Berlin: Eine Spreefahrt ist nicht lustig - DER SPIEGEL
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Berlin Eine Spreefahrt ist nicht lustig

Kein Berlin-Besuch ohne Rundfahrt auf der Spree. Doch was bekommen die Passagiere zu hören?
Touristenschiff am Kanzleramt
Touristenschiff am Kanzleramt

Touristenschiff am Kanzleramt

Foto: Rolf Kremming / Picture Alliance
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Etwas ändert sich, als das Schiff auf der Spree Richtung Regierungsviertel schnauft. Knapp eine Stunde ist vergangen, die Gäste des Ausflugsdampfers wurden mit allerlei Anekdötchen berieselt, wofür ein Schlaks mit Schirmmütze zuständig ist. Museum links, Museum rechts, hier sei einmal die Grenze zwischen Ost und West verlaufen. So spult er routiniert sein Programm ab. Im grobmaschigen Matrosenpullover balanciert ein Mann mit Kaffee und Kuchen auf dem Oberdeck.

Aber nun - es geht am Bundestag vorbei zum Kanzleramt - wird dazu Häme gereicht.

"Schauen Sie mal, da vorn, der Schlussstein an der Brücke", knarrt es aus den Lautsprechern. "Erkennen Sie die Person?"

Die Gäste starren in Richtung der roten Sandsteinbrücke, der man entgegenschippert. Der Alleinunterhalter macht eine kleine Pause. Aber niemand antizipiert den drohenden Scherz. "Nein, das ist kein Porträt von Angela Merkel. Das ist ein Bildnis von Helmuth Moltke, dem preußischen General, aber achten Sie mal auf die Mundwinkel."

Der Stadtführer zieht nun selbst die Mundwinkel doggenartig herunter. Leichte Heiterkeit an Deck, eine Dame, von deren Frisur der Wind wenig übrig gelassen hat, stößt ihrem Gatten feixend in die Seite.

Ein Mann hebt sein Bierglas anerkennend Richtung Moderator. Noch ein kurzer Blick auf die Moltke-Skulptur, und schon rauscht der Dampfer unter der Brücke hindurch.

Von Frühjahr bis Herbst fahren Schiffe Besucher durch die Berliner Wasserstraßen. Es gibt Fahrten mit und ohne Livemoderation, Zweistundenfahrten, Dreistundenfahrten und Mondscheinfahrten, ein Boot heißt sogar "Motorschiff Angela", aber das sei schon drei Jahre vor der heutigen Bundeskanzlerin vom Stapel gelaufen, im Jahr 1951, betont der Reeder. Sein Kahn sei unpolitisch.

Bundeskanzleramt in Berlin

Bundeskanzleramt in Berlin

Foto: Wolfgang Kumm/ dpa

Es gibt an Deck natürlich kundige Stadtführer mit großem Wissen über Baustile, Epochen und historische Ereignisse. Aber da die deutsche Geschichte nicht unbedingt zur Unterhaltung taugt, müssen regelmäßig die Politiker der Gegenwart herhalten. Es scheint Erleichterung zu verschaffen, "die da oben" im Vorbeifahren verbal anzupinkeln.

Dabei gibt es, wie man nach mehreren Fahrten bemerkt, eine Art Hämekatalog. Sticheleien zum Thema Berliner Bautätigkeit finden sich darin: "Stellen Sie sich vor, dieses Haus wurde fristgerecht fertig gebaut", ruft ein Skipper in gespieltem Unglauben. Rentner lächeln wissend, man kennt ja das Schicksal der Berliner Großprojekte.

Vom Oberdeck betrachtet, bekommt das Volk reichlich Anschauungsmaterial zum Repräsentationswillen seiner Vertreter. Hinweise auf die in Berlins Mitte verbauten Steuergelder sorgen für Aufregung unter den Gästen: "Hier, das Kanzleramt, das hat Milliarden gekostet. Es hat mehr Fläche als das Weiße Haus."

Oder das Parlament: "Wir fahren jetzt an der Bundestagskita vorbei - ja, ja, was es hier alles gibt für die Damen und Herren Abgeordneten." Das Publikum ist dankbar: "Jibs ja nich"-Rufe einzelner Fahrgäste. Oder schniefende Schau-dir-dit-mal-an-Gesichter. Der Bundestag wird "die Schwatzbude" genannt.

Halb Wahres und Aufgeschnapptes fügen sich so wie Puzzlesteine zu einem unschönen Gesamtbild vom Raffke und Nimmersatt, wofür immer neue Beispiele angeführt werden. Ein neues Innenministerium am Spreeufer reiche wohl nicht, heißt es an Bord, nein, es müsse auch noch ein milliardenteurer Neubau für den BND her. "Unser schönes Geld", murmeln Gäste.

Bald fährt der Dampfer an einem Appartementgebäude vorbei. "Schauen Sie dort drüben, das ist die Bundestagsschlange, ein Wohnkomplex, geplant nur für Abgeordnete. Aber da wollten sie nicht rein. Fühlten sich zu sehr beobachtet, die feinen Leute. Horst Seehofer, der nahm da allerdings eine Wohnung. Sie wissen ja, wozu." Ja, wozu eigentlich? Ach ja, fernab der bayerischen Heimat ist er Vater geworden.

Schloss Bellevue

Schloss Bellevue

Foto: Kay Nietfeld/ dpa

Am Bundespräsidialamt darf der Fingerzeig nicht fehlen, dass das Schloss Bellevue dem Bundespräsidenten wohl nicht reiche - als Wohnsitz stehe außerdem noch eine Dienstvilla zur Verfügung. Endlich hat der Ausflugsdampfer sein Ziel erreicht, Rentner drängeln zum Ausgang, Reiseleiter winken mit Schildchen und Schirmen.

Da kommt noch ein kleiner Hinweis aus den Lautsprechern, ein vermeintlicher Geheimtipp im Flüsterton. Da hinten, da sei das beste Lokal Berlins, der Grill Royal. Es lohne sich, die Nase an den Scheiben platt zu drücken. "Dort treffen sich die Schönen und Reichen, George Clooney, Angela Merkel."

Das Schiff legt an, der Alleinunterhalter verabschiedet die Gäste und hält seine Schirmmütze den Fahrgästen entgegen. Jeder geht nun seines Weges. Man möchte gern fragen, wie es die Frau mit den herunterhängenden Mundwinkeln in die Kategorie "reich und schön" geschafft hat. Aber man lässt es dann doch.

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