu können. Die Jüngeren setzen auf ein Ende der Koalition. Wenn die SPD von der Macht getrennt ist, schlägt ihre Stunde.
Die besten Chancen hat dann, wer eine Machtperspektive bietet, mit der die SPD zurück an die Regierung gelangen kann. Die Alternative zur Ampel, bei der die FDP die Seiten wechseln müsste, ist eine Koalition mit Linkspartei und Grünen, genau dafür steht Wowereit. Er hat in Berlin vorgemacht, dass man mit den Sozialisten regieren kann, nun muss er die Vorbehalte in der Partei überwinden. Diejenigen, die Wowereit verhindern wollen, verweisen darauf, dass er noch nicht besonders viel geleistet habe oder mit großen Ideen aufgefallen sei. Da ist etwas dran, selbst in Berlin wüssten im Augenblick wenige genau zu sagen, wofür er eigentlich steht. Aber das ist nicht der Punkt. Erstaunlich ist, wie viele sein Jungengesicht wiedererkennen, das immer etwas übernächtigt wirkt.
Wowereit funktioniert auch außerhalb der Politik, er braucht die Partei weniger als sie ihn, das ist sein Kapital. Bei einer Umfrage in der vergangenen Woche, wer Franz Müntefering als Parteichef nachfolgen sollte, führte er mit weitem Abstand vor den genannten Alternativen Umweltminister Sigmar Gabriel, Arbeitsminister Olaf Scholz und Parteivizin Nahles.
Sein größtes Problem ist die Langeweile. Es gibt derzeit keinen Grund, daran zu zweifeln, dass es 2011 für die Wiederwahl reicht, dafür sorgt schon die Schwäche der Berliner CDU, die über keinen ernsthaften Herausforderer verfügt. Aber jedes Mal wird es schwieriger, die eigenen Leute zur Wahl zu bewegen; in einer Legislaturperiode sammelt sich viel Ärger an.
Alle Wahlkämpfer brauchen die Aufregung der Auseinandersetzung, um auf Touren zu kommen, die Zeit der Stille ist für sie die größte Qual. Auch deshalb hat Wowereit die Volksabstimmungen über die Zukunft des Flughafens Tempelhof und den Religionsunterricht zu persönlichen Abstimmungen gemacht, aber das brachte nur vorübergehende Linderung.
Auch aus dem engeren Umfeld sagen sie ihm nach, er sei lustlos, nicht mehr richtig bei der Sache. Er stolpert durch Ausstellungen und Begrüßungstermine, er macht seine Witzchen, aber es gibt wenig, was ihn wirklich interessiert. Er darf sich jetzt nicht hängenlassen. Er muss so tun, als ob er sich für Berlin noch so begeistert wie am ersten Tag.
"Ich habe doch ein tolles Amt", sagt Wowereit und grinst sein Wolfsgrinsen. Die SPD-Spitze kann froh sein, wenn es ihn noch ein wenig in Berlin hält.