BOXEN Mit Rocky in die große Welt
Manchmal gibt es schon deshalb Probleme, weil die Chefin ein eigenwilliges Verständnis vom Frühstücken hat. Eva Rolle, 46, trinkt zwei Tassen Kaffee und raucht dazu drei Zigaretten. Ihr Mitarbeiter Mike Kloth macht sich Sorgen um ihre Gesundheit.
»Frau Rolle, essen Sie doch zur Abwechslung auch mal was.«
»Herr Kloth, was geht Sie das an?«
»Frau Rolle, wenn Sie unter der Erde liegen, helfen Sie unserer Firma nicht.«
»Herr Kloth, kümmern Sie sich um Ihren eigenen Kram, und halten Sie die Klappe.«
Mike Kloth, 33, war mal Außenhandelskaufmann. Seit knapp zwei Jahren arbeitet er für Frau Rolle in Berlin-Oberschöneweide. Schwer zu sagen, welche Aufgabe härter ist.
»Ich versuche ihr zu erklären, dass man nicht immer mit dem Kopf durch die Wand muss, sondern auch mal die Tür benutzen kann.« Es klappt aber nicht immer.
Neulich zum Beispiel riss Frau Rolle die Gardinen in Kloths Büro von der Stange.
Sie hatte zuvor mit einem Geschäftspartner verhandelt. Es ging um Geld. Das Ergebnis war nicht nach Rolles Geschmack. Und deshalb brennt Kloth jetzt an heißen Sommertagen die Sonne auf den Nacken.
Mike Kloth kennt Eva Rolle schon lange. Früher, als sie noch als Werbegrafikerin arbeitete, war sie eine ausgeglichene Person. Doch seit sie in diesem neuen Beruf tätig ist, hat sie andauernd Ärger - vor allem mit Männern. Der Ärger gehört, gewissermaßen, zu ihrem Job.
Eva Rolle ist Box-Promoterin. Vor zwei Jahren erwarb sie die Lizenzen, um Profikämpfe zu veranstalten und eröffnete einen eigenen Boxstall, die »International Fight Club Organisation« (IFCO). Sie war die erste Frau auf der Welt, die so was machte.
Es war von Anfang an klar, dass es Schwierigkeiten geben würde.
Denn der Vorgang traf die Faustkampfszene aus zweierlei Hinsicht wie ein Kulturschock. Einerseits ist das Boxen von jeher eine Männerdomäne. Frauen sind nur als Begleiterinnen geduldet oder wenn sie in den Rundenpausen Nummerntafeln durch den Ring tragen. Andererseits hatte die Macho-Zunft nicht mit einem resoluten Neuzugang wie Eva Rolle gerechnet.
Die Berlinerin ist eine zierliche Frau mit kurzen roten Haaren. Im Büro kuschelt sie gern mit Kloths Hund, einem Chihuahua namens Casper. Ihr zartes Wesen steht indes nicht immer in Einklang mit ihrem Temperament.
Im Nebenerwerb betätigt sich Eva Rolle gern als Malerin. Ihre Gemälde wurden schon in der Galerie Wewerka in der Budapester Straße ausgestellt. Rolles Künstlername lautet Eva Warhol.
Das Selbstbewusstsein, mit dem sie sich in der Kunstwelt bewegt, legt die Mutter von zwei Söhnen auch in ihrem neuen Betätigungsfeld an den Tag. Schon nach ihrem ersten Kampfabend hatte sie ihren Machtanspruch formuliert. Die Promoterin nennt sich wahlweise »die Highlanderin« oder »Eva die Große«.
Doch Boxen ist in Deutschland ein hartes Geschäft. Den Markt haben sich im Großen und Ganzen der Hamburger Promoter Klaus-Peter Kohl und der Kölner Wilfried Sauerland aufgeteilt. Kohl hat die Klitschko-Brüder und einen Vertrag mit dem ZDF. Sauerland hat in Sven Ottke den einzigen anerkannten Weltmeister deutscher Herkunft und einen Kontrakt mit der ARD. Wer noch ein Bein dazwischenbringen will, muss auf sich aufmerksam machen. Daran arbeitet Frau Rolle.
Vor allem ihr Talent, Geschäftsbeziehungen aufzubauen, sorgte für Verblüffung. In ihrem Büro hat Eva Rolle eine Menge Fotos aufgehängt. Man sieht Kai Pflaume und Ebby Thust, den Schauspieler Ben Becker und sogar den Teamchef Rudi Völler. Jawohl, die hat sie alle getroffen. Aber besonders stolz ist sie auf eine Visite, die sie zum mächtigsten Mann des Boxens nach Amerika führte. Die Szene spricht heute noch darüber.
Ein Freund hatte Rolle den Termin bei Don King besorgt. Es war kein langes Gespräch, aber immerhin, Frau Rolle war in seinem Büro in Miami. »Ich hab mich da gar nicht groß aufgestylt. Ich wollte ja auch niemanden aufreißen. Ich bin einfach zu ihm hin und hab gesagt: Tach, Herr King, Sie sind die Nummer eins in Amerika, ich bin die Nummer eins in Deutschland. Wupps, da war das Eis gebrochen.«
King habe ihr versprochen, irgendwann eine gemeinsame Veranstaltung zu stemmen. Klar. Am Ende gab es ein gemeinsames Foto. Auch klar. Das Bild erschien in einer deutschen Zeitung, und Rolle hatte erreicht, was sie wollte: Ihre Mitbewerber schäumten.
Eva Rolle ist in Kreuzberg geboren. Mit zwölf erfuhr sie, dass ihre vermeintlichen Eltern eigentlich ihre Großeltern waren und die Frau, die sie immer als Tante begrüßte, ihre leibliche Mutter war.
Für Boxen hat sich Rolle schon immer mehr als andere Frauen interessiert. Sie schrieb für lokale Zeitungen Artikel über Boxen. Ihr Mann ist seit 18 Jahren Trainer.
Dass sie Promoterin wurde, geschah aus der Not heraus: Robert, ihr ältester Sohn, beschloss vor zwei Jahren, Profiboxer zu werden. Doch die Camps in Berlin waren seiner Mutter entweder zu schmuddelig, oder es tummelte sich dort zu viel »rechtes Gelumpe«. Also machte Eva Rolle einfach eine eigene Schule auf. Sie wollte eben eine gute Mutter sein.
Die Sache wurde dann aber doch größer, als sie dachte. Am ersten September-Samstag wird Rolle ihre siebte Profiveranstaltung ausrichten. Sie hat inzwischen drei Kämpfer unter Vertrag, darunter den WBB-Weltmeister Danny Thiele, 26, der als eines der größten Talente im Mittelgewicht gilt. Außerdem beherbergt Rolle in ihrem Gym, einem ehemaligen Fabrikloft, das Jugendprojekt »Doppeldeckung«, das unter anderem polizeibekannte Kinder aus der Umgebung an das Boxen heranführen soll.
Um das alles zu finanzieren, versuchte der »Gutmensch des sonst milieuverdächtigen Faustkampfes« ("Die Welt") den Geschäftsgang zuletzt verschärft voranzutreiben. Sie hatte da ein paar gute Ideen.
In einer Talkshow nahm sie zum Beispiel Weltmeister Dariusz Michalczewski, Kampfname »Tiger«, unter Beschuss. Sie nannte ihn eine »lahme Katze« und forderte ihn zum Duell mit ihrem Leicht-Schwergewichtler Lee Manuel Osie. Wenn der Liberianer sich im September, wie erwartet, den Europameistertitel des renommierten EBU-Verbandes holt, kann sich Michalczewski einem Kampf kaum noch entziehen.
Mit einem anderen Vorstoß landete sie direkt in den Berliner Boulevard-Gazet-
ten. Eva Rolle will Graciano Rocchigiani nach dessen Aufenthalt in der Justizvollzugsanstalt in Tegel verpflichten. Er soll für sie ein paar Kämpfe bestreiten und als Trainer für die Kids fungieren. Das würde »Rocky« ein sozialeres Image verschaffen und Rolle mit ihren Veranstaltungen ins Fernsehen bringen. Ende des Jahres könnte es so weit sein.
Den richtig großen Coup plante die Selfmadefrau indes auf Kosten ihres Kollegen Kohl. Die beiden kennen sich eigentlich schon lange. Der Boss des Boxstalls »Universum« lässt manchmal seine Nachwuchskämpfer bei ihren Kampfabenden auftreten.
In einer Branchenzeitung hatte Rolle verkündet, einen der beiden berühmten Klitschko-Brüder - seit sechs Jahren bei Kohl unter Vertrag - in Dubai gegen Mike Tyson antreten lassen zu wollen. Sie habe da gute Beziehungen. Seitdem ist das Verhältnis zu Kohl merklich abgekühlt.
Na und? »Spielt doch allet keene Violine«, pflegt Rolle in solchen Fällen zu sagen.
Dubai. Die Klitschkos. Don King. Irgendwo da draußen wartet schließlich das große Geschäft. Das Problem ist nur, dass sie nicht mehr allzu lange warten kann.
Dabei sind Rolles Boxabende so, wie man sich Boxabende vorstellt. Kürzlich lud sie in den Konferenzsaal des Marriott-Hotels in Köpenick. Es gab Champagner, schöne Frauen, zwei Knockouts und eine Feuerschlucker-Show. Schätzen gelernt hat das fachkundige Publikum in der Boxhochburg Berlin Rolles Veranstaltungen, weil bei ihr ebenbürtige Sportler aufeinander treffen. »Fallobst gibt''s bei mir nicht.«
Eva Rolle kam in einem schulterfreien Samtkleid und trug hohe Pumps. Sie redete mit Kaufleuten und Managern bis spät in die Nacht hinein. Sie braucht einen Investor, der ihr den Rücken freihält bei der Suche nach begabten Faustkämpfern. Ein Boxstall muss langsam wachsen, Sauerland und Kohl haben auch klein angefangen. Aber Sponsoren sind rar in diesen Tagen.
Als die Unternehmerin am folgenden Morgen ins Büro kommt, scheint ihre Vitalität verglüht. Sie kommt sich vor wie eine Schatzsucherin, die nahe dran ist - der aber allmählich die Mittel ausgehen.
Doch dann klingelt plötzlich das Telefon. Ein Mann ist dran, er nennt seinen Namen nicht, die Stimme ist seltsam verstellt. Er sagt, Rolle solle sich aus dem »Geschäft raushalten«, das sei »gesünder« für sie.
Mike Kloth bekommt einen Schreck, Eva Rolle nicht. Im Gegenteil: »Mensch Kloth, das zeigt doch nur, dass uns einige schon ziemlich ernst nehmen.« GERHARD PFEIL
* Oben: in ihrem Berliner Boxcamp; unten: mit Evander Holyfieldund Hasim Rahman am 17. April in New York.* Im WM-Kampf gegen Dariusz Michalczewski am 10. August 1996 imHamburger Stadion am Millerntor.