TÜRKEI Ankaras Spiel mit dem Feuer
Eine Gasmaske wollen Sie kaufen?« Da muss Hüsseyin Kerkalan, der an der Stadtmauer von Diyarbakir einen Kramladen hat, aber lachen. »So was haben wir hier nicht. Kein Bedarf.« Er weist mit dem Daumen über die Schulter nach Süden. »Da müssen Sie lange fahren. So was gibt's erst wieder in Tel Kuweit bei den Amerikanern.« Die anderen lachen auch.
Die Türken sind zu 90 Prozent Gegner eines Krieges gegen den Irak, aber nicht, weil sie Saddam Husseins Chemiewaffen und Raketen fürchten. Mehdin Güler, der kurdische Vizebürgermeister von Diyarbakir, sagt: »Die jungen Leute hier im Kurdenland erleben zum ersten Mal, wie es ist, ohne Kriegsrecht zu leben. Wir wollen sie nicht zurückstoßen in die Hölle, in die sie hineingeboren wurden.«
Die türkische Armee ist routinemäßig in Alarmbereitschaft. Aber das Grenzland wirkt absolut friedlich. Die Fahrt von der Provinzhauptstadt Diyarbakir nach Habur an der Grenze ist heute entspannter als vor ein paar Monaten. Im Herbst waren die Berge hier noch mit türkischen Armee-Posten gesprenkelt. Und alle drei, vier Kilometer war ein Checkpoint. Seit der Aufhebung des Ausnahmezustands im Kurdengebiet herrscht überall freie Fahrt. Die Soldaten sind sehr gelassen. Sie hocken in ihren Schilderhäuschen, trinken Tee und erzählen sich was.
Der Grenzübergang bei Habur ist dicht. Die Schlange der wartenden Tanklaster, die in Mossul Benzin und Diesel holen wollten, war früher manchmal 40 Kilometer lang. Jetzt kommt man hier nur noch mit einer Sondergenehmigung durch.
Hier soll die amerikanische Invasionsstreitmacht durchziehen, um im Norden des Irak eine zweite Front zu eröffnen. Doch ohne Zustimmung der Regierung und des Parlaments in Ankara kann die Offensive nicht beginnen. In Washington liegt ein dicker türkischer Forderungskatalog vor, der erst abgearbeitet werden muss.
Die Türken wollen vor allem Bares sehen: 30 Milliarden Dollar in Gestalt von Finanzhilfen, Krediten und Streichung von Altschulden. Sie haben erklärt, sie würden sich nicht wieder über den Tisch ziehen lassen wie nach dem letzten Golfkrieg.
George Bush senior hatte damals Finanzhilfen in Milliardenhöhe versprochen. Als Kompensation für Kollateralschäden, wie es hieß. Doch es blieb bei dem Versprechen. Weil ihr ein wichtiger Handelspartner abhanden kam, stürzte die türkische Republik in die schlimmste Rezession ihrer Geschichte. Tayyib Erdogan, der Vorsitzende der Regierungspartei AKP, hat in einem SPIEGEL-Interview die volkswirtschaftlichen Verluste durch den letzten Golfkrieg auf 100 Milliarden US-Dollar veranschlagt.
Die Türken wurden auch mit sozialen Folgeproblemen weitgehend allein gelassen. Unter den mehr als 500 000 Flüchtlingen, die der Krieg über die Grenze spülte, waren viele radikale Separatisten. So ein Fiasko wollen sich die Türken beim nächsten Mal ersparen. Diesmal sollen die Flüchtlingsströme schon vor der Grenze abgefangen werden.
Am Dienstag voriger Woche sollte das Parlament in Ankara das Okay für den Durchmarsch der US-Truppen beschließen. Doch die Abstimmung wurde kurzfristig verschoben. »Time is running out«, schnaubte es regierungsamtlich aus Washington. Es werde verdammt knapp. Die Türkei spiele mit dem Feuer.
Doch die Türkei hat gute Karten in diesem Milliardenpoker, und Premier Abdullah Gül rechnet mit einer Einigung »in den nächsten Tagen«. Wenn sie »ein Stück vom Mond fordern würde, dann würde sie es auch bekommen«, hämt ein Diplomat in Ankara. Die Amerikaner wissen, dass ihr Aufmarschplan in Frage steht, wenn die Türkei nicht als Transitland zur Verfügung steht. Ohne Druck von der Nordfront könnte Saddam Hussein dort womöglich Truppen zur Abwehr der Attacke im Süden abziehen. Das könnte den Krieg um ein paar Wochen verlängern. Mindestens.
Rund 3500 US-Pioniersoldaten sind schon in der Türkei eingetroffen. Sie sollen mehrere Häfen und Flughäfen einsatzbereit machen, die für den Krieg benötigt werden. 200 Millionen Dollar sind allein für die Modernisierung von Incirlik Air Base nahe Adana vorgesehen, von der seit Jahren britische und amerikanische Jagdbomber zu Einsätzen im nördlichen Irak starten.
Im östlichen Mittelmeer warten 25 bis 30 US-Frachter voll Kriegsmaterial darauf, in Mersin und Iskenderun ihre Fracht zu löschen. Bisher haben erst zwei Schiffe in Iskenderun ihre Ladung angelandet.
Außerdem dümpeln vier Passagierdampfer mit 15 000 Soldaten in Wartepositionen vor der Levante-Küste. Ein paar hundert Militärs warten in Rumänien auf ihre Einreisegenehmigung. Ursprünglich hatte das Pentagon das Laisser-passer für 80 000 Mann beantragt. Die Türken bewilligten aber nur die Hälfte.
Seit dem letzten Golfkrieg vor zwölf Jahren steht der Nordirak unter kurdischer Selbstverwaltung. Nur die Ölförderanlagen von Mossul und Kirkuk liegen im Saddam-Irak. Nichts deutet darauf hin, dass die Türkei die einstmals osmanischen Gebiete von Kirkuk und Mossul zurückhaben wollte. Sie will aber um jeden Preis verhindern, dass sich andere den Ölschatz holen. Das Öl würde der Kurdenagglomeration im Nordirak die wirtschaftliche Basis geben, die sie braucht, um ein richtiger Staat zu werden.
Ein feindlicher Staat Kurdistan an ihrer Südostgrenze ist aber das Letzte, was die Türken wollen. Weil sein radikaler Nationalismus mobilisierende Wirkung auf die 13 Millionen Kurden der Türkei haben und weil er das Chaos wiederbeleben könnte, das 1999 mit der Verhaftung des Kurdenführers Abdullah Öcalan nach 15 Jahren Bürgerkrieg ein vorläufiges Ende fand.
Gewiss werden türkische Soldaten mitmarschieren, wenn die U. S. Army marschiert. Aber nicht als amerikanische Hiwis, sondern unter türkischem Oberkommando. Ankara hat andere Kriegsziele als Washington.
Die Türkei hätte es am liebsten, wenn der irakische Zentralstaat in seinen bisherigen Grenzen erhalten bliebe. Da es aber womöglich anders kommen wird, weil die Amerikaner den Kurden Autonomie versprochen haben, will die Türkei einen 70 Kilometer breiten Cordon sanitaire zu einer Republik Kurdistan legen und darin auf Dauer 80 000 Mann stationieren.
Das werden die Kurden nicht folgenlos geschehen lassen. Der kleinere Konflikt im Rahmen des größeren ist programmiert. Schon weil die Kurden heute mehr zu verlieren haben als vor zwölf Jahren. »Wenn die Türkei versucht, unser Land zu besetzen«, droht Kurdenführer Massud Barsani, »wird sie es in einen Friedhof für türkische Soldaten verwandeln.« Die kurdischen Peschmerga - zu Deutsch: »Die dem Tod entgegengehen« - haben gezeigt, wie man mit ein paar tausend entschlossenen Männern die zweitgrößte Nato-Armee in Atem hält.
Weil der Verhandlungspoker zwischen Ankara und Washington sich in die Länge zieht, haben amerikanische Ingenieure damit begonnen, im kurdisch kontrollierten Nordirak Landepisten für Truppentransporter zu bauen. Die Luftwaffe soll die Invasionstruppen notfalls von Zypern aus direkt in den Nordirak einfliegen.
Doch es sieht so aus, als habe sich Kriegsherr in spe George W. Bush davon überzeugen lassen, dass selbst die mächtige U. S. Air Force nicht mächtig genug ist, um eine Luftbrücke für 40 000 Mann plus Material so schnell zu schlagen, wie sie benötigt wird. Time ist running out. Für die Amerikaner eher als für die Türken. ERICH WIEDEMANN