Nahost "Schlachthaus der Religionen"
assir Arafat und Ehud Barak umschlangen sich auf dem Rasen vor der Blockhütte wie alte Bekannte, die sich nicht loslassen konnten oder wollten. Sie überboten sich geradezu an Höflichkeit, wer zuerst durch die Tür zum Verhandlungszimmer gehen sollte "Du zuerst", "Nein, du". Sie schoben, drückten, klammerten, lachten. Die Tür zum Frieden schien weit offen zu stehen.
So nah sei man sich gewesen, so verdammt nah wie nie an einem umfassenden Vertrag und einem permanenten Nahost-Frieden, meinte der amerikanische Präsident Ende Juli in Camp David. Weder Mitglieder der israelischen noch der palästinensischen Delegation, die Bill Clinton nach Camp David zwangsgeladen hatte, widersprachen dieser Einschätzung.
Zum ersten Mal hatten die Israelis dabei einer Teil-Internationalisierung unter Uno-Aufsicht zugestimmt, die Palästinenser sollten Selbstverwaltung und eine beschränkte Souveränität über Teile Ost-Jerusalems erhalten.
Es kam nicht zu einem Abkommen. Die Verhandlungsführer vertagten sich. Das lag diesmal vor allem an Arafat, der wegen seiner Verweigerung als umfeierter Held in die Heimat zurückkehrte, Barak empfing wegen seiner Zugeständnisse eisiges Schweigen selbst in seinem Kabinett.
Vorvergangene Woche sah die Situation dann schon bedenklicher aus. Zwar hatte der Palästinenser-Präsident am 25. September eine halbe Nacht lang bei dem israelischen Premier auf der Couch in dessen Privathaus gesessen, aber jetzt, in Paris, mochten Arafat und Barak nicht mehr gemeinsam auftreten. Die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright empfing sie getrennt in der US-Botschaft in der französischen Hauptstadt.
Arafat verlangte eine internationale Untersuchungskommission für die blutigen Auseinandersetzungen, bei denen scharfe Schüsse der israelischen Armee viele Palästinenser getötet hatten. Albright bot eine gemeinsame Untersuchung der Vorfälle an. Arafat lief empört über diese "Einseitigkeit" aus dem Zimmer, Albright mit ihren hochhackigen Schuhen hinterher.
"Schließt die Tore!", herrschte sie ihre Botschaftsleute an, als sie merkte, dass der Palästinenser-Chef nicht mehr einzuholen war, der "Gefangene" konnte das Terrain nicht verlassen, kehrte noch einmal an den Verhandlungstisch zurück. Wieder stand es Spitz auf Knopf. Wieder scheiterte die amerikanische Vermittlung, womöglich weil Arafat das amerikanische Kompromissangebot, auch einen "neutralen" Norweger in die Kommission zu berufen, nicht rechtzeitig erreichte.
Tragisch, und manchmal auch ein bisschen komisch: Die Geschichte des Streits zwischen Israelis und Palästinensern ist eine Geschichte vom Hass zweier Völker, die beide mit gutem Recht Ansprüche auf ein Land stellen, das ihnen heilig ist. Es ist aber auch eine Abfolge der verpassten Chancen, ausgelöst durch den mangelnden Mut der politischen Führer, ihre Bürger auf das Unvermeidliche eines schmerzlichen Kompromisses einzustellen und ihre Lust, den bequemeren Weg zu gehen, sich durch Härte und militärische Kampfbereitschaft zum Nationalhelden zu stilisieren.
Seit dem "Blutigen Donnerstag", an dem vergangene Woche das Land in einer Orgie von Gewalt unterzugehen drohte, sieht es jedenfalls so aus, als hätte die Diplomatie einstweilen keine echte Chance mehr. Der Friedensprozess, der vor sieben Jahren in Oslo so hoffnungsvoll begann und der bis vor wenigen Tagen noch zu retten schien, muss von neuem gestartet werden gegen den erheblichen Widerstand der Hauptakteure.
Israels Premier sagte: "Arafat ist kein Friedenspartner mehr." Der Palästinenser-Präsident entgegnete: "Sie haben uns den Krieg erklärt." Im Nahen Osten droht eine größere bewaffnete Auseinandersetzung mit unübersehbaren Folgen für die Region, für die ganze Welt.
Wie ein Seismograf reagierte die internationale Wirtschaft auf das Beben. Der deutsche Dax, zuvor im Plus, verlor 100 Punkte, der Dow Jones in New York fiel um 382. Der Ölpreis aber stieg dramatisch, zeitweise auf 37 Dollar. Und in manchen arabischen Hauptstädten wurde schon von der "Ölwaffe" geraunt, die man ja gegen den Westen einsetzen könnte.
US-Präsident Clinton warnte wie Bundeskanzler Schröder dringend vor einer weiteren Eskalation. Die könnte sich womöglich gegen westliche, vor allem US-amerikanische Einrichtungen wenden: Am selben Tag als der Mob im Westjordanland mordete, ließ jedenfalls im Hafen der jemenitischen Stadt Aden ein Selbstmordkommando eine Sprengstoffladung hochgehen, um den amerikanischen Zerstörer "USS Cole" zu versenken (siehe Seite 250).
Praktisch alle wichtigen internationalen Politiker drückten ihre große Sorge aus und boten in Gesprächen mit den Nahost-Führern ihre Vermittlung an. Am vorvergangenen Wochenende hielten sich der Uno-Generalsekretär Kofi Annan sowie der britische Außenminister Robin Cook und der EU-Chefaußenpolitiker Javier Solana in der Region auf. In Frankreich rief Präsident Jacques Chirac beide Seiten zur Mäßigung auf, Tausende wütender Demonstranten gingen für die Palästinenser auf die Straße, in Paris und Toulouse versuchten Extremisten, fünf Synagogen in Brand zu setzen.
In den USA geschah Unerhörtes: Präsidenten-Gattin Hillary Clinton griff bei einer pro-israelischen Demonstration die angeblich pro-arabische Politik der Regierung Clinton an sie braucht die Wählerstimmen der New Yorker Juden, sie will Senatorin werden.
Konkreter Auslöser für die nahöstliche Katastrophe war der Fahrfehler eines 33jährigen israelischen Reservisten. Er bog mit seinem Auto an der falschen Stelle ab und fuhr, offensichtlich nichts ahnend, mit seinen Kameraden direkt hinein nach Ramallah. Die Stadt liegt 15 Kilometer nördlich von Jerusalem und wird von den Palästinensern verwaltet.
Am vergangenen Donnerstag war Ramallah ein Ort in Aufruhr: Nachdem die israelische Armee tagelang arabische Steinewerfer beschossen hatte und bei Straßenschlachten mehr als hundert Menschen (darunter zehn Israelis) ums Leben gekommen waren, hatten sich dort zornige junge Demonstranten zu einer Protestkundgebung versammelt.
Die Palästinenser-Polizei brachte die uniformierten Israelis zum Verhör auf die Wache. Der Mob drang in das Gebäude ein, die Polizisten konnten oder wollten die Festgenommenen nicht schützen. Zwei starben durch Messerstiche und Tritte, der dritte wurde vermutlich schwer verletzt. Die johlenden Täter warfen eines ihrer Lynch-Opfer aus dem Fenster, bespuckten und traten den leblosen Körper, zündeten ihn an und zerrten ihn durch die Straßen.
Die Fernsehbilder schockierten die Welt und konnten die Israelis, die eine besondere Loyalität gegenüber ihrer Armee und ihren Soldaten pflegen, nicht ruhen lassen. Im Gegenzug drehte nun Barak an der Spirale der Gewalt, Auge um Auge, Zahn um Zahn:
Kampfhubschrauber griffen mit Raketen die Polizeistation von Ramallah an, zerstörten die Fernsehstation, die Israel für die "Aufwiegelung" der Palästinenser verantwortlich machte und bombardierten in Gaza-Stadt das Hauptquartier der Arafat-Leibwächter keine hundert Meter vom Amtssitz des PLO-Chefs entfernt. In der Nacht zu Freitag nahmen sie sich Ziele in Hebron und Jericho vor.
Das palästinensische Autonomiegebiet wurde auf unbestimmte Zeit abgeriegelt. Überall an den Grenzen ließen Israelis Panzer vorfahren, vor der Küste von Gaza auch Kriegsschiffe. Gedacht war der massive Einsatz offensichtlich als Drohung und Demütigung: Seht her, ihr Palästinenser, unsere Macht und was habt ihr?
Die israelische Regierung nannte ihre Übergriffe, die in Europa, aber auch in den USA als unverhältnismäßig empfunden wurden, "begrenzte Operationen", die Rache sei "symbolisch". Palästinensische Väter und Mütter, die zitternd vor Angst immer neue Blitze und donnernde Einschläge erlebten, die durch brennende Häuser und rauchverhangene Straßen irrten, konnten solche Worte nur als zynisch empfinden.
"Wenn Helikopter Raketen auf Zivilisten abfeuern, was soll das denn anderes sein als Krieg?", fragte der Palästinenser-Sprecher und langjährige Friedensverhandler Sajib Erekat.
Präsident Arafat schlug mit seinen Terror-Waffen zurück: Er entließ nach den Militärschlägen Dutzende der wegen Attentaten in den Gefängnissen von Gaza-Stadt einsitzenden Kämpfer der radikalen Hamas lange Zeit hatte er die Friedensfeinde auch als seine Feinde betrachtet und ihnen keine öffentlichen Auftritte gestattet. Nicht länger. Die militanten Kämpfer zogen in einem nächtlichen Triumphmarsch durch die Stadt und schworen jedem Israeli den Tod.
Letzten Freitag erklärte die Hamas zum "Tag des Zorns" einigermaßen ruhig blieb es nach dem Gebet in der Aksa-Moschee nur, weil die israelische Polizei mit einem Riesenaufgebot zur Stelle war. Und weil die Israelis nur Männer älter als 45 Jahre zur heiligen Stätte ließen eine weitere Erniedrigung, die die Palästinenser den Besatzern nicht vergessen dürften.
"Rabin hat sich geirrt, wir alle haben uns geirrt", schrieb Israels auflagenstärkste Zeitung "Jediot Acharonot" in einem Anflug von Verzweiflung. "Zwischen dem Meer und Jordanien gibt es noch immer einen riesigen Durst nach Blut und Tränen."
Ariel Scharon, 72, hat sich dagegen nicht geirrt und wird nicht müde, das zu betonen. Der Oppositionsführer vom rechtsgerichteten Likud ist der Beweis dafür, dass die Scharfmacher derzeit auch in Israel obenauf sind. Premier Barak will ihn jetzt in eine Notstandsregierung aufnehmen.
Scharon als Verteidigungsminister Israels diese Vorstellung schockt nicht nur die arabische Welt: Der ehemalige Armeechef war nicht nur stets ein strikter Gegner des Friedensprozesses, sondern steht auch für den beschämendsten Vorfall der neueren jüdischen Geschichte: In den Flüchtlingslagern Schatila und Sabra bei Beirut massakrierten 1982 die maronitischen Verbündeten der Israelis unter den Augen der israelischen Militärführung Hunderte palästinensischer Flüchtlinge. Viel spricht dafür, dass Scharon auch die jetzige Krise bewusst provoziert hat.
Am 28. September hatte sich der Likud-Chef, begleitet von Medien und gesichert von Polizei-Hundertschaften, dazu entschlossen, den heiligen Tempelberg zu besuchen. "Mein gutes Recht, sogar meine Pflicht", sagte der Mann, der sich vor einigen Jahren zum Entsetzen aller Friedensfreunde mitten in der seit dem Krieg von 1967 besetzten arabischen Altstadt Jerusalems ein Haus gekauft hat, dem US-Nachrichtenmagazin "Newsweek". Viele Juden sehen das aber anders, glauben sogar, dass ihre Religion ihnen einen Besuch auf dem Areal verbietet, auf dem die Aksa-Moschee steht.
Für gläubige Muslime jedenfalls ist der "Haram al-Scharif", wie sie den Tempelberg nennen, nach Mekka und Medina die drittheiligste Stätte der Welt: Von hier ritt nach dem islamischen Glauben der Prophet Mohammed auf einem Wunderpferd gen Himmel.
"Wir wissen nicht, ob Scharons Besuch die schlimmere Provokation war oder die Tatsache, dass Barak diesen Besuch genehmigt hat", sagt der arabische Israeli Asmi Bischara, Parlamentsmitglied in der Knesset. "Oder war es vielmehr die massive israelische Polizeipräsenz an der Moschee, das Massaker auf dem Platz vor der Aksa zur Gebetszeit am nächsten Tag?"
Für Scharon jedenfalls hatte die Eskalation nichts Außergewöhnliches, sie war seiner Meinung nach Folge einer verfehlten israelischen Politik. Die Barak-Regierung habe den Palästinensern Illusionen verschafft, sie besäßen irgendwelche Ansprüche auf irgendwelche Teile Jerusalems. Barak ist für ihn "ein schwacher Politiker", den Arafat nach Gutdünken "manipuliert".
Die Verhandlungen über "unser heiliges Jerusalem" sind für Scharon nichts anderes als Frevel. Natürlich sind ihm die Siedler wichtig, deren Recht, im palästinensischen Stammland überall zu siedeln, er vehement verteidigt. Aber das Alpha und Omega, das jüdische Nonplusultra, die Stadt aller Städte das ist ihm Jerusalem, die Unvergleichliche. Da erkennt er keine anderen Rechte an genauso wenig wie die andere Seite.
Hier hat König David nach jüdischer Auffassung zum ersten Mal die Stämme Israels vereint, hat Salomon den Tempel für die heilige, von Mose überlieferte Bundeslade gebaut. Jerusalem ist Zion, Zentrum der jüdischen Identität, zu allen Zeiten Symbol des Zusammenhaltens in der Diaspora, Hoffnung auf Heimkehr der in alle Winde Verstreuten: Wo immer ein Jude in der Welt ein Haus baute, sollte eine Wand unfertig bleiben, um das Provisorium zu symbolisieren. "Nächstes Jahr in Jerusalem" heißt der berühmte Gruß aus dem Pessach-Gebet.
Al-Kuds, die "Heilige", nennen aber auch die Araber diese Stadt. Und auch die dritte große monotheistische Weltreligion verehrt den Bereich um den Tempelberg mit der Inbrunst ihres christlichen Glaubens: Die ganze Liebe, der ganze Hass konzentrieren sich auf ein gerade mal ein Quadratkilometer großes Areal, wo sich Felsendom, Klagemauer, Grabeskirche und Dutzende anderer Sakralbauten aneinander reihen. Wo sich die Mauern, von Blut und Tränen getränkt, oft überschneiden.
Alles ist nur einen Steinwurf entfernt was manche, auf den Dächern zwischen den engen Gässchen stehend und an die alten, sandsteinfarbenen Quader gedrückt, sehr wörtlich nehmen.
In anderen Städten wird man durch das Klappern der Müllabfuhr geweckt, vom Grölen der letzten Bargänger oder dem ersten Busfahrer. In Jerusalem fast immer von Gott. Den Anfang machen die Muezzins, die im Morgengrauen von ihren Minaretten die Größe Allahs verkünden und zum ersten der fünf täglichen Pflichtgebete rufen. Dann kommen die frommen Juden, die zum Gebet an die heilige Klagemauer eilen und zu Jahwes Lob in einen monotonen Singsang verfallen.
Christen streben zur Grabeskirche und preisen Gott und seinen Sohn. Bis kurz vor Mitternacht begehen die Katholiken ihre Messen, dann wecken die griechisch-orthodoxen Mönche ihre Geistlichen, deren Dienst beginnt. Um ein Uhr zelebrieren die Armenier ihre Mette, danach die Kopten und enden frühmorgens, wenn der Ruf des Muezzin wieder ertönt.
So heilig ist die Stadt, dass man Atheist werden könnte. Immer ging es in der Stadt der Nachfahren des allen gemeinsamen Urvaters Abraham um Recht haben, Recht behalten, um den allein selig machenden, direkten Himmelskontakt. In Jerusalem war und ist der Allmächtige stets allgegenwärtig. Gott: ein Ortsgespräch.
Bekommen ist der "Hochgebauten" diese Frömmigkeit nicht. Oft standen die Eroberer auf dem Ölberg, von David bis Dajan. Mehr als 40 Kriege tobten um "Jeruschalajim", oft übersetzt als "Stadt des Friedens". 17-mal wurde sie zumindest teilweise zerstört, ein Dutzend Mal wechselte sie die herrschende Glaubensrichtung. Das Jerusalemer Jahr, errechneten kürzlich Wissenschaftler, hat mehr religiöse Feiertage als Tage überhaupt.
"Schlachthaus der Religionen" nannte Aldous Huxley dieses Jerusalem. Beim Propheten Sacharja in der Bibel heißt es: "Ich werde Jerusalem zur steinernen Last aller Völker machen."
Womöglich ist Jerusalem genau das schon geworden. Der Schriftsteller und Stadtchronist Amos Elon sieht eine Gewaltspirale ohne Ende: Von denselben Mauern aus, die die Römer im Jahr 70 und die Kreuzritter im Jahr 1099 stürmten und von denen sie herunterschossen, zielen heute junge, wie angeblich einst David, mit Schleudern und Steinen bewaffnete palästinensische Kämpfer. "Wenn ich dich je vergesse, Jerusalem, soll mir die rechte Hand verdorren" dieser Vers des 137. Psalms war jahrhundertelang ein jüdisches Gebet, dann wurde es auch zum Kampfruf des PLO-Chefs Arafat.
Aber muss die Vergangenheit immer auch die Zukunft sein? Haben nicht trotz aller aufgeputschten Emotionen, trotz des Anspruchs der Israelis und Palästinenser auf "ihre" Hauptstadt Jizchak Rabin, Schimon Peres und Jassir Arafat mit ihren Friedensverhandlungen in Oslo 1993 bewiesen, dass mutige Politiker die Lunte am heiligen Pulverfass löschen können?
Die späteren Friedensnobelpreisträger haben damals die Jerusalem-Frage und auch die Zukunft der jüdischen Radikalen-Siedlungen im Gaza-Streifen und im Westjordanland zurückgestellt. Sie hofften auf einen unumkehrbaren Prozess der gegenseitigen Annäherung und auf ein Wunder.
Jizchak Rabin zahlte als Erster den bitteren Preis für seinen Optimismus. Am 4. November 1995 tötete der ultraorthodoxe jüdische Fanatiker Jigal Amir den Ministerpräsidenten, ein bis dahin von den auf radikale Palästinenser fixierten Sicherheitsdiensten nicht für möglich gehaltener "Brudermord". Schimon Peres erlitt nach dem Nobelpreis die beiden demütigendsten politischen Niederlagen seines Lebens: Er verlor im Mai 1996 die Wahl gegen den konservativen Likud-Kandidaten Benjamin Netanjahu, der den Friedensprozess auf Eis legte; und er unterlag am 31. Juli 2000 bei der Wahl zum Staatspräsidenten als klarer Favorit dem so gut wie unbekannten Gegenkandidaten Mosche Kazaw.
Jassir Arafat, der Attentatsgewohnte, aber überstand jede Volte. Der Ex-Terrorist ist seit Januar 1996 Präsident der Palästinensischen Autonomiebehörde und damit eines Staatswesens ohne zusammenhängendes Staatsgebiet. Zwar gibt es in Palästina inzwischen einen Flughafen, eine Staatsflagge und eine Fußball-Nationalmannschaft, aber das Land erinnert an Bantustan, an einen Flickenteppich von Israels Gnaden. Die Überland-Verkehrswege von und zu den palästinensischen Zentren Hebron, Nablus, Ramallah und Gaza-Stadt kontrollieren de facto weiterhin die Besatzer.
Trotz aller Fehlkalkulationen erwies sich der selbst erklärte Revolutionär zumindest bislang als politischer Überlebenskünstler, der aus jeder Krise scheinbar gestärkt hervorging. "Ich bin der Phönix, der aus der Asche steigt", rühmt sich Arafat gern.
Wie ein Spieler, der seine gerade eingestrichenen Gewinne auf eine Karte setzt, um die Bank zu sprengen, scheint auch Arafat immer wieder bereit, alles zu riskieren nur um dann letztlich doch zu verlieren. Mal versucht er es mit Friedensschalmeien. Aber wenn er Gewalt als Ass in seinem Ärmel wähnt, schreckt Arafat ganz offensichtlich auch vor ihrem Einsatz nicht zurück.
Die Folgen der eigenen Überschätzungen waren stets schwere Niederlagen: 1970 glaubte der Palästinenser-Führer, er könne Jordaniens König Hussein, in dessen Reich die PLO einen Kleinstaat errichtet hatte, herausfordern und musste mit ansehen, wie die loyalen Beduinentruppen des Haschemiten-Herrschers die schlecht ausgestatteten PLO-Kämpfer im legendären "Schwarzen September" aufrieben und aus dem Land jagten.
Gerade mal zehn Jahre später riskierte Arafat seine neue Heimstatt im Süden des Libanon. Von dort aus ließ er nicht nur das "zionistische Gebilde" unter Beschuss nehmen, sondern kujonierte durch seine Kämpfer auch die libanesische Bevölkerung. Folge: Diese ließ eine eigene Miliz gegen die PLO-Truppen aufmarschieren, und die Regierung in Beirut sah mit klammheimlicher Freude zu, als Israel mit seinem Libanon-Feldzug 1982 die Palästinenser aus dem Lande jagte.