MEDIZIN Finsternis der Seele
Es war die schlimmste Erfahrung seines Lebens. Schrecklicher noch als zuzusehen, wie seine Frau an Krebs starb. »Ich schäme mich zuzugeben, dass meine Depression für mich schlimmer war als ihr Tod«, schreibt der britische Autor Lewis Wolpert, »aber es ist wahr.«
Als er vor einigen Jahren an der Depression erkrankte, war Wolpert noch glücklich verheiratet, als Wissenschaftler erfolgreich und frei von materiellen Sorgen. Kein Schicksalsschlag hatte ihn getroffen, nichts war da, was jene lähmende Traurigkeit hätte erklären können, die ihn befiel: »Ich kreiste nur noch um mich selbst, war vollkommen negativ und dachte die meiste Zeit an Selbstmord.« Wolpert erlebte die Depression als entartetes Gefühl - sie verhalte sich zu Traurigkeit wie Krebs zum normalen Zellwachstum.
Was sich im Körper abspielt, wenn Schwermut derart außer Kontrolle gerät, haben Forscher in den letzten Jahren zunehmend enträtselt. Auf ihren Computerbildschirmen machten Neurobiologen Gedanken und Gefühle im Kopf des Depressiven sichtbar; andere sezierten Gehirne von Selbstmordopfern und suchten darin nach Spuren der Krankheit. Denn wie Empfindungen auf chemische Signale im Hirn zurückgehen, so ist auch die Gemütskrankheit Depression ein organisches Leiden, nicht anders als Schnupfen oder ein gebrochenes Bein.
Von einer anderen Seite nähern sich Psychologen dem Phänomen: Sie untersuchen, wie traumatische Erlebnisse in früher Kindheit, etwa Missbrauch oder grobe Vernachlässigung, das Opfer anfällig für den Trübsinn machen können. Mosaiksteinchen gleich beginnt sich die Fülle der einzelnen Befunde zu einem Bild zusammenzufügen, wenn es auch an manchen Stellen schemenhaft bleibt - was letztlich zur Depression führt, ist bislang unklar.
»Noch scheint es«, sagt der Psychiater Charles Nemeroff von der Emory-Universität in Atlanta, »als würden Forscher verschiedener Disziplinen mit verbundenen Augen jeder einen anderen Körperteil eines rätselhaften, riesigen Geschöpfs ertasten.«
Wenn sich Ende dieser Woche 10 000 Psychiater in Hamburg zu ihrem diesjährigen Weltkongress versammeln, werden Diagnose und Behandlung dieser gespenstischen Krankheit zu den meistdiskutierten Themen zählen.
»Die Psychiater warten verzweifelt auf Antidepressiva mit neuen Wirkmechanismen«, sagt Steven Hyman, Direktor des US-amerikanischen National Institute of Mental Health. Denn heutige Medikamente verschaffen dem Leidenden meist erst nach Wochen Linderung.
Jeder zehnte Mensch erlebt mindestens einmal in seinem Leben eine depressive Episode. Die Seelenfinsternis sucht Arme und Reiche heim, Alte und Junge, schon bei dreijährigen Kindern kann sie auftreten. Keineswegs ist die Depression nur ein Problem gelangweilter Großstadtmenschen: Nach Daten der Weltgesundheitsorganisation WHO macht sie in Industrieländern den zweitgrößten Anteil der Krankheitslast aus, in der Dritten Welt steht die Schwermut immerhin an vierter Stelle. Grundlage der Berechnung war dabei, wie viel gesunde, produktive Lebenszeit eine Krankheit ihren Opfern raubt.
Durch ihre Antriebsschwäche sind schwer Depressive oft völlig außer Gefecht gesetzt; jede Verrichtung des Alltags scheint übermenschliche Mühen zu kosten. »Ich lag ganz ruhig da und überlegte, wie man spricht, versuchte herauszufinden, wie man Wörter formt. Ich bewegte die Zunge, doch es kam kein Ton«, schreibt der amerikanische Autor Andrew Solomon.
Wie Solomon wagte sich in den letzten Jahren eine Reihe prominenter Depressiver mit ihren Erfahrungen an die Öffentlichkeit. Den Anfang machte der US-Schriftsteller William Styron mit »Sturz in die Nacht«, die manisch-depressive Ärztin Kay Redfield Jamison beschrieb in »Meine ruhelose Seele« ihr Leiden als ebenso unerträglich wie inspirierend, und die Schweizer Journalisten Verena Hoehne und Ruedi Josuran veröffentlichten ihren Briefwechsel über das Leben mit der Schwermut. Auch Lewis Wolpert, eigentlich ein führender Entwicklungsbiologe, ließ sich durch seine Leidensgeschichte zu einem Buch inspirieren, das er »Malignant Sadness« (Bösartige Traurigkeit) nannte.
»Es ist für mich ein Gefühl absoluter schreiender Panik, Todesangst«, schreibt Hoehne, »Angst, mich aufzulösen. Angst, dass ich an einem Spiegel vorbeigehe und mich darin nicht mehr sehe.« Andere wiederum schildern ihre Depression als Zustand absoluter Leere, als Unfähigkeit, etwas zu empfinden.
Angesichts der Schwemme einschlägiger Literatur - allein über das in den Medien als »Glückspille« gefeierte Antidepressivum Prozac (deutscher Handelsname: Fluctin) erschienen mehr als hundert Bücher - scheint es fast, als sei es schick geworden, eine kleine Depression zu pflegen. Wer mitteilt, »total depressiv drauf« zu sein, meint meist so viel wie: »Ich habe heute schlechte Laune.« Verkannt wird, was eine klinische Depression wirklich ist: eine qualvolle, potenziell tödliche Krankheit, behaftet mit dem Stigma von Wahnsinn und Willensschwäche.
»Peinlich berührtes Schweigen, die plötzliche Eile des gerade noch so Wissbegierigen« erlebte Verena Hoehne häufig, wenn sie die Frage nach ihrem Gesundheitszustand beantwortete. Aus Scham scheuen viele Depressive den Arztbesuch; stattdessen bemühen sie sich, von ihren Nächsten mit Durchhalteparolen à la »reiß dich zusammen« traktiert, die Krankheit auszusitzen. Suchen die Verzweifelten doch Hilfe, stellt der Arzt aus Unkenntnis häufig nicht die richtige Diagnose.
Zu wenige Patienten kommen in den Genuss einer Behandlung, wie sie dem Stand der Forschung entspricht: eine Kombination von Psychotherapie und Psychopharmaka. »Depressive«, klagt der Bonner Psychiater Peter Falkai, »sind in Deutschland noch immer unterversorgt.«
Unbehandelt ist eine schwere Depression lebensgefährlich. Schätzungen zufolge bringen sich 10 bis 15 Prozent der Erkrankten um. Die vermutlich etwa 25 000 Deutschen, die jedes Jahr Selbstmord begehen, dürften zum größten Teil depressiv sein. Bei Menschen unter 40 ist der Suizid nach Verkehrsunfällen die zweithäufigste Todesursache.
»Die Dachsparren waren dazu da, mich daran aufzuhängen«, schreibt der Schriftsteller Styron, »die Garage, um dort Kohlenmonoxid einzuatmen. Die Badewanne sollte das aus meinen Arterien strömende Blut aufnehmen.«
Die Depression unterjocht das Bewusstsein, sie tilgt alle Erinnerungen an glückliche Zeiten. Hilflos ist der Kranke seinem aus der Balance geratenen Hirn ausgeliefert, das ihm vorgaukelt, sein Leiden werde nie ein Ende haben.
Diesen Zustand düsterster Seelenqual haben Neurobiologen in bunte Computerbilder übersetzt. Auf Tomografen-Scans leuchten diejenigen Hirnareale auf, in denen der Stoffwechsel auf Hochtouren läuft, die also im Moment der Aufnahme aktiv sind. Im Hirn Depressiver enthüllen die Tomogramme einen Doppeldefekt: Teile des präfrontalen Cortex, die angenehme Gefühle verarbeiten, dämmern dahin, während der Mandelkern, Quelle finsterer Emotionen wie Angst und Wut, wild flackert.
»Ursprung der Depression könnte ein Defekt der Nervenentwicklung im präfrontalen Cortex sein, der dann eine Kaskade von Störungen in anderen Systemen auslöst«, vermutet der Psychiater Wayne Drevets von der University of Pittsburgh.
Dass sich wichtige Hirnfunktionen, möglicherweise sogar die Struktur der grauen Masse bei Depressiven verändern, wissen die Forscher erst seit kurzem. Lange glaubten sie, die Krankheit sei lediglich Folge eines zu niedrigen Spiegels bestimmter Botenstoffe im Gehirn, also ein chemisches Durcheinander. Das Denkorgan selbst mit seinen Nervenschaltkreisen hielten sie für stabil, fest verdrahtet wie ein Computer. »Eine große Überraschung«, sagt Bruce McEwen, Neurobiologe an der New Yorker Rockefeller University, »ist die strukturelle Plastizität auch des erwachsenen Gehirns.«
Kletterpflanzen gleich treiben Nervenzellen normalerweise immer neue Fasern, mit denen sie Kontakt zu anderen Neuronen aufnehmen - so lernt das Gehirn, so speichert es Erinnerungen ab. Doch bei Depressiven scheint das Hirn zu erstarren wie die Vegetation im Winter.
Dies könnte mit einem Mangel an Nervenwachstumsfaktoren zusammenhängen, spekuliert der Neurobiologe Ronald Duman von der Yale-Universität: »Möglicherweise büßt der Kranke so seine gedankliche Flexibilität ein.« Duman wies nach, dass im Hirn Depressiver geringere Mengen bestimmter Wachstumsfaktoren zirkulieren, wie der Substanz BDNF (brain-derived neurotrophic factor). Von ihr ist bekannt, dass sie in der frühen Phase der Hirnentwicklung Verbindungen zwischen Nervenzellen im Hippokampus stärkt, der Schaltstelle für Lernen und Erinnerung.
Umstritten ist, ob das Gehirn nach der Genesung wieder so tickt wie zuvor - oder ob die Seelenfinsternis bleibende Verheerungen hinterlässt. Für diese Befürchtung liefern Arbeiten mehrerer US-Forscher Indizien. So vermaß Psychiater Drevets einen bestimmten Teil des präfrontalen Cortex - er war bei depressiven Suizidopfern um 40 Prozent verkleinert.
In ebendiesem Areal stießen Forscher von der University of Mississippi auf verkümmerte Neuronen und eine reduzierte Zahl von Gliazellen, die Stütz- und Pflegefunktionen für die eigentlichen Nervenzellen übernehmen. Auch der Hippokampus soll durch Depression an Substanz verlieren.
Nicht alle Forscher trauen den Schrumpfbefunden. Möglicherweise lassen sich die Beobachtungen schlicht durch Unterernährung erklären - Appetitlosigkeit zählt schließlich zu den Hauptsymptomen der Depression. »Das ist mit Vorsicht zu genießen«, warnt Florian Holsboer vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie, »Depressionen führen nicht zur Verminderung der Hirnsubstanz, wohl aber zu Veränderungen der Hirnfunktionen.«
Einiges deutet darauf hin, dass sich hinter den vielfältigen Symptomen der Depression nicht eine Krankheit verbirgt, sondern mehrere - so wie Schnupfen gleichermaßen durch Viren und Pollen ausgelöst werden kann. »In zehn Jahren werden wir vielleicht zehn Typen von Depression kennen«, sagt der Neurologe Mark George von der Medical University of South Carolina, »die auf verschiedene biologische Störungen zurückgehen und unterschiedlicher Behandlung bedürfen.«
Was auch immer Ursache der Krankheit ist und was Symptom - sicher ist, dass in den allermeisten Fällen Depression und Stress zusammenhängen wie die zwei Gesichter eines Januskopfes. Jeder noch so nichtige Anlass bringt den Gebeutelten aus der Fassung: »Lächerliche Dinge - meine Lesebrille, ein Taschentuch, ein Schreibutensil - wurden zum Gegenstand meiner Besitzgier«, schreibt William Styron. »Wann immer ein Gegenstand verlegt war, erfüllte mich wahnsinnige Bestürzung.«
Normalerweise schüttet der Körper bei Gefahr das Stresshormon Kortisol aus, das ihn fit macht für das, was angelsächsische Forscher »fight-or-flight-reaction« nennen: den Feind vermöbeln oder wegrennen. Dazu schaltet der Botenstoff Müdigkeit, Hunger und sexuelle Bedürfnisse ab, lässt das Herz schneller schlagen und leitet alle Energie in Körperteile um, die gerade gebraucht werden. Ist die brenzlige Situation gemeistert, klingen die Symptome ab. Der Depressive allerdings lebt unter Dauerstress - wie eine hakende Schallplatte spult sein Körper das Schreckprogramm wieder und wieder ab. Die Folgen: Schlaf- und Appetitlosigkeit, Unlust, Reizbarkeit.
Dauerärger im Alltag kann das Stressregulationssystem aus dem Lot bringen, Mobbing im Büro etwa oder eine Ehekrise; ebenso Schicksalsschläge wie der Verlust eines geliebten Menschen. Doch nicht alle Menschen werden unter derart belastenden Umständen krank.
Zu einem guten Teil bestimmen die Gene, wie verletzlich die Psyche eines Menschen ist: Leidet ein eineiiger Zwilling an Depression, so wird sein Geschwister mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 Prozent ebenfalls erkranken.
Daneben spielen vermutlich schreckliche Kindheitserlebnisse eine Rolle. Die Psychologin Christine Heim von der Emory-Universität wies nach, dass traumatische Erfahrungen die Funktion des Stress-Systems dauerhaft verändern können: Frauen, die als Mädchen sexuellen Missbrauch erlitten hatten, reagierten noch im Erwachsenenalter auf jede kleine Unannehmlichkeit mit einer Kortisolschwemme.
Die Stressreaktion ähnelt einem Stafettenlauf, bei dem chemische Signale von Organ zu Organ rasen (siehe Grafik Seite 181). Eine zentrale Rolle spielt eine Substanz namens CRH (Corticotropin releasing hormone), die zugleich Schlüssel ist zu einem weiteren Symptom der Depression: der Ängstlichkeit.
Das bewiesen der Psychiater Holsboer und sein Team im Tierversuch: Mäuse, denen CRH ins Hirn gespritzt wurde, verloren allen Mut; andere Nager, denen ein für die CRH-Signalkette notwendiges Rezeptorgen fehlte, gebärdeten sich ausgesprochen keck. Versuche, einen Stamm von Laborratten zu züchten, die besonders viel CRH ausschütten, schlugen beinahe fehl: »Die Tiere«, erzählt Holsboer, »hatten sogar Angst, sich zu paaren.«
Ihre Versuche inspirierten die Münchner Forscher zu einem neuartigen Wirkstoff gegen Depression: einer Substanz, die im Hirn die Andockstellen für CRH blockiert und den Unruhestifter so lahm legt. Seit dem Frühjahr laufen klinische Versuche an 30 Patienten, in wenigen Monaten beginnt eine internationale Großstudie. Bislang soll das Medikament keine Nebenwirkungen gezeigt haben; wie gut es allerdings wirkt, bleibt abzuwarten - noch haben die Forscher keine Ergebnisse publiziert. »Aber ich bin nicht grundlos optimistisch«, sagt Holsboer.
Sollte sich das Medikament bewähren, wäre es das erste Antidepressivum, dessen Wirkmechanismus die Mediziner genau verstehen. Die bisherigen Mittel waren meist Zufallstreffer, ursprünglich zu anderen Zwecken entwickelt. Auf welchem biochemischen Wege etwa die vielgerühmten Substanzen der Prozac-Generation, die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer, gegen Depression helfen, ist unklar. Zwar beobachteten Forscher bei Depressiven Störungen des Serotonin-Stoffwechsels, und diese kuriert Prozac. Doch die Pille schlägt erst nach etlichen Wochen an - ein Zeichen dafür, dass die Substanz nicht direkt, sondern auf Umwegen der Krankheit entgegenwirkt.
Die große Mehrheit der Patienten, aber auch manche Ärzte stehen einer Pillenkur für das Gemüt noch immer skeptisch gegenüber. Wer Psychopharmaka schlucke, so die Befürchtung, dessen Persönlichkeit verändere sich. Kritiker warnen vor einem Zeitalter des chemisch vorfabrizierten Glücks. US-Amerikaner konsumieren Prozac schon heute als Life-Style-Droge, verfüttern die Tabletten an Kinder, ja sogar an Haustiere.
Die Prozac-Hysterie verschleiert die Realität: Depressive werden häufig falsch oder gar nicht behandelt. Eine Erhebung der WHO ergab, dass in Deutschland nur jeder zehnte Kranke vom Hausarzt ein Antidepressivum erhält. Meist schicken Allgemeinmediziner ihre Patienten mit ein paar tröstenden Worten nach Hause. Gerade mal jeden hundertsten psychisch Angeschlagenen überweisen sie zum Nervenarzt - kein Wunder also, dass jede zweite Depression unerkannt bleibt.
»Antidepressiva abzulehnen ist so lächerlich, als zöge man heutzutage hoch zu Ross in den Krieg«, urteilt Andrew Solomon, obwohl er die unangenehmen Ne-
* Bei dem Versuch sind zwei Stege durch Plexiglaswände geschützt, die anderen zwei schweben frei; es wird die Zeit verglichen, die das Tier auf ihnen verbringt.
benwirkungen der Pillen - Schlappheit, sexuelle Unlust, Kopfschmerzen - am eigenen Leib verspürte. Studien zeigen, dass die Rückfallquote höher ist, wenn der Patient keine Psychopharmaka einnimmt.
Wie eine Bronchitis kann die Depression in eine chronische Form übergehen, die den ganzen Körper in Mitleidenschaft zieht. Um das Zwei- bis Dreifache steigt das Herzinfarktrisiko des Depressiven, weil seine Blutplättchen aus bisher ungeklärten Gründen leichter verklumpen. Vor allem Frauen sitzt das Leiden wortwörtlich in den Knochen - es fördert Osteoporose.
Unsinnig wäre es jedoch, ausschließlich auf Pillen zu setzen. »Eine schwere Depression erfordert immer die Kombination von Medikamenten und Psychotherapie«, sagt Holsboer. Nur bei milderen Symptomen reicht die Therapie aus - oder, alternativ, die Tablettenkur. Gute Erfolge zeigen die Verhaltenstherapie und die kognitive Psychotherapie, die dem Patienten seine wiederkehrenden schwarzen Gedanken und Zirkelschlüsse abgewöhnen soll. Weniger geeignet scheint die Psychoanalyse, da sie den Depressiven verführt, sich düsteren Erinnerungen hinzugeben.
In hartnäckigen Fällen können Elektroschocks als letztes Mittel Linderung bringen; besondere Spielarten der Depression wie die herbstliche Verstimmung SAD (seasonal affective disorder) lassen sich durch Lichttherapie kurieren.
Bei mehr als 80 Prozent der Kranken allerdings schlagen Pillen und Psychotherapie gut an. »Nach vielen quälenden Wochen ging es mir langsam besser«, schreibt Lewis Wolpert, »es gab gute und schlechte Tage, aber die Hauptsache war: Ich konnte den Unterschied spüren.« ALEXANDRA RIGOS
[Grafiktext]
Stafettenlauf der Hormone Reaktion des Körpers auf Stress 1Sieht der Mensch sich einer Ge- fahr ausgesetzt, bildet der Hypo- thalamus vermehrt CRH. Dieses Hormon greift an verschiedenen Stellen des Gehirns an; es löst unter anderem Ängstlichkeit und Schlafstörungen aus. In der Hy- pophyse bewirkt es die Aus- schüttung des Botenstoffs ACTH. Dieser wiederum regt die Neben- nierenrinde zur Produktion des Stresshormons Kortisol an. 2Kortisol gelangt in die Blutbahn und versetzt den Körper in Kampf- bereitschaft: Es steigert Blutdruck, Herzschlag und die Energieversor- gung der Muskeln, dämpft Hunger und Sexualtrieb. Ab einer bestimm- ten Konzentration wirkt Kortisol im Hirn der weiteren Ausschüttung von CRH und ACTH entgegen. Bei De- pressiven funktioniert diese Rückkopplung nicht. Wirkungsweise der neuen CRH-Blocker 1CRH dockt an bestimmte Rezeptormoleküle auf der Zelloberfläche an. Dies setzt eine biochemische Signalkette in Gang. 2Das neue Medika- ment blockiert die CRH-Rezeptoren. Die Signalübertragung wird unterbrochen.
[GrafiktextEnde]
* Bei dem Versuch sind zwei Stege durch Plexiglaswändegeschützt, die anderen zwei schweben frei; es wird die Zeitverglichen, die das Tier auf ihnen verbringt.