Der stürmische Genosse
Ein rotblonder Herr warf mit Vehemenz eine hohe Tür im Regierungsgebäude am Düsternbrocker Weg in Kiel ins Schloß. »Der Ministerpräsident des Landes Schleswig-Holstein« stand auf dem Pappschild der Tür. Drinnen saß er und zitterte mit seinem weißen Spitzbart.
Eigentlich hätte der rotblonde Herr mit einer Lungenentzündung und seiner auch sonst sehr angegriffenen Gesundheit wegen im Bett liegen sollen. Jedenfalls hatte die schleswig-holsteinische Regierung ihren Landwirtschaftsminister Erich Arp mit dieser Motivierung schon im Dezember in Urlaub geschickt. Sein Bodenreformgesetz sei ja nun verabschiedet, hieß es.*)
Erich Arp dachte gar nicht daran, sich ins Bett zu legen. Erst zog er nach Hamburg um, und dann stattete er seinem Kieler Premier Hermann Lüdemann ein paar Besuche ab. Die Engländer hatten nämlich sein Gesetz nicht genehmigt und Aenderungen verlangt. Erich Arp und Hermann Lüdemann sagten einander, was sie dachten. Dem konzilianten SPD-Premier machte es allmählich keinen Spaß mehr, das schleswig-holsteinische Agrarwesen gegen die CDU zu reformieren. Seinem Genossen Erich Arp dagegen konnte es gar nicht radikal genug gehen. Er sah seine sozialistische Linie schwanken. Wenn die Tür mit dem Pappschild zwischen den beiden ins Schloß geknallt war, hatten sie des öfteren eine schlechte Meinung voneinander.
Hermann Lüdemann kam die Frankfurter Konferenz dazwischen. Der 68jährige beschloß, vorher etwas auszuspannen. Er machte mit einer auf dem Hamburger Hauptbahnhof geschlossenen Reisebekanntschaft einen kleinen Umweg, ehe er nach Frankfurt fuhr, und zerstreute sich.
Erich Arp tat es nicht. In seinem neuen Domizil in Hamburg schrieb er Zeitungsartikel über die Notwendigkeit einer radikalen Bodenreform und schickte sie seinen Kieler Genossen bei der »Schleswig-Holsteinischen
*) Zweiundvierzig Sozialdemokraten hatten es gut geheißen, und 23 CDU- und SSV-Abgeordnete waren dagegen, weil Erich Arp den von den Engländern gewährten Spielraum in der Begrenzung der Besitztümer nach oben ziemlich nach unten hin ausnutzte (100 ha anstatt möglicher 150 ha). Volkszeitung«. Vor 1933 hatte er den »Anti-Nazi« herausgegeben. Damit ihm nach 1933 die Gestapo nicht so sehr auf die Finger sah, trat er in Hitlers Partei ein. Seine Mitgliedsnummer gehört heute zum festen Versammlungsrepertoire der CDU.
Das Kriegsende bescherte ihm wieder seine SPD. Der erfolgreiche Mann verkaufte seine Schmalz- und Butterfabrik und seinen Hamburger Porzellanladen - beides hatte er sich inzwischen aufgebaut - und wurde mit 39 Jahren Deutschlands jüngster Minister.
In seinem Lungenentzündungsurlaub hatte er nicht nur Besuche bei Hermann Lüdemann gemacht, er hatte in Hamburg auch Besucher empfangen. Die Kripo machte keinen Gebrauch davon, daß sie Fleischkonserven bei ihm gefunden hatte. Darauf war es ihr diesmal weniger angekommen als auf Akten, für die man sich in Kiel interessierte.
Als Hermann Lüdemann aus Frankfurt zurückkam, waren seine Sympathien für den stürmischen Genossen vollends erkaltet. Schleswig-Holsteins Haushalt bekam nun doch einen neuen Minister a. D. Und die SED hofft auf einen Partei-Aspiranten.