»Soldaten sind ja alle kreativ« - DER SPIEGEL
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»Soldaten sind ja alle kreativ«

Die ABC-Truppe der Bundeswehr zeigte in der Wüste Kuweits, was sie kann - und was nicht.
Von Christoph Schlegel
• aus DER SPIEGEL 11/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der wahre Feind stand am Himmel. Der Obergefreite keuchte unter seiner Gasmaske, im Gesicht puterrot, und der Schweiß tropfte ihm über die Augen. Gerade hatte er einen Spürpanzer abgespritzt, bei 28 Grad im kaum vorhandenen Schatten und 45 Grad im Schutzanzug. Das haut rein.

»Dabei ist es erst Frühling«, sagte Saad al-Anasi, Korrespondent des arabischen Fernsehsenders al-Dschasira, und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Anasi malte sich aus, was wohl passiert, wenn im Wüstensommer 50 Grad gemessen werden und der terroristische Ernstfall eintritt: Dann wird wohl weniger dekontaminiert, eher kollabiert.

Der Fernsehkorrespondent gehörte zu einer Gruppe deutscher und arabischer Journalisten, die vorige Woche zum amerikanischen Militärstützpunkt Camp Doha in Kuweit geladen wurde. Die Bundeswehr und die US-Streitkräfte wollten in einem ehemaligen Frauengefängnis zeigen, wie es so zugeht im Camp und dass man weder den Aufmarsch am Golf noch einen Angriff auf den Irak plant. Sondern übt.

Seit die USA den Terrorismus weltweit bekämpfen, hilft die Bundeswehr, wo sie nur kann. Da in Kuweit, wo 8000 Amerikaner leben, ständig die Angst vor einem irakischen Giftgasangriff schwelt, hatte Washington ein 250 Mann starkes ABC-Bataillon aus dem westfälischen Höxter bestellt. Das kam im Februar, ausgerüstet mit sechs Spürpanzern der Modellreihe »Fuchs«.

Und nun standen da lauter schwer atmende Soldaten vor den Journalisten. Wurden die ABC-Kräfte nach dem Sinn ihres Aufenthalts gefragt, pressten sie durch ihre Gasmaske stets den einen Satz: »Wir üben hier nur.« An zweiter und dritter Stelle kamen die auswendig gelernten Floskeln: »Wir halten uns an den Bundestagsbeschluss« und »Wir dürfen unsere Namen nicht sagen«.

Es war ein schöner Tag für eine Militärvorführung. Die Sonne strahlte, über dem Zwei-Millionen-Einwohner-Land lag der milde Geruch von verbranntem Öl, und die Presseoffiziere trugen neue Uniformen, beige mit grünbraunen Klecksen, atmungsaktiv, und auf dem Kopf einen Indiana-Jones-Hut in derselben Farbe.

»Wir befinden uns hier in einem Land, das unter einer besonderen terroristischen Bedrohung steht«, hatte zuvor einer der Pressesoldaten gesagt. Und nachdem die Journalisten unterschrieben hatten, dass sie »jedwedes Risiko« selbst übernehmen würden, waren sie in zwei Kleinbusse verfrachtet und vom Hotel nach Camp Doha gefahren worden.

Auf der Fahrt gab es vermischte Nachrichten. »Wir sind in einer riesigen Halle untergebracht, alle 250 Mann«, berichtete ein Offizier. »Die Halle war leer, aber Soldaten sind ja alle kreativ.« Sie hätten aus Getränkekartons sogar Regale gebastelt. Die Duschen? »Wie in Bosnien.« Die Verpflegung? »Abwechslungsreich«, aber fettarm. Die Amerikaner legten Wert auf »low fat«.

Nach der Ankunft am Trainingsort wurden die Journalisten auf das Dach des ehemaligen Frauengefängnisses gebeten. Ein ruinenartiger Ort, die Mauern sind verfallen, in den Ecken liegt Schutt, ideal für eine Katastrophenübung. Kuweit-Stadt ist in Sichtweite, der Irak 120 Kilometer entfernt.

Dann kam der Spürpanzer Fuchs. Die Kameras von ARD, ZDF, RTL und einigen arabischen Sendern verfolgten die Fahrt im Gefängnishof. Das Spürfahrzeug drehte sich mal nach links, mal nach rechts. Dann wühlte ein schwarzer Greifarm im sandigen Boden, nahm übungshalber einen »Kampfstoff« auf, der im Panzer analysiert wurde. Ergebnis: »Gift« war in der Landschaft. Kurz danach plumpste ein gelbes Fähnchen aus dem Fuchs und markierte für jeden Wüstenspaziergänger: Gas.

Der Fuchs musste anschließend dekontaminiert werden. Von oben nach unten. Vier Obergefreite in Schutzanzügen spritzten das »verseuchte« Spürfahrzeug mit einer seifigen Flüssigkeit ab. Was eher nach Autowaschanlage als nach Katastrophenschutz aussah, brachte die Abwehrkräfte erneut richtig zum Keuchen.

»Ja, da müssen wir uns wohl Gedanken über neue Schutzanzüge machen«, sagte Bataillonskommandeur Andreas Bednarzyk. Er werde einen Erfahrungsbericht erstellen. Die Sanitäter berichteten, dass bei den Übungen schon ein paar Soldaten umgekippt seien. Die Amerikaner würden aber deutlich schneller schlappmachen, hieß es.

Bei der Medienshow blieben alle wohlauf. Nur am Rande grummelte es ein bisschen. Man bekomme keine deutschen Zeitungen im Lager, bloß die Höxter Lokalausgabe der »Neuen Westfälischen Zeitung«, mit zehn Tagen Verspätung, sagte einer. Dass es keinen Alkohol gibt, nur alkoholfreies Bier, könne man ja noch wegstecken, aber dass die Mobilfunkverbindung D2 nicht empfangsbereit sei, das treffe die Truppe hart, meinte ein anderer.

Auch die arabischen Journalisten waren sich nicht ganz sicher, ob mit diesen Füchsen und dieser schwitzenden Truppe aus Deutschland wirklich ein Konflikt zu meistern wäre: Etwas ungläubig fragte die »Kuwait Times« am nächsten Tag: »Sind wir bereit für den Krieg?« CHRISTOPH SCHLEGEL

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