SOFTWARE Sonderlinge im Feindesland
Als Ed Ferris aus Seattle das Angebot bekam, für den Software-Konzern Microsoft zu arbeiten, lehnte er entsetzt ab. Ferris ist ein Fan von Apple-Macintosh-Computern - und mit »dem Reich des Bösen«, wie Microsoft von vielen Freunden der bedrängten Mac-Rechner genannt wird, wollte er niemals etwas zu tun haben.
Eigentlich. Doch dann machte Microsoft ihm ein zweites, ungewöhnlich klingendes Angebot. Diesmal schlug Ferris ein.
Seit einigen Jahren arbeitet er nun schon für den alles dominierenden Software-Giganten in Redmond im US-Staat Washington. Und in all dieser Zeit hat Ferris seine Leidenschaft für die Computer des kleinen Konkurrenten niemals zähmen müssen. Im Gegenteil: Im Dienste von Bill Gates konnte er dutzendweise Macs jeder Generation um sich sammeln, wahrscheinlich mehr als sonst jemand außerhalb von Apple. Ferris, 43, hat als Leiter des Mac-Labors fast alle Modelle in seiner Obhut, die Apple je hergestellt hat: vom legendären SE/30-Würfel bis zum neuen iMac mit Flachbildschirm.
»Das alles«, erzählt er beim Gang durch die Regale, »sind meine Babys.« Apple-Computer seien »einfach cool«. Den gewissen Ekel vor Windows - dem konkurrierenden, aber weltweit dominierenden Betriebssystem seines Arbeitgebers - hat Ferris bis heute nicht überwinden können: »Ich meide es wie die Pest.«
Es ist nicht üblich bei Microsoft, so despektierlich von den eigenen Produkten zu reden. Aber deutlicher noch äußert sich Ferris' Chef über die Firma, die sie beide nährt: »Microsoft«, sagt Kevin Browne, »hat den Hass der Mac-Gemeinde größtenteils verdient. Wir haben ihr ja jahrelang wirklich miserable Programme verkauft.«
Browne, 37, ist Generalmanager der wohl seltsamsten Abteilung von Microsoft: der »Macintosh Business Unit«, genannt Mac BU. Sie residiert mitten auf dem Firmencampus in Redmond. Bill Gates - für eingefleischte Mac-User der Teufel selbst - hat sein Büro nur fünf Autominuten entfernt. In den umliegenden Gebäuden hocken viele tausend Software-Entwickler und werkeln an nichts Geringerem als der Weltherrschaft ihres Windows-Betriebssystems und ihrer Anwenderprogramme - immer bestrebt, Firmen wie Apple möglichst keine Luft zum Atmen zu lassen.
Hier jedoch, auf nur anderthalb Stockwerken in Gebäude 155, herrscht ein anderer Geist. »Wir sind die Sonderlinge«, findet Browne. An den Wänden kleben Macintosh-Plakate. In den Büros stehen G4-Rechner und Titanium-Powerbooks. Programmierer mit Ohrringen und wirrem Haar schlurfen über die Flure. Ihr Altersdurchschnitt liegt bei knapp 30 Jahren (Microsoft insgesamt: 34,4 Jahre).
Mindestens die Hälfte von ihnen, sagt Chef-Programmierer Michael Connolly, 30, hält sich für wahre Mac-Freaks - für Überzeugungstäter, die mitten im Feindesland vor allem ein Wunsch antreibt: Die Welt möge ein sicherer Platz werden für Macs.
Die Mac BU sieht aus, als hätte Apple eine Außenstelle auf Microsofts Scholle eröffnet - aber das ist natürlich so unwahrscheinlich wie ein Pepsi-Stand im Vorstandscasino von Coca-Cola.
Microsoft hält mit seiner Macintosh-Abteilung einen staunenswerten Rekord: Sie ist die größte Entwicklungsstätte für Mac-Programme außerhalb von Apple selbst. Und entgegen den gerichtsnotorischen Gepflogenheiten im Gates-Konzern ist diese Abteilung nun ausgerechnet Apple behilflich, einen größeren Marktanteil zu ergattern - und zwar womöglich auf Kosten von Microsoft selbst.
Seltsam? In der Tat. Rund 160 Programmierer, Designer und Marketingleute kümmern sich in der Mac BU darum, das Standard-Software-Paket Microsoft Office (darunter Word, Power Point, Excel und das Outlook-ähnliche E-Mail-Programm Entourage) sowie den Web-Browser Internet Explorer für neue Macs verfügbar zu machen. Von ihrer Arbeit hängt Apples Zukunft ab.
Apple befindet sich mitten in einem prekären technischen Übergang: Die Firma hat ihr bisheriges Betriebssystem aufgegeben, dessen Anfänge 18 Jahre zurückliegen. Stattdessen werden die Rechner nun von dem neuen Mac OS X angetrieben, das auf Unix, dem Betriebssystem für Großrechner, basiert und wesentlich stabiler und effizienter arbeitet. Der Nachteil: Die alten Programme laufen nicht ohne weiteres auf Mac OS X. Die Mac-User werden nur dann in großer Zahl zu dem modernen Betriebssystem wechseln, wenn es dafür genügend attraktive Programme gibt. Und »das wichtigste Programm«, so räumt selbst Apple-Chef Steve Jobs ein, »ist wahrscheinlich Office«.
Wenn Microsoft dieses Software-Paket nicht für Mac OS X anbieten würde, daran hegen Branchenkenner keinen Zweifel, hätte Apple kaum eine Chance, sein neuartiges Betriebssystem zu etablieren oder gar mit ihm im Windows-Lager neue Käufer zu gewinnen. Ohne Microsofts Hilfe bliebe der Computerhersteller aus Cupertino mit seinem ohnehin verschwindenden Marktanteil von drei Prozent vollends auf eine Nischenexistenz beschränkt.
Apple hat seine Zukunft mit OS X verwoben - und einen Schlüssel zum Erfolg der Firma hält mit Microsoft ausgerechnet jener Konzern in Händen, der dafür bekannt ist, Konkurrenten wie Fliegen zu zerdrücken und über den Gebeinen seiner Wettbewerber Monopole zu errichten.
Noch 1996 hatte Bill Gates lauthals verkündet, niemals ein E-Mail-Programm wie Entourage für den Macintosh zu entwickeln. Damals erreichte der Krieg zwischen beiden Firmen seinen Höhepunkt. Apple-Chefs beschuldigten den Software-Riesen des Ideen- und Patentklaus. Die Programme, die Microsoft an Apple-Anwender verkaufte, waren lieblos zusammengeschustert, schon am Erscheinungstag veraltet und quälend langsam - ein wahres Gegenprogramm zu dem, was Mac-User schätzen: Eleganz und einfache Bedienbarkeit.
Mitte der neunziger Jahre herrschte eisiges Schweigen zwischen den Firmen. Man traf sich, wenn überhaupt, nur vor Gericht. Sogar die Programmierer beider Lager sprachen höchstens miteinander, wenn Anwälte zugegen waren. Doch während Microsoft rasant weiterwuchs, näherte sich Apple dem Rande des Ruins.
Als Apple-Gründer Steve Jobs an die Spitze des Unternehmens zurückkehrte, gelang es ihm, eine Art Frieden herbeizuführen. Überraschend investierte Microsoft 1997 rund 150 Millionen Dollar in den Not leidenden Konkurrenten und versprach, Office für dessen Rechner weiterhin verfügbar zu halten. Gleichzeitig wurde die Mac BU gegründet - als selbständige Einheit innerhalb von Microsoft. Brownes einzige Direktive, so sagt er, sei es, Mac-Kunden zufrieden zu stellen.
Sein Terminkalender verrät, wem seine Arbeit wirklich wichtig ist: Nur einmal hat Browne mit Bill Gates gesprochen, ganze zweieinhalb Stunden lang im letzten Sommer. Immerhin zweimal im Jahr sieht er Steve Ballmer, den Microsoft-Vorstandschef. Aber alle drei Monate trifft er sich mit Apple-Chef Jobs, und noch öfter telefoniert er mit ihm.
Apple hat nun sogar sein Betriebssystem in Teilen an die Extrawünsche der Microsoft-Programmierer angepasst. Beide Firmen nennen einander artig »Partner«. Böse Worte fallen selten - auch wenn es Apple-Offiziellen offenbar eine Herzenssache ist, in den diversen Anti-Trust-Prozessen gegen Microsoft auszusagen.
Der Krieg ist vorüber, doch der Frieden noch nicht ganz gewonnen. Das Echo aus den dunklen Zeiten schlägt Microsoft-Manager Browne entgegen, wann immer er auf einer Mac-Messe die Bühne betritt. Dem Microsoft-Mann wird nichts geschenkt: Noch bevor er das Wort ergreifen kann, wird er ausgebuht und ausgepfiffen. »Das ist hart«, sagt er. Aber bevor er zu Microsoft stieß, war er Offizier einer Panzertruppe bei der U. S. Army. Dort hat er gelernt, auch unter Beschuss nicht die Nerven zu verlieren.
Mit seinem neuen Produkt hofft Browne, die feindlichen Massen nun ein für alle Mal zu befrieden. Seit einigen Wochen liegt das lang erwartete Office-Programmpaket für Mac OS X in den Geschäften. In der Fachpresse wurde »Office v. X für Mac« hohes Lob zuteil. Viele Rezensenten urteilten, das Paket sei besser als das, was die Windows-Nutzer zu Gesicht bekämen. Apple-Chef Jobs preist vor allem die grafische Anmutung, die weit entfernt ist vom üblichen Microsoft-Standard. Genau so, sagte Jobs auf der Macworld-Messe im Januar, solle die ideale Anwendung für Mac OS X aussehen.
Für das Marketing hat sich Brownes Abteilung etwas Besonderes ausgedacht: Understatement. Der kontroverse Name »Microsoft« steht nur noch ganz klein auf der Packung, groß hingegen »Office: Mac«. Kurz hatten Brownes Leute sogar daran gedacht, »Microsoft« komplett aus dem Spiel zu lassen und eine neue Marke zu kreieren, aber wegen der Kosten haben sie das bleiben lassen.
Microsoft wäre nicht Microsoft, wenn dieses Programm nicht doch einen Haken hätte. Diesmal ist es der Preis: Office für Mac OS X kostet rund 700 Euro, mehr als halb so viel wie ein ganzer Computer. Das sei, so maulen nach wie vor kämpferische Mac-User, viel zu teuer, aber es ist immerhin der gleiche Preis, den Microsoft von seinen Windows-XP-Klienten eintreibt.
Das mag richtig sein - und doch sind alle Dollar aus dem Mac-Geschäft für Microsoft ohnehin nur Kleinkram: Mit Produkten für den Mac setzt Microsoft Schätzungen zufolge jährlich rund 250 Millionen Euro um. Das ist wenig mehr als nichts in diesem Konzern: Microsoft insgesamt hat im letzten Geschäftsjahr fast 30 Milliarden Euro eingenommen und über 8 Milliarden Euro Gewinn gemacht.
Wenn es nicht Geld ist, was lässt die Microsoft-Manager dann am einstigen Erzrivalen festhalten? Sympathie für dessen schöne Computer?
Oder ist es nur die Angst vor dem eigenen Monopol? In Zeiten, in denen dem Software-Giganten fast täglich neuer Anti-Trust-Ärger eingeht, steht es dem Riesen aus Redmond gut zu Gesicht, den kleinen, kreativen Mitbewerber nicht über die Klinge springen zu lassen.
MARCO EVERS