Traum und Tragödie - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 74 / 121

RUSSLAND Traum und Tragödie

Ex-»Mir«-Kommandant Wiktor Afanasjew fliegt zur Internationalen Raumstation. Dabei zu sein ist für seine sieche kosmische Großmacht die letzte Chance - aber die neue Brüderlichkeit macht ihm zu schaffen. Von Hans-Joachim Noack
Von Hans-Joachim Noack
• aus DER SPIEGEL 31/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Ein Rundfunksender verkündet an diesem Morgen, während im russischen Kosmonauten-Ghetto mit dem poetischen Namen Sternenstädtchen der übliche Trainingsalltag beginnt, schlechte Nachrichten aus dem Orbit. Geschildert werden allerlei Miseren, mit denen die hoch gelobte Internationale Raumstation angeblich kämpft.

In den Modulen der von 16 Ländern unterhaltenen ISS, meldet der Korrespondent - und er nimmt dabei Bezug auf den wieder zur Erde zurückgekehrten Kommandanten William Shepherd -, seien die Arbeitsbedingungen »schlicht unmöglich«. Am laufenden Band gehe dort etwas kaputt, und was die Versorgungslage anbelange, habe die Crew »noch nicht einmal ausreichend Shampoo« zur Verfügung.

»Wie finden Sie das?«, fragt ein Journalist den gerade aus seiner Umkleidekabine kommenden Oberst Wiktor Afanasjew.

Er kenne noch keine Details, sagt der 52jährige Chefpilot, der den Vorposten im All Ende Oktober ansteuern soll, doch die News gefällt ihm. Bestens gelaunt strebt der ehemalige Kampfflieger in einer riesigen Halle dem Modell seiner Raumkapsel Sojus TM-33 zu, wo er mit dem Bordingenieur Konstantin Kossiew und der Ärztin Claudie Haigneré die Instrumente prüft.

Ziemlich komisch, diese Space-Boys aus den USA, amüsiert sich das russisch-französische Trio, erregen sich tatsächlich über fehlende Haarwaschmittel!

Sichtlich genießt der eigentlich bedächtige Afanasjew aber vor allem, was er von Anfang an prophezeit hat und ihm nun sogar ein renommierter amerikanischer Kollege zu bestätigen scheint: Auf der im Herbst 2000 in Betrieb genommenen und von der Nasa dominierten ISS türmen sich auch jenseits solcher Nebensächlichkeiten die Probleme.

Der Russe hätte es wohl anders gar nicht vorhersagen können. Schließlich ist das größte je in eine Umlaufbahn geschossene Hightech-Monstrum Nachfolger seiner zwangsweise aus dem Verkehr gezogenen »Mir« - für den patriotisch gesinnten Berufssoldaten eine anhaltend schmerzliche Tatsache. Insgesamt knapp anderthalb Jahre sah er anlässlich dreier Reisen durch ihre Bullaugen auf die sich stürmisch verändernde Welt.

Seine Visitenkarte ziert noch der Titel »Held der Sowjetunion«, und der athletisch gedrungene grauhaarige Herr mit den weichen Gesichtszügen wirkt auch ansonsten ein bisschen vorgestrig. Tappt er im scharf gebügelten Blaumann durch die Straßen seiner inmitten von Kiefernwäldern gelegenen Kleinstadt, sieht er sich von Bildern des Zerfalls umstellt.

Wo immer Afanasjew hinschaut, lassen imponierende Bauten den Anspruch erahnen, den die kosmische Macht einst vor sich hertrug - nur: Das war einmal. In den Hallen mit den gigantischen Zentrifugen oder zwölf Meter tiefen Schwimmbecken zum Einüben in die Schwerelosigkeit bröckelt der Putz. Aus den Fenstern des Hochhauses für die ehedem entwickelte Orbitalfähre »Buran« sprießen kleine Bäume.

Das Morbide drückt auf die Stimmung. Aber andererseits bietet das noch immer von 6000 Menschen bevölkerte Swjosdny gorodok mit dem Ausbildungszentrum, das zu Ehren des ersten den Globus umrundenden Raumfahrers nach Jurij Gagarin getauft wurde, seltsame Kontraste.

Sorgsam geschminkte Frauen meist junger Luftwaffen-Offiziere flanieren über großzügig gestaltete Plätze - und eine, die im Mini und auf hochhackigen Stilettos angetrippelt kommt, fällt »Freund Wiktor« lachend in die Arme. Es ist Anja, bei der er sein Englisch verfeinert.

Das erfordern nun mal die Zeiten. Die Entwicklung der Welt hat es mit sich gebracht, dass nicht allein die marode Sowjetunion dahinschwand, sondern desgleichen der von ihr erzeugte Glanz im All. Russisch wird dort bloß noch selten gesprochen. Swjosdny gorodok heißt jetzt fast schon offiziell Star City.

Seit es mit der »Mir« zu Ende ging und die ISS nach Jahrzehnten eines harten Wettbewerbs die Idee des globalen Miteinanders verkörpert, wohnen im Sternenstädtchen sogar einige Amis. Kaugummi kauend und aufreizend lässig absolvieren sie dort in derselben Trainingshalle, in der Afanasjew seine Checkliste abarbeitet, ein Testprogramm mit den Systemen des Gastgeberlandes.

Natürlich wurmt das den Russen. Er habe noch keinen von denen wirklich ins Herz geschlossen, lässt er grantig wissen und hält der Nasa vor, sie sei nicht müde geworden, die ihr verhasste »Mir« peu à peu ins Abseits zu drängen. Was wäre denn schon dabei gewesen, entfährt es ihm ein über das andere Mal, seine geliebte Raumstation teilweise in das neue Projekt zu integrieren? »Aber dafür hätten die USA keinen Dollar gegeben.«

Folglich bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich auf eine Haltung einzulassen, die sein Vorgesetzter, der stellvertretende Chef des Ausbildungszentrums, Andrej Maiboroda, so beschreibt: Bei der ruhmreichen eigenen Vergangenheit brauche man zwar eine gewisse Zeit, aber »der Blickwinkel« sei nun »leider nicht mehr der von früher«. Das Bewusstsein habe sich »zu drehen begonnen«.

Ohne die Amerikaner und deren Finanzkraft, soll das ausdrücken, gibt es für die russischen Ambitionen keine Chance mehr. In Star City warten derzeit immerhin 22 Kosmonauten auf ihren Einsatz, und wenn die alle mal drankommen wollen, geht das allein mit der ISS. Unter Führung freilich der ehemaligen Rivalen.

»Wir sehen nur noch Partner«, beteuert Maiboroda in seinem Büro, während er einen langen flackernden Blick auf ein in Öl gemaltes Bildnis Jurij Gagarins wirft. Kooperation und Internationalisierung gelten ihm »erzwungenermaßen« als die entscheidenden Chiffren. »Neue Zauberworte«, sagt denn letztlich gehorsam auch der Pilot Wiktor Afanasjew.

Denn trotz aller Zwischentöne stimmen die alten Reflexe noch. Seit einigen Jahren gehört der Oberst der Luftwaffe zu den wenigen so genannten Himmelsstürmern, die als eine Art Botschafter der bemannten Raumfahrt ihren gesellschaftspolitischen Part leisten. Häufig zieht es ihn ins Ausland - etwa in die Bundesrepublik -, um für »die Sache« zu werben.

In der ersten Hälfte der Siebziger diente der ehrgeizige junge Mann aus Brjansk in der DDR, wo er in einem Fliegerhorst bei Cottbus die berühmten MiG-Jäger testete. Heute lädt ihn die Nasa nach Houston ein - oder Fachhochschulen in der Bundesrepublik schätzen den erfahrenen Kosmonauten seiner anschaulichen Erzählweise wegen.

Geduldig präsentiert er sich dort, wie die »Financial Times Deutschland« berichtet, als »die Mensch gewordene Planerfüllung«. Seinem Auftrag gemäß erklärt er den jeweiligen Gastgebern die im Weltraum wirkenden Unterschiede zwischen dem Vermögen der Russen und dem der USA: »Die Technik haben wir, sie das Geld.«

Richtiger wäre vielleicht, auf die in Notlagen unerreichte Kaltschnäuzigkeit seiner Landsleute zu verweisen - und da vor allem die eigene. Gegen »Männer wie Afanasjew«, glaubt das in Hamburg erscheinende Wirtschaftsblatt belegen zu können, seien die Amerikaner »Warmduscher« und »Weicheier«.

Er selbst drückt sich da sehr viel bescheidener aus. Lauthals darüber zu jammern, dass die einstigen Konkurrenten in seinem Sternenstädtchen in noblen Häusern leben wie daheim in Austin oder Dayton - und die Russen in schäbigen Mietskasernen -, verbietet ihm eine stille, etwas steif anmutende Würde.

Mit Frau und zwei Kindern verfügt der Fußball-Fan und Liebhaber gediegener Autos immerhin über vier Zimmer, was gemessen an den auf wenige Quadratmeter zusammengepferchten jüngeren Kollegen beinahe schon als Luxus gilt. Wen soll er auch dafür schelten, wenn ein x-beliebiger Kicker etwa von Spartak Moskau locker das Zehnfache verdient?

Kosmonauten haben halt in den Jahren des Umbruchs vom Realsozialismus zu einer chaotisch dahingaloppierenden Marktwirtschaft vieles von ihrer Aura eingebüßt. Passé zum Beispiel die unbeschwerten Zeiten, in denen der KGB deren Pkw mit speziellen Nummernschildern sozusagen freistempelte. Die Polizei darf die Fahrzeuge neuerdings kontrollieren.

Für Afanasjew kaum eine Verschlechterung seiner Lage. Die Prämien für den elend langen Aufenthalt in der Umlaufbahn haben nicht gereicht, den heimlich begehrten Gebrauchtwagen made in Germany zu kaufen. Stattdessen leiht er sich nun ab und zu einen Oldtimer gleichen Typs von seiner Schwester aus.

Zum Ruhme des Landes in den unendlichen Weiten des Universums herumzukurven scheint die nachgeborene Generation nicht mehr zu reizen. Irritiert berichtet der alte Kosmonaut davon, wie die Technischen Hochschulen zusehends leerer werden, während »die Fakultäten für Wirtschaft und Recht« den großen Boom verzeichnen.

Die gegenwärtigen Helden der Nation suchen als »Businessmen« ihr Glück eher auf Erden - und mehr: Inzwischen wächst in Russland die Zahl der Kritiker, die der bemannten Raumfahrt, wie der Professor Konstantin Feoktistow, »praktisch Ergebnislosigkeit« vorwerfen.

Das Wettrennen mit den USA habe den Menschen nichts gebracht, beharrt der Wissenschaftler, der in den sechziger Jahren selbst im Orbit war - ein harsches Urteil, das den sanftmütigen Wiktor Afanasjew ergrimmen lässt. »Gerade der!«, ruft er entgeistert. »Solche Leute« sind für ihn inkompetent.

Folgte der Ex-Kommandeur der »Mir« dem einst in Moskau Weltraumtechnik lehrenden Feoktistow, wäre das wohl kaum noch zu verkraften. Da hält er es lieber mit seinem Landsmann Aleksander Podolski, der im Ausbildungszentrum für die PR zuständig ist und den Azubis gleichzeitig als Psychologe dient.

Podolski - auch er ein ehemaliger Jagdflieger - empfiehlt den Freunden, die Lage nicht zu dramatisieren. Es gebe für ihn »keinen Grund, darüber tiefer nachzudenken«, souffliert er den Kosmonauten, die ja eh schon genug unter Stress stehen. Andauernd fromme Sätze herbeten zu müssen, um die neue und nun auch außerhalb der Erdatmosphäre sichtbare Weltordnung zu preisen, geht zu Lasten der mentalen Verfassung.

»Meine Seele ist international«, sagt in diesem Tonfall einer leicht kitschig klingenden und von den herrschenden Verhältnissen aufgepfropften Brüderlichkeit der Oberst Afanasjew - und der einstige Genosse Maiboroda lobt ihn dafür: »ein routinierter Profi«.

Dessen Hoffnungen ruhen jetzt ohne Einschränkung auf der ISS, jenem möglicherweise nahezu 200 Milliarden Mark verschlingenden Symbol eines gemeinschaftlichen Willens. Dass Moskau dazu höchstens zehn Prozent beisteuert, wird vor Ort nicht bestritten, aber in puncto Know-how sieht man sich im Verhältnis zu den USA als Partner unter Gleichen.

Die Russen glauben, dass sie in Sonderheit bei Versorgungsflügen und der Gefahrenabwehr wertvolle Arbeit zu leisten im Stande sind - eine nach den Jahren mit der zunehmend lädierten »Mir« vermutlich richtige Einschätzung. Wiktor Afanasjew, der ja immerhin 546 Tage in der Schwerelosigkeit erstaunliches Improvisationstalent bewies, scheint dafür genau der richtige Typ zu sein.

Er sei ein »toller Kommandeur«, begeistert sich die attraktive französische Rheumatologin Claudie Haigneré, die auf der »Besuchsexpedition Nr. 2« zur ISS mitfliegen wird, und tätschelt dem etwas verlegen dreinblickenden Chefpiloten die Wangen. Sie weiß das auch von ihrem Mann Jean-Pierre, der dem Kosmonauten anno 1999 assistierte.

Und der Gepriesene legt sich krumm, um diesem Ruf gerecht zu werden. Täglich bis

zu zehn Stunden quält er sich etwa in der Unterdruckkammer, oder er simuliert für den Fall, dass beim Rücksturz zur Erde die Elektronik ausfallen sollte, mit derbem Gerät eine handgesteuerte Landung. Die Bodenstation verkörpert hinter einer Glasscheibe der Ingenieur Igor Suchorukow, der schon den leicht verrückten amerikanischen Weltraum-Touristen Dennis Tito betreute.

Seine Sicherheit bezieht der kosmonautische Veteran Afanasjew aus einem zähen Optimismus, den er zuweilen mit sarkastischen Bemerkungen anreichert. Die russische Gegenwart erscheint ihm in ihren Auswüchsen so abenteuerlich, dass er sich heftig nach dem früh verstorbenen Chef im Kreml und vormaligen KGB-Chef Jurij Andropow sehnt: »Mit dem hätten wir jetzt mehr Disziplin und womöglich mehr Demokratie.«

Zumindest insoweit ist er Sowjetmensch geblieben - und abends, wenn er sich im Fernsehen über die laufenden Tagesereignisse informiert, könnte er »vor Lachen fast umkommen«.

In solchen Augenblicken zweifelt der Oberst, dass es für jene knappe Hälfte der im Sternenstädtchen auf ihren ersten Start wartenden Kompagnons überhaupt noch Chancen gibt, sich einen Lebenstraum zu erfüllen. Gerüchte, wonach der zunehmende Frust gelegentlich mit Alkohol bekämpft wird, mag er zwar nicht bestätigen, aber er empfindet das Ganze als »ziemliche Tragödie«.

Wie oft und mit welchem Aufwand sein Land im Weltraum präsent ist, seien »alles politische Fragen«, sagt der Psychologe Podolski - ein von Afanasjew nur zu gern bestätigter Satz. Im Kosmos, soll das heißen, kann den Russen keiner: Die lassen sich nur durch Entscheidungen bremsen, die ignorant auf Erden gefällt werden.

Aber diese Betrachtungsweise gibt ihm auch Hoffnung. Dauerhaft, suggeriert sich der treue Soldat, werden es die Regierenden in Moskau unmöglich wagen, den Fortschritt auszusperren - und der liegt für ihn im All. Schon der philosophischen Grundorientierung wegen.

Denn um zu sehen, wo er steht und hin möchte, braucht der Mensch - wie es Afanasjew am eigenen Leibe erfuhr - die richtige Perspektive. Er gewann sie, als er aus 360 Kilometer Entfernung auf dem Blauen Planeten den Golfkrieg und den senkrecht in den Himmel steigenden Rauch der brennenden Ölfelder beobachtete.

Er wurde Pazifist.

* Afanasjew (M.) mit Bordingenieur Kossiew und Ärztin Haigneré.

Zur Ausgabe
Artikel 74 / 121

Mehr lesen über