Jürgen Trittin: Der grüne Scheinriese mit Brustpanzer - DER SPIEGEL
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Grünen-Politiker Trittin Der schwierige Jürgen

Jürgen Trittins Karriere schien mit der Wahlschlappe von 2013 beendet. Doch heute kämpft er wie kein Zweiter für eine rot-rot-grüne Bundesregierung. Seine Motive? Er will noch mal Geschichte schreiben. Und die eigene Geschichte überschreiben.
Grü­nen­-Po­li­ti­ker Jürgen Trit­tin
Grü­nen­-Po­li­ti­ker Jürgen Trit­tin

Grü­nen­-Po­li­ti­ker Jürgen Trit­tin

Foto: Espen Eichhöfer / DER SPIEGEL
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Trittin ist schwer genervt von der Verspätung und dem Chaos am Bahnsteig, als er erfährt, dass die CDU gerade die Abschaffung der doppelten Staatsbürgerschaft beschlossen hat. "Im Ernst jetzt?" Er hat leidenschaftlich für den Doppelpass gekämpft. Offiziell müsste er sich jetzt empören, für Trittin aber ist es eine exzellente Nachricht. "Ha!", ruft er, trocken, triumphal, die Leute auf dem Bahnsteig drehen sich um. Jürgen Trittin ballt die Faust wie einst Boris Becker.

"Da kann ich gleich twittern: 'Ein weiterer Grund für Schwarz-Grün!'" Ist natürlich ironisch gemeint. Kopf und Körper zucken nun vergnügt über die eigene Bosheit. Es fehlt nicht viel, bis Trittin tanzt.

Für ihn, der verhindern will, dass Winfried Kretschmann und die Realos im Herbst eine schwarz-grüne Regierung bilden, ist ein Rechtsruck der CDU wie die Blaue Mauritius für Briefmarkensammler.

"Ne, darf ich wohl leider nicht twittern", sagt er, als sein Körper wieder zur Ruhe kommt. Sein Büro und er hätten ein Vier-Augen-Prinzip vereinbart, es gucke immer noch jemand drauf. Es ist der Versuch, die Zahl seiner Provokationen wenigstens einzuschränken. "Hat mir schon so manchen schönen Tweet versaut."

Jürgen Trittin ist längst im Wahlkampfmodus. Obwohl seine Zeit in der Politik abgelaufen schien, hat er klare Ziele für dieses Wahljahr, das unterscheidet ihn von den meisten Grünen. Er will, dass Angela Merkels Kanzlerschaft im Herbst endet und Deutschland eine linke Regierung bekommt - die erste rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene. Während die meisten Politiker von SPD, Grünen und Linken eher verschämt über das mögliche Bündnis reden, kämpft Trittin voller Leidenschaft und Entschlossenheit für R2G.

Er selbst, so die Hoffnung, könnte dann einer der Architekten dieses historischen Bündnisses sein und womöglich noch einmal Minister werden. Für Trittin, der dieses Wahljahr wie kein Zweiter herbeigesehnt hat, wäre es eine tiefe Genugtuung. Er hat noch etwas wettzumachen.

In der Fußgängerzone seines Wahlkreises Göttingen bremst ein älterer Herr mit Kappe sein Fahrrad vor ihm. "Sieht man Sie auch mal in natura!"

"Ja, schön, was?", antwortet Trittin. Ende des Gesprächs.

Kurz darauf ist eine Frau völlig aus dem Häuschen, ihn zu treffen. "Ach, das ist ja toll!" Sie steht vor ihm, schaut ihn ungläubig an und sucht nach einer Anschlussfrage. Schließlich ein unbeholfenes: "Sie sind auch von hier, ne?"

Andere Politiker hätten jetzt die Gelegenheit zum Small Talk genutzt, Trittin sagt: "Seit mehr als 40 Jahren, ja." Dann läuft er weiter und murmelt vor sich hin. "Manche Leute sind schon merkwürdig." Bisweilen ist er mit dem Charme eines kasachischen Grenzbeamten unterwegs.

Seine gelegentliche Schroffheit ist auch die Folge von Niederlagen und Verletzungen. Seine Freundin Claudia Roth sagt, dass Trittin sich einen dicken Panzer als Selbstschutz zugelegt habe. Einen Panzer aus Kühle, Spott und bisweilen Arroganz.

Seine schlimmste Niederlage erlitt Trittin bei der Bundestagswahl 2013. Als Spitzenkandidat hatte er alle Chancen, seine Karriere zu krönen, etwa als Vizekanzler. Ein Triumph wäre auch die Gelegenheit gewesen, endlich aus Joschka Fischers Schatten herauszutreten. Aber dann kamen die Grünen mit nur 8,4 Prozent ins Ziel, als kleinste Oppositionsfraktion.

Trittin hat das bis heute nicht verwunden. Er glaubt, dass ihm damals übel mitgespielt wurde. Von Kretschmann, der vor der Wahl sein Steuerkonzept samt Vermögensteuer öffentlich kritisiert hatte. "Zum Teil wurden unsere Ambitionen von den eigenen Leuten torpediert." Und von jenen, die ihm in der letzten Woche vor der Wahl eine Nähe zur Pädophilie unterstellt hatten. Die schärfsten Vorwurfe kamen von Horst Seehofer und der CSU, sie waren völlig überzogen, aber sie blieben an ihm haften. Trittin fühlte sich furchtbar ungerecht behandelt, er zog sich vom Fraktionsvorsitz zurück, aber er blieb in der Politik. Als wartete er auf Wiedergutmachung.

Gegenspieler Kretschmann

Gegenspieler Kretschmann

Foto: Uli Deck/ picture alliance / dpa

Wer ihm näherkommen will, muss zwangsläufig Bahn fahren und ganze Tage in der ersten Klasse absitzen. An manchen verbringt er bis zu zehn Stunden dort. Fünf hin zum Termin, fünf zurück.

Trittin ist Profi, das zeigt sich an diesem Montag Mitte November gleich auf dem Bahnsteig des Berliner Hauptbahnhofs. "Wenn wir 'nen guten Tisch haben wollen, sollten wir es vorne gegenüber den Schwerbehindertenplätzen versuchen." Trittin überlässt ungern etwas dem Zufall, er ist chronisch vorbereitet. "Es könnte nur sein, dass der Typ in der grünen Jacke ihn uns wegschnappt." Er zeigt auf einen Mann in Barbour-Jacke, künstlich angefeuchtetes Haar, Typ Unternehmensberater. Trittin weiß immer, wo der Feind ist. Und dass man im Kapitalismus hart für seine Interessen kämpfen muss, wenn man gut sitzen will.

Auf dem Tisch baut er gleich sein iPad auf. Kurz den Pressespiegel checken. "Grüne voll auf Linkskurs", steht dort. Er nickt, gefällt ihm. Der Parteitag am Wochenende verlief ganz in seinem Sinne. Die Delegierten stimmten für eine höhere Besteuerung der Reichen und für die Abschaffung der Sanktionen für Hartz-IV-Empfänger.

Als einfaches Parteimitglied, das er formal nur noch ist, hatte er bei jeder einzelnen Aussprache seinen Namen in einen Topf geworfen, in der Hoffnung, einmal ans Mikrofon zu dürfen. Trittin hatte Losglück. Als er ans Rednerpult trat, verschränkte er die Hände so gewaltsam ineinander, dass man das Knacken seiner Finger durch die Mikrofonanlage im Saal hören konnte.

Dann legte er los: "Ökologie ist nichts neben Gerechtigkeit. Ökologie ist Gerechtigkeit. Eine Welt, in der 67 Milliardäre, eine Busladung voll, so viel besitzen wie 3,5 Milliarden Menschen, die ärmere Hälfte der Weltbevölkerung, eine solche Welt ist nicht gerecht. Und sie wird nicht ökologisch werden."

Seine Stimme überschlug sich, so viel Wucht steckte in seinen Sätzen. Anders als sein Gegenspieler Kretschmann, der die Grünen als Partei der Mitte versteht, gehört soziale Gerechtigkeit für Trittin zum Wesenskern seiner Partei.

"War 'n guter Parteitag", murmelt Trittin nun im Zug nach Göttingen. Bevor er zum Bahnhof fuhr, hat er von zu Hause aus im Deutschlandfunk noch ein Interview gegeben. Es ging um Freund Kretschmann, der auf dem Parteitag gesagt hatte, mit dem Ruf nach einer Vermögensteuer stärke man die AfD. "Das ist erstens falsch und zweitens demagogisch", erklärte Trittin im Radio. Schön dem Winfried eine mitgegeben, besser kann ein Tag für ihn nicht starten.

Hat er je daran gedacht, sich mit Kretschmann auszusprechen? "Nö", sagt Trittin. Vielleicht gebe es so was in fünf oder zehn Jahren mal. "Vielleicht sage ich dann: Komm, ist Zeit für 'ne Versöhnung."

Sein Handy piept, eine SMS. "Wow!" Er erfährt, dass die Union Frank-Walter Steinmeier als Kandidaten fürs Schloss Bellevue akzeptiert hat. "Ein voller Erfolg für den Sigmar", sagt Trittin. "Respekt! Ach, das ist doch schön!" Trittin zählt zu den wenigen Grünen, die sich freuen, wenn ein Sozialdemokrat Präsident wird, nicht nur, weil Steinmeier einer seiner wenigen Freunde in der Politik ist, sondern auch, weil Trittin in Wahrheit ein linker Sozialdemokrat mit leichter Aversion gegen Atomenergie und Getränkedosen ist.

Par­tei­tags­de­le­gier­ter Trit­tin

Par­tei­tags­de­le­gier­ter Trit­tin

Foto: Hans Christian Plambeck / Laif

Ein Hinweis auf das Versagen der eigenen Leute bei der Präsidentensuche darf an dieser Stelle natürlich nicht fehlen. "Unsere Partei- und Fraktionsführung hatte sich ja vollends zerlegt in dieser Frage", sagt er völlig beiläufig, als wäre das bereits Lexikonwissen.

Jetzt schnell eine SMS an Gabriel. "Glückwunsch! Auf den Horst ist eben Verlass!" Gabriel sieht das mit der Rolle Seehofers genauso, er antwortet prompt. Trittin ist noch immer bestens vernetzt. Er mag keine wichtigen Ämter mehr haben, aber ist präsent wie eh und je.

Wenn der Deutschlandfunk oder die Talkshows nach einem, erstens, bekannten und, zweitens, pointierten Gast suchen, fragen sie eher selten einen der Offiziellen der Grünen, sie fragen Trittin. Bei den Amtsträgern kommt das weniger gut an. Wenn man etwa Parteichef Cem Özdemir auf Trittins Rolle anspricht, reagiert der genervt. Der Trittin sei doch nur so präsent, weil die Medien ihn pushten. Ein Scheinriese. Wenn jemand ernsthaft Rot-Rot-Grün machen wolle, bringe es nichts, mit dem Jürgen zu reden. Da müssten die Herrschaften schon zu ihm kommen. Es ist die etwas verzweifelte Form zu sagen: Aber ich bin doch der Chef.

In Göttingen wird Trittin von Sascha, seinem Wahlkreismitarbeiter, im Familien-VW samt Kindersitz zum nächsten Termin chauffiert. Er ruft sein Büro in Berlin an, es geht um Steinmeiers Nominierung. Ob die Herrschaften da inzwischen eine Sprachregelung gefunden hätten, will Trittin wissen. Gemeint sind seine Nachfolger, die Spitzen des linken Flügels, Parteichefin Simone Peter und Fraktionschef Anton Hofreiter. Trittin schüttelt den Kopf.

"Ich hab dem Toni und der Simone vor zwei Stunden 'ne SMS geschrieben, dass wir 'ne Erklärung brauchen", sagt er auf dem Beifahrersitz. In der Pressekonferenz nach der Vorstandssitzung hatte Peter nur gesagt, dass sich die Gremien mit der Frage beschäftigen müssten. "Das ist ja das beeindruckendste Statement, das man abgeben kann", sagt Trittin.

"Wenn man nicht wieder will, dass alle Grünen was anderes sagen, dann muss man sich eben mal um 'ne Sprachregelung bemühen. Früher hätten wir so was gleich montagmorgens gemacht."

Trittin sagt oft "früher", das Wort umfasst jene Zeitspanne seit Anfang der Neunziger, in der er zur Führungsriege gehörte, erst als Parteivorsitzender, dann als Bundesminister, später als Fraktionschef. Bis zum Herbst 2013. Früher, dieser Eindruck kommt unweigerlich auf, wenn man viel Zeit mit ihm verbringt, war jedenfalls vieles besser.

Pro­vo­ka­teur Trit­tin 1988

Pro­vo­ka­teur Trit­tin 1988

Foto: DPA

Jetzt muss er eben alles selbst machen. "Wir könnten beim Redaktionsnetzwerk Deutschland anrufen und sagen, dass Frank-Walter ein respektabler Kandidat ist", schlägt Trittin seinem Mitarbeiter vor. Zwei Minuten später wird der gewünschte Redakteur durchgestellt. "Moment mal eben", sagt er plötzlich zum Redakteur. Mit der einen Hand hält er das Mikrofon zu, mit der anderen zeigt er auf die Häuserfront zur Linken. "Die haben wir damals alle durch Hausbesetzung gerettet."

In letzter Zeit sei der Jürgen wieder linker und radikaler geworden, sagen seine Weggefährten. Als kehrte er mit 62 Jahren zu seinen politischen Wurzeln zurück.

In der Göttinger Innenstadt läuft Trittin an Studentenklubs vorbei, die noch heute fest in linker Hand sind. "Es lebe die Revolution", schreit ein Graffito an einer Fassade, ein Café wirbt mit dem Spruch: "Ohne Kaffeedampf kein Klassenkampf". Hinter diesen Mauern hat er während des Studiums in den Siebzigerjahren und als Mitglied des Kommunistischen Bundes unzählige Stunden verbracht.

Trittin wuchs höchst bürgerlich auf, in einem Einfamilienhaus im Bremer Stadtteil Vegesack, mit Garten, Tischtennisraum und Sauna unter dem Dach. Er und seine beiden Geschwister hatten jeder ein eigenes Zimmer für sich. Die Mutter war Hausfrau, der Vater Prokurist bei der Bremer Tauwerk-Fabrik.

Sein Drang zur Rebellion entwickelte sich - untypisch für seine Generation - nicht aus Opposition zum eigenen Vater. Dabei war Klaus Trittin als 17-Jähriger freiwillig in die Waffen-SS eingetreten, war dort zum Obersturmführer aufgestiegen und hatte bis zum letzten Tag für den "Führer" gekämpft. Seine Läuterung erfolgte während der fünf Jahre in sowjetischer Gefangenschaft. Später fuhr er mit seinen Söhnen ins frühere KZ Bergen-Belsen und gab ihnen folgenden Auftrag: "Guckt euch an, was wir verbrochen haben. So etwas dürft ihr nie wieder zulassen."

Die ersten 14 Jahre seines Lebens verbrachte Jürgen Trittin als Tischtennis spielender Pfadfinder ohne jeden Hang zur Radikalität. Das änderte sich ab der zehnten Klasse, als der Geist der 68er seine Schule erreichte und der Vietnamkrieg seine Schatten bis nach Vegesack warf.

Trittin besuchte das Gerhard-Rohlfs-Gymnasium, benannt nach einem Afrikaforscher oder, wie Trittin sagt, "einem üblen Kolonialisten". Als der 100. Geburtstag der Schule anstand, verlangte Trittin, dass bei der Feierstunde auch über die Kolonialisierung geredet werden sollte. Mit anderen Schülern blockierte er die Zufahrt zum Ort des Geschehens, der Gaststätte Strandlust. Trittin demonstrierte fortan regelmäßig. Gegen die Notstandsgesetze. Gegen neue Schulregeln. Gegen Franz Josef Strauß oder die Straßenbahnpreise.

Foto: Jens Büttner/ dpa

Auf dem Göttinger Uni-Campus steht er nun vor dem großen Hörsaal, den sie damals gestürmt haben. Er zeigt auf die ehemalige Augenklinik, die sie ein halbes Jahr lang besetzten, um den Staat zu zwingen, sie in Wohnraum umzuwandeln. Trittin redet gern über die gute alte radikale Zeit. Sie ist ihm, anders als seinem Konkurrenten Winfried Kretschmann, nicht peinlich. Kretschmann nennt sein Engagement im Kommunistischen Bund Westdeutschland heute einen "großen Irrtum in meiner Biografie". Er weiß nicht, wie er dort hineingeraten konnte, und bereut es. Trittin bereut nichts. "War 'ne gute Zeit damals", sagt er, auf dem Campus stehend. "Ich hab da viel gelernt."

Viel mehr muss man über die beiden Protagonisten, die gerade um den Kurs, das Image und künftige Koalitionen ihrer Partei ringen, nicht wissen. Was sie zusammenhält, ist der Umweltschutz, der Glaube an alternative Energien. Darüber hinaus aber gibt es kaum Gemeinsamkeiten. Der eine, Kretschmann, kämpft in Baden-Württemberg für die Interessen des Mittelstands und für Konzerne wie Daimler. Der andere ist im Herzen Hausbesetzer geblieben, er schaut noch immer von unten auf die Gesellschaft. Trittin glaubt, dass man die Industrie und ihre Lobbyverbände hart angehen muss, um Verbesserungen für die Mehrheit der Menschen zu erlangen. Wenn man ihn fragt, auf welchen Titel er stolzer sei, Mister Atomausstieg oder Mister Dosenpfand, sagt Trittin, dass der Ausstieg aus der Kernkraft sicher das relevantere Projekt gewesen sei, aber er stehe auch voll zum Dosenpfand. "Jetzt weniger aus Umweltgründen, sondern weil es wichtig war, der Industrie mal zu zeigen, dass sie nicht alles bestimmen kann."

Kurz vor Weihnachten bietet die Berliner Urania einen Vorgeschmack auf Trittins neues Deutschland, auf die rot-rot-grüne Republik. Auf der Bühne sitzen Gesine Schwan (SPD), Axel Troost (Die Linke) und Trittin selbst. Gast ist an diesem Nachmittag auch der griechische Finanzminister, es geht um die Zukunft Europas.

Alles im Saal erinnert an die Siebzigerjahre, der Teppich, die Holzvertäfelung, die braunen Vorhänge, die rot gefärbten Haare der Frauen. Manche Besucher haben ihre Schuhe neben sich auf den Gang gestellt und sitzen nun in Socken rum.

Leider will keine echte Debatte aufkommen. Alle sind sich einig: Das Europa von Angela Merkel und Wolfgang Schäuble gehört abgewählt. Es muss sozialer, solidarischer werden. Rot-Rot-Grün, so der Eindruck, muss allein deshalb kommen, damit Griechenland sich endlich erholen kann.

Trittin, Krawatte, schwarzer Dreiteiler, feines Tuch, ist der Bestgekleidete im Saal. Die zunehmende Radikalität seiner Positionen steht in Kontrast zur zunehmenden Lässigkeit seines Auftritts. Während die anderen reden, liegt er fast auf seinem Stuhl. Er scrollt ein bisschen auf Twitter rum oder schaut zur Decke. Niemand kann gelangweilter und unbeteiligter tun als er. In solchen Momenten glaubt man, dass er durch sei mit der Politik. Dass er schon viel zu lange auf irgendwelchen Podien rumlümmeln musste. Aber das ändert sich, sobald sein Mikrofon an ist.

Mit jaulend-verzerrter Stimme macht er sich über Wolfgang Schäuble und dessen "schreckliche schwarze Null" lustig, die ja "'ne Form von Monstranz geworden" sei. Er reckt beide Arme monstranztragend in die Luft und wackelt theatralisch mit den Händen. Er nennt Deutschland "eine Steueroase, was die Besteuerung von Vermögen und Erbschaften angeht", und fragt, warum Hillary Clinton wohl in den entscheidenden Staaten gegen Trump verloren habe: "Weil die Linke die soziale Frage für die Rechten hat liegen lassen!"

Eigentlich haben sich der linke und der rechte Flügel seiner Partei darauf verständigt, neutral in den Wahlkampf zu ziehen. Es soll keine Hinweise geben, ob sie eine Koalition mit der Union oder ein Bündnis mit SPD und Linken eingehen wollen.

Der Einzige, der diese Verabredung konsequent unterwandert, ist Trittin. "Es ist eine Kinderei, ja, ein regelrechter Unsinn, zu glauben, man könne Inhalte von Machtfragen trennen", sagt er auf einer seiner Zugfahrten. Da sei er der größte Realo von allen. Oder er weist beiläufig darauf hin, dass 2017 ja Lutherjahr sei. "Und der wusste doch: Aus 'nem verzagten Arsch kommt kein fröhlicher Furz."

Mit seinen Interviews bringt er die Kollegen regelmäßig auf die Palme. Zum Beispiel, wenn er Seehofer als den deutschen Viktor Orbán bezeichnet und bekundet, "im Zweifel lieber mit Sahra Wagenknecht als mit Horst Seehofer" koalieren zu wollen. Trittin hält engen Kontakt zu SPD-Chef Gabriel und den Spitzen der Linken. Wie ein Physiotherapeut tut er im Hintergrund alles, um die schwere Verkrampfung im Umgang mit der Linken zu lockern, ohne die es schon längst eine rot-rot-grüne Koalition hätte geben können. Er war der Erste, der Oskar Lafontaine vor einem Jahr im Saarland besuchte, um die große Aussöhnung vorzubereiten.

Trittin (r), Katrin Göring-Eckardt und Sigmar Gabriel

Trittin (r), Katrin Göring-Eckardt und Sigmar Gabriel

Foto: Hannibal Hanschke/ picture alliance / dpa

Im Zug hat er wieder die klassische Jürgen-Trittin-Pose eingenommen. Arme so fest vor der Brust verschränkt, dass die Hände bis zum Rücken reichen. Umfassender Schutz des Innern, von Herz und Seele. So sitzt er da, all die Stunden.

Er sei ja viel kritisiert worden für seinen Sahra-Seehofer-Vergleich, sagt er: "Aber die Wagenknecht ist in der Flüchtlingspolitik in ihrer Partei in der Minderheit. Der Seehofer steht für die absolute Mehrheit in der CSU. Das ist der Unterschied."

Er kenne die Grundstimmung seiner Partei, und die laute: "Unsere Priorität liegt links der Mitte." Er zitiert Umfragen, wonach zwei Drittel der Grünenwähler R2G bevorzugen und nicht mal ein Drittel ein schwarz-grünes Bündnis. "Ich schaue mir auch die Stimmung in den Kreis- und Landesverbänden an", sagt er. "Das ist ja das Entscheidende, und nicht, wer in Berlin so rumgurkt."

Jetzt kommen die Argumente für Rot-Rot-Grün, der philosophische Überbau, entworfen von Jürgen Trittin. 1998 sei Rot-Grün ein Projekt gewesen, um die Gesellschaft ordentlich durchzulüften, sie vom Mief der 16 Helmut-Kohl-Jahre zu befreien. Rot-Rot-Grün sei nun wieder ein Projekt. "Wenn man möchte, dass der Rechtspopulismus sich nicht verfestigt, muss die CDU in die Opposition geschickt werden", sagt Trittin. "Das entspringt allein staatsbürgerlicher Verantwortung." Es brauche eine demokratische Rechte. Man dürfe nicht den historischen Fehler der Weimarer Zeit wiederholen, als die Konservativen den Radikalen das Feld überließen. Was er verschweigt, ist, dass er selbst der Erste ist, der draufschlägt, wenn die Union wie beim Doppelpass nach rechts rückt.

Letztlich gehe es darum, ob das europäische Nachkriegsmodell überlebe, legt Trittin nach. Wenn nicht, gebe es nicht nur "ökonomische Verwerfungen", es werde auch zu "gewalttätigen Friktionen" kommen. Dramatischer wird R2G in diesem Jahr wohl nicht mehr begründet werden.

Es gibt allerdings Leute, die nicht glauben, dass es Trittin allein um die Rettung des europäischen Nachkriegsmodells geht. Die meinen, dass sein Elan nicht nur staatsbürgerlicher Verantwortung entspringt, sondern auch einem sehr persönlichen Motiv.

Als Trittin 2001 über den damaligen CDU-Generalsekretär Laurenz Meyer sagte, dieser habe nicht nur das Aussehen, sondern auch "die Mentalität eines Skinheads", sahen Joschka Fischer und seine Realos dies als Chance, Trittin loszuwerden, sie drängten auf seinen Rücktritt. Am Ende verhinderten Claudia Roth und eine Intervention von Wirtschaftsminister Werner Müller gerade noch Trittins Demission.

Dem Fischer habe seine ganze Ausrichtung nicht gepasst, sagt Trittin heute. "Der wollte den Linken Trittin einfach weghaben." Als Fischer sich nach der Wahl 2005 zurückzog, sorgte er dafür, dass nicht Trittin, sondern Fritz Kuhn und Renate Künast Fraktionsvorsitzende wurden. "Der hatte nur mit Fritz und Renate gesprochen", sagt Trittin. "Das war ein abgekartetes Spiel."

Bis heute lässt Trittin kaum eine Gelegenheit aus, Spitzen gegen Fischer loszulassen. Etwa, wenn er über Gerhard Schröders Ablehnung des Irakkriegs redet. Das sei stark gewesen. "Stärker jedenfalls als unser Joschka, der sich gerade mal ein 'Ich bin nicht überzeugt' getraut und danach ständig die Nase über Schröders Hemdsärmeligkeit gerümpft hat. Der feine Herr."

Trittin hat es nie ganz verwunden, dass Fischer die Nummer eins der Partei war, während er selbst der schwierige Jürgen blieb. Dabei hat er das Land mit dem Atomausstieg und der Energiewende stärker geprägt als die anderen Grünen zusammen. Vielleicht ist das Weitermachen seine Art, Rache zu üben: einfach länger bleiben, während die anderen sich beim Geldverdienen langweilen. Bis ihr Schatten irgendwann weg ist.

Dass Trittin nicht aufhören könne, dass er nicht zur Ruhe komme, habe etwas Tragisches, sagen manche der jüngeren Grünen. Er habe seine Chance doch gehabt. 2013 sei er Star der Partei gewesen und habe einen Gerechtigkeitswahlkampf ganz nach seinen Vorstellungen führen können. Aber genau das ist das Problem.

Die verpasste Chance.

Jene, die Trittin gut kennen, sprechen gar von einem Trauma. Ein Jahr vor der Wahl 2013 waren die Aussichten exzellent, die Umfragen hoch. Der Wahltag sollte die Krönung seiner Karriere werden. Am Ende erhielten die Grünen nur 8,4 Prozent der Stimmen, weniger als die Linke.

Es gibt viele Erklärungen für dieses Abschneiden: die unpopuläre Forderung nach einem Veggie-Day, die fehlende Machtoption, das linke Steuerkonzept und Kretschmanns Kritik daran - aber keine sitzt so tief wie die Sache mit der Pädophilie. Im Frühjahr 2013 hatte die Grünenspitze den Göttinger Politologen Franz Walter beauftragt, die Einstellung der Partei in den Achtzigerjahren zum Sex mit Minderjährigen aufzuarbeiten. Zuvor hatten verstörende Äußerungen von Daniel Cohn-Bendit aus der damaligen Zeit für Entsetzen gesorgt.

Dass Walter seine Ergebnisse ausgerechnet sechs Tage vor der Bundestagswahl veröffentlichen würde, damit hatte niemand gerechnet. Dass er mit neuen Erkenntnissen über den Spitzenkandidaten Trittin aufwarten würde, erst recht nicht.

Trittin hatte Anfang der Achtziger das Wahlprogramm einer Göttinger Grünenliste mit der Forderung, Sex zwischen Kindern und Erwachsenen nicht unter Strafe zu stellen, sofern dieser einvernehmlich gewesen sei, presserechtlich verantwortet. Dass dieselbe Forderung zur damaligen Zeit auch im Bundesprogramm der Grünen stand, half ihm wenig. Am selben Abend prangte in allen Fernsehnachrichten das Wort "Pädophilie" neben seinem Foto. Was folgte, glich einer Rufmordkampagne, emsig befeuert von der CSU. Trittin sei "Teil des Pädophilie-Kartells bei den Grünen" gewesen und "als Frontmann untragbar", erklärte der damalige CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt. Horst Seehofer sagte: "Ich glaube nicht, dass Trittin eine führende Funktion in der deutschen Politik behalten kann."

Wer Trittin in der letzten Woche vor der Wahl erlebte, sah einen anderen, deprimierten und niedergeschlagenen Mann. Er sei zwar weiter brav auf die Bühne gestiegen und habe sein Programm absolviert, sonst aber sei er kaum ansprechbar gewesen, sagen enge Vertraute. Man habe ihn regelrecht schütteln müssen, um ihn zu erreichen. Nach der Wahl sei er eine Zeit lang fast depressiv gewesen.

Mit Trittin über Jürgen Trittin zu sprechen, über seine Gefühle, Motive, ist, als wollte man vom russischen Botschafter die intimen Geheimnisse Wladimir Putins in Erfahrung bringen. Über die Sache mit der Pädophilie aber lässt sich noch schlechter reden. "Darüber ärgert man sich", sagt Trittin. "Aber man kann's ja nicht ändern." Fast immer, wenn es persönlich wird, wechselt er automatisch vom "ich" zum "man".

"Dannys uneinsichtiges Verhalten war der Anlass für die Schweine", sagt er über den Kollegen Cohn-Bendit und seine Kritiker aus der CSU. Überall sei er bepöbelt worden. Ihn verfolge die Sache mit der Pädophilie in manchen Tweets bis heute. "Ist halt die sicherste Variante, um mir zu schaden." So bitter hat er in all den Gesprächen für dieses Porträt nicht geklungen.

Alle gut gemeinten Ratschläge, dass er die Sache abhaken solle, dass sein Bild in den Geschichtsbüchern ein anderes sein werde, hätten nicht gefruchtet, sagt ein Vertrauter. Trittin wolle nicht, dass das Desaster von 2013 das Letzte ist, was die Menschen mit ihm verbinden.

Seither warte er auf 2017.

Wenn man Trittin fragt, warum er noch immer mitmische, lässt er seinen Blick durch das Bahnfenster hinaus in die Dunkelheit wandern. Wenn man die Chance habe, die Union 2017 aus der Regierung zu drängen, dann sei das doch spannend, sagt er dann. "Ich bin bereit, Regierungsverantwortung zu übernehmen", sagt er auf die Frage, ob er selbst noch mal Minister werden will. "Ich werde machen, was man mir anträgt. Und ich glaube, dass ich das nicht schlecht mache."

Er würde gern noch mal Geschichte schreiben. Und die eigene Geschichte überschreiben.

Im Video: SPIEGEL-Autor Markus Feldenkirchen über Trittins politische Ausrichtung, sein kompliziertes Verhältnis zu Winfried Kretschmann und Trittins typische Pose.

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