Frank-Walter Steinmeier: Präsident Superman - DER SPIEGEL
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Frank-Walter Steinmeier Präsident Superman - für den Moment

Nach dem Scheitern der Jamaika-Gespräche erlebt Frank-Walter Steinmeier die Sternstunde seiner Präsidentschaft. Muss er demnächst dafür büßen?
Staatsoberhaupt Steinmeier im Rathaus in Mühlhausen: Vater der Stagnation?
Staatsoberhaupt Steinmeier im Rathaus in Mühlhausen: Vater der Stagnation?

Staatsoberhaupt Steinmeier im Rathaus in Mühlhausen: Vater der Stagnation?

Foto: Martin Schutt/ dpa
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Er ist gerade auf dem Weg durch die Erfurter Altstadt, hat die engen Geschäftsstraßen hinter sich gelassen und steuert auf die Mikwe zu, die mittelalterliche Ruine des jüdischen Tauchbads, wo er ein Grußwort an die Thüringer richten will. Er will eigentlich nur sagen, wie schön es hier ist, wie nett er empfangen wird, als ihm ein älterer Herr hinterherruft: "Herr Bundespräsident, machen Sie den Jungs Druck, dass wir endlich wieder eine Regierung haben!"

Steinmeier dreht sich um und sucht den Mann in der Menge. Was soll er jetzt sagen?

Seit vor drei Wochen die Sondierungen für eine Jamaikakoalition scheiterten, es also vorerst keine neue Regierung in Deutschland gibt, wird Steinmeier von einer ungewohnten Welle der Sympathie getragen. Kein Superlativ erscheint groß genug für ihn. Steinmeier ist jetzt: der mächtigste Deutsche. Der mächtigste Bundespräsident. Der Mann, der Deutschlands Demokratie retten muss.

Oder der Mann, der Deutschland vor einem zweiten Weimar bewahrt.

Präsident Superman. Er hat lange auf diesen Moment gewartet, auf die ungeteilte Begeisterung von Menschen, die ihn aus ihren Fenstern hängend, um Selfies bettelnd, als den mächtigsten Mann Deutschlands begrüßen wie einen König. Sie stehen Spalier, wenn er in Thüringen aus seinem Dienstwagen steigt, schenken ihm Plätzchen, sie klatschen ihn ab. Er bekommt sogar Szenenapplaus, wenn er ein ganz gewöhnliches Pressestatement abgibt. Wenn Steinmeier in diesen Tagen unterwegs ist, ist nichts mehr gewöhnlich. Es herrscht permanenter Ausnahmezustand.

Aber Steinmeier will sich nicht einfach hinwegtragen lassen von einer Stimmung, das ist nicht seine Art. Und er weiß, wie gefährlich das ist, die "15 minutes of fame", die gefährlichen 15 Minuten Ruhm, die man am Ende teuer bezahlen muss. Er ist jetzt derjenige, auf dem alle Hoffnung liegt. Er soll für alles sorgen, vor allem für eine neue Regierung.

Er schaut den älteren Herrn an, der ihm hinterhergerufen hat.

"Und wenn sie da ist", ruft Steinmeier und meint damit die Regierung, "dann schimpft ihr wieder."

Vor wenigen Wochen war Steinmeier noch ein Präsident, für den sich kaum jemand interessierte. Nach mehr als sechs Monaten im Amt musste er immer noch um Aufmerksamkeit buhlen, und lange schien es, als könne er nicht aus dem Schatten seines Vorgängers Joachim Gauck heraustreten, der so viel besser reden kann. Nun aber ist er über Nacht der Mann der Stunde geworden. Alle bisherigen Urteile über Steinmeier haben sich ins Gegenteil verkehrt. Was ihm vor ein paar Tagen noch als Langeweile ausgelegt wurde, gilt nun als Ausweis von Verlässlichkeit. Besser konnte es für ihn gar nicht laufen.

Das heißt nicht, dass sich nicht alles genauso schnell wieder ändern könnte. Steinmeier hat den Hype um SPD-Chef Martin Schulz erlebt, er weiß, wie schnell es vorbei sein kann mit der Popularität. Heute wird er bejubelt wie der Kaiser von Deutschland, morgen ist er vielleicht wieder der Langweiler.

Präsident Steinmeier, Politiker Schulz: "Wie fühlt es sich an, der größte Herrscher zu sein?"

Präsident Steinmeier, Politiker Schulz: "Wie fühlt es sich an, der größte Herrscher zu sein?"

Foto: ddp / abaca press

Es ist genau genommen nicht viel, was Steinmeier zu einem allseits gelobten Staatsoberhaupt gemacht hat. Er hat Parteichefs und die Fraktionsvorsitzenden nacheinander ins Schloss Bellevue eingeladen, um sie an ihre Verantwortung zu erinnern, an eine Selbstverständlichkeit also. Sie sollten sich darum bemühen, dass es in Deutschland bald eine neue Regierung gibt. Steinmeier hat befolgt, was die Verfassung von ihm als Staatsoberhaupt verlangt. Er hat, anders gesagt, nur seine Pflicht getan, das allerdings unfallfrei, und dafür ist er nun ein Held.

Er sitzt auf einem Podium, zusammen mit Thüringens Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, der das Aufsehen, das der Präsident erregt, mehr zu genießen scheint als Steinmeier selbst. Zwischen ihnen sitzt ein Vorstand der Organisation "Spirit of Football", die sich an Schulen mithilfe des Fußballs um Integration und Völkerverständigung bemüht. Steinmeier und Ramelow sollen Fragen beantworten, die Schüler für die sogenannte Kinderpressekonferenz vorbereitet haben.

Der Vorstand, auf dessen Namensschild "schrecklicher Sven" steht, lässt die Kinder nacheinander ihre Fragen stellen, bis er zur sechsten, der letzten Frage kommt.

Er ruft Annabel auf. Annabel hat eine Frage an den Bundespräsidenten, die "alles entscheidende finale Frage".

"Wie fühlt es sich an", fragt Annabel, "ein so mächtiger Herrscher zu sein, der größte Herrscher?"

Bevor Steinmeier etwas sagen kann, wird er rot.

Steinmeier quält sich durch seine Antwort. Er versucht zu erklären, dass der Bundespräsident nicht so mächtig ist, wie alle denken. Er redet von "Gesetzesvorschlägen", von "Gesetzgebungsarbeit", bis es Bodo Ramelow zu viel wird mit dem gewundenen Understatement des Bundespräsidenten. Ramelow ergreift das Wort, obwohl er gar nicht gefragt worden war. "Dieser scheinbar machtlose Bundespräsident", erklärt er den Kindern, "hat im Moment tatsächlich die wichtigste Frage für uns alle zu klären." Von ihm hänge es ab, wann wir wieder eine Regierung bekommen.

Um ein erfolgreicher Bundespräsident zu werden, braucht es manchmal gar nicht so viel. Manchmal reicht eine einzige gute Rede zur rechten Zeit, um als Bundespräsident in Erinnerung zu bleiben. Für Steinmeiers Vorgänger Joachim Gauck war da die Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz zwei Jahre nach Amtsantritt, in der Gauck eine aktivere deutsche Außenpolitik forderte, notfalls auch militärisch. Für Christian Wulff war es die Rede, in der er sagte, dass der Islam zu Deutschland gehöre, bei Roman Herzog die Ruck-Rede, in der er sich für Wirtschaftsreformen in Deutschland aussprach und die so etwas wie das Maß für aufrüttelnde Reden von Bundespräsidenten geworden ist, obwohl diese Rede rhetorisch noch nicht einmal herausragend war, sie passte eben nur genau in ihre Zeit.

Roman Herzog 1997 bei seiner Grundsatzrede in Berlin

Roman Herzog 1997 bei seiner Grundsatzrede in Berlin

Foto: Andreas Altwein/ picture-alliance/ dpa

Es ist nicht leicht, diesen Moment tatsächlich zu erwischen, es ist manchmal auch Zufall und Glück mit dabei. Der Bundespräsident hat ein Amt ohne Macht, in dem es nicht zuletzt um Haltungsnoten geht, eine intakte Fassade, den richtigen Ton. Es geht darum, ein klares Profil zu finden, das passende Thema, das am Ende die Präsidentschaft definiert.

Für viel mehr ist in diesem Amt ohnehin kein Platz. Selbst Richard von Weizsäcker, der zu den erfolgreichen modernen Bundespräsidenten gehört, bleibt vor allem für ein Thema in Erinnerung, den Dauerkonflikt mit der Regierung von Helmut Kohl. So hat er es geschafft, sich als Bundespräsident zu profilieren.

Steinmeiers Thema ist nun gesetzt: die Große Koalition. Die nächste Bundesregierung wird, wenn sie denn ohne Neuwahlen zustande kommt, wie keine davor die des amtierenden Bundespräsidenten sein. Egal wie viel Anteil Steinmeier an der Regierungsbildung tatsächlich hätte, es würde immer die Regierung sein, die er ins Amt gebracht hat.

Sollte es diese neue Regierung tatsächlich geben, wird man von Steinmeier sagen, dass er ihr Vater sei, dass er die Gespräche geführt habe, die sie erst möglich gemacht hätten. Er hat das Machtwort gesprochen, das die SPD zum Umdenken bewegte. Nach dem Gespräch zwischen Steinmeier und Martin Schulz schloss die SPD eine Große Koalition nicht mehr aus.

Es ist die Geschichte, die Steinmeier als Bundespräsident groß gemacht hat, sie könnte zugleich sein Fluch werden. Jetzt, da alles wackelt, sogar die Kanzlerin, ist Steinmeier der Garant der Stabilität.

Morgen aber, wenn die Ödnis der Großen Koalition einsetzen sollte, würde er der Vater der Stagnation sein. Als ihn in Mühlhausen einer der Mitreisenden bittet, ein Foto vor dem SPD-Café Freiraum zu machen, greift eine Mitarbeiterin ein: dort lieber kein Foto. Nicht zu viel Nähe zur Parteipolitik. Aber ist es dafür nicht viel zu spät?

Viel zu lange ist Steinmeier schon in der SPD, viel zu sehr gehört er zum Establishment der Partei. Formal ruht seine SPD-Mitgliedschaft, solange er Bundespräsident ist, aber wer weiß das schon? Das Hauptproblem sei, sagt er gewohnt steinmeierisch: dass alle, die Verantwortung trügen, irgendwie zum Establishment zählten und es den irrigen Glauben gebe, "dass der Kampf gegen das sogenannte Establishment die Lebensverhältnisse verbessert".

Steinmeier hat wirklich Politik gemacht, das unterscheidet ihn von seinem Vorgänger. Aber er will kein Politiker mehr sein. Für die Regierungsarbeit sind jetzt andere verantwortlich. Deshalb gibt er sich in Thüringen auch Mühe, den Eindruck zu zerstreuen, er sei ein mächtiger Mann.

Er macht Witze mit Kindern, spricht für ein Kinderradio über Tammy Blue, ein Blauwalbaby, wuchtet sich bei "Spirit of Football" derart unpräsidentiell in einen Kopfball, dass ihm der Moderator süffisant einen "Horst-Hrubesch-Gedächtnis-Kopfball" attestiert, und korrigiert gern den Eindruck, dass er als Staatsoberhaupt im Schloss Bellevue lebt.

Als Steinmeier am zweiten Tag seines Besuchs in Mühlhausen die Pflaumenmusfirma Mühlhäuser GmbH besucht, wartet dort schon die Pflaumenkönigin auf ihn, eine junge Frau in einem violetten Ballkleid und weißer Schärpe. Steinmeier geht auf sie zu, um sie standesgemäß zu begrüßen.

"Die Pflaumenkönigin", sagt er, als wäre er sein eigenes Protokoll. Dann gibt er ihr mit einer leichten Verneigung die Hand.

"Ihre Majestät", sagt der Präsident.