studieren ARAFAT IST TOT
Der jüdische Siedler steht an einen Pfahl gebunden, eine schwarze Binde verhindert, dass er die bunte Wasserpistole sieht, die auf seine Schläfe zielt. Gleich will die Hamas ihre Geisel erschießen. Doch da: Schaul Mofaz, der israelische Generalstabschef, stürmt hinzu, schießt wild um sich und befreit das Opfer.
Ariel Scharon rennt hinterher, schwenkt die israelische Fahne und schreit aus voller Kehle: »Freiheit, Freiheit!« Die Kamera hält drauf, und Matthew Lee von den Middle East News schnauft zufrieden, denn er hat alles im Kasten.
Geiseldrama, ein Spiel: 40 Berliner Studenten simulieren ein Wochenende lang die Nahost-Krise. Die eindringliche, manchmal makabere Inszenierung soll helfen, so die Mitorganisatorin Sabine Schmidt, »Erfahrungen zu sammeln, wie Politik wirklich gemacht wird«.
Engagierte Studenten des Otto-Suhr-Instituts für Politikwissenschaft an der Freien Universität Berlin organisieren jedes Sommersemester in wechselnder Besetzung ein Planspiel zu einem aktuellen Konflikt in einer Region der Welt. Ein Uni-Seminar bereitet die Mitspieler inhaltlich vor. Dann geht es in die Abgeschiedenheit von Wilhelmsaue - das Örtchen im Oderbruch ist karg genug, um einer Phantasiewelt Raum zu geben.
Alle Rollen sind verteilt: Die führenden Kontrahenten treten ebenso auf wie die Vermittler George W. Bush, Kofi Annan und Javier Solana sowie die internationalen Medien.
Das Krisenspiel findet in der Zukunft statt. Ausgehend von der aktuellen Situation im Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern haben sich die Organisatoren eine mögliche Weiterentwicklung ausgedacht und dabei die Krise noch zugespitzt: Die palästinensische Terrororganisation Hamas hat elf orthodoxe jüdische Siedler als Geiseln genommen. Als Reaktion gelingt es einer Gruppe israelischer Siedler, die heilige Aksa-Moschee in Jerusalem zu besetzen. Sie fordern den Rücktritt Scharons und drohen, andernfalls die Moschee in die Luft zu sprengen.
Zu Beginn des Spiels muss jeder Teilnehmer die Ziele seiner Rolle formulieren. »Die werden dann versiegelt und am Sonntagnachmittag gucken wir, was daraus geworden ist«, erklärt Niels Tomm, einer der Organisatoren.
Katharina Lenner, Politikstudentin, spielt Palästinenserpräsident Jassir Arafat und trägt eine grüne Uniform und sein unverkennbares Markenzeichen, das Palästinensertuch. Chadib Bahouth, Student der Arabistik, hat die Rolle des israelischen Regierungschefs Scharon übernommen. Die beiden quälen sich mit unlösbar erscheinenden Aufgaben: Katharina möchte die Friedensverhandlungen mit den Israelis weiterführen, um als Arafat irgendwann den Staat Palästina ausrufen zu können. Die mitspielenden Israelis sind jedoch nicht zu Verhandlungen bereit, so lange ihre Siedler nicht freigelassen werden, und Arafat weiß nicht, an welchem Ort der Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin die Geiseln versteckt hält.
Auch Scharon-Darsteller Chadib würde prinzipiell mit den Palästinensern verhandeln, doch die tun sich schwer, so lange die Aksa-Moschee besetzt ist.
Arafat und Scharon hoffen nun auf Vermittler wie US-Präsident Bush oder den norwegischen Uno-Diplomaten Terje Röd Larsen. Deren Bemühungen scheitern jedoch immer wieder an brutalen Terroranschlägen von beiden Seiten: Zuerst erschießt die Hamas drei Geiseln. Israelische Soldaten töten daraufhin vor laufenden Kameras einen Palästinenser, der an einer friedlichen Demonstration gegen die Siedler teilnimmt.
Mord und Terror eskalieren. Um Exzesse oder völlig unrealistische Wendungen zu verhindern, wachen die »Götter« über das Krisenspiel - so nennen sich die Organisatoren in ihrer Rolle als Schicksalsmacht. Die »Götter« haben die letzte Entscheidungsgewalt: Nur wenn sie einen Spielzug absegnen, darf die darin erreichte neue Lage als Ausgangsbasis für die nächsten Züge dienen.
Gespielt wird von morgens bis spät abends in mehreren Runden zu je eineinhalb Stunden. Jede der Spielrunden entspricht drei Tagen in der Realität. Am Ende jeder Spielzeit laufen die Nachrichten, die alle aktuellen Entwicklungen - Verträge, Demos, Entführungen und Anschläge - zusammenfassen. Was wirklich im Nahen Osten passiert, dürfen die Spieler nicht erfahren.
Einigen der Studenten geht das Spiel sichtlich unter die Haut. Scharon-Darsteller Chadib stammt aus Beirut und hasst den israelischen Kriegshelden und Hardliner Scharon (arabischer Beiname: »Schlächter von Beirut") von ganzem Herzen. »Nach dem ersten Tag habe ich gedacht, Scheiße, jetzt entwickelst du noch Sympathien für den Kerl«, erzählt Chadib. Zumindest kann er jetzt die israelischen Positionen besser nachvollziehen: »Wir haben es geschafft, die Moschee von den Siedlern zu befreien. Es war ein Riesenakt, das in der Regierung durchzubringen, aber von der ganzen Welt wurde das als selbstverständlich erwartet und nicht richtig gewürdigt.«
Überrascht von den tatsächlichen, oft geringen Handlungsmöglichkeiten der Mächtigen fühlte sich Katharina, im Spiel Arafat. Sie hatte an der Uni schon viel über den Nahen Osten gearbeitet und spürte nun, »dass es ein Riesenunterschied ist, ob ich mich in der Wissenschaft damit beschäftige, wie ich theoretisch Konflikte lösen könnte, oder ob ich hier in der Geiselfrage gar nichts machen kann, weil ich einfach nicht weiß, wo die Geiseln überhaupt stecken«.
Die tieferen Einblicke in politische Prozesse hatten Politikstudentin Claudia Volmerhaus, Darstellerin von Scheich Jassin, bewogen, ein zweites Mal mitzuspielen. Das Krisenspiel des vergangenen Jahres, in dem es um den Kaschmir-Konflikt ging, hatte starke Eindrücke hinterlassen: »Ich habe noch tagelang im Kopf weitergespielt, es hat mich fertig gemacht, Menschen umzubringen - und sei es nur fiktiv.«
Organisatorin Beate Klemm kennt das schon: »Irgendwann kommen die nicht mehr aus ihren Rollen raus und sprechen sich auch abends beim Grillen oder in der Uni mit Kofi Annan und Arafat an.«
Der PLO-Chef ist im Oderbruch am Ende gestorben. Einfach so und ganz natürlich. Die Situation war derart verfahren, und der Anführer der Fatah-Jugend, Marwan Barghuti, hatte seine Rolle so gut ausgebaut, dass es Spielern und »Göttern« realistisch erschien, Barghuti zum Arafat-Nachfolger zu küren.
Dass der neue starke Mann gleich den Palästinenserstaat ausruft und von den arabischen Ländern anerkannt wird, kritisieren die »Götter« zwar als etwas naiv. Aber, sagt Sabine, »die Spielzeit ist vorbei, wir fahren wieder nach Berlin, und da lassen wir das einfach mal durchgehen«. TINA DETTMAR
www.krisenspiel.de