MEDIZIN Seuchenzug des Unbekannten
Der Tod kam übers Meer und ließ die Sense zügig kreisen. An Bord Genueser Galeeren erreichte »Mortalega grande«, das große Sterben, im Oktober 1347 Italien und fegte über die sizilianische Hafenstadt Messina hinweg.
Im Juni 1348 erschien die Seuche in Paris, im Oktober war sie in London. Rund 25 Millionen Menschen - etwa ein Drittel der damaligen Bevölkerung Europas - riss der »Schwarze Tod« innerhalb von fünf Jahren ins Verderben.
Jedes Schulkind weiß: Es war die Pest, die wie ein Apokalyptischer Reiter über das Land raste. Die Medizin lehrt: Von Rattenflöhen übertragen löste das Bakterium »Yersinia pestis« den Massentod aus.
Doch nichts davon ist wahr - zumindest wenn man einem britischen Forscherduo Glauben schenkt, das in einem jetzt erschienenen Buch eine verblüffende These aufstellt**: Nicht die bakterielle Pest, sondern ein bisher unbekanntes Virus habe den medizinischen GAU im Mittelalter ausgelöst, glauben Susan Scott und Christopher Duncan von der University of Liverpool. »Die Geschichtsbücher liegen falsch«, sagt Duncan. »Der Schwarze Tod zeigt alle Eigenschaften einer Virusepidemie.«
Duncan und Scott wälzten historische Quellen, modellierten das Grauen im Computer und wandten die Erkenntnisse der modernen Epidemiologie auf die Katastrophe an. Dann waren sie sich sicher: »Es ist offensichtlich, dass der Schwarze Tod nicht die Pest gewesen sein kann. Die Indizien:
* Wirksamen Schutz gegen den Schwarzen Tod bot den Überlieferungen zufolge eine 40-tägige Quarantäne. Die jedoch, so Duncan, hätte gegen die vor allem durch Rattenflöhe übertragene Pest nichts ausrichten können: »Ratten respektieren keine Quarantäne.«
* Beulenpest hat eine Inkubationszeit von zwei bis sechs Tagen. Symptome des Schwarzen Todes jedoch sollen laut den historischen Quellen erst nach etwa 30 bis 34 Tagen aufgetreten sein. Einer Latenzzeit von 10 bis 12 Tagen folgte eine infektiöse, aber noch symptomfreie Phase von 20 bis 22 Tagen. Erst in den letzten 5 Tagen vor dem Tod zeigte sich das typische Krankheitsbild.
* Zumindest in den kälteren Regionen Europas lebte zur Zeit der Epidemie laut Duncan kein Nager, der als Überträger der Pest in Frage gekommen wäre. Die wärmeliebende Hausratte habe wegen der kalten Winter die Häfen und Städte nicht verlassen und sei kaum in der Lage gewesen, etwa per Schiff die Pest bis nach Island oder Grönland zu importieren.
* Auch Ratten sterben an der Pest. Bei ihren Recherchen stießen Duncan und Scott jedoch fast nie auf Quellen, in denen von vielen toten Ratten die Rede ist.
Im Mittelalter gingen die Menschen zudem davon aus, dass sich der Schwarze Tod von Mensch zu Mensch übertrug. Auch das sei für die Pest-Bakterien, die fast ausschließlich über die Flöhe von Nagetieren verbreitet werden, ungewöhnlich, sagt Duncan. Nur in seltenen Fällen befalle der Erreger die Lunge und könne dann über die Atemwege auch andere Menschen anstecken. Mit dieser Lungenpest lasse sich die schnelle Ausbreitung der Seuche in Europa jedoch nicht erklären. »Mit Lungenpest Infizierte sterben bereits nach drei Tagen«, erläutert Duncan. »Sie hätten kaum Gelegenheit gehabt,
die Krankheit über große Strecken weiterzutragen.«
Andere Forscher halten die Argumentation der Briten indes für falsch. »Absoluter Unsinn«, kommentiert etwa Heinrich Geiss vom Hygiene-Institut der Universität Heidelberg. »Wenn die Mischform aus Beulen- und Lungenpest vorliegt, ist die Übertragung von Mensch zu Mensch sehr wohl gut möglich«, sagt der Infektionsmediziner. »Sehr weit hergeholt« seien die neuen Thesen: »Die historischen Beschreibungen und Bilder lassen sich eindeutig mit dem Auftreten der Beulenpest in Verbindung bringen.«
Tatsächlich passen die typischen Symptome der Pest wie etwa die zu großen Beulen angeschwollenen Lymphknoten und die blutgefüllten schwarzen und braunen Flecken gut zu Berichten aus der Zeit des Schwarzen Todes. Duncan und Scott glauben trotzdem an eine Verwechslung. Auch andere Krankheiten zeigten ähnliche Symptome, etwa die durch so genannte Filoviren ausgelösten hämorrhagischen Fieber. Typische Vertreter dieser Erregergruppe sind das Marburg- und das Ebola-Virus.
Einen »Ebola-ähnlichen, von Säugetieren stammenden Erreger« vermutet Duncan daher als Verursacher des großen Sterbens. Zunehmende Resistenz in der Bevölkerung habe das Virus nach dem großen Seuchenzug in London um 1666 schließlich wieder verschwinden lassen. Sollte die »Hämorrhagische Pest« getaufte Krankheit jedoch - beispielsweise durch eine Mutation des Virus - wieder auferstehen, könnte ihre lange Inkubationszeit von rund 30 Tagen katastrophale Folgen haben, warnt Duncan.
»Heute bewegen wir uns mit Flugzeugen fort«, sagt der Forscher. »Bevor ein Patient Symptome zeigt, wäre die Krankheit schon um die halbe Welt.« PHILIP BETHGE
* Ausschnitt aus »Triumph des Todes« von Jan Brueghel d. Ä.(1597).** Susan Scott, Christopher Duncan: »Biology of Plagues«.Cambridge University Press; 434 Seiten; 65 Pfund.