Zu wenig, zu alt, zu teuer
Ohne Fotokopierer wüsste die Düsseldorfer Lehrerin Johanna Kaup gar nicht mehr, wie sie ihren Unterricht an der Hauptschule im Stadtteil Rath gestalten könnte.
Die Bücher der achten Klasse in Englisch und besonders in Politik seien »alte Möhrchen«, mit denen sich kaum Interesse wecken lasse bei ihrer schwierigen Klien-tel, die sich ohnehin mehr für Stefan Raab als für Karl den Großen begeistere. Mangels vernünftiger Bücher bastelt sich die Pädagogin ihre Lernmittel selbst - da kam ihr die Europa-Serie im SPIEGEL gerade recht: Zusammengeschnipselt, von Fremdwörtern befreit und dutzendfach kopiert, lieferte die Serie die Basis für den Unterricht.
Spätestens seit dem verheerenden Ergebnis der Pisa-Studie fehlt die Klage über die deutsche Bildungsmisere in keiner politischen Sonntagsrede. Nur: Wie sollen Kinder im Land der Dichter und Denker vernünftig lernen können, wenn nicht einmal genug Geld für Bücher da ist?
Einen »Tiefstand« bei den Schulbuchausgaben beklagt der Verband der Bildungsmedien. Wurden 1991 bundesweit noch umgerechnet 398 Millionen Euro für neue Lernmittel an den Schulen ausgegeben, sind es derzeit gerade noch 274 Millionen, dabei ist die Zahl der Schüler im gleichen Zeitraum um eine Million auf 12,6 Millionen gestiegen, und die Buchpreise haben sich im Schnitt um fast 30 Prozent verteuert.
Durchschnittlich etwa zehn Jahre alt sind die Bücher, mit denen an deutschen Schulen gelernt wird, Geschichtsbücher aus den siebziger und achtziger Jahren keine Seltenheit. Ein Werk über »Karten zur bayerischen Geschichte« aus dem Jahr 1955 steht immer noch auf dem Index zugelassener Schulbücher. In Mathematikbüchern lebt die Mark weiter. Es wird Jahre dauern, bis alle Rechenbeispiele auf den Euro umgestellt sind.
Lehrer an einer Gesamtschule in Hamburg-Langenhorn haben kürzlich aus eigenen Mitteln neue Wandkarten für den Unterricht angeschafft, weil die alten noch die Sowjetunion und Jugoslawien zeigten. In Politik- und Erdkundebüchern existiert vielfach noch die DDR - und in Bonn regiert ein Kanzler namens Helmut Kohl.
»Haben wir Kinder kein Recht darauf zu erfahren, was nach 1989 passiert ist?«, fragte kürzlich die elfjährige Senta vom Düsseldorfer Humboldt-Gymnasium in einem Leserbrief an die »Rheinische Post«.
An manchen Hamburger Gymnasien haben die Schüler nicht einmal Gelegenheit, sich über alte Grenzen zu ärgern, sie bekommen gar keine eigenen Atlanten. Es gibt nur einen für die ganze Klasse, und der verbleibt in der Schule.
Immer mehr Schulen wie das Kölner Irmgardis-Gymnasium erstellen so genannte Empfehlungslisten für die Eltern, nach dem Motto: »Es wäre sicher gut für Ihr Kind, wenn sie folgende Bücher beschaffen könnten ...«
»Der Staat zieht sich als Schulträger immer mehr aus seiner Verantwortung zurück«, kritisiert Karin Breitkreuz, zuständig für den Schulbucheinkauf an der Hauptschule Düsseldorf-Rath. 58,80 Euro kann sie pro Kind und Jahr ausgeben, die gleichen Sätze gelten in Nordrhein-Westfalen auch für Realschulen und Gymnasien. Nur ein Teil der Bücher verbleibt beim Schüler, der Rest wird ausgeliehen. Verglichen mit anderen Bundesländern hat Breitkreuz einen fast schon üppigen Etat, in Sachsen-Anhalt müssen sich die Schulen in der Oberstufe mit 33 Euro bescheiden. In Hamburg wiederum herrscht zwar seit 1949 totale Lernmittelfreiheit, das heißt, alle Schulbücher sind umsonst. Doch die Regelung wirkt in Zeiten knapper Kassen wie ein Bumerang: Angeschafft wird für alle Schüler zu wenig.
Über den Kauf entscheidet in der Regel die Schulbuchkonferenz der jeweiligen Schule, die Vergabe der Mittel erfolgt meistens über die Kommune.
Die Kleinstaaterei im deutschen Schulbuchwesen verteuert die Schulbücher: Die Auflagen sind gering. Und Unterschiede sind politisch oft erwünscht. So hat Verena Radkau vom Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig besonders markante Abweichungen in Büchern festgestellt, die in Bayern und Nordrhein-Westfalen (NRW) in Gebrauch sind. »Wenn es um Islam oder Migration geht«, so die Historikerin, »sind die Texte für bayerische Schüler häufig konservativer.«
Volle Lernmittelfreiheit, obwohl in vielen Ländern gesetzlich verankert, existiert in Wahrheit nur noch in Baden-Württemberg, Bremen, Hamburg, Hessen und Thüringen.
In Rheinland-Pfalz gibt es Lernmittelgutscheine nur für Kinder von Kleinstverdienern. Rund 80 Euro pro Jahr müssen Eltern beispielsweise für ihre Töchter an der Hildegardisschule in Bingen ausgeben. Die Gymnasiastinnen verkaufen ihre Bücher meistens an die nachkommenden Jahrgänge weiter.
Die Lernmittelfreiheit hat eine lange Geschichte in Deutschland, wo mit dem Reformator Martin Luther ABC-Fibeln aufkamen, damit große und kleine Protestanten die Zehn Gebote lesen lernten. Überhaupt war das Lesenlernen in evangelischen Gegenden weiter verbreitet als im katholischen Bayern.
Überall wird derzeit gestritten, ob die Lernmittelfreiheit nicht besser ganz fallen soll. In Hamburg wird ein »verträglicher Elternbeitrag« diskutiert. Als erstes großes Bundesland schafft NRW das kostenlose Schulbuch gerade wieder ab. »Das war vor 30 Jahren angemessen. Heute verhindert es eine ausreichende Versorgung mit Schulbüchern«, hat Regierungschef Wolfgang Clement erkannt. Die knappen öffentlichen Mittel, plädiert der Verband der Bildungsmedien, könnten dann auf die wirklich bedürftigen Familien verteilt werden.
Auch manche Pädagogen wünschen sich einen höheren Bildungseinsatz der Eltern, die schließlich auch für Handys und Computer im Kinderzimmer aufkommen und ihre Sprösslinge mit hippen, oft teuren Klamotten ausstaffieren.
Schulbücher sind häufig die einzigen gebundenen Druck-Erzeugnisse, die Kinder in die Hand nehmen. »Comics und die ,Bild'-Zeitung«, antwortet etwa Pierro, 15, in der Klasse der Düsseldorfer Lehrerin Kaup auf die Frage nach seinen Lesegewohnheiten, und Julia, 15, wirft lieber gleich ihren Computer an: »Da gebe ich einen Suchbegriff ein und muss nicht so lange lesen, bis ich das finde, was ich suche.«
Die alten Bücher in Deutschlands Klassenzimmern sind nicht nur optisch und hygienisch ein Problem, sie entsprechen vielfach nicht mehr der neuesten Didaktik. »Früher gab es Lernbücher, deren Stoff gepaukt werden musste«, sagt Radkau, »heute gibt es Arbeitsbücher, die zur Gruppenarbeit animieren sollen.« Strittige Thesen, unterschiedliche historische Sichtweisen seien ausdrücklich erwünscht.
Doch die Pädagogen haben vielerorts resigniert. »Bildung interessiert niemanden«, stellt Breitkreuz nach drei Jahrzehnten im Schuldienst bitter fest, »solange die Kinder von 8 bis 13 Uhr warm verwahrt werden.« BARBARA SCHMID