TERRORISMUS »Zico« und der »Moschee-Springer«
Begeisterte Fußballer waren sie beide. Heinz Ackermann, Mittelfeldspieler beim BSV Roxel, konnte so perfekt den Ball führen, dass ihn die Mannschaftskameraden in Anlehnung an einen brasilianischen Dribbelkünstler »Zico« riefen.
Mounir al-Motassadeq, Sturmspitze des FC Gievenbeck, schoss so viele Tore, dass ihm niemand böse war, wenn er sich nach dem Match sofort verdrückte.
In der Kreisliga in Münster, wo sie sonntagmorgens um elf gegen Vereine wie Gelb-Schwarz Hohenholte, Fortuna Schapdetten oder Wacker Mecklenbeck spielten, fielen die beiden Provinzkicker als Talente auf.
Das war, wie sich später herausstellen sollte, nicht ihre einzige Gemeinsamkeit. Beide Männer verfolgten Ziele mit großer Disziplin. Beide lebten nach bestimmten Grundsätzen. Beide glaubten, auf unterschiedliche Weise, fest an Gott. Beider Leben sind, auf tragische Weise, für immer miteinander verstrickt.
Dass sich ihre Wege kreuzten, dass sie sich sogar, zumindest flüchtig, kannten, gewinnt Bedeutung durch ein historisches Datum: den 11. September 2001.
An diesem Tag stirbt Heinz Ackermann beim Einsturz des World Trade Center (WTC) in New York, der 38-Jährige bleibt in den Trümmern des Südturms verschollen. Seine Verwandten müssen im Familiengrab im Münsterland eine Urne mit Staub vom Ground Zero beisetzen.
Mounir al-Motassadeq, inzwischen 28, sitzt seit November vergangenen Jahres im Wuppertaler Gefängnis. Die Bundesanwaltschaft verdächtigt ihn, einer der Hintermänner der Todespiloten des 11. September zu sein. Noch in diesem Monat soll er wegen Unterstützung einer terroristischen Vereinigung angeklagt werden.
Die beiden Männer kommen aus zwei Welten, wie sie unterschiedlicher kaum sein können. Mounir al-Motassadeq wächst auf in den engen Gassen von Marrakesch, der alten Königsstadt mit Hunderten Mo-
scheen, in der die Rufe des Muezzin jedoch zunehmend vom Verkehrslärm überdröhnt werden.
Heinz Ackermann wird im Münsterland groß, auf einem Landgasthof im Grünen, zwischen Getreidefeldern, Kartoffeläckern und Pferdeweiden. Spielkameraden und spätere Freunde findet er im nahe gelegenen Roxel, einem beschaulichen kleinen Ort, der seit 1975 zur Stadt Münster gehört.
Als Junge wurmt den Gastwirtssohn, dass er nicht so schnell wächst wie die Gleichaltrigen, dass er als Kleinster öfter mal gefrotzelt wird. Weil er auch in der Schule nicht gleich mit guten Noten glänzt, wird er unterschätzt. Niemand ahnt, dass er nicht nur vielen seiner Spötter bald über den Kopf wachsen wird, sondern auch eine große Karriere vor sich hat. »Ein Spätentwickler«, erinnern sich Freunde.
Ehrgeiz entwickelt Heinz Ackermann zunächst beim Fußball. Er versäumt schon als Jugendlicher kein Training, kein Spiel seiner Mannschaft, übt oft stundenlang Balljonglieren, möchte ein Star werden wie seine Vorbilder Günter Netzer, Franz Beckenbauer oder Wolfgang Overath.
Viel Freizeit bleibt ihm ansonsten nicht. Wie die drei Geschwister - ein Bruder, zwei Schwestern - muss er mit anpacken in der elterlichen Wirtschaft, steht mal am Zapfhahn hinterm Tresen, kellnert mal im Garten, hilft mal auf der Kegelbahn.
Im »Restaurant Ackermann« wird jede Hand gebraucht. Die Schützen feiern hier und die Männer von der Freiwilligen Feuerwehr, und wer es sich leisten kann, richtet bei Ackermann seine Hochzeit aus.
So streng wie auf die Hilfsdienste im Betrieb pochen die Eltern, gläubige Katholiken, sonst nur noch auf regelmäßigen Gottesdienstbesuch. Jeden Sonntag muss Heinz Ackermann in die Kirche St. Pantaleon in Roxel. Wenn er am Sonntagmorgen Fußball spielt, zumindest in die Messe am Samstagabend.
Auch Mounir al-Motassadeq wird streng religiös erzogen. Der Vater achtet darauf, dass der Sohn fünfmal am Tag betet, wie es Vorschrift ist, dass er keinen Alkohol anrührt, sich nicht mit Mädchen abgibt. Mounir gehorcht.
Die Eltern gewinnen so viel Vertrauen in die Sittenfestigkeit des Sohnes, dass sie ein aus ihrer Sicht ungeheuerliches Wagnis eingehen: Mounir, gerade erst 19, soll in Deutschland studieren, mitten im dekadenten Westen, in einem Land der Ungläubigen.
Ende 1993, drei Monate nach seinem Abitur, reist er mit Visum ein. In Münster, wo noch mehr Marokkaner leben, paukt er Deutsch, ergattert einen der begehrten Plätze am Staatlichen Studienkolleg, auf dem sich junge Leute aus aller Welt auf ihr Studium vorbereiten - eine bunte, lärmende Umgebung, die auf den Mann aus Marrakesch fremd und bedrohlich wirkt.
Heinz Ackermann lebt um diese Zeit nicht mehr im Münsterland. »Ich muss raus hier«, hat er schon vor Jahren angekündigt, nach seiner Lehre als Versicherungskaufmann, nach der Rekrutenzeit bei der Bundeswehr in der benachbarten Lützow-Kaserne.
Die Eltern sind enttäuscht, dass ihr ältester Sohn nicht die Gaststätte übernimmt. Die Fußballer in Roxel vermissen »Zico«, den Supertechniker. Der sucht seine Erfolge nun anderswo.
So diszipliniert, wie er früher trainiert hat, studiert Heinz Ackermann in Köln Versicherungswesen, legt ein glänzendes Diplom hin. 1991 heuert er bei Jauch & Hübener in Mülheim an, einer Makler- und Beratungsfirma, die später vom US-Konzern Aon geschluckt wird.
Auf seinem Spezialgebiet, der betrieblichen Altersvorsorge, ist er bald so versiert, dass ihn die Chefs zur weiteren Fortbildung in die USA schicken. 1994, mit 32, darf er für ein Jahr nach Los Angeles und nach New York. Unterschätzt wird der Mann aus dem Münsterland da längst nicht mehr. Freunden und Verwandten schickt er jetzt Postkarten mit Grüßen aus L. A.
Mounir al-Motassadeq plagt zur gleichen Zeit - er ist jetzt ein knappes Jahr in Deutschland - Heimweh. In Münster fühlt er sich verloren. Er spricht nur mühsam Deutsch, verkehrt in seiner Freizeit fast ausschließlich mit marokkanischen Studenten - bis ihn ein Fußballfan, der ihn auf der Schlosswiese kicken sieht, dem Trainer des FC Gievenbeck vorstellt, Manfred Matzel.
Auf den wirkt der Marokkaner »wie ein großer Junge": unselbständig, unreif, unsicher. »Selbstvertrauen hatte er nur am Ball«, erinnert sich Matzel. Wenn er den erst einmal hat, gibt er ihn so schnell nicht wieder her. Der schmächtige Stürmer trickst die Gegner mit seinen dünnen Beinen derart virtuos aus, schießt so viele Tore, dass er sofort einen Stammplatz in der Kreisliga-Mannschaft bekommt.
Auch nach dem Abpfiff sorgt der Neue für Aufsehen: Nie zieht er sich nackt aus, duscht lieber in der Badehose - aus sittlichen Gründen, wie er selbst sagt. Und auch wenn ihn die Mannschaftskameraden anflachsen, »Komm Mounir, Allah sieht''s doch nicht«, lehnt er das übliche Bier nach dem Spiel strikt ab. An Grillpartys oder Geburtstagsfeten nimmt er nicht teil.
Manchmal, wenn er zu spät zum Training kommt, gibt Mounir einen kleinen Einblick in seine Privatsphäre. »Ich musste noch beten«, entschuldigt er sich dann. »Moschee-Springer« nennt ihn einer seiner wenigen deutschen Bekannten. Mit ein paar anderen Arabern, ebenso tief gläubig wie er, trifft sich der Fußballer täglich in einer Moschee in Münster zum Gebet.
Weil das Geld, das der Vater regelmäßig schickt, nicht zum Leben reicht, sucht der Student aus Marrakesch im Herbst 1994 einen Job. Da passt es gut, dass in der Gaststätte Ackermann gerade dringend eine Küchenhilfe gesucht wird.
So einen wie al-Motassadeq können die Wirtsleute gut gebrauchen: anständig, fleißig, willig. Der Student, der zeitweise in einem Dachzimmer des Gasthauses wohnt, putzt Salat, schrubbt Metallflächen blank, stapelt Teller, spült Gläser - alles zur Zufriedenheit seiner Arbeitgeber.
»Ein ganz lieber Kerl«, erinnert sich Andrea Ackermann, die jüngste Tochter des Gastwirts-Ehepaars. Schüchtern sei er gewesen, und geredet habe er nicht viel. Aber alle in der Familie hätten ihm vertraut.
Auch Heinz Ackermann macht bei einem seiner Besuche zu Hause die Bekanntschaft des Küchenhelfers. »Die beiden sind sich begegnet«, erzählt Andrea Ackermann, »mein Bruder kannte ihn.«
Ein makabrer Zufall, über den in der Familie immer wieder diskutiert wird, seit die Ackermanns wenige Wochen nach dem 11. September aus dem Fernsehen erfahren haben, dass ihr einstiger Spüler Mounir als Helfer der Todespiloten verdächtigt wird.
Hat da ein Täter seinem späteren Opfer gegenübergestanden?
So unerwartet, wie er auftauchte, ist der marokkanische Torjäger beim FC Gievenbeck auch wieder verschwunden. »Plötzlich kam er einfach nicht mehr«, erinnert sich Trainer Matzel. »Er hat nicht mal ,Tschüss'' gesagt.« Auch den Küchendienst in der Gaststätte gibt Mounir al-Motassadeq 1995 auf. Grund: Er bekommt einen Studienplatz an der Technischen Universität in Hamburg-Harburg, Fachrichtung Elektrotechnik.
Wie schon in Münster verdient er sich Geld dazu: Zwei Jahre lang reinigt er Flugzeuge am Hamburger Flughafen Fuhlsbüttel. Die dazu erforderliche Sicherheitsüberprüfung besteht er anstandslos.
Deutschen Mitbewohnern im Studentenheim fällt bald auf, dass Mounir al-Motassadeq zunehmend extreme Standpunkte vertritt. Als einmal die Rede auf Israel kommt,
braust der Marokkaner auf: »Das heißt nicht Israel, das heißt Palästina.« Und als vom dortigen Friedensprozess gesprochen wird, sagt er kategorisch: »Es gibt keinen Frieden mit Israel.«
Motassadeq lässt sich einen Bart stehen, versucht, buchstabengetreu nach den Geboten des Korans zu leben. »Unsere westlichen Lebenswerte lehnte er ab«, erinnert sich ein Zimmernachbar. Plakate mit leicht bekleideten Frauen oder Alkoholwerbung sind ihm zuwider. Wenn im Abfall leere Bierdosen liegen, weigert er sich, den Müll wegzubringen.
Ob die Hinwendung zum Fundamentalismus eigenem Antrieb entspringt oder ob der Student von Fanatikern verführt wird, ist heute, Jahre später, kaum mehr rekonstruierbar. Fest steht nur: Schon 1996 trifft Mounir al-Motassadeq in Hamburg auf Mohammed Atta, den Mann, der am 11. September die erste Boeing in den Nordturm des World Trade Center fliegt. Kurz darauf lernt er auch Marwan al-Shehhi kennen, den späteren Todespiloten vom Südturm, und den Libanesen Ziad Jarrah, dessen gekapertes Flugzeug in Pennsylvania zerschellen wird.
Die Muslime bilden eine verschworene Gruppe. Sie schotten sich von den übrigen Studenten ab, beten regelmäßig in der Harburger Moschee, installieren eine »Islam AG« an der Uni, treffen sich häufig in einer Harburger Mietwohnung. Spätestens 1999, davon sind die deutschen Ermittler überzeugt, gründen sie unter der Führung von Atta eine terroristische Vereinigung, planen - als Teilorganisation des international operierenden Netzwerks al-Qaida - die Terrorakte des 11. September.
Heinz Ackermann ist zu dieser Zeit bereits höher hinausgelangt, als er es sich je erträumt hatte: in den 101. Stock des WTC. Die Firma Aon, einer der weltweit führenden Dienstleister auf dem Sektor der betrieblichen Altersversorgung, hat ihn als deutschen Repräsentanten nach New York geschickt.
Der Deutsche kommt in Amerika gut an. Seine offene, unkomplizierte Art imponiert den internationalen Gesprächspartnern, sein Verhandlungsgeschick und seine Kontakte überzeugen auch die anfangs skeptischen amerikanischen Aon-Manager.
Seiner Schwester Andrea, die ihn besucht, zeigt Heinz Ackermann stolz das Büro mit dem Blick auf den Hudson River, lässt sich am Fenster fotografieren. »Ist das Leben nicht schön?«, fragt er. Die Zufriedenheit, die sich in dieser Frage auszudrücken scheint, ist jedoch nur die halbe Wahrheit.
Hoch im Turm vermisst der Single die vielen Freunde in Deutschland, seine große Familie, vertraute Gesichter. »Immer bleibe ich nicht hier«, sagt er zu Andrea.
Der Erfolg hat Heinz Ackermann nicht übermütig gemacht. Wenn er Deutschland besucht, geht er sonntags nach der Kirche bei den Fußballern vom BSV Roxel vorbei. Er erzählt den alten Kumpels, dass er auf Bier verzichtet, um für den New-York-Marathon fit zu sein - trinkt dann aber doch eines mit.
Die Fußballer wiederum sind stolz auf »Zico«, ihren Mann in New York, einen aus Roxel, der es weit gebracht hat und der doch irgendwie der Alte geblieben ist.
Im Juli 2001 reist Heinz Ackermann ein letztes Mal ins Münsterland, aus traurigem Anlass: Bernadine, die ältere seiner beiden Schwestern, ist nach langer Krankheit gestorben. Die Eltern sind untröstlich. »Wenn ich 40 werde, komme ich zurück«, verspricht der Sohn.
Die Mitglieder der Harburger Islam AG pendeln seit 1999 ständig hin und her. Sie jetten nach Pakistan, wo Untergrundkämpfer von al-Qaida im Verborgenen leben, womöglich auch nach Afghanistan, wo sich Osama Bin Laden versteckt hält, tauchen plötzlich wieder in Harburg auf, sind genauso schnell wieder weg. Drei von ihnen lernen fliegen, auf Schulen im US-Sonnenstaat Florida.
Mounir al-Motassadeq bleibt meist zu Hause in Harburg, kümmert sich um die Logistik. Er verwaltet das Girokonto eines der späteren Todespiloten, bezahlt Stromrechnungen, kümmert sich um Miet- und Handy-Verträge. »Sie wollen wieder etwas machen, und es wird etwas Größeres sein«, soll er, so die Ermittlungen der Bundesanwaltschaft, in dieser Zeit einmal angekündigt haben.
Einmal reist auch Motassadeq für mehrere Wochen ins Ausland, nach Pakistan. In ein Ausbildungslager von al-Qaida, vermuten die deutschen Fahnder. Um Moscheen und Museen zu besuchen, sagt der Marokkaner selbst.
Schon 1999 hat er im Studentenwohnheim Maria kennen gelernt, eine Russin, und sie im Jahr darauf geheiratet. Die junge Frau, zuvor weltoffen und kontaktfreudig, verändert sich unter seinem Einfluss total: Sie konvertiert zum Islam, geht nur noch mit Schleier aus dem Haus, meidet jeglichen Kontakt zu früheren Bekannten. In Männergespräche mischt sie sich nicht mehr ein. Im September 2000 bringt sie eine Tochter zur Welt, im November 2001, neun Wochen nach dem Anschlag, einen Sohn.
Auch Heinz Ackermann lebt im Spätsommer 2001 nicht mehr allein. Er hat sich in eine Amerikanerin verliebt, schmiedet mit ihr Zukunftspläne. Spontan verlängert er seinen Vertrag um ein weiteres Jahr.
Am 11. September fährt er wie jeden Morgen mit der U-Bahn zum World Trade Center. In seinem Büro im 101. Stock kommt er jedoch nie an: Er wird weiter unten vom Einschlag des Jets überrascht.
Zur selben Zeit sitzt Mounir al-Motassadeq - der Mann, den er als Spüler im Gasthof Ackermann knapp sieben Jahre zuvor kennen gelernt hatte - zu Hause in Hamburg und hört Radio. Da kommt die Eilmeldung vom Attentat. »Er konnte kaum glauben, dass es so etwas gibt«, wird Mounirs Ehefrau Maria später Freunden erzählen. »Und er konnte kaum glauben, dass hierfür Leute verantwortlich sein sollen, die er persönlich kannte.«
Mounir al-Motassadeq bestreitet jede Mitschuld. Von dem Plan der Flugzeugangriffe auf New York und Washington habe er, sagt der Untersuchungshäftling, nichts gewusst.
* 1981 mit der A-Jugend-Mannschaft des BSV Roxel.* 1994 mit der Kreisliga-Mannschaft des FC Gievenbeck.