BILDUNGSSERIE TEIL 4 JOBBEN Lockender Mammon
Die 16-jährige Hamburgerin Marijke hat zwei teure Hobbys: Ihr Freund wohnt in Nordrhein-Westfalen, ihre beste Freundin in Bayern. Jeder Besuch kostet die Zehntklässlerin der Gesamtschule Steilshoop an die 100 Euro, und die Telefonkosten, 50 Euro im Monat, zahlt Marijke auch aus eigener Tasche.
An zwei Nachmittagen in der Woche arbeitet die Tochter einer allein erziehenden Putzfrau als Praxishilfe bei einer Tierärztin. Ihr Stundenlohn beträgt 6,15 Euro plus Gratisbehandlung ihrer eigenen Tiere, vier Meerschweinchen und einem Kater.
Dass Schüler Geld verdienen, ist in Deutschland normal. Nach Schätzungen des Deutschen Kinderhilfswerks arbeitet bundesweit mindestens ein Drittel aller Kinder ab 13 Jahren im Schnitt mehr als drei Stunden pro Woche - obwohl der Gesetzgeber die Arbeit für Kinder unter 15 Jahren generell verbietet.
Über das Ausmaß kindlicher Erwerbstätigkeit gibt es nur Schätzungen: In Thüringen jobbten danach 1999 knapp 40 Prozent aller 13- bis 15-Jährigen; in Nordrhein-Westfalen lag die Kinderarbeitsquote in der Vergangenheit schon bei über 40 Prozent, in Hessen sogar bei etwas über 50 Prozent. Und in Bayern jobbt jeder dritte Pennäler laut dortigem Philologenverband.
Die Doppelbelastung von Schülern ist so häufig, dass Pädagogen in ihr auch einen Grund für Deutschlands miserable Schulnoten sehen. Viele Schüler, meint etwa der Hamburger Lehrerverbandschef Arno Becker, hielten die Schule nur noch für ihren »Nebenjob«. Und sein Kollege Heinz Wagner vom Verband Bildung und Erziehung, Gesamtschulleiter in Paderborn, redet sich in Rage über »die Wirtschaft«, die Schüler zum Luxuskonsum wie Markenklamotten verführe und sie gleichzeitig als billige Arbeitskräfte ausbeute - auf Kosten der Schule.
Die Betroffenen sehen das anders. Der Job stehe nicht zum schulischen Engagement in Konkurrenz: »Ist doch besser, wenn ich jobbe, als wenn ich kiffe oder in Läden klaue«, findet Marijke. Und falls diese Schülerlogik nicht reicht, folgt das Glaubensbekenntnis aller Jobber: An erster Stelle steht immer die Schule - »immer«.
Schulleiter Wagner hat andere Erfahrungen. Nachschreibtermine für Klassenarbeiten etwa legen manche seiner Kollegen inzwischen auf ihren freien Samstag. »Nachmittagstermine werden nicht wahrgenommen wegen der Jobverpflichtungen«, klagt Wagner.
Marijkes Mitschülerin Anastasia bangt um den Hauptschulabschluss. Doch ohne ihre Putzjobs - frühmorgens vor der Schule - würde sie »auch nicht besser lernen«, behauptet sie. Außerdem hätte sie ohne eigenes Geld nicht an der Klassenreise nach Italien teilnehmen können. Amir, 16, hat sich sein Flugticket für den letzten Familientrip in einem Callcenter erjobbt.
Das Telefonieren im Akkord ist bei Schülern beliebt. Ein »harter Job« sei das »schon«, räumt Oberstufenschülerin Janina ein, aber durch die freie Zeiteinteilung mit den Schulaufgaben »gut vereinbar«.
Vor allem aber lockt der Mammon: Anfänger am Hörer bekommen 7,50 Euro die Stunde, Profis 9 Euro und mehr. Bei Minimal gibt's 6,50 Euro fürs Warenpacken, bei Karstadt, wo Lars aus Klasse 13 seine Samstage in der Feinkostabteilung verbringt, sogar 9 Euro. Der Einzelhandel ist mit etwa 45 000 beschäftigten Schülern einer ihrer größten Arbeitgeber. Die meisten Kids arbeiten allerdings ganz traditionell als Babysitter oder Zeitungsausträger - für gerade fünf Euro die Stunde.
Geldverdienen ist Motiv Nummer eins für die Erwerbstätigkeit von Schülern, bestätigt eine Studie über Kinderarbeit aus dem Jahr 1999, gefolgt von einem eher gegenläufigen Motiv: »Fun«. Dabei besteht der Spaß für viele schon darin, »kein Kind« mehr zu sein, sich unabhängig von den Eltern beweisen zu können.
Traditionelle Freizeitangebote bieten diese Art Spaß nicht. Laut Janina ist man out, wenn man im Chor singt, in der Badminton-AG spielt oder daheim Klavier übt: »Das wollen nur noch Eltern, wir gehen lieber aus. Und das kostet eben.«
Friedhel m Meyer, Chef des Hauptschullehrerverbands, macht das Jobben nicht für die deutsche Bildungsmisere verantwortlich. Hauptschulen stellen trotz des niedrigen Alters ihrer Schüler den größten Teil der Babyjobber, Gymnasien den geringsten. »Der viel größere Bildungsfeind ist der Fun-Faktor«, glaubt Meyer. »Wir sind leider eine Spaß- und keine Leistungsgesellschaft. Dagegen kann Jobben sogar helfen, weil die Jugendlichen dabei Verantwortungsbewusstsein entwickeln.«
Solche Botschaften sind Musik in den Ohren von Schülerinnen wie Pauline, 20, Gymnasiastin im bayerischen Aichach. »Ich kann mit Geld besser umgehen, und ich genieße meine Freizeit mehr«, prahlt die Vieljobberin aus wohl situierten Verhältnissen.
Mit 16 hat die Schülerin in den Ferien das erste Mal am Fließband gestanden, »tödlich« sei's gewesen, aber trotzdem: »eine ganz wichtige Erfahrung«. Heute finanziert Pauline als Juweliergehilfin, Kellnerin und Nachhilfelehrerin von ihrem Monatseinkommen von rund 600 Euro sogar das eigene Auto. »Das ist es mir wert.«
Um das Abitur macht sich die junge Frau »keine Sorgen«. Marketingmanagerin will sie werden. Das Management der eigenen Zeit habe sie jedenfalls schon raus: »Ich komme mittlerweile mit vier bis fünf Stunden Schlaf aus«, sprudelt Pauline unbedarft heraus. Das spart Zeit, und Zeit ist Geld, wie jedes Schulkind weiß.
ANNETTE BRUHNS