Fall Guillaume: »Leider vorzügliche Arbeit«
Eine Woche bevor die erste offizielle ständige Vertretung der Deutschen Demokratischen Republik in Bonn eröffnet werden soll, hat der inoffizielle ständige Vertreter der DDR beim Bundeskanzler seinen Platz räumen müssen.
Im Vorzimmer von Willy Brandt im ersten Stock des Bonner Palais Schaumburg residierte bis zu seiner Verhaftung am vergangenen Mittwoch Günter Guillaume, 47, persönlicher Referent des Kanzlers für Parteiangelegenheiten, Hauptmann der Nationalen Volksarmee der DDR und Mitarbeiter des Ost-Berliner Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) – ein Mann, der alles wußte.
Guillaume, geführt von der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) des MfS, Abteilung »BRD-Parteien«, Unterabteilung »SPD«, war darauf angesetzt, die größte Regierungspartei, ihren Vorsitzenden Willy Brandt und die Regierungszentrale im Bundeskanzleramt auszuforschen. Er erfüllte seine Aufgabe umfassend und gewissenhaft – seit 1970.
Der bieder wirkende SPD- und SED-Genosse, von den zuständigen Bundesbehörden nach drei Sicherheitsüberprüfungen für die Stufe »streng geheim« lizenziert, kannte mit Ausnahme speziell militärischer Vorgänge nahezu alle Bonner Regierungsgeheimnisse: vom üblichen Genossen-Knies in der SPD-Baracke bis zum Streit zwischen den Spitzen-Sozialdemokraten Brandt, Helmut Schmidt und Herbert Wehner, von der Taktik für Brandts Verhandlungen mit Kreml-Chef Breschnew bis zur Bonner Marschroute für die Verhandlungen mit der DDR.
Personelle Veränderungen im Kabinett oder in der Ministerial-Bürokratie konnte er noch vor der offiziellen Bestätigung in der Ministerrunde so früh nach Ost-Berlin melden, daß die DDR-Dienste rechtzeitig und unauffällig ihre Agenten auf die neuen Konstellationen in Bonn einstellen konnten.
Günter Guillaume hörte alles, sah alles, war immer dabei. Die DDR war über Gedanken des Kanzlers, über Interna der Bundesregierung und der SPD rascher und umfassender unterrichtet als die Mehrzahl der Bonner Minister und Spitzen-Sozialdemokraten. Ein Experte aus dem Bundesamt für Verfassungsschutz: »Kein Gespräch unter Spitzenpolitikern der Regierung in Bonn, bei dem er nicht dabei war oder von dem er nicht Genaues hätte erfahren können.«
SPD-MdB Peter Reuschenbach, Vorgänger von Guillaume als Brandt-Referent, berichtet aus eigener Erfahrung: »Man gehört zu dem engsten Kreis des Kanzlers, freilich nur für ein bestimmtes Feld. Papiere, die nicht unmittelbar mit dem eigenen Bereich zu tun haben, kommen nicht automatisch über den Schreibtisch, aber natürlich hat man auch andere Papiere gesehen, Kabinettsvorlagen und so was.«
»Sauberkeit in der Luft und im Staat«
Nach Erkenntnis der Verfassungsschützer ist der Fall Guillaume das größte Spionage-Spektakel seit Bestehen der Bundesrepublik – in seinen politischen Dimensionen und Konsequenzen schwerer wiegend als die großen Affären der Vergangenheit, gravierender als der Fall des früheren Verfassungsschutz-Präsidenten Otto John, der 1954 in die DDR überwechselte. Ebenso übertrifft er den Fall des Abteilungsleiters im Bundesnachrichtendienst Heinz Felfe, der 1961 als Sowjet-Agent enttarnt wurde, und den Fall des SPD-Abgeordneten Alfred Frenzel, der bis zu seiner Verhaftung 1960 für die ČSSR spioniert hatte.
Noch nie war es einem gegnerischen Geheimdienst gelungen, einen Agenten so hoch in der Regierungshierarchie zu plazieren. Ein ranghoher Verfassungsschützer: »Guillaume ist eine dicke Nummer. Das war leider vorzügliche Arbeit Ost-Berlins.« Und sein Dienstvorgesetzter, Bundesinnenminister Hans-Dietrich Genscher, sächselte anerkennend: »Das ist für uns ein Dauerlutscher.«
Zu diesem Urteil kamen die Bonner Aufklärer schon am Freitag vergangener Woche, obwohl das ganze Ausmaß dessen, was Guillaume ausforschen konnte, überhaupt noch nicht zu übersehen ist. Unklar ist für die Ermittler auch, welche Rolle die gleichfalls verhaftete Guillaume-Ehefrau Christel spielte, wie stark das zunächst gleichfalls festgenommene, dann aber mangels dringenden Tatverdachts wieder auf freien Fuß gesetzte Ehepaar Förster – wie Frau Guillaume in der Bonner Vertretung des Landes Hessen beschäftigt – und Guillaumes ebenfalls vorübergehend festgesetzte Schwiegermutter Maria Therese Boom an der Ausspähungsoperation beteiligt waren.
Der MfS-Mann schweigt. Schon bei seiner Verhaftung am Mittwochmorgen um 6.32 Uhr in seiner Godesberger Wohnung, Ubierstraße 107, erklärte er den Beamten der Sicherungsgruppe Bonn: »Ich bin Hauptmann der NVA. Ich bitte Sie, meine Offiziersehre zu respektieren.« Und auch während der Vernehmungen durch die Bundesanwaltschaft verhält sich Guillaume wie ein Kriegsgefangener: Stereotyp verweigert er unter Berufung auf seinen Rang Aussagen zur Sache und beschränkt sich auf Angaben zur Person.
Für die regierenden Sozialdemokraten und ihren Kanzler sind die Konsequenzen des Falles Guillaume vorerst unabsehbar. Sechs Wochen vor der wichtigen Landtagswahl in Niedersachsen fürchten die ohnedies im Wähler-Abwind segelnden Sozialdemokraten. daß bei den Bürgern im Lande das alte Vorurteil wiederaufleben könnte, die SPD sei eine unzuverlässige Partei, der Staatsgeschäfte nicht anvertraut werden dürften. SDP-MdB Gunter Huonker artikuliert die Stimmung in der Fraktion: »Das kostet Stimmen, das stößt genau in die Angstlücke bei den Leuten draußen – ein NVA-Offizier bringt Brandt zu Bett und öffnet ihm die Post.«
In ihrer Verzweiflung kam führenden Genossen sogar der Gedanke, die Verhaftung des Top-Agenten ausgerechnet kurz vor der Niedersachsen-Wahl sei eine Ranküne des freidemokratischen Innenministers Hans-Dietrich Genscher, der sich nach Guillaumes Festnahme brüstete: »So sorgen wir für Sauberkeit, nicht nur in der Luft, sondern auch im Staat.« Taktiker Genscher, als Polizeiminister oberster Chef des Verfassungsschutzes und des Bundeskriminalamtes, habe, so war bei Bonner Sozialdemokraten zu hören, sein Image als Beschützer der Bonner Republik aufpolieren wollen und ohne zwingenden Grund zu einem für die Sozialdemokraten ungünstigen Zeitpunkt zugreifen lassen. MdB Reuschenbach fragt sich: »Warum das gerade jetzt, sechs Wochen vor Niedersachsen?«
Doch der Augenschein spricht gegen die Verdächtigung des Koalitionspartners. Zwar hatten die Sicherheitsbehörden bereits im Frühsommer vergangenen Jahres erste vage Verdachtsmomente gegen Guillaume erfahren. Innenminister Genscher und Verfassungsschutz-Präsident Günther Nollau informierten Anfang Juni 1973 Kanzler Brandt pflichtgemäß und holten sich sein Plazet, Guillaume vorsichtshalber observieren zu lassen.
Aber entgegen der jetzt von Bundesregierung und SPD verbreiteten Version, Guillaume sei seit jener Zeit enttarnt gewesen und der Kanzler habe »in einer Mischung aus Staatsräson und Ekel-Empfinden« (Parteisprecher Uwe-Karsten Heye) den Agenten in seiner engsten Umgebung ertragen, um die endgültige Überführung zu ermöglichen, hat die Bonner Abwehr erst vor etwa acht Wochen die heiße Spur des Super-Agenten aufgenommen.
Ein »befreundeter Dienst, der bessere Quellen als wir in Ost-Berlin hat«, so ein Verfassungsschützer, gab an die westdeutschen Kollegen seine Erkenntnis weiter, die DDR-Regierung verfüge über zahlreiche Informationen, die nur aus der engsten Umgebung des Kanzlers stammen könnten.
Der Freundes-Tip paßte zu eigenen Erkenntnissen der Bonner Abwehr. Kode-Spezialisten hatten Funksprüche aufgefangen und dechiffriert, deren Informationen von solcher Qualität waren, daß die Quelle im Bundeskanzleramt sitzen mußte.
Bald konzentrierte sich der Verdacht auf Guillaume. Kurz nach den Hinweisen der ausländischen Verbündeten begann die Endphase der Enttarnungs-Aktion: Die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe wurde vor knapp zwei Monaten eingeschaltet und gleichzeitig die SPD-Spitze über den nunmehr dringenden Verdacht gegen des Kanzlers Referenten informiert.
Um den Fall wahlpolitisch zu neutralisieren, erwogen Spitzengenossen zu jener Zeit, den Agenten unauffällig aus dem Verkehr zu ziehen. Guillaume sollte unter einem Vorwand aus der unmittelbaren Umgebung Brandts auf einen unverdächtigen Außenposten versetzt und nach einiger Zeit – möglichst nach der Niedersachsen-Wahl – kassiert werden.
Doch die Rechnung ging nicht auf. Anfang April war die Beweiskette so schlüssig, daß dem Verfassungsschutz rascher Zugriff geboten schien.
Da wurde bekannt, daß der Verdächtige über Ostern eine Ferienreise nach Südfrankreich vorbereitete. Die Abwehr-Leute, denen die von Touristen überlaufene Côte d'Azur als bevorzugter Agententreffpunkt bekannt ist, verschoben die Festnahme. Trotz des erhöhten Fluchtrisikos wollten sie den Brandt-Mitarbeiter nach Süden ziehen lassen – in der Hoffnung, dort auf Guillaume-Verbindungsleute zu stoßen.
Enttarnung durch »Schablonen-Verfahren«.
Daß Guillaume mit seinem Ost-Berliner Führungsoffizier zusammentreffen würde, schien zu erwarten. In Südfrankreich, so die Erkenntnisse der westdeutschen Sicherheitsexperten, werden die in der Bundesrepublik operierenden DDR-Agenten regelmäßig moralisch aufgerüstet. Ein sachkundiges Kabinettsmitglied: »Dort wird ihnen die Beförderungs-Urkunde oder der frisch verliehene Orden gezeigt, dort werden sie mit neuen Führungsleuten zusammengebracht, dort werden veraltete Ausrüstungen gegen moderne Geräte ausgetauscht.
Am Mittwoch vor Ostern fuhr des Kanzlers Mann in seinem silbergrauen Opel-Kadett in Bonn los. Vor ihm waren bereits rund 100 Staatsschützer der Bonner Sicherungsgruppe des Bundeskriminalamts im Nachbarland eingefallen und hatten mit Hilfe ihrer französischen Kollegen ein lückenloses Beobachtungsnetz über die Straßen zur Côte d'Azur gelegt. Innenminister Genscher über die Bonner Kriminalisten-Invasion: »Das war fast wie der zweite Einmarsch.«
Tatsächlich verhielt sich der Spitzen-Agent in Frankreich nicht wie ein normaler Tourist, sondern traf sich unter konspirativen Umständen mit einem Unbekannten, den die Observierer als Ost-Berliner Kontaktmann ausgemacht haben wollen.
Über die Ostertage mietete er sich, wie stets bei seinen zahlreichen Aufenthalten seit 1967, in dem Ferienzentrum »Résidence de France« in Sainte-Maxime ein, unweit des Feriendorfes Les Tourelles der bundesdeutschen Industriegewerkschaft Bau, Steine, Erden. Am Dienstag nach Ostern verabschiedete sich der erstmals ohne Familie Angereiste bei Frau Kübler, die ihn als Les-Tourelles-Chefin von gemeinsamen Besuchen mit Georg Leber und Willy Brandt gut kennt und Guillaume das Ferienquartier vermittelt hatte. Nonstop fuhr er zurück nach Bonn.
Für die Beschatter war dies das Alarmsignal; sie mußten annehmen, der MfS-Profi habe die Überwachung bemerkt und wolle rasch nach Bonn eilen, um dort »aufzulösen« (Geheimdienst-Jargon) und sich in die DDR abzusetzen.
Neun Beamte der Sicherungsgruppe marschierten am Mittwochmorgen vor der bundeseigenen Guillaume-Wohnung in Godesberg auf, klingelten und verhafteten das Ehepaar. Wenig später fuhr ein Möbelwagen der Sicherungsgruppe vor und verstaute kistenweise die Guillaume-Habe.
Damit fand die Karriere des Meisterspions ihr Ende, was Genscher gleich als »Meisterleistung unserer Abwehrorgane« rühmte. Tatsächlich hatten die Aufklärer des Verfassungsschutzes, schon ehe sie den entscheidenden Tip der ausländischen Kollegen erhalten hatten, gute Vorarbeit geleistet.
Guillaumes Enttarnung gilt unter Abwehrexperten als typischer »Rasterfall«, der nicht durch dramatische Aktionen, sondern im »Schablonen-Verfahren« erreicht wurde. Im Kölner Bundesamt liegen seit einigen Jahren von Agenten des Bundesnachrichtendienstes (BND) beschaffte Merkmal-Listen über DDR-Spione in der Bundesrepublik vor, deren Namen und nähere Standorte freilich nicht bekannt sind.
Immer dann, wenn – wie Guillaume im Jahr 1970 bei seinem Eintritt ins Kanzleramt – ein Angestellter oder Beamter zum Geheimnisträger aufsteigt, wird bei der »operativen Überprüfung« parallel zur Kontrolle von Lebenslauf, Fragebogen, Referenzen, Nachbarschafts-Umfragen eine Schablone angelegt, um festzustellen, ob der Betreffende in die Merkmalsliste passen könnte.
Der Schaumburg-Spion, der 1956 »wie Zehntausende anderer DDR-Flüchtlinge ohne besonders strenge Kontrollen« (ein Verfassungsschützer) aus der DDR nach Westen gewechselt war, fiel 1970 nicht weiter auf. Beim Schablonen-Check paßten lediglich Angaben wie »Ehepaar mit Sohn«. Routinemäßig erhob der Verfassungsschutz Einwände gegen die Beschäftigung des DDR-Flüchtlings in der Bonner Regierungszentrale.
Ende 1972 aber, bei der zweiten Überprüfung, die fällig wurde, als Guillaume aus seinen untergeordneten Positionen im Kanzleramt innerhalb der Wirtschaftsabteilung und als Verbindungsmann zu Gewerkschaften, Kirchen und anderen Verbänden in die unmittelbare Umgebung Brandts als Begleiter beim bevorstehenden Bundestagswahlkampf versetzt wurde, paßten schon mehr Merkmale zusammen. Der Name Guillaume fand sich auch im Adreßbuch des kurz zuvor als DDR-Agent verhafteten DGB-Funktionärs Wilhelm Gronau. Und zusätzlich tauchte der Name des Brandt-Referenten in einem zweitrangigen Agentenfall auf.
Anfang 1973 – am 1. Februar war Guillaume auch offiziell Kanzler-Referent geworden und hatte sich der für diese Position üblichen »Streng geheim«-Prüfung unterziehen müssen – fiel den Routine-Überwachern auf, daß Guillaumes Ehefrau Christel regelmäßig abends ein Mehrfamilienhaus in Bad Godesberg aufsuchte. Die Beschatter stiegen Frau Guillaume nach und stellten fest, wem die regelmäßigen Visiten galten: einem Ehepaar Förster. Und auf dieses Paar - Ehemann Horst Förster ist wie Christel Guillaume in der Hessen-Vertretung tätig – paßten nun einige andere Raster-Merkmale, die zuvor nicht verwendbar zu sein schienen.
Förster, 48, wie Guillaume 1956 mit seiner Ehefrau aus der DDR in die Bundesrepublik übergewechselt, saß nach eigenen Angaben acht Jahre lang im DDR-Zuchthaus Bautzen ein. Hinter Gittern will Förster Französisch gelernt haben, so perfekt, daß Bekannte ihm bescheinigten, er könne jederzeit in Frankreich als Einheimischer auftreten. Nach Jobs in der Bonner Birma-Botschaft und bei den Mehlemer Ringsdorff-Werken als Registrator kam Förster auf eine Ausschreibung hin in die Hessen-Vertretung. Seiner Kollegin Guillaume gab er privat Französisch-Unterricht. Doch Förster konnte bis zum letzten Freitag nichts Ausreichendes nachgewiesen werden.
Bis zu seiner Verhaftung war Günter Guillaume die Tarnung als Biedermann so perfekt gelungen, daß Frankfurts Oberbürgermeister Rudi Arndt, der ihn seit zwölf Jahren kennt, am vergangenen Donnerstag noch nicht an das Doppelspiel des Brandt-Helfers glauben mochte. Arndt: »Ich würde heute noch die Hand für ihn ins Feuer legen. Mir ist das absolut unbegreiflich.«
Nach seiner Übersiedlung in die Bundesrepublik verdingte sich Guillaume in Frankfurt als Photograph für alles. Seine Karriere als von der DDR auf die westdeutschen Sozialdemokraten angesetzter Spitzel startete er am 12. September 1957, dem Datum seines Eintritts in die Frankfurter SPD. Auf Parteitagen und Versammlungen gewann der stets freundliche Jung-Genosse rasch die Sympathien der Kollegen.
1964 stieg er zum Partei-Sekretär des Frankfurter Unterbezirks auf, und in seinem Wohnort, der Frankfurter Vorstadtgemeinde Sindlingen, brachte er es zum stellvertretenden Ortsvereinsvorsitzenden. Für Hans Matthöfer, Frankfurter Bundestagsabgeordneter und Staatssekretär in Erhard Epplers Entwicklungshilfe-Ministerium, war der Parteisekretär das »Urbild des engstirnigen Sozialdemokraten«, der die Bücher seines Unterbezirks so sauber geführt habe wie keiner seiner Vorgänger.
Schon damals habe Guillaume, so erinnern sich Frankfurter Sozialdemokraten, erste Kontakte zur Bonner Parteizentrale geknüpft. Obwohl er den südhessischen Linken stets als »exponierter Rechter« (Hans Michel, Frankfurter SPD-Fraktionsführer) verdächtig war, fanden prominente Sozialdemokraten Gefallen an ihm.
Seinen Parteifreunden riet Guillaume häufig zur Vorsicht vor den Funktionären in der DDR. In den Jahren 1966/67, so erinnerte sich Arndt, damals hessischer Wirtschaftsminister, habe Guillaume stets nachdrücklich vor der Anerkennung der DDR gewarnt, eine Forderung, die neben Arndt auch der spätere Frankfurter Oberbürgermeister Walter Möller vehement auf sozialdemokratischen Parteitagen vertrat.
Fleiß und emsige Arbeit hinter den Kulissen ließen den DDR-Mann 1968 ins Parlament der Main-Metropole aufsteigen – und gleich in eine Schlüsselposition: Er wurde Fraktionsgeschäftsführer.
Zugleich mit Günter gelang es Ehefrau Christel, einen Sitz im Frankfurter Unterbezirksvorstand zu gewinnen. »Dort saß sie uns oft als einzige Rechte gegenüber«, reflektiert Arndt, »einzige Frau gegen 14 Linke.«
In dieser Zeit lernte Guillaume auch den Mann kennen, der unwissentlich dem Provinz-Schnüffler zur Karriere als vielleicht gefährlichster Spitzen-Spion in Bonn verhelfen sollte: Georg Leber, damals noch im Präsidium der Partei und einer der mächtigsten Minister in Bonn.
»Vorgestern hätte ich ihm noch ein gutes Zeugnis ausgestellt.«
Gekonnt organisierte Guillaume 1969 Lebers Bundestagswahlkampf in Frankfurt und war so eifrig bei Lebers Sache, daß mißtrauische Linke ihn verdächtigten, die Wahlkasse seines Herrn mit Geldern aus dem Unterbezirk aufgefüllt zu haben. Das Engagement lohnte sich: Guillaume fiel Leber und dessen früherem Mitarbeiter bei der Baugewerkschaft, dem SPD-Abgeordneten Herbert Ehrenberg, sofort ein, als sie nach Willy Brandts erstem Wahlsieg zuverlässige SPD-Rechte für das Kanzleramt suchten. Hilflos mußte der Verteidigungsminister jetzt vor der Fraktion eingestehen: »Vorgestern hätte ich dem Günter Guillaume noch ein gutes Zeugnis ausgestellt, wenn man mich danach gefragt hätte.«
Kaum hatte sich der flinke Kletterer im Bonner Palais Schaumburg als Referent für Kirchenverbände und Gewerkschaften etabliert, kam auch Frau Christel nach Bonn. Nachdem sie zuvor als Mitarbeiterin des früheren Chefs der Hessischen Staatskanzlei, Willi Birkelbach, in Wiesbaden Zugang zu allen Vorgängen in der Spitze einer der wichtigsten sozialdemokratisch geführten Landesregierungen gehabt hatte, reichte sie der Birkelbach-Nachfolger Günter Bovermann an den Wiesbadener Bonn-Beauftragten, Justizminister Karl Hemfler, weiter.
Hemfler übernahm die Dame aus der Staatskanzlei und übertrug ihr das gesellschaftliche Regiment im Bonner Gästehaus der Hessen. »Sie arbeitete wie ein Pferd«, lobte Hemfler seine Managerin, die selbst dann morgens um 7.45 Uhr wieder am Arbeitsplatz war, wenn sie nachts zuvor, oft bis in die frühen Morgenstunden, die Gäste der Landesvertretung mit Hochheimer Wein, Frankfurter Bier und hessischer Wurst versorgt hatte.
Warum sie so lange blieb, wird nachträglich verständlich; oft konnte sie dort den vertraulichen Gesprächen lauschen, die hessische Politiker wie Georg Leber und der frühere Wiesbadener Justizminister Lauritz Lauritzen, aber auch CDU-Rechte Alfred Dregger und Unions-Präside Walther Leisler Kiep mit ihren Gästen führten.
Stets zur Hand war auch der Ehemann. Zwei Jahre konnte er als Verbindungsmann zu den Gewerkschaften aus erster Hand für seine Auftraggeber im Arbeiter-und-Bauern-Staat berichten. Und dies in einer Zeit, da in den Zentralen großer Gewerkschaften wie der IG Metall, aber auch im Düsseldorfer DGB-Hauptquartier größte Anstrengungen unternommen wurden, um der kommunistischen Infiltration an der Basis und bei der DGB-Jugend Herr zu werden. Obwohl Guillaume offiziell nur die Aufgabe oblag, Kontakte herzustellen, vermutet der Bürochef beim DGB-Vorsitzenden Heinz Oskar Vetter: »Er wußte alles.«
Anfang Februar 1973 erklomm Guillaume den Horchposten, der seinen Auftraggebern authentisches Material aus der unmittelbaren Umgebung des Kanzlers verschaffte. Er wurde neben Wolf-Dietrich Schilling (Außen) und Reinhard Wilke (Innen) Brandts dritter persönlicher Referent mit dem speziellen Auftrag, die Verbindung zur SPD zu halten. Im Palais Schaumburg hatte er sein Büro im Dachgeschoß gleich neben Ghostwriter Klaus Harpprecht, »doch er drückte sich immer im Kanzler-Vorzimmer herum«, berichtete ein Staatssekretär. In der SPD-Baracke stand sein Schreibtisch in einem Raum unmittelbar neben dem des Parteivorsitzenden.
Im Kanzleramt schaffte er geschickt Kontakt zu den Bediensteten, indem er sich um den Aufbau einer sozialdemokratischen Vertrauensgruppe bemühte und sich auch um die Wahl in den Personalrat bewarb. Fleißig wirkte er selbst dabei mit, SPD-Betriebsgruppen in anderen Ministerien aufzubauen.
Den im Mief der engen Baracke arbeitenden Parteiangestellten erschien der Brandt-Mann aus dem Palais Schaumburg als loyaler Mitwisser der großen Politik, den sie als »Kumpeltyp und Genossenmenschen« priesen.
Als Kanzlergehilfe hatte Guillaume Gelegenheit, auch Papiere einzusehen, die ihm nicht von Amts wegen auf den Schreibtisch gelegt wurden. Bei vertraulichen parteipolitischen Gesprächen mit dem Kanzler war er stets dabei. Vergebens bemühte er sich jedoch, auch an der morgendlichen politischen »kleinen« Lagebesprechung teilzunehmen.
Mit seinen Kollegen Wilke und Schilling geriet er im Juni letzten Jahres aneinander, weil er glaubte, er werde nicht genügend informiert. Und darüber beschwerte er sich bei den anderen Mitarbeitern. Er verlangte auch, Einblick in geheime Akten nehmen zu dürfen, wie es auch Wilke gestattet war. Wilke blockte ihn mit dem Hinweis auf die Geschäftsordnung ab.
Dafür gelang es dem Agenten, sich draußen im Land das Wohlwollen der Genossen und damit den Zugang zu wichtigen Informationsquellen an der SPD-Basis zu verschaffen. Für SPD-Oberbürgermeister und Vorstandsmitglied Rudi Arndt genügte ein kurzer Anruf bei dem einstigen Frankfurter Parteisekretär, um schnell Termine mit Spitzengenossen festzumachen. Für seinen früheren Gönner Ehrenberg organisierte der schnelle Diener noch kurz vor seiner Verhaftung eine perfekte Willy-Tour durch den Wahlkreis Wilhelmshaven.
»Größter Schauspieler, größter Spion.«
Genossen deuteten diese Beflissenheit als Zeichen besonderer Treue. Skeptischere Parteigänger des Vorsitzenden hüteten sich, in Anwesenheit Guillaumes kritische Äußerungen über Politik oder Person des Chefs fallen zu lassen, weil der Referent den Kanzler stets eifernd verteidigte.
Privat gab sich der kleine Mann mit der großen Agenten-Karriere so nett und bescheiden wie im Amt. Seine Wohnung zierten Nippes, Plüsch und Häkeldeckchen. Seinen Nachbarn präsentierte sich der Herr der bundeseigenen Wohnung (Miete 340 Mark) in Godesberg in altmodischen Nicki-Pullovern und ausgetretenen Sandalen. Bei Geselligkeiten, so wissen Gäste zu berichten, führte Frau Christel meist das große Wort und übertönte politische Gespräche mit dem Thema Küche und Kinder. Kein Wunder, daß auch noch Ende vergangener Woche bei Frankfurts Rudi Arndt das Bild des Agenten Guillaume nicht zur Schablone des Spießbürgers paßte: »Wenn das alles stimmt, wäre der Günter der größte Schauspieler und zugleich der größte Spion aller Zeiten.«
Entsprechend groß war der Schock in Bonns politischen Quartieren, als sich die Nachricht von der Verhaftung Guillaumes verbreitete. Sicherheits-Minister Hans-Dietrich Genscher eilte am Mittwochmittag eigens zum Flughafen, wo Willy Brandt von seiner Arabien-Reise zurückerwartet wurde, um den Regierungschef so schnell wie möglich über die Details der Affäre zu unterrichten.
Im Bonner Palais Schaumburg berieten schon am Mittwochnachmittag enge Kanzler-Vertraute mit ihrem Chef darüber, wie man das Malheur in der Öffentlichkeit am besten herunterspielen könne. Weisungsgemäß verkauften die Kanzler-Gehilfen in Partei und Regierung anderntags den Bonner Journalisten die geschönte Version, Guillaume sei nur ein vergleichsweise unbedeutender Verwaltungsangestellter ohne jeden Geheimhaltungsrang gewesen, der lediglich des Kanzlers Termine festgeschrieben, die Parteipost besorgt und Reisen organisiert habe.
Sozialdemokraten vom Parteivorstand und aus dem Kanzleramt verfaßten am Donnerstag eine »Argumentationshilfe Fall Guillaume«, die in einer Auflage von 13 000 Exemplaren über die Bonner Abgeordneten ins Parteivolk gebracht werden soll. Darin behaupten die Autoren, der Spion sei »mit der Bearbeitung geheimen Aktenmaterials nicht betraut« gewesen, und ebensowenig habe er »Zugang zu vertraulichen Sitzungen« gehabt.
Doch nur zu leicht lassen sich diese Behauptungen widerlegen. Ein Funktionär aus dem Bonner Parteivorstand erinnert sich: »Der war bei allen wichtigen Sitzungen wie selbstverständlich dabei. Unauffällig saß er irgendwo am Rand und hörte den Debatten zu.« Und NRW-Wissenschaftsminister Johannes Rau, Mitglied des Parteivorstands, weiß zu berichten, daß der Brandt-Vertraute trotz einer Weisung, die Nicht-Mitglieder des Vorstands grundsätzlich von Beratungen des Exklusiv-Zirkels ausschließt, doch auf der letzten Sitzung »stundenlang dabeigesessen hat«. Wie dilettantisch Brandts Argumentations-Helfer arbeiteten, zeigte sich schon daran, daß auf Pressephotos von Vorstands-Sitzungen Guillaumes bürstenhaariger Kopf fast stets hinter Brandt zu erkennen ist.
Zur Taktik des Herunterspielens gehört auch, daß die Sozialdemokraten verbreiten, der Fall sei schon deshalb nicht so schlimm, weil der Kanzler bereits seit fast einem Jahr über den Verdacht gegen seinen Zuträger informiert gewesen sei. Die Verfasser des Leitfadens rühmen, daß sich Brandt selbst an der Jagd auf den Agenten beteiligt habe, und verkünden stolz: »Ohne Rücksichtnahme auf persönliche, parteipolitische oder gar wahltaktische Gesichtspunkte stellte der Bundeskanzler sicher, daß G. und seine Komplicen dingfest gemacht werden konnten.« Nur durch den Beistand des Kanzlers, so auch Genscher, hätten seine Geheimdienstler genügend Zeit gehabt, die Verdachtsmomente gegen Guillaume zu erhärten und die Helfershelfer zu enttarnen.
Die offizielle Version widerspricht freilich allen Regeln des Geheimdienst-Metiers. Wenn tatsächlich, wie in Bonn behauptet wird, nur der Kanzler und später auch sein Amtschef, Staatssekretär Horst Grabert, informiert waren, konnte der NVA-Hauptmann mit Wissen des deutschen Regierungschefs über Monate hinweg intimste Informationen an seine Vorgesetzten in Ost-Berlin liefern.
Denn weder die Parteispitzen noch die Geheimnisträger des Kanzleramts wußten von dem Verdacht, so daß Guillaume sich weiter ungehindert tummeln konnte. Ein Verfassungsschutz-Experte urteilt, jeder Verdächtige in so gehobener Position müsse sofort von allen Quellen abgeschnitten werden. Der Profi: »Der Mann kann nur suspendiert werden, da gibt es gar keine andere Möglichkeit.«
Auch Genschers im Bundestag offiziell vorgetragenes Argument, man habe Guillaume so lange auf seinem Posten in Sicherheit wiegen müssen, weil man sonst »auf keinen Fall den Ring, dem er angehörte, (hätte) zerschlagen können«, nehmen Abwehr-Profis nicht ernst. Denn jeder Perspektiv-Agent dieses Formats hängt nicht an einem Netz, sondern wird »einzelgeführt«. Genschers Rettungs-»Ring« trägt nicht.
Hat der Kanzler den Verdacht nicht ernst genommen?
Selbst die Schutzbehauptung, der Spitzenagent im Kanzleramt sei nur noch mit Spielmaterial gefüttert worden, empfinden Verfassungsschutzleute als »abenteuerlich«. Ein Abwehr-Profi: »Wie soll in einem solchen Fall das Spiel mit dem Spielmaterial vor sich gehen? Der Mann sitzt also am Schreibtisch und wird isoliert von seinen Kollegen - wieviel Leute müssen da eingeweiht werden? Wie viele Mann müssen mitspielen? Auch die Sekretärin im Vorzimmer links? Und wenn die nun seine Freundin ist?«
Überdies hätte ein Agent vom Format Guillaumes, durch dessen Hände so viel echtes Material gegangen ist, das Spiel mit dem Spielmaterial alsbald durchschaut.
Wahrscheinlicher als solche Darstellungen ist denn auch, daß Brandt zwar zu einem frühen Zeitpunkt unterrichtet wurde, den Verdacht aber, weil möglicherweise nur vage vorgetragen, nicht sehr ernst nahm: Schon einmal hatte der Staatsschutz einen engen Mitarbeiter beim Kanzler angeschwärzt – ohne Grund: den inzwischen verstorbenen Ex-Kommunisten Leo Bauer, einen der engsten Berater und Freunde des SPD-Chefs.
Für alle, die Brandt näher kennen, scheint es kaum vorstellbar, daß der gradlinige Norddeutsche, dem jede Gemütsbewegung im Gesicht abzulesen ist und dem jede Verstellung Unbehagen bereitet, über Monate hinweg in seiner engsten Umgebung einen Mann duldete, von dem er annehmen mußte, daß er kommunistischer Agent ist.
In der Tat blieben der Kanzler und seine Umgebung arglos. Im Oktober letzten Jahres beschwerte sich der ehemalige Kanzleramtschef und Brandt-Vertraute Horst Ehmke über den Verfall der Solidarität in der SPD. Es gebe da sogar Leute, die vor der Norwegen-Reise des Bundeskanzlers im Juli vor einer Mitnahme Guillaumes gewarnt hätten, weil der ein Agent sei.
Guillaume wurde neben drei Sicherheitsbeamten als einziger amtlicher Begleiter mitgenommen. Er wohnte mit Frau Christel und Sohn Pierre in einem von Rut Brandt vermittelten Haus, etwa 150 Meter unterhalb des Brandt-Anwesens.
Vier Wochen lang beaufsichtigte der Ost-Spion die gesamte Fernschreib-Korrespondenz des Kanzlers mit Bonn und hielt für seinen Chef den Telephon-Kontakt mit der Regierungszentrale in Deutschland.
Kanzler-Besuchern fiel auf, daß die Guillaumes praktisch zur Familie gehörten und auch bei privaten Anlässen mit den Brandts zusammen waren. Brandt-Sohn Mathias und Guillaume-Sprößling Pierre gingen gemeinsam angeln.
Die Vertraulichkeit zwischen Guillaume und seinem Vorgesetzten war auch im letzten November noch nicht getrübt, als der Kanzler den beflissenen Gehilfen zu einem Kurzurlaub mit an die Côte d'Azur nahm, wo Guillaume sonst seine V-Leute zu treffen pflegte.
Besonders eng war Guillaumes Kontakt zum Bonner Regierungschef, wenn Brandt im Sonderzug durch deutsche Lande reiste - so zuletzt im September 1973 durch Schleswig-Holstein und erst vor einigen Wochen durch Niedersachsen.
Während dieser mehrtägigen Trips übernahm der Parteireferent Guillaume auch die Aufgaben der nicht mitreisenden Regierungs-Referenten Wilke und Schilling. Dann liefen alle Schriftstücke und Telephongespräche des Chefs zwangsläufig durch die Hände des Spions mit der großen Dienstmoral.
Günter Guillaume war der letzte, den der Kanzler auf seinen häufigen Deutschland-Tourneen abends vor dem Zubettgehen sah, er war der erste, der ihm morgens nach dem Aufstehen begegnete. Noch am 8. April während der Niedersachsen-Tour, zwei Tage bevor der Agent zu seiner letzten Reise nach Frankreich aufbrach, ging Brandt morgens um acht Uhr mit Guillaume in Hannoversch Münden am abgestellten Sonderzug entlang spazieren.
Auch wenn es nicht um Dienstliches ging, war Guillaume häufig mit dem Regierungschef zusammen. Der ehemalige Berliner Bürgermeister Brandt mochte den Dialekt und die direkte Art des geborenen Berliners Guillaume. So war der DDR-Spion nicht selten Gast des Kanzlers in dessen Privatwohnung auf dem Bonner Venusberg, und er begleitete die Familie Brandt auf Sonntagsspaziergängen.
»Du kannst für die Partei viel mehr leisten.«
Als die Fahnder dem NVA-Offizier angeblich schon dicht auf den Fersen waren, wurde der zu einer intimen Brandt-Runde geladen. Zur Party anläßlich des 60. Kanzler-Geburtstages, den Willy Brandt am Vorabend, dem 17. Dezember, mit engsten Freunden feierte, gehörte selbstverständlich auch Guillaume. Ein Party-Gast berichtet: »Da wird doch offen geredet. Ich kann mir nicht vorstellen, daß Guillaume schon seit einem halben Jahr enttarnt gewesen sein soll.«
Daß der Verräter überhaupt in Bonns innersten Kreis gelangen konnte, nötigt selbst den Geschädigten uneingeschränkte Bewunderung ab. So lobt SPD-Geschäftsführer Holger Börner: »Die da drüben machen eine gute Personalpolitik - wie die katholische Kirche.« SPD-MdB Conrad Ahlers sieht es sportlich: »Eine erstklassige Operation der anderen Seite, durchgeführt von einem erstklassigen Mann.«
Gesteuert wurde der Spitzen-Spion vom DDR-Ministerium für Staatssicherheit, in dem sich die konspirativen Traditionen des deutschen Kommunismus mit dem Spitzelsystem der sowjetischen Geheimpolizei und den Polizeistaat-Doktrinen der Gestapo zu einem hochbrisanten Gemisch vermengen.
Das Ministerium, dem seit 1957 der Altkommunist Erich Mielke, 66, vorsteht, hat sein Hauptquartier in der Normannenstraße 22 des Ost-Berliner Stadtteils Lichtenberg und gliedert sich in drei organisatorische Bereiche: den für die Sicherung des SED-Regimes zuständigen Staatsschutz, die auf Auslandsspionage spezialisierte Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) und die Hauptverwaltung Verwaltung und Wirtschaft. Ein sowjetischer Beraterstab überwacht die Tätigkeit des MfS.
In den operativen Hauptabteilungen des MfS wie Spionage und Gegenspionage oder Sicherung der Streitkräfte und den unterstützenden Abteilungen wie Chiffrierwesen oder Telephonüberwachung arbeiten rund 1500 Offiziere und Unteroffiziere sowie 1600 Angestellte. Hinzu kommen weitere 15 000 Staatssicherheitsbeamte in den 16 Bezirks- und 220 Kreisverwaltungen des MfS in der DDR.
Der Vater des ostdeutschen Geheimdienstes war Wilhelm Zaisser, der das Abc der Spionage und Sabotage bei den Russen gelernt hatte. Unter seiner Führung – Zaisser wurde 1953 von SED-Chef Ulbricht gestürzt – landete das MfS jenen Coup, der die Voraussetzungen für alle späteren Geheimdienst-Erfolge schuf: Von 1951 bis 1954 zerschlug der Staatssicherheitsdienst die wichtigsten Teile des Agentennetzes, mit dem die damalige Organisation Gehlen, der spätere Bundesnachrichtendienst, die DDR überzogen hatte – getreu der MfS-Losung: »Wir sind ein scharfes Schwert, mit dem unsere Partei den Feind unerbittlich schlägt.«
Damit war der Weg endgültig frei für offensive Aufgaben, die von der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) im MfS übernommen wurden. Chef dieser Organisation ist Generalleutnant Markus Johannes Wolf, 51, den seine Freunde Mischa, die Mitarbeiter aber kurz »BvJ« ("Boß vons Janze") nennen. Die HVA operiert auf vier Ebenen:
▷ »Linie A« umfaßt die politische Spionage gegen die Bundes- und Länderregierungen, gegen Parteien und gesellschaftliche Institutionen sowie gegen die diplomatischen Vertretungen in der Bundesrepublik;
▷ »Linie B« bezeichnet die militärische Spionage gegen das Bundesverteidigungsministerium und die Nato-Stäbe;
▷ »Linie C« steht für die wirtschaftlich-industrielle Spionage, und
▷ »Linie D« besorgt die politische Zersetzungsarbeit in Westdeutschland. HVA-Chef Wolf wird von seinen Geheimdienst-Kontrahenten im Westen ebenso gefürchtet wie – im professionellen Sinne – geachtet. Ein früherer Referatsleiter im Bundesnachrichtendienst hält den »Wolfschen Apparat« für den derzeit am besten funktionierenden Geheimdienst.
Der im württembergischen Hechingen als Sohn des Arbeiter-Dramatikers und Arztes Friedrich Wolf geborene und in Stuttgart aufgewachsene Markus Wolf emigrierte 1933 mit seinen Eltern über die Schweiz und Frankreich in die Sowjet-Union. In Moskau lernte er an der Karl-Liebknecht-Schule Russisch und anschließend in Kuschnarenkowo an einem Komintern-Institut doktrinären Kommunismus.
1945 mit der Gruppe Ulbricht nach Deutschland zurückgekehrt, sprach er unter dem Pseudonym »Michael Storm« für die Sendung »Treffpunkt Berlin« im Ost-Berliner Rundfunk und beobachtete als Journalist die Nürnberger Prozesse. Von 1949 bis 1951 war Wolf als Erster Rat in der Moskauer DDR-Mission tätig. Dann wurde der 28jährige, dank sowjetischen Wohlwollens, das er bis heute nicht verloren hat, ostdeutscher Spionage-Chef.
In dieser Position überlebte Kettenraucher Wolf (Lieblingsmarken »Navy Cut« und »Camel") nach Zaisser auch den Staatssicherheitsminister Ernst Wollweber, der wie sein Vorgänger als Ulbricht-Opponent kaltgestellt wurde. Weitgehend im Hintergrund operierend, baute der Generalleutnant, bei dem sich scharfer Verstand und kühle Selbstbeherrschung mit Liebenswürdigkeit und Kameradschaft verbinden, sein Agenten-Imperium auf.
Der Nürnberger Photo-Händler Hannsheinz Porst, der jahrelang außer der FDP insgeheim auch der SED angehörte und 1969 in der Bundesrepublik wegen landesverräterischer Beziehungen zu zweidreiviertel Jahren Gefängnis verurteilt wurde, beschreibt seinen Ost-Berliner Gesprächspartner Wolf als einen eleganten Mann »nicht ohne Humor«. Porst: »Er konnte auf eine sehr distanzierte Weise herzlich sein und hatte keine Hemmungen, auf Gedanken einzugehen, selbst wenn sie nicht zum offiziellen Repertoire gehörten.«
Heute gebietet Markus Wolf gemeinsam mit seinem Intimus und Stellvertreter, Generalmajor Hans Fruck, über rund 1200 Mitarbeiter in den acht Abteilungen (siehe Graphik Seite 30) der Hauptverwaltung Aufklärung. Sein Kontakt zum SED-Politbüro und speziell zu Erich Honecker, dem heutigen Parteichef und früheren Sicherheitsbeauftragten der Parteiführung, ist enger als zu seinem Minister Mielke. Wolf verdankt seine Selbständigkeit innerhalb des DDR-Sicherheitsapparats vor allem seinen Erfolgen in der Westdeutschland-Spionage. Die Zahl seiner auf die Bundesrepublik angesetzten HVA-Agenten und -Zuträger wird von den Abwehr-Spezialisten im Kölner Verfassungsschutzamt auf 11 000 geschätzt. Wolf-Spione sitzen in den westdeutschen Parteien, palavern in Gemeinderäten, forschen in Staatskanzleien, spähen Betriebsgeheimnisse aus, kontrollieren Versorgungseinrichtungen und marschieren in der Bundeswehr.
Auf HVA-Leute, die westlich der Elbe für den Sozialismus unterwegs sind, können sich ihre Auftraggeber nach den Erfahrungen ihrer westlichen Beschatter durchweg verlassen – in den letzten Jahren ist keiner der Berufsagenten übergelaufen. Auch das ist offenbar nicht zuletzt ein Verdienst Wolfs, der sich stets Zeit für seine Mitarbeiter nimmt und zu seinen Spitzen-Spionen ein besonders herzliches Treueverhältnis pflegt.
Förderlich für geduldiges Ausharren im West-Einsatz und dauerhafte Gesinnungstreue ist zudem die Fürsorge, die der SED-Staat seinen West-Agenten nach ihrer Enttarnung angedeihen läßt. Stets versucht Wolf – und meistens mit Erfolg –, sie im Austauschverfahren nach in der Regel nur kurzer Haftzeit heimzuholen. Stets auch warten daheim auf den Rückkehrer sein in der DDR angesparter Offizierssold, Erfolgsprämie, öffentliche Ehrungen und ein Schreibtisch-Job in der HVA.
Mehr als andere östliche Nachrichtendienste profitiert die HVA des Markus Wolf zudem von der deutschen Teilung: Das MfS machte sich die Westdrift enttäuschter DDR-Bewohner zunutze und schickte seine Spitzen-Spione als politische Flüchtlinge getarnt mit dem Auftrag in die Bundesrepublik, sich als sogenannte Perspektiv-Agenten unauffällig und geduldig in für den Staatssicherheitsdienst interessante Positionen des westdeutschen Staates hochzudienen – wie Günter Guillaume.
Sein Fall ist der jüngste Beleg für Wolfs Langzeit-Programm, das sich der westdeutschen Abwehr erstmals vor sechs Jahren enthüllte: bei der Enttarnung des MfS-Agenten Harald Gottfried.
Der SED-Mann aus Dresden, dessen Vater als ehemaliger Nazi im DDR-Zuchthaus Bautzen einsaß, wollte als Zwanzigjähriger nach Abschluß eines Pädagogik-Studiums eigentlich Volkspolizist werden. Doch die HVA hatte mit dem jungen Genossen Besseres vor. 1955 erschienen, so Gottfried 1969 vor dem Karlsruher Oberlandesgericht, zwei Herren bei dem Junglehrer, um ihm die Offiziers-Laufbahn auszureden: »Du könntest für die Partei viel mehr leisten, wenn du als Kundschafter in die Bundesrepublik gehen würdest.«
Gottfried ging – nicht als Spion um Geldeslohn, sondern aus politischer Überzeugung. Seine Agenten-Karriere in Westdeutschland war sorgfältig vorgeplant. Auf Geheiß des MfS studierte der politische Flüchtling - Fluchtbegründung im Notaufnahmelager: »Nie hätte ich die Uniform derjenigen getragen, die meinen Vater in Bautzen bewachen« – zehn Semester Nachrichtentechnik an der TH Karlsruhe.
Nach dem Examen bewarb sich der unauffällige, stets liebenswürdige Wissenschaftler – inzwischen mit einer Karlsruherin verheiratet und Mitglied des örtlichen Judo-Klubs – auf Weisung seiner Ost-Berliner Vorgesetzten um eine Stelle als Diplom-Ingenieur im Kernforschungszentrum Karlsruhe. Gottfried wurde angenommen und lieferte fortan fünf Jahre lang nach eigenen Angaben westdeutsche Atom-Details an seine HVA.
Doch bevor es ihm gelang, seinen Gesichtskreis zu erweitern, stolperte der Ausforscher über eine Kleinigkeit. Als er sich auf HVA-Geheiß um Arbeit bei der Bundeswehr bewarb, beging Gottfried bei seiner Personalüberprüfung den Fehler, seine frühere FDJ-Mitgliedschaft zu leugnen – und brachte sich dadurch in Verdacht. Denn in den Abwehrakten war Gottfried als einer der FDJler registriert, die 1953 die Bundestagswahl stören wollten, aber am Zonengrenzübergang Bebra an der Weiterreise gehindert worden waren.
1968 wurde Gottfried verhaftet und ein Jahr später wegen geheimdienstlicher Beziehungen zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Abzusitzen brauchte er nur ein halbes Jahr, dann wurde er ausgetauscht. Die SED verlieh ihm einen Orden, und das Parteiblatt »Neues Deutschland« feierte den Spion als »Helden an der geheimen Front«.
Längeren Nutzen hatte HVA-Chef Wolf von seinem Perspektiv-Agenten Wilhelm Gronau, der wie Guillaume und Gottfried Mitte der fünfziger Jahre als 43jähriger Flüchtling mit Ost-Auftrag in den Westen wechselte.
Gronau machte beim DGB Karriere. Er begann bei der Gewerkschaft Handel, Banken und Versicherungen, wechselte jedoch bald in die DGB-Zentrale nach Düsseldorf; wo er als persönlicher Sekretär des Vorsitzenden Willi Richter jahrelang Einblick in nahezu sämtliche Interna der Gewerkschafts-Politik hatte. Zwar verlor Ost-Berlins Mann 1962 unter dem Richter-Nachfolger Ludwig Rosenberg diesen Vertrauensposten, amtierte jedoch bis zu seiner Festnahme 1972 immerhin als Referatsleiter der Vorstandsabteilung »Wiedervereinigung« und als Sekretär der Kommission »Aktionsprogramm« in der Gewerkschaftszentrale.
Enttarnt wurde der Sekretär, weil er bei seinen häufigen Besuchen zu Sitzungen und Seminaren in West-Berlin mitunter erst morgens aus dem Osten der Stadt heimgekehrt war.
Ihre größten Erfolge – abgesehen von Günter Guillaume – freilich verbuchte die HVA mit einer Variante des Perspektiv-Agenten: mit sorgfältig ausgesuchten West-Bürgern, die von MfS-Offizieren zielstrebig in politisch unbedeutende, aber für Nachrichtendienste ergiebige Stellen bei Bonner Ministerien gelenkt wurden.
Im Februar 1970 verhafteten Beamte der Sicherungsgruppe Bonn des Bundeskriminalamtes die Vorzimmerdame Irene Schultz, 51, des damaligen Bonner Bildungsministers Hans Leussink. Die Sekretärin hatte nach einem genauen Karriereplan seit 1957 für die DDR gearbeitet. Sie begann in untergeordneter Stellung im Bundesinnenministerium, empfahl sich dort rasch als geübte Schreibkraft und wechselte 1962 auf Anweisung des MfS in das Forschungsministerium.
Drei Jahre später gelangte Irene Schultz dort auf den Platz, den Ost-Berlin für sie vorgesehen hatte: Sie wurde Chefsekretärin des FDP-Ministers Hans Lenz und blieb dank ihrer Tüchtigkeit auch unter den Lenz-Nachfolgern Gerhard Stoltenberg (CDU) und Leussink (parteilos). Über ihren Schreibtisch wechselten mehr als vier Jahre lang nicht nur die Akten geheimer Forschungsprojekte. Frau Schultz verwahrte für ihre Minister auch die Protokolle der Kabinettssitzungen. Für Stoltenberg hielt sie die streng geheimen Protokolle der großen Lagebesprechungen unter Verschluß, in denen allwöchentlich auch der Präsident des Bundesnachrichtendienstes Gerhard Wessel einer begrenzten Kabinettsrunde Bericht erstattete.
Die DDR-Agentin flog auf, als ihr Führungsoffizier eine von Irene Schultz besorgte Geheimakte länger als üblich zurückbehielt. Außer der Vorzimmerdame schnappten die Bonner Kriminalisten nicht nur den 80jährigen ehemaligen Landgerichtspräsidenten Heinrich Wiedemann, der seine Freundin Irene dem Stasi zugeführt hatte, sondern auch die Kölner Lagerkontoristin Liane Lindner. Die angebliche Angestellte entpuppte sich beim Verhör als MfS-Offizier Ingeborg Weber, die von der HVA-Zentrale 1961 über die Schweiz in die Bundesrepublik transferiert worden war.
Nach dem Sekretärinnen-Schema operierte auch MfS-Agent Herbert Schröter im Westen. SED-Mann Schröter tauchte 1957, ein Jahr nach Guillaume, als angeblicher Ost-Flüchtling in West-Berlin auf. 1963 lernte er in Paris das damals 19jährige Au-pair-Mädchen Gerda aus dem schwäbischen Denklingen kennen, warb die Freundin wenig später für den Staatssicherheitsdienst an und überredete sie, sich als Sekretärin im AA zu verdingen.
Zwanzig DDR-Häftlinge für einen Guillaume?
Dort rückte die Schröter-Geliebte und spätere Schröter-Ehefrau nach kurzer Probezeit im Mai 1966 ins Nachrichtenzentrum auf, in das Referat ZB 6 (Chiffrier- und Fernmeldewesen). Aus ZB 6 lieferte Gerda Schröter der HVA nicht nur Telegramm-Kopien aus allen deutschen Botschaften, sondern auch Nato-Material aus Brüssel und dem Verteidigungsministerium zu. Die Quelle versiegte auch nicht, als die Chiffrier-Spezialistin an bundesdeutsche Botschaften versetzt wurde, zunächst an die Washingtoner, im Oktober 1972 an die Warschauer Botschaft.
Gerda Schröter wurde nicht gefaßt, sie enttarnte sich Ende Mai 1973 selbst – nicht ohne zuvor Ehemann Herbert, inzwischen Leiter der Abteilung Bautechnik bei der Firma Krupp Stahlhandel, gewarnt zu haben. HVA-Mann Schröter setzte sich nach Ost-Berlin ab.
Im AA arbeitete Spionin Gerda Schröter übrigens – ohne es zu wissen – ein Jahr lang Tür an Tür mit einer anderen erfolgreichen Ost-Agentin: Leonore Sütterlin, geborene Heinz, Spionin des sowjetischen Geheimdienstes KGB.
Die Sekretärin war 1955 nach gleicher Methode wie die MfS-Agentin Schröter angeworben worden: durch den charmanten westdeutschen KGB-Agenten Heinz Sütterlin, der sie im Moskauer Auftrag ehelichte. Die Sütterlins freilich flogen schon 1967 auf, als ihr Resident, der KGB-Offizier Jewgenij Jewgenjewitsch Runge, zu den Amerikanern überlief.
Daß Ost-Dienste ihre Leute auf dieselben Ziele ansetzen, ist nach westlicher Abwehr-Erfahrung durchaus nicht selten. Zwischen MfS und KGB gibt es offenbar in der operativen Arbeit keine Absprachen. Ein Verfassungsschützer: »Jeder nimmt das, was er kriegen kann.« Nur die Ergebnisse werden ausgetauscht. Allerdings überläßt das KGB die Bundesrepublik weitgehend den MfS-Kollegen. Außer in den Fällen Sütterlin und der Affäre des Heinz Felfe (1961 verhafteter Oberregierungsrat in der Zentrale des Bundesnachrichtendienstes) waren die Sowjets in spektakuläre Spionagefälle auf westdeutschem Boden nicht verwickelt. Nach Bonner Kenntnis gehen nur fünf Prozent der in der Bundesrepublik entdeckten Fälle auf Sowjet-, 87 Prozent aber auf MfS-Konto. In die übrigen acht Prozent teilen sich Polen und Tschechen.
Die Aktivitäten des Ost-Berliner Staatssicherheitsdienstes ließen ungeachtet der neuen Bonner Ostpolitik, die sich besonders um ein besseres Verhältnis zur DDR bemüht, niemals nach. Die Fälle, die in den letzten Jahren entdeckt wurden, waren jedoch nie so gravierend, daß sie die Entspannung ernsthaft belasten konnten.
Diesmal hingegen sind die Bonner schon mit Rücksicht auf die Wähler-Meinung nicht geneigt, die Brüskierung ganz ohne Reaktion hinzunehmen. Kanzler Brandt gab am Freitag im Bundestag den Ton an: Er habe zur Kenntnis genommen, so verkündete der Regierungschef, daß der »SED-Staat« – ein Terminus, den Brandt seit Jahren nicht mehr verwendet hatte – »seine Feindschaft zum SPD-Vorsitzenden auch auf diese Weise hervorgehoben hat«.
Schon am Dienstag dieser Woche soll der zukünftige Bonner Beauftragte in der DDR, Staatssekretär Günter Gaus, bei seinem seit langem terminierten Gespräch mit dem Ost-Berliner Vize-Außenminister Kurt Nier intervenieren. Am Wochenende war noch nicht entschieden, ob Gaus nur eine Unmutsbekundung äußern oder formellen Protest einlegen soll. Überdies überlegen die Kanzlerberater, ob Gaus sein Beglaubigungsschreiben beim DDR-Staatsratsvorsitzenden Willi Stoph erst 14 Tage nach dem bisher geplanten Termin (Mitte Mai) überreichen soll. Presse-Staatssekretär Rüdiger von Wechmar: »Damit werden wir uns jetzt nicht mehr beeilen.«
Schon freilich hat Deutschland-Minister Egon Franke die Erklärung parat, warum härtere Sanktionen nicht angebracht seien: »Da drüben gibt es natürlich auch Mehrgleisigkeiten. Das MfS handelt dort oft in eigener Regie.«
Die innerdeutsche Vertrauenskrise nimmt den Sozialliberalen auch die Möglichkeit, wie geplant, im niedersächsischen Wahlkampf die jüngsten Fortschritte in der Deutschlandpolitik zu propagieren. Weder der endlich vereinbarte Austausch von Bevollmächtigten zwischen Bonn und Ost-Berlin, noch der Abschluß einiger Folgeverträge zum Grundlagenvertrag - wie etwa das Sport- und das Gesundheitsabkommen – können jetzt noch Punkte bringen.
Zudem fürchten die sozialdemokratischen Wahlstrategen, daß die Christdemokraten den Fall Guillaume als Indiz für die Erfolglosigkeit der Bonner Ostpolitik ausschlachten werden. Gleich am Donnerstagabend verkündete CDU-Chef Helmut Kohl im ZDF: »Das, was wir hier heute erleben, das ist natürlich massivster Kalter Krieg.«
Geschickt spielte der Unions-Vorsitzende auch auf die gängige, 1968 mit Hilfe der CDU/CSU gesetzlich verankerte Austausch-Praxis mit der DDR an und erweckte den Eindruck, als werde Guillaume in nächster Zeit in der DDR ein beschauliches Leben als verdienter »Kundschafter des Friedens« führen. Er verschwieg freilich, daß für einen Ost-Berliner Agenten nicht weniger als zwanzig in der DDR Inhaftierte herausgeholt werden (siehe Seite 32).
Zur Diffamierung des Bundeskanzlers werden die Unions-Christen, wenn sie der Linie der Bonner Zentrale folgen, den Spionagefall hingegen wohl kaum nutzen. Nüchtern kalkulieren sie, daß ein Ausschlachten der Affäre die Sozialdemokraten veranlassen würde, der CDU/CSU die ärgsten Geheimdienst-Fälle ihrer Regierungszeit vorzuhalten. Die Union baut darauf, daß der größte Spionage-Fall in der Geschichte der Bundesrepublik ohne ihr Zutun die Sozialdemokraten beim Wähler in Verruf bringt.
Angesichts so düsterer Aussichten klammern sich die Sozialdemokraten nur noch an die Spekulation auf ein Wählerverhalten, das schon bei der Bundestagswahl 1972 zum SPD-Erfolg beigetragen hatte: das Mitgefühl für den ohne eigenes Verschulden in Bedrängnis geratenen Kanzler.
Willy Brandt am letzten Freitag vor dem Bundestag: »Es gibt Zeitabschnitte, da möchte man meinen, daß einem nichts erspart bleibe.«