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RECHTSEXTREME »Ab in den Untergrund«

Die gewaltbereite rechte Szene wächst seit Jahren. Der Münchner Fall zeigt: Das braune Terror-Potenzial sammelt sich rund um die neonazistischen Kameradschaften.
• aus DER SPIEGEL 39/2003
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Das Hobby seines Sprösslings machte Jürgen K. nie ernsthaft Sorgen: Gern und oft streifte der 24-jährige Marcel durchs märkische Gelände, um auf den einstigen Schlachtfeldern des Zweiten Weltkriegs nach Militärschrott zu buddeln.

Als Marcel einmal ein rostzerfressenes Blechschild mit der Aufschrift »Panzerabwehr« anschleppte, sah der Vater »nichts Verbotenes« darin; der Junge habe »halt ein Faible« fürs Historische. Auch die scharfen Aufschlagzünder, die K. eines Tages in seiner Garage fand, beunruhigten ihn nicht groß. Schließlich seien das nur »kleine Zünder« gewesen, die »maximal ''ne Treibladung« zur Explosion bringen könnten - »absolut nicht gefährlich« also. »Da krieg ich zehn Euro für«, habe Marcel erklärt - und, Geschäft ist Geschäft, die Sache war erledigt.

Bis vorvergangenen Mittwoch.

Gegen 6.30 Uhr stürmte ein schwer bewaffnetes Polizeikommando das adrette Einfamilienhaus der K.s im brandenburgischen Menkin; der Hobby-Historiker sitzt seitdem streng abgeschottet in München-Stadelheim in Untersuchungshaft. Bei anderen Verdächtigen stellten die Fahnder Zünder, eine Panzergranate, Treibladungspulver sowie drei Selbstladepistolen sicher - eine vierte hatte Marcel K. im Dackel-Zwinger seiner Eltern versteckt.

Die Bundesanwaltschaft vermutet, dass der frühere Skinhead und heutige NPDler einer der Lieferanten war, die jene inzwischen berüchtigte Terrorzelle um den Münchner Neonazi Martin Wiese mit Waffen für ein Bombenattentat versorgten. Die Gruppe hatte damit, so die Ermittler, einen Anschlag bei der Grundsteinlegung des neuen jüdischen Gemeindezentrums am 9. November geplant, zu der auch Bundespräsident Johannes Rau erwartet wird.

Stück für Stück rollen die Fahnder jetzt ein bundesweites Netz von Kontakten zwischen der Neonazi-Szene und Waffenhändlern auf.

Im mecklenburgischen Güstrow verhafteten sie aus einer Reha-Klinik heraus einen 54-Jährigen, der ein riesiges Arsenal an Waffen bunkerte und den die Neonazis verraten hatten. In Berlin-Marzahn nahm ein Spezialeinsatzkommando einen Militariahändler hoch, den die Rechten ebenfalls angeschwärzt hatten. Bei der Durchsuchung fand das SEK mehrere Handfeuerwaffen und erschoss den Pitbull des Mannes. In Bayern inhaftierten Beamte mehrere mutmaßliche Unterstützer, darunter ein weiteres NPD-Mitglied.

Im Schatten des 11. September ist lange unbemerkt eine Gefahr gewachsen, die erst jetzt durch den vereitelten Anschlag und die republikweiten Razzien schlagartig ins Bewusstsein zurückkehrt: die Gewalt von Neonazis. Die Zahl militanter Rechtsextremisten ist in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen - um fast ein Drittel seit 1998 (siehe Grafik). Die Republik hat sich an rund 20 Brandanschläge jährlich gewöhnt und, wie 2002, an zwei rechte Gewalttaten pro Tag. Die »marodierende ausländer- und minderheitenfeindliche Gewalt« dürfe nicht aus dem Blick geraten, warnt Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD). Angesichts der »neuen Qualität« von München räumt Innenminister Otto Schily (SPD) ein: »Mitunter hat man das etwas beiseite geschoben.«

Daran hat auch der vor drei Jahren vom Bundeskanzler persönlich ausgerufene »Aufstand der Anständigen« nichts ändern können. »Gar keine oder kaum eine Wirkung« habe Gerhard Schröders Aufruf nach einem bis heute unaufgeklärten Anschlag auf russlandstämmige Juden in Düsseldorf gehabt, klagt der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz. »Das war ein Strohfeuer, das gleich wieder verglüht ist.«

Im Umfeld der etwa 160 neonazistischen Kameradschaften ist in den vergangenen Jahren eine neue Generation von Radikalen herangereift, die das Know-how und die Bereitschaft für mehr als nur Agitprop hat - neuerdings sogar mit engen Verbindungen ins Rotlicht- und Rockermilieu, die die Ermittler besonders beunruhigen. Ein harter Kern von mehr als hundert Rechtsextremisten, glauben Verfassungsschützer, sei bundesweit potenziell bereit, Bomben zu bauen. Da war es nur eine Frage der Zeit, bis militante Fanatiker anfangen würden, klandestine Anschläge zu planen - so wie jetzt in München.

Die bisherigen Ermittlungen zeichnen von den aufgeflogenen Jungrechten das Bild höchst typischer Szene-Werdegänge. Wiese wuchs im vorpommerschen Pasewalk auf, prügelte sich durch die Nacht, hing an der örtlichen Tankstelle rum. Der Brandenburger Marcel K. scherte sich wie so viele Ostdeutsche eine Glatze, ging zum Bund und fiel der Polizei erstmals auf, als er 1993 auf einem Campingplatz randalierte. 1998 trat der inzwischen arbeitslose Tischler in die NPD ein. Sein Zimmer im Souterrain des Elternhauses schmücken eine schwarze Hitler-Statuette auf dem Fensterbord sowie ein selbst gezimmertes CD-Regal in Form einer germanischen Todes-Rune. Darin finden sich gut drei Dutzend Alben einschlägiger Nazi-Bands wie »Kraftschlag«, »Sturmwehr« oder »Endstufe« neben blutrünstigen Samplern wie »SS Division Hitler-Jugend«.

Auch K.s mutmaßliche Komplizen Andreas J., 37, genannt »Juri«, und Steven Z., 24, sind einschlägig bekannt: »Juri« wurde erst vor drei Monaten auf Grund »schwerer Sicherheitsbedenken« die Waffenbesitzkarte entzogen, Steven Z., der von einer Karriere als Minenräumer träumte, verlor im Sommer 1998 bei einem Sprengstoffexperiment Hand und Unterarm.

Aus dieser eher dumpfen Szene ist Wiese langsam herausgewachsen, gilt inzwischen als Musterbeispiel für den modernen Neonazi: eine Mischung aus kühlem Demagogen und Mann fürs Grobe. »Das war ein richtiger Anheizer«, erinnert sich der Ex-Neonazi Bernd Meisner*, der zusammen mit Wiese gegen die Wehrmachtsausstellung aufmarschierte. »Der konnte Massen bewegen.«

So wie bei einer NPD-Demo Ende Juni in Schwäbisch-Hall. Es ging wieder einmal gegen die Wehrmachtsausstellung, und Wiese, der stämmige Mann mit rotblondem Bart und Ohrring, der aussieht wie ein irischer Barkeeper, trat an das Mikrofon. »Kameraden«, brüllte Wiese los, »wir können mit unserem bedingungslosen Kampf unsere Landsleute wecken, ihnen zeigen, welche Werte von Bedeutung sind!« Und dann orakelte der Neonazi düster: Man werde es »allen Ignoranten und pervertierten Deutschen zeigen, welche Macht mit unseren altdeutschen Tugenden

ist«. War das bereits ein Hinweis, es nicht nur bei Demos zu belassen?

Neonazis wie Wiese sind randvoll mit Hass und der Bereitschaft zu Gewalt - zwei Komponenten, deren Mischung brisanter ist als jeder Molotow-Cocktail. »Das kann jederzeit hochgehen«, sagt Aussteiger Meisner. »Das ist nur eine Frage des Aufputschens.«

Hass-Bands, wie sie bei Marcel K. und den meisten Jungrechten im Regal stehen, liefern den Soundtrack zum Gewaltexzess. »Zusammen mit Alk«, sagt Meisner, »gibt das den Kick, wo du jedes Risiko in Kauf nimmst. Dann prügelst du, bis der Arzt kommt.«

Wie Wiese durchlief auch Meisner eine Schulung als Ordner bei Neonazi-Demos, eine Art nationale Putztruppe. Der paramilitärische Unterricht fand in Mecklenburg-Vorpommern statt, auf einem stillgelegten Truppenübungsplatz der NVA unweit von Wieses Geburtsort Anklam. Anfangs wurde die Gruppe in einen stockdunklen Bunker gesperrt und mit Reizgas bedroht - wer Panik zeigte, war unten durch. Mit Blaumännern als Arbeiter getarnt, mussten die Neonazis anschließend stundenlang im Schnee liegen, kodierte Meldeberichte verfassen und Boten schicken. Ausbilder war ein bekannter norddeutscher Neonazi.

Wie schmal der Grat zwischen solchen Schlägerbanden und einer Terrortruppe ist, zeigt der Münchner Fall: Während einer Geburtstagsfeier im Januar 2001 war Wiese unter den Gästen, als ein rechter Mob vor dem Gasthof »Burg Trausnitz« einen Griechen halb tottrat.

Damals schien die Gruppe lediglich ein weiteres Beispiel für dumpfe Gewalttäter zu sein, die Schlägerei ein Strich in der Polizeistatistik. Der Übergriff wurde nur deshalb publik, weil das Opfer ohne die Hilfe herbeieilender Türken wohl nicht überlebt hätte. »Wenn das Umfeld stimmt«, sagt ein hochrangiger Verfassungsschützer, »gehen Leute wie Wiese eben noch einen Schritt weiter.«

An Nachwuchs mangelt es nicht: Während die mutmaßlichen Terroristen noch in Untersuchungshaft saßen, griff in München ein braunes Dutzend zum Teil volltrunkener Skinheads einen 48-jährigen Amerikaner mit den Worten »He, Nigger« an; nur eine zufällig vorbeikommende Zivilstreife konnte den Mann retten.

Die Gefahr, die von solchen Gruppen ausgeht, haben mittlerweile auch das Bundeskriminalamt und das Bundesamt für Verfassungsschutz erkannt. Ermittler fordern jetzt den Aufbau einer bundesweiten »Verbunddatei«, in die Bund und Länder die Namen erkannter gewaltbereiter Rechtsextremisten einspeisen. So sollen zu allem entschlossene Jungfaschisten »permanent gescreent werden«, selbst wenn sie keiner bekannten Organisation angehören. Dazu wollen Verfassungsschützer alte Verfahren gegen Waffennarren und Militariahändler durchgehen und auf Verbindungen nach Rechtsaußen abgleichen - erste chemische Untersuchungen in München ergaben, dass die 1,7 Kilo des aufgefundenen TNT keine professionelle Lieferung, sondern leicht verunreinigt waren. Der Sprengstoff soll aus Polen stammen. »Wir müssen auch gegen rechts das ganze Register der Terrorismusbekämpfung ziehen«, drängt ein hochrangiger Beamter. »Sonst kommen wir da nicht hinterher.«

Die Behörden prüfen deshalb auch, ob Teile der Kameradschaften als kriminelle Vereinigungen verfolgt werden können - denn die Neonazis haben offensichtlich aus den Gerichtsverfahren der neunziger Jahre gelernt. Ein Verbot von Gruppen wie der Kameradschaft Süd sei »kaum noch möglich«, klagt auch Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU). »Das setzt eine formale Struktur mit Vorstand voraus, die es so nicht gibt.« Die neuen rechtsradikalen Truppen, weiß der baden-württembergische Verfassungsschützer Hans-Jürgen Doll, sind »mittlerweile eine Organisierung ohne Organisation«.

So formiert sich weniger eine »Braune Armee Fraktion«, wie sie Beckstein medienwirksam im bayerischen Wahlkampf ausrief, sondern schwer zu kontrollierende regionale Geflechte militanter Kleingruppen. Sie bedienen sich des theoretischen Unterbaus für den bewaffneten Kampf gegen die verhasste Demokratie, der in der Szene seit längerem kursiert. »Überzieht die BRD mit einem Netz aus vielen unabhängigen Zellen, Widerstandsgruppen«, hieß es in einem Pamphlet, das im August 2000 im Umfeld der Kameradschaft Neustadt Weinstraße auftauchte, mit »nackter und kalter Gegengewalt« solle das »Demokraten-System« beseitigt werden.

Der Parole »Ab in den Untergrund!« waren bereits drei thüringische Neonazis gefolgt: Im Januar 1998 tauchten Uwe B., 25, Beate Z., 28, und Uwe M., 30, ab, nachdem sie zwei Attrappen und einen TNT-Sprengsatz in einem Koffer an öffentlichen Plätzen wie in einem Jenaer Stadion deponiert hatten.

Die Rechtsextremisten, nach Polizeierkenntnissen allesamt Kader der Kameradschaft Jena, hatten dafür eine Garage angemietet, in der 1392 Gramm TNT gefunden wurden.

Trotz internationaler Fahndung fehlt von ihnen bis heute jede Spur - seit dem 23. Juni sind die Vorwürfe verjährt.

CONNY NEUMANN, SVEN RÖBEL, HOLGER STARK

* Name geändert.

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