Lobbyismus Der größte Hecht
Gasversorgung: Kampf um die endliche Ressource
hat die Beine übereinandergeschlagen und die Arme hinter dem Kopf verschränkt. Er will jetzt noch einen Satz zu loswerden. "Ich habe große Zweifel daran, dass sich 'Nabucco' ohne Gas aus Iran wirtschaftlich betreiben lässt", sagt Schröder, dann wechseln seine Gesichtszüge ins Süffisante. "Aber Joschka wird den Konflikt mit Iran sicher lösen."
Schröder lacht heiser, das Thema macht ihm Spaß. Nabucco ist eine Pipeline, die Gas aus Zentralasien nach Europa führen und mit deren Bau im kommenden Jahr begonnen werden soll. Joschka Fischer wirbt im Auftrag zweier Energiekonzerne für das Projekt.
Iran sei ein Problem, sagt Schröder noch einmal. "Sagen sie das dem Joschka, wenn Sie ihn sehen", sagt er und zeigt sein Wolfsgrinsen.
Joschka Fischer lacht nicht, als man ihm die Botschaft des ehemaligen Bundeskanzlers ausrichtet. Fischer war unter Schröder Außenminister, er macht sich gern über andere lustig, aber er kann nicht einstecken. Schon gar nicht, wenn der Spott von Schröder kommt.
Neulich hat Fischer in der Zeitung einen Artikel über Afghanistan geschrieben. Es ging um "kumulierte Bedrohungen" und endete in dem Ratschlag, "all die Krisen in dieser Gegend einzudämmen und vielleicht sogar zu lösen: Nahost, Irak, Golf, Iran, Kaschmir." Alle Krisen in der Region, darunter macht es Fischer nicht.
Joschka Fischer und Gerhard Schröder ringen wieder miteinander. Es geht nicht mehr um die Macht in Deutschland, es geht jetzt um Pipelines, aber sonst hat sich nicht viel verändert.
Wettstreit der zwei größten Egos in der deutschen Politik
Der eine steht auf der Seite der Russen, seine Pipeline heißt "Nord Stream", der andere arbeitet gegen die Russen, seine Pipeline heißt Nabucco. Es geht um die der Zukunft, den Kampf um die endliche Ressource . Die beiden spielen jetzt "the great game", das große Spiel.
Aber wenn Joschka Fischer gegen Gerhard Schröder antritt, geht es nicht nur um die Frage, wer die längste Pipeline hat. Es ist der Wettstreit der zwei größten Egos in der deutschen Politik, ein Wettbewerb, der seit mehr als zehn Jahren läuft und noch keinen Sieger hat.
Das mit Iran sei völliger Unsinn, sagt Fischer über Schröders süffisante Bemerkung. "Überlegen Sie mal, was es heißt, wenn Nabucco nicht kommt", sagt er. "Die Region, geopolitisch, Moskau!" Er hebt die Arme in die Höhe, eine Geste der Verzweiflung.
Ein Scheitern von Nabucco wäre nicht nur geopolitisch schlimm. Es wäre auch nicht schön für Joschka Fischer. Fischer wird von und dem österreichischen Konzern OMV dafür bezahlt, dass er das Projekt befördert. Er hat ein persönliches Interesse daran, dass Nabucco kommt. Gerhard Schröder hat ein persönliches Interesse daran, dass es scheitert.
Nabucco, das ist zumindest die Idee, soll die Deutschen unabhängiger von russischem Gas machen. Schröder steht dem Aktionärsausschuss von Nord Stream vor, einem Konsortium, das mehrheitlich zu gehört. Der russische Konzern hat kein Interesse daran, dass Deutschland unabhängiger von russischem Gas wird. Deshalb ist Schröder gegen Nabucco.
Es ist der Wettstreit zweier Männer, die sieben Jahre Regierung gemeinsam durchgestanden haben. Jetzt kämpfen sie darum, wem die Zeit danach gehört.
Schröder zupft sich eine eingebildete Fluse von der Nase. Es ist eine Bewegung in Zeitlupe, er hat sie aus der Kanzlerzeit mitgebracht. Damals wollte er Zeit gewinnen, wenn er schwierige Fragen beantworten musste.
Am Morgen hat er im "Handelsblatt" einen positiven Kommentar über die Hartz-IV-Reform gelesen. Seine Reform. Langsam, so sieht er es, rücken seine Verdienste ins richtige historische Licht. Man sieht ihn jetzt in einem anderen, positiveren Licht. Das hat auch mit Fischers Einsatz für Nabucco zu tun.
Das Gas nach Deutschland fließt durch Schröders Pipeline
Was haben nicht alle auf ihm rumgehackt, als sich der Kanzler Schröder für Nord Stream eingesetzt hat, die Polen, die Balten, die Konservativen. Dabei ist die Sache aus seiner Sicht ganz einfach: Deutschland importiert rund 40 Prozent seines Gases aus Russland. Die Nord-Stream-Pipeline, die vom russischen Wyborg durch die Ostsee in die Nähe von Greifswald führt, wird Deutschland unabhängig von Transitländern machen. Wenn sie gebaut ist, kann es den Deutschen egal sein, ob die Ukraine ihre Rechnungen nicht bezahlt hat und Gazprom deshalb kein Gas mehr liefert. Das Gas nach Deutschland fließt dann durch Schröders Pipeline.
Wenn Schröder über Nord Stream erzählt, klingt das Vorhaben recht vernünftig. Das Problem war aber nie, dass er sich als Kanzler für Nord Stream eingesetzt hat. Die Probleme begannen in der Zeit danach.
Schröder war kaum einen Monat aus dem Amt geschieden, da nahm er seinen Posten im Aufsichtsgremium von Nord Stream an. Er wurde zum bezahlten Lobbyisten für eine Pipeline, die er als Kanzler vorangetrieben hatte. Das war legal, aber es hinterließ einen pelzigen Nachgeschmack. Die Deutschen mögen es nicht, wenn ihr Kanzler in Rekordzeit zum Elder Salesman wird statt zum Elder Statesman.
Schröder ärgert sich noch immer, dass die Leute das so sehen. Es ärgerte ihn vor allem, weil es lange Zeit ein leuchtendes Gegenbild gab: Joschka Fischer.
Fischer hat seinen Abschied vom Außenministerium inszeniert, er riss sich seine Krawatte vom Hals und schwärmte von seiner Rückkehr in die Freiheit. Anders als Schröder hat er den Wahlausgang im September 2005 noch am selben Abend akzeptiert. Es war ein würdiger Abgang, schrieben die Zeitungen.
Fischer nahm eine Gastprofessur in Princeton an, er schrieb Zeitungskommentare, er tat, was man als ehemaliger Außenminister eben so macht. Neben Fischer wirkte Schröder lange Zeit immer ein wenig schmuddelig.
Deswegen gefällt Schröder die Vorstellung, dass Fischer jetzt im Auftrag großer Energiekonzerne mit Iran verhandelt. Er erinnert sich sehr gut daran, was die Grünen seinerzeit über den Gazprom-Job gesagt haben: Dass Schröder eine politische Eselei begehe, dass er sich unanständig verhalte und seinen Ruf ruiniere.
Sportlicher Wettbewerb
Gasversorgung: Kampf um die endliche Ressource
Fischer arbeitet inzwischen nicht nur für RWE, er berät auch BMW und Siemens. Er bekommt also Geld von einem Autobauer, einem Hersteller von Atomkraftwerken und einem Betreiber von Atomkraftwerken. Dabei war er als Umweltminister in Hessen einer der härtesten Gegner der Atomindustrie. Als Vizekanzler hat er den Atomausstieg mitverhandelt. Das ist schon eine bemerkenswerte Karriere.
Er habe mit der Atomsparte der Unternehmen nichts zu tun, entschuldigt sich Fischer. Er mache im Wesentlichen das, was er auch früher gemacht habe. Mag sein, aber man versteht trotzdem, warum sich Schröder über Fischers neuen Job freut.
"Wie ich Joschkas Job verstanden habe, geht es um außenpolitische Beratung. Ich kann da keinen Makel dran finden", sagt Schröder. Er macht ein sehr ernstes Gesicht dabei. Er kann ja schlecht zeigen, was für eine Genugtuung es für ihn ist, dass Fischer nun eine ähnliche Rolle hat wie er.
Fischer vertritt jetzt einen Atomkonzern, es geht um Gasverträge mit Ländern wie Turkmenistan oder Aserbaidschan, gegen die Russland wie ein demokratisches Idyll wirkt. Er ist jetzt moralisch auf einer Ebene mit Schröder - zumindest aus dessen Sicht.
Sie haben sich noch nicht getroffen, um über ihre Jobs zu reden. Fischer und Schröder haben noch Kontakt, Freunde sind sie nicht mehr. Über die Weihnachtstage war ein Treffen mit den Familien geplant, das musste wieder abgesagt werden.
Schröder macht keinen Hehl daraus, dass Fischer und er stets auch in Konkurrenz zueinander standen. "Zwischen Joschka und mir gab es immer einen sportlichen Wettbewerb", sagt er. "Joschka hat immer geglaubt, er sei der Größte. Ich habe das von mir natürlich niemals angenommen." In Sachen Selbstironie hat Schröder Fischer einiges voraus.
"Der Größere ist der Koch, der Kleinere ist der Kellner"
Der Wettbewerb, von dem Schröder spricht, begann schon, bevor Rot-Grün 1998 an die Macht kam. Im Jahr zuvor hatten die beiden dem "Stern" ein gemeinsames Interview gegeben, von dem sich ihr Verhältnis nie mehr ganz erholt hat.
"Hochwohlgeboren scheint es nicht mehr gewohnt zu sein, dass es andere Meinungen gibt", sagte Fischer, und Schröder konterte: "In einer rot-grünen Konstellation muss klar sein: Der Größere ist der Koch, der Kleinere ist der Kellner." Für Schröder war die Politik ein ewiger Wettstreit darum, wer der größte Hecht im Teich ist. Für Fischer auch.
Das Problem war, dass Fischer sich nie als Kellner verstanden hat. "Das Gespräch hinterließ bei mir einen nachhaltig negativen Eindruck", schrieb er in seinen Erinnerungen. Er forderte den Kanzler allerdings nie direkt heraus. Es gab andere Wege, seine Überlegenheit zu zeigen.
Schröder kümmerte sich nicht um den intellektuellen Überbau seiner Politik. Er war ein Instinktmensch, ein Mann des Augenblicks, der krisenhaften Momente, ein Entscheider.
Fischer dagegen zeichnete gern die langen Linien. Manchmal waren seine Linien so lang, dass er selbst deren Ende nicht mehr sehen konnte. Fischer schaute auf Deutschland, die Welt und wie alles zusammenhängt. Wenn er im Kabinett mal wieder erläuterte, wie man die Dinge geopolitisch sehen muss, dann verdrehte Schröder die Augen.
Fischer führt Gespräche, aber er verhandelt nicht
Es war eine Rollenverteilung, mit der beide leben konnten, bis sich der Krieg gegen den Irak abzeichnete. Fischer war gegen diesen Krieg, aber er fand es falsch, wie Schröder sein "Nein" über die Marktplätze schrie.
Fischer war auch gegen die Neuwahl, die Schröder nach der nordrhein-westfälischen Landtagswahl verkündete. Den Koch beeindruckte das nicht. Er schloss die Küche Kanzleramt, beendete seine politische Karriere und die seines Kellners Fischer gleich mit.
Joschka Fischer sitzt in einem rechteckigen Bauhaussessel, den er nahezu exakt ausfüllt.
Er hat nach seinem Abschied auf eine internationale Aufgabe gehofft, irgendetwas für die Vereinten Nationen hätte ihm gefallen. Voriges Jahr suchte die EU einen Außenminister, er wäre ein guter Kandidat gewesen. Aber die politischen Verhältnisse waren nicht so.
Im vergangenen August hat Fischer ein Büro am Gendarmenmarkt gemietet. Die Wände strahlen noch in frischem Weiß, es fehlen ein paar Bilder. JF&C, Joschka Fischer & Company, steht auf dem Türschild, das klingt nach amerikanischer Anwaltskanzlei - oder nach Lobbyistenbüro.
Aber Fischer sieht sich nicht als Lobbyist. Nur, was ist er dann? Es ist nicht so einfach, das herauszufinden. Verhandeln Sie im Auftrag von RWE? Nein, sagt Fischer, er verhandle nicht. "Aber ich führe Gespräche." Fischer führt Gespräche, aber er verhandelt nicht. Es ist alles etwas rätselhaft bei ihm.
Klar sei, dass er nicht gegen Schröder antrete, sagt Fischer. Nabucco richte sich nicht gegen die Russen. Das ist eine Sichtweise, die wenige teilen. Die Russen sind gegen Nabucco, und Schröder hält auch nichts davon.
Fischer ist Konkurrent von Schröder, auch wenn er sich anders äußert. Er ist jetzt wieder Weltpolitiker, es geht um die Anbindung Zentralasiens an Europa, um bessere Beziehungen zur Türkei, um ziemlich viel also. Schröder geht es vor allem darum, das russische Gasmonopol zu erhalten.
Sie sind jetzt beide Lobbyisten, und vielleicht weiß man im kommenden Jahr, an wen diese neue Runde ihres langen Kampfes geht. 2011 soll mit dem Bau von Nabucco begonnen werden. Gaslieferverträge gibt es noch nicht, und es ist auch noch unklar, welchen Preis die Türkei für das Durchleiten des Gases haben will.
Es kann also sein, dass Schröder mit seiner Prognose recht hat und Nabucco nie wirtschaftlich arbeiten wird. Vielleicht fügt sich aber auch geopolitisch alles so, wie Fischer es beschreibt. Wie es auch kommt, der Verlierer wird die Niederlage nicht akzeptieren. Schröder gegen Fischer, der Kampf geht weiter.