»WIR HABEN DEN SCHOCK ÜBERSCHÄTZT« - DER SPIEGEL
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Wahlen »WIR HABEN DEN SCHOCK ÜBERSCHÄTZT«

• aus DER SPIEGEL 41/1969
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL: Herr von Thadden, Ihr Zimmer ist voll von Rosen und Herbstblumen Grabschmuck?

THADDEN: Das alles sind Zeichen der Verbundenheit von Mitgliedern unserer Partei. Außer diesen Blumen habe ich in drei Tagen über 400 Briefe und Telegramme bekommen.

SPIEGEL: Von NPD-Leuten, die nicht wissen, wie es nach dem Wahl-Debakel der Nationaldemokraten weitergehen soll?

THADDEN: Es sind durchweg Briefe, denen ich entnehmen kann, daß unsere Mitgliedschaft wesentlich stabiler ist, als ich das in der Wahlnacht befürchtet habe. Es ist kein einziger böser Brief darunter, keiner, in dem es heißt: Ihr seid alle Versager. Die Stimmung in der Partei schwankt zwischen fassungslosem Entsetzen und irgendwie einer nicht näher zu beschreibenden Wut. SPIEGEL: Wut auf Sie?

THADDEN: Wut auf alle Gegner. die es fertiggebracht haben, durch ihr Trommelfeuer unsere Wahlchancen binnen drei Wochen zu zerstören.

SPIEGEL: Als wir hier im Mai mit Ihnen sprachen, prophezeiten Sie »solide acht Prozent« für die NPD. Nun sind es gerade 4,3 Prozent geworden. Und das sollen nun dir Wahlkampfgegner bewirkt haben?

THADDEN: Dem Ergebnis liegen drei Faktoren zugrunde. Den einen Faktor hatten wir selbst in der Hand. Nach den Krawallen in Saarbrücken und Flensburg, die eine Folge des Krachs in Frankfurt waren, hatten wir überlegt, ob wir die Großveranstaltungen mit mir nicht absagen sollten. Meine Parteifreunde Schütz und Richard waren dafür. Sie meinten, wir könnten nicht sicher sein, daß die Polizei immer die ganze Last übernimmt, daß es dadurch leicht zur Katastrophe kommen würde in Gestalt einer wilden Schlacht zwischen »Demonstranten« und Ordnern und daß die Leute dann sagen: Die NPD bringt uns die Straßenschlachten wieder wie gehabt.

SPIEGEL: Sie haben dann aber doch weitergemacht, weshalb?

THADDEN: Diese Entscheidung habe ich allein getroffen. Ich konnte von keinem NPD-Redner verlangen, sich in dieses Risiko hineinzubewegen, während ich selbst mich friedlich an meinen Schreibtisch setze. Die Partei hätte darin eine Kapitulation erblickt.

SPIEGEL: Die Entscheidung war in Ihrer Sicht falsch?

THADDEN: Sie hatte offenkundig zur Folge, daß die Wähler sich sagten: Wenn es keine NPD gäbe, gäbe es auch keine Krawalle.

SPIEGEL: Und die anderen Gründe?

THADDEN: Der zweite Faktor war diese mit Millionen finanzierte Anzeigenkampagne, die tatsächlich die Hysterie erzeugt hat: Kommt die NPD in den Bundestag, dann ist es mit dem Export und sämtlichen Freundschaften aus. Dagegen waren wir völlig machtlos. Ich war nur einmal im Fernsehen dran, und die Zeitungen haben sich geweigert, Annoncen von uns entgegenzunehmen.

SPIEGEL: Noch etwas?

THADDEN: Sicher. Dann kam die Erklärung von Scheel, die FDP werde mit der SPD zusammengehen. Das hat unendlich viele Wähler veranlaßt, doch CDU zu wählen, die CDU als größeren »Sicherheitsfaktor« gegenüber der drohenden Machtübernahme der SPD.

SPIEGEL: Also waren nur die anderen daran schuld, daß Sie versagt haben?

THADDEN: Von der NPD, von unserer Organisation her ist es nicht erklärbar. Es hat am Fleiß unserer Leute nicht gefehlt.

SPIEGEL: Wir haben in Ihrem Parteiblatt nachgeschlagen. Von Haß, Terror, Hysterie, Druck, Hetze haben Sie bisher nach allen Wahlen gesprochen.

THADDEN: Das ist nicht vergleichbar. Hinzu kam diesmal die Fülle jener Behinderungen in Verbindung mit unseren Versammlun-

* Am 6. September in Essen; hinter einer Panzerglasseheibe.

gen und in puncto Plakatierung: Aber das wird alles schön gesammelt.

SPIEGEL: Für spätere Geschlechter?

THADDEN: Für die Begründung unserer Wahlanfechtung, die wir nach den Bestimmungen des Wahlprüfungsgesetzes nun dem Bundestag zuleiten. Darin werden wir nachweißen, daß die Summe der Behinderungen die NPD zumindest jene 270 000 Stimmen gekostet hat, die ihr an 5,1 Prozent fehlen.

SPIEGEL: Und Sie glauben, der Bundestag werde das auch so betrachten?

THADDEN: Gewiß nicht, dann geht unsere Beschwerde zum Bundesverfassungsgericht, wo ja auch bald der Verbotsantrag der Bundesregierung eintrifft.

SPIEGEL: Das wissen Sie schon?

THADDEN: Das weiß ich aus Bonn. Eine Sondergruppe der Bundesregierung stellt bereits Material gegen die NPD zusammen. Zwar weiß man, daß die NPD am Ende obsiegt, aber man spekuliert darauf, daß die Partei diesen Sieg, etwa 1972, nicht mehr erlebt.

SPIEGEL: Das Wahlergebnis vom letzten Sonntag läßt das erwarten.

THADDEN: Ach, wissen Sie, man muß auf die absoluten Zahlen gehen, dann ist das Bild nicht mehr so arg.

SPIEGEL: Im Februar haben Sie noch gesagt, die NPD sei unter dem sich laufend verschärfenden Druck zu einer Einheit zusammengeschmiedet worden, deren Stärke noch ganz deutlich werden würde.

THADDEN: Das trifft für die Partei zu, bei den Wählern ist es anders. Wir haben den Trouble-Schock überschätzt, den unsere Veranstaltungen im Gegensatz zu unserer ursprünglichen Lagebeurteilung auslösten.

SPIEGEL: Vor einem halben Jahr haben Sie uns auch versprochen, den Parteivorsitz niederzulegen, wenn es bei der Bundeswahl nicht klappt.

THADDEN: Na ja, damals lag das Datum des Parteitags Mitte November in Saarbrücken schon fest und damit das Datum, an dem die Partei im Fall eines Mißerfolgs, an den ich nicht glaubte, das Verdikt über mich sprechen kann. Mein Amt läuft im November aus.

SPIEGEL: Davon war nicht die Rede, vielmehr haben Sie Ihren Rücktritt als unausweichliche Konsequenz bezeichnet. Wie steht es damit?

THADDEN: Ein Parteichef, der bei der Wahl Mißerfolg hat, muß damit rechnen, daß sich die Partei einen anderen sucht. Aber bis dahin werde ich die NPD nicht sich selbst überlassen.

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