DIE FLICKEN-FAMILIE - DER SPIEGEL
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* 9. Künftige Lebenswelten * 9.3. Lebenspläne für morgen DIE FLICKEN-FAMILIE

Die Jüngeren schleppen die Mineralwasserkisten, die Alten passen auf die Kinder auf: Für die Zukunft erwarten Soziologen ein kompliziertes Geflecht von zusammengewürfelten Patchwork-Familien, in denen sich mehrere Generationen miteinander arrangieren.
• aus DER SPIEGEL 49/2000
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Marianne ist geschieden, Sohn und Tochter sind erwachsen.Allein ist Marianne deshalb nicht - auch wenn sie es manchmal gernwäre.

Denn erstens ist da ihr Freund Jan, der so lange gedrängelthat, bis sie schließlich mit ihm zusammenzog. Morgens kommt derSohn zum Frühstück vorbei, weil sich in seinem Kühlschrank hundertProzent weniger befinden als in Mama Mariannes. Die Tochter stehtmit dem Enkelbaby vor der Tür, denn sie muss zur Arbeit und hatgerade niemanden für den Kleinen, außer Mama Marianne natürlich.

Und schließlich möchte die Ex-Schwiegermutter bei derEx-Schwiegertochter einziehen: Sie hat sich mit der neuen Freundinihres Sohnes, des Ex-Mannes von Marianne, verkracht und ist nunobdachlos. Marianne ist zwar nur eine Fernsehfigur, Über-Mutter inder ZDF-Vorabendserie »Nesthocker«, aber sie repräsentiert dieZukunft der Familie: Das Vater-Mutterzwei-Kinder-Ideal wirdallmählich abgelöst von einem komplexen Bündnis aus Eltern,Kindern, Stiefeltern, Ex-Frauen und Ex-Männern, Stiefkindern,Schwiegereltern,Ex-Schwiegereltern, Großeltern und vielen angeheirateten oder auchwieder ehemals angeheirateten Verwandten.

Von den rund zehn Millionen Familien mit Kindern in Deutschlandentsprechen nach Expertenschätzungen zwischen 1,5 und 2,5 Millionennicht mehr dem Fünfziger-Jahre-Modell aus verheirateten Eltern undleiblichen Kindern. Stattdessen setzen sie sich aus Stiefvätern undStiefmüttern oder unverheirateten Lebenspartnern zusammen, dieKinder aus früheren Ehen mitbringen und dann vielleicht nochgemeinsamen Nachwuchs haben.

Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Beispiel ist zum vierten Malverheiratet und zieht mit Doris Schröder-Köpf sein drittesStiefkind groß. Die neunjährige Klara nennt er »meine Tochter«, wasdem biologischen Vater Sven Kuntze, Reporter beimARD-Morgenmagazin, nur recht ist: »Ich bin sehr froh darüber, dasser das Kind erzieht.«

Die Bestseller-Autorin Hera Lind will nach der Trennung vonihrem Lebensgefährten Ulrich Heidenreich die beiden jüngsten dervier gemeinsamen Kinder mit in ihre neue Beziehung mit dem HotelierEngelbert Lainer nehmen. Der wiederum hat selbst schon zweiTöchter, die nun auch zur neuen Stieffamilie gehören.

Beim »Big Brother«-Star Harry ist die Situation komplizierter:Seine Frau Gerti hat vier Kinder aus erster Ehe, dann bekam sie mitHarry zwei weitere. Ein Kind nahmen sie in Pflege. Gertis Ex-Mannist inzwischen mit Harrys Ex-Frau verheiratet. So machten zweiScheidungen und zwei Hochzeiten aus zwei Kleinfamilien einekomplizierte Großfamilie.

Die Zahl der Eheschließungen sinkt, während sich andererseitsimmer mehr Paare trennen (1998 waren es in Deutschland 192 000),derzeit liegt die Scheidungsquote bei etwa 36 Prozent. Paralleldazu steigt die Anzahl der Scheidungskinder, die der alleinErziehenden und, wenn die Eltern wieder heiraten, die derStieffamilien. In den USA, so haben Statistiker errechnet, wird esin sieben Jahren mehr solcher Patchwork-Familien geben alstraditionelle Lebensgemeinschaften.

Auch die Zahl der allein Erziehenden nimmt zu: 1998 wurde jeder13. Haushalt von einem Elternteil geführt, 17 Prozent der Kinderunter 27 Jahren leben bei Mutter oder Vater. Allerdings täuscht dieStatistik: Eine Studie ergab kürzlich, dass nur ein Drittel dieserFrauen und Männer die Kinder wirklich allein erzieht - bei denübrigen zwei Dritteln helfen der andere leibliche Elternteil, derStiefvater oder die Stiefmutter mit.

Die Paarbeziehungen sind in den vergangenen 30 Jahren immerinstabiler geworden, und dieser Trend wird sich fortsetzten. Schulddaran ist die Individualisierung: Jeder will das Leben führen, daser für sich ideal findet.

So verdienen immer mehr Frauen inzwischen ihr eigenes Geld undsind damit nicht mehr aus finanziellen Gründen gezwungen, in einerEhe auszuharren, die längst unglücklich ist. Und weil sich so vielePaare trennen, ist Scheidung sozial akzeptiert - was wiederum zunoch mehr Trennungen führt. Außerdem verbessert die hohe Zahl derGeschiedenen die Chance, unter diesen Singles einen Partner für diezweite, dritte oder vierte Ehe zu finden. Auch diese Gewissheitermutigt viele, aus ihrer gescheiterten Beziehung auszusteigen.

Oft versuchen Paare vor der Heirat eine Ehe auf Probe undziehen erst mal in eine gemeinsame Wohnung. Rund zwei MillionenPartnerschaften ohne Trauschein gibt es in Deutschland. SolcheBeziehungen scheitern jedoch besonders häufig - vermutlich an dervon vornherein skeptischen Haltung der Partner. Schließlichbeobachten Soziologen ein Phänomen, dass sie »intergenerationaleScheidungstradierung« nennen. Damit meinen sie, dassScheidungskinder sich besonders häufig wieder trennen: Ihr Risikoliegt, so ergab eine Studie, in den alten Bundesländern um 118Prozent höher als bei Kindern aus intakten Ehen.

Zentraler Risikofaktor aber ist die überhöhte Glückserwartung.»Der Mensch der Moderne hat -mehr als derjenige aus traditionellen Gesellschaften - dasBedürfnis nach Bestätigung durch den ''anderen'', den intimenPartner«, sagt die Berliner Psychoanalytikerin Eva Jaeggi. Dochweil heute allein Liebe als ausreichender Grund für eine Heiratgilt, Liebe aber fast nie von Dauer ist, muss die romantischeIdealvorstellung von der gemütlichen Zweierhöhle enttäuscht werden.So suchen die Partner das große Glück in der nächsten Beziehung,wenn auch in der überwiegenden Zahl dieses Mal ohne Trauschein. Undmeistens ebenso vergeblich.

Die Gesetze sind währenddessen der Lebenswirklichkeit umJahrzehnte hinterher: Stiefeltern müssen zwar Windeln wechseln undVokabeln abfragen, haben aber kein Sorgerecht. Sie dürfen nochnicht mal Auskunft verlangen, wenn ihre Stiefkinder im Krankenhausliegen. Und wer mit seiner ersten Familie ein Haus gebaut und vomStaat die Eigenheimzulage eingestrichen hat, muss das Heim für diezweite Familie ganz allein finanzieren - obwohl das Geld geradedann meist wegen der Unterhaltspflichten für Ex-Mann, Ex-Frau undKinder besonders knapp ist.

Schwule und lesbische Paare sollen sich, so sieht es dierot-grüne Regierung vor, offiziell als Paar registrieren lassenkönnen. Nach dem Tod eines Partners würde der andere dannbeispielsweise in der gemein-

samen Wohnung bleiben können, selbst wenn er nicht imMietvertrag steht. Andererseits dürfen homosexuelle Paare auch inZukunft keine Kinder adoptieren. Die Berliner Agentur »Queer andKids« bietet daher an, Lesben und allein stehende Frauen an Schwulezu vermitteln, die gern Vater werden wollen. So lange die Frauendie künstliche Befruchtung selber vornehmen, ist alles legal.

Viel gravierender wird jedoch ein weiteres Phänomen derIndividualisierung die Gesellschaft verändern: Frauen bekommenimmer weniger Kinder, derzeit, statistisch gesehen, 1,2 pro Paar.Jede dritte 1965 geborene Frau wird überhaupt keinen Nachwuchsbekommen. Es sind, grob gesehen, zwei Gruppen von Frauen, die keineKinder haben werden: zum einen die gut ausgebildeten, für die Berufund Familie unvereinbar sind und die sich für die Karriereentscheiden. Zum anderen sind es sozial schwächere Frauen, die denmühsam erreichten niedrigen Lebensstandard nicht noch tiefer sinkenlassen wollen. Kinder kosten laut Schätzung von Familienverbändenbis zum Ende ihrer Ausbildung rund 600 000 Mark, und das ist fürdiese Frauen einfach zu teuer.

Eine gleich hohe Bereitschaft von Männern, die Karriere für denErziehungsurlaub zu unterbrechen, wie sie von Frauen erwartet wird,flexiblere Angebote für Kinderbetreuung und die finanzielleBesserstellung von Familien hätten den Rückgang der Geburtenvermutlich weniger deutlich ausfallen lassen. Doch nun sind dieFolgen verfehlter Politik und überholter Rollenvorstellungendramatisch: Im Jahr 2030 wird jeder Berufstätige nahezu einenRentner finanzieren müssen. Erst jetzt, mit 20jähriger Verspätung,arbeiten Politiker aller Parteien daran, das Rentensystementsprechend umzustrukturieren.

Einwanderer werden den Mangel an jungen Menschen zumindestteilweise ausgleichen müssen. Das allerdings wirft doppelteSchwierigkeiten auf: Die Wirtschaft verlangt nach leistungsstarkenZuwanderern, und die müssen möglichst jung sein. Soll man also eineuntere Leistungs- und eine obere Altersgrenze für Immigranteneinführen? Die Hoffnung, dass die Multikulti-Deutschen späterreichlich Nachwuchs zeugen, wird von der Statistik zerstört:Einwanderer der zweiten Generation bekommen ebenfalls wenigerKinder. Allein 1998 sank die Geburtenzahl bei Ausländern inDeutschland um 4,8 Prozent.

Doch nicht nur die Finanzierung der Renten stellt dieGesellschaft vor neue Anforderungen. Wer zum Beispiel soll sich umdie wachsende Zahl alter Menschen kümmern, die sich nicht mehrselbst versorgen können? Bisher waren es in erster Linie dieTöchter und Schwiegertöchter, die diese Verantwortung übernommenhaben. Doch wenn sie als Renten-Einzahler dringend gebraucht werdenund beruflich so eingespannt sind, dass sie noch nicht einmalKinder zur Welt bringen können - wie sollen sie da Zeit fürgebrechliche Eltern, Schwiegereltern oder vielleicht auchnoch Großeltern haben? Der Pflegeversicherung wird es an Geldmangeln, professionelle Betreuung für alle zu bezahlen.

Die Lösung könnte in der Resolidarisierung der Gesellschaftliegen: Zunächst müssen auch Söhne und Schwiegersöhne in diePflegepflicht genommen werden. Außerdem könnten Wohnprojekteentstehen, in denen Menschen verschiedener Generationen leben undfüreinander sorgen: Die Jüngeren schleppen die Mineralwasserkisten,die Älteren passen auf die Kinder auf. Schon jetzt gibt es inmehreren Städten solche funktionierendenMehr-Generationen-Wohngemeinschaften.

Freiwillig geknüpfte Sozialbeziehungen sind allerdings wenigereng und dauerhaft als Blutsbande - das wird auch im 21. Jahrhundertso sein. Aus Wohngemeinschaften kann man ausziehen, wenn die altenMitbewohner zu anstrengend werden, Ehepartner kann man verlassen;Eltern allein zurückzulassen ist dagegen nicht nur emotionalschwierig, sondern auch gesellschaftlich inakzeptabel.

Auf Grund seiner Untersuchungen geht der Berliner Professor fürMikrosoziologie Hans Bertram davon aus, dass Familien Netzwerkesind, in denen sich alle gegenseitig unterstützen - und zwar auchdann, wenn die Kosten des Engagements höher sind als der Nutzen.Bertram spricht von »multilokalen Mehrgenerationenfamilien": DieMitglieder leben nicht unbedingt im selben Haushalt (nur dannwerden sie von der Statistik als Familie erfasst), aber sie sinddurch »enge, persönliche und familiär intime Beziehungen«verbunden.

Die Zukunft liegt, so Bertram, nicht in horizontalenVerbindungen, und zwar schon deshalb nicht, weil viele Kinder keineGeschwister und keine Cousins haben werden. Die vertikalenFamilienbeziehungen sind es, die über die Jahre konstant bleibenund bleiben werden. Da die Menschen immer älter werden, gebe esheute eine größere Zahl von Mehrgenerationenfamilien als je zuvor.

Trotz aller Mobilität lebt die Hälfte der Kinder immer noch inder Nähe ihrer Eltern, in Großstädten sind es sogar 63 Prozent. InBertrams Studie gaben 56 Prozent der Befragten an, einmal odermehrmals wöchentlich Kontakt zur Mutter zu haben. Auch mit demGespräch zwischen Eltern und Kindern ist es einfacher geworden,seit Familien nicht mehr so autoritär und hierarchisch strukturiertsind wie vor 50 Jahren. Bertram fand heraus, dass die zwischen 1968und 1972 Geborenen persönliche Dinge häufiger mit ihren Elternbesprechen als mit Freunden.

Fernseh-Mama Marianne hat in der Serienfolge, die das ZDFkürzlich ausstrahlte, die vertikalen Verwandten horizontal aus demHaus geworfen. Aber sie wird sie als zukunftweisendeSchwiegertochter-Mutter-Großmutter ganz sicher alle wiederaufnehmen. Vielleicht schon in der nächsten Folge. MARIANNEWELLERSHOFF

* Beim Karneval der Kulturen in Berlin.

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