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BILANZEN Lebende Leiche

Schönt die Deutsche Bank ihr Ergebnis? In ihrer Bilanz ist eine verlustträchtige US-Beteiligung, die größtenteils aufgelöst wurde, noch immer mit stolzen 800 Millionen Euro bewertet.
Von Wolfgang Reuter
• aus DER SPIEGEL 34/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Mit professioneller Freundlichkeit bedankt sich die Frauenstimme zunächst bei jedem Anrufer. »Unsere Geschäftszeiten sind Montag bis Freitag von 8.30 Uhr bis 17 Uhr, Ostküstenzeit«, fährt sie dann fort, »bitte rufen Sie innerhalb der regulären Geschäftszeiten an.«

Das Band lief vergangene Woche 24 Stunden am Tag, nonstop - die National Discount Brokers (NDB) Group, eine Tochtergesellschaft der Deutschen Bank, ist nicht erreichbar.

Auch im 15. Stock des Bürohochhauses in Jersey City, der offiziellen Firmenzentrale, haben Besucher kein Glück. »Die Leute sind alle weg«, sagt eine Rezeptionistin - und zuckt mit den Schultern.

Eigentlich gibt es die Firma seit einigen Wochen gar nicht mehr. Die Deutsche Bank hat ihre Beteiligung größtenteils aufgelöst - und damit einen Schlussstrich unter eine katastrophale Fehlinvestition gezogen.

Vor zwei Jahren hatte das Geldhaus für die NDB Group, einen auf US-Technologiewerte spezialisierten Aktienhändler samt Online-Broker, rund eine Milliarde Dollar bezahlt - fast das Doppelte des damaligen Börsenwertes. Seither aber produzierte die Minibank nichts als Verluste, teilweise mehrere hundert Millionen Dollar im Jahr.

De facto sei die NDB Group nur noch eine »leere Hülle«, spottet ein Insider, offiziell aber lebt die Leiche weiter: Die US-Tochtergesellschaft steht noch immer mit rund 800 Millionen Euro in den Büchern der Deutschen Bank.

Ein dreister Trick, um die Bilanz des Geldhauses zu schönen? Wenn es die Firma nicht mehr gäbe, müsste die Summe komplett abgeschrieben werden - was das Ergebnis des Institutes im zweiten Quartal erheblich geschmälert hätte.

Die Bank dagegen behauptet, sie habe einen Großteil der NDB-Aktivitäten auf die Deutsche Bank verschmolzen, führe aber einen kleinen Teil unter dem etablierten Namen fort. Einen Abschreibungsbedarf gebe es nicht.

Der Kauf des Brokerhauses im Jahr 2000 war von Anfang an umstritten, auch im Vorstand der Deutschen Bank. Kritiker schalten die Übernahme wegen des aberwitzigen Kaufpreises als »Wochenend-Deal«. Doch der heutige Vorstandschef Josef Ackermann, damals noch als Vorstand für das Investmentbanking zuständig, befürwortete die Akquisition. Und sein ehemaliger Vorstandskollege Michael Philipp schwärmte: »Unsere Verteilungs- und Platzierungskraft wird durch diese Allianz sehr gestärkt.«

Von dem Deal profitierten vor allem die Aktionäre des Discount Brokers, aber auch das damalige Management wurde von den neuen Herren aus Deutschland fürstlich entlohnt. Der Ex-Boss, Arthur Kontos, ein pausbäckiger, gewiefter Wertpapierhändler, erhielt ein einmaliges Handgeld von umgerechnet 15 Millionen Euro. Für das Jahr 2001 und 2002 versprach ihm die Bank zusätzlich jeweils ein fixes Gehalt und Aktien im Wert von 20 Millionen Euro. Weiteren Top-Managern zahlte die Deutsche Bank noch mal 70 Millionen Euro.

Doch schon nach einigen Wochen war klar, dass die Börsenflaute auch bei NDB zu riesigen Verlusten führen würde. Plötzlich war der Online-Broker kein strategisch wichtiger Baustein mehr im US-Aktienhandel, sondern wanderte in das Beteiligungsportfolio der Bank. Sonst nämlich hätten die Verluste dieser Tochter das Ergebnis im Investmentgeschäft geschmälert und damit auch die üppigen Bonuszahlungen der Aktienhändler.

Im August vergangenen Jahres schließlich betrieb der damalige Vorstandschef Rolf Breuer Schadensbegrenzung. Er verkaufte den Online-Broker, also das Privatkundengeschäft der NDB Group, für 154 Millionen Dollar an den US-Konkurrenten Ameritrade.

Künftig wollte sich die Deutsche Bank auf das in der Tochterfirma NDB Capital Markets gebündelte, lukrativere Geschäft mit Vermögensverwaltungen und Hedge-Fonds konzentrieren.

NDB Capital Markets war einst einer der größten »Market Maker«, also eine Art Börsenmakler, an der Nasdaq. Insgesamt handelte die Firma mit über 4000 an der US-Technologiebörse gelisteten Aktien - monatlich teilweise weit mehr als eine Milliarde Stück.

Doch auch in diesem Geschäftsbereich schmolzen die Provisionen im Abwärtssog der Aktienkurse auf etwa ein Viertel zusammen - schon allein deswegen, so kritisieren Insider, hätte NDB Capital Markets schon längst viel stärker abgewertet werden müssen. Bislang aber hat die Bank - laut ihrer Geschäftsberichte - bei der Tochter lediglich knapp 50 Millionen Euro abgeschrieben.

Am 13. Juni dieses Jahres schließlich meldete die Deutsche Bank NDB Capital Markets endgültig als Marktteilnehmer bei der Nasdaq ab. Das Brokerhaus zog sich komplett aus dem Handel zurück.

Damit aber ist das Kerngeschäft der Firma ausgelöscht. Die Deutsche Bank hätte ihre Tochter nach Ansicht von Bilanzexperten nun komplett oder zumindest zum allergrößten Teil abschreiben müssen.

Sie tat es nicht. Ein Banksprecher rechtfertigt die unvermindert hohe Bewertung mit der Begründung, die Handelsaktivitäten von NDB Capital Markets seien auf die Deutsche Bank verschmolzen worden. Doch die Zahlen sprechen eher für das Gegenteil.

Zwar ist das Institut an der Nasdaq auch unter dem Namen Deutsche Bank Securities registriert und als Market Maker aktiv. Doch NDB-Kunden kann diese Abteilung eigentlich nicht - oder nur in äußerst geringem Umfang - übernommen haben. Ein signifikantes Umsatzplus ist jedenfalls nicht erkennbar (siehe Grafik).

Dazu wiederum sagt die Bank, die NDB-Leute sollten nun auch den außerbörslichen Handel verstärken - sie tritt also quasi als eigene Börse auf, verkauft Aktien von eigenen Kunden an andere eigene Kunden. Doch auch diese Umsätze müssen der Nasdaq gemeldet werden.

Zudem argumentiert die Bank, dass NDB Capital Markets weiterhin aktiv sei - wenn auch nicht im Handel. Die Gesellschaft werde sich künftig auf das so genannte Sales-Geschäft spezialisieren. Also darauf, Kunden in Bezug auf Technologie-Aktien zu beraten und deren Kauf- oder Verkaufsaufträge dann weiterzuleiten. Die Bank aber verdient nur an den ausgeführten Orders. Deshalb kann auch dieses Geschäftsfeld nicht allzu erfolgreich sein - wie die Handelsumsätze zeigen.

Selbst an der Marke hat die Bank offenbar kein wirkliches Interesse. Sonst würde sie sich, wie andere Konzerne auch, alle Namen sichern, die mit ihrer Marke verwechselt werden können. Seit Monaten jedoch sind viele bereits genutzte Internet-Homepages, die das Firmenkürzel beinhalten, frei - oder stehen zum Verkauf.

NDB-online.com und NDB-web.com kosten 16 Dollar, die Domäne Nationaldiscountbroker.com gibt's im Sonderangebot: für 288 Dollar.

Keiner will die Schnäppchen haben.

WOLFGANG REUTER

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