»So einem gibt man keine Arbeit«
Gaebel, 52, Direktor der Psychiatrischen Klinik der Universität Düsseldorf, koordiniert in Deutschland das Anti-Stigma-Programm der Weltpsychiatriegesellschaft WPA, die Ende dieser Woche in Hamburg tagt. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Ein zentrales Thema des Psychiatrie-Weltkongresses ist, dass viele psychisch Kranke nicht angemessen behandelt werden. Liegt die Verantwortung dafür bei den Ärzten?
Gaebel: So wie ich wohl Schwierigkeiten hätte, körperliche Erkrankungen sicher zu diagnostizieren, haben andere Fachdisziplinen ein eher rudimentäres Wissen über Psychiatrie. Wir brauchen eine bessere Fort- und Weiterbildung gerade der Allgemeinmediziner, zu denen die meisten Patienten mit latenten Formen psychischer Erkrankungen kommen. Zudem führt die Kostendiskussion dazu, dass neue, teurere Medikamente nicht verschrieben werden, obwohl sie weniger Nebenwirkungen haben. Das heißt sparen am falschen Ort, weil die neuen Mittel von den Patienten seltener abgesetzt werden, somit die Rückfallquoten senken und deshalb letztlich kostengünstiger sind.
SPIEGEL: Auf dem Kongress will die Weltpsychiatriegesellschaft WPA ein Aktionsprogramm gegen die Stigmatisierung psychisch Kranker vorstellen. Was erleben Ihre Patienten als Stigma?
Gaebel: Stigma heißt Brandmarkung eines Menschen. Ein psychisch Kranker in einer akuten Phase fällt auf. Durch die Nebenwirkungen der Medikamente bewegt er sich schlurfend, zeigt wenig Reaktionen, wenig Mimik. Aber auch wenn der Patient nicht akut krank ist, bleiben die Klischees an ihm hängen. Schizophrene zum Beispiel gelten als gespaltene Persönlichkeiten, als unberechenbar und gefährlich. Wer zugibt, in einer psychiatrischen Klinik gewesen zu sein, wird nicht mehr vorrangig als Mensch gesehen, sondern als Schizophrener. So einem gibt man keine Arbeit, so einen möchte man nicht in seiner Nähe haben.
SPIEGEL: Hat die Furcht vor Schizophrenen nicht eine gewisse Berechtigung? Immerhin war es eine Schizophrene, die 1990 ein Attentat auf Oskar Lafontaine verübte.
Gaebel: Untersuchungen zeigen, dass das fremdgefährdende Potenzial Schizophrener nur geringfügig höher ist als das der Normalbevölkerung. Aggression kann während einer akuten Episode ein Problem sein, betrifft aber fast nur die engere Familie. Zwischen solchen Phasen führen die Patienten oft ein unauffälliges Leben.
SPIEGEL: Wie reagieren die psychisch Kranken, wenn sie sich stigmatisiert fühlen?
Gaebel: Sie teilen die Vorurteile. Es gibt unter ihnen richtige Hierarchien, Depressive sind besser gelitten als Schizophrene. Viele wollen auf keinen Fall psychisch krank sein, wollen keine Medikamente nehmen und werden darin oft von ihrer Familie bestärkt. Deshalb haben sie Schwierigkeiten, die Behandlung zu akzeptieren, die wir ihnen vorschlagen - wenn sie überhaupt zum Arzt kommen.
SPIEGEL: Verstärkt es die Krankheit, wenn der Patient sich auch noch mit Selbstverachtung quält?
Gaebel: Absolut. Das erzeugt Stress, und Stress beeinflusst Entstehung und Verlauf der Krankheit. Der Patient entwickelt Ängste und Vermeidungsverhalten. Statt sich in die Gesellschaft zu integrieren, zieht er sich zurück.
SPIEGEL: Wie soll das Programm der WPA die Vorurteile ausräumen?
Gaebel: Wir können nicht auf einen Schlag ein ganzes Land verändern. In Deutschland konzentrieren wir uns auf einige Zielregionen. Zunächst machen wir Umfragen, um Kenntnisse und Vorurteile der Bevölkerung zu identifizieren. Dann befragen wir Kranke und deren Angehörige, ob und wie sie Diskriminierung erlebt haben. An diesen Punkten wollen wir ansetzen.
SPIEGEL: Liegen erste Ergebnisse vor?
Gaebel: Wir haben 1996 in Kanada ein Pilotprojekt gestartet. Ein Schwerpunkt war die Aufklärungsarbeit an Schulen. Es ist uns gelungen, die Einstellung der Schüler zu verändern. Auch die Medien berichteten zunächst positiver über psychische Krankheiten. Leider war dieser Effekt nicht von Dauer.
SPIEGEL: Die Erkenntnisse der Hirnforschung zeigen, dass psychische Störungen im Grunde nichts anderes sind als körperliche Erkrankungen. Entlastet dieses Wissen die Patienten?
Gaebel: Früher wurde den Angehörigen oft die Schuld an der psychischen Erkrankung zugeschoben. Das hat sehr viel Leid und Schuldgefühle über die Familien gebracht. Die heutigen, stärker medizinisch geprägten Erklärungsmodelle bieten da ein Stück Entlastung. Trotzdem darf der Patient sich nicht einfach zurücklehnen und sagen: »Na ja, wenn es das Hirn ist, kann ich nichts machen.« Psychotherapien erfordern ein hohes Maß an Motivation und Mitarbeit. INTERVIEW: ALEXANDRA RIGOS