SCHWEIZ Sturm auf die Festung
Das weiße, gipsartige Gestein kennen Geologen als »zuckerkörnigen Dolomit«. Er entstand in Jahrmillionen durch den ungeheuren Druck, mit dem bei der Auffaltung des Gebirges Gneise und Granite zermalmt und zerbröselt wurden.
Nun zeigen Versuchsbohrungen, daß sich das Problemgestein als größte Tücke beim Bau des neuen, über 57 Kilometer langen Eisenbahntunnels zwischen Erstfeld im Kanton Uri und Bodio im Tessin erweist. Die tektonischen Störzonen im Innern des Gotthards, wo das feine Gesteinsmehl, mit Wasser vermischt, jeden herkömmlichen Stollenbau verhindert, könnten das Jahrhundertwerk scheitern lassen - oder wenigstens um viele Milliarden teurer machen.
Die schlechte Nachricht aus der alpinen Unterwelt erschüttert das Selbstbewußtsein der Eidgenossen schwer. Denn mit dem Bau des Gotthard-Basistunnels als Herzstück der Neuen Eisenbahn-Alpentransversalen (Neat) wollen sie ihren Nachbarn zeigen, wie sie auch künftig ihre Rolle in Europa sehen: in der gewohnten Art als Hüter der Alpenübergänge, unabhängig und ungebunden wie seit Jahrhunderten.
Allein diese Haltung, so deuten sie ihre geschichtliche Erfahrung, garantiere ihnen Wohlstand und dauerhafte Sicherheit. Zu der immerwährenden Neutralität, auf die Europas Mächte die Schweiz auf dem Wiener Kongreß 1815 festlegten, gehörte eben auch, allen sichere Transportrouten durch die Berge zu bieten - selbst den Munitionszügen von Hitlers Wehrmacht.
Doch nun scheint auf nichts mehr Verlaß, woran die bürgerliche Elite seit 150 Jahren glaubt. Besonders schwer tun sich viele Eidgenossen mit den Forderungen, die aus Brüssel an sie gerichtet werden.
Seit die Volksmehrheit 1992 den Beitritt zum Europäischen Wirtschaftsraum (EWR) knapp ablehnte, verhandelt die Berner Regierung mit der Europäischen Union über einen bilateralen Vertrag, der die wichtigsten Elemente europäischer Freizügigkeit regeln soll. Letzter Streitpunkt ist der Landverkehr. In seinem Zentrum: der Gotthard.
Von 2005 an, wenn das bestehende Verkehrsabkommen ausläuft, möchte die EU freie Fahrt durch die Alpen für Lastwagen; die bisher bestehende Gewichtsgrenze von 28 Tonnen soll dann aufgehoben werden. Dem Wunsch der Eurokraten widersetzen sich die Schweizer allerdings: Per Verfassungszusatz verpflichteten sie ihre Behörden dazu, den Alpentransitverkehr auf die Schiene zu zwingen.
Die nötigen Kapazitäten muß die Neat schaffen. Weil der Gotthard-Tunnel nicht gebaut wird, bis die geologischen Probleme gelöst sind, soll zuerst westlich davon, zwischen Frutigen im Berner Oberland und Steg im Wallis, ein neuer Lötschberg-Durchstich gebohrt werden.
600 Franken, kalkulierten die Berner Verkehrsbeamten, müßte der Transit eines 40-Tonnen-Lasters kosten, wenn die Bahn konkurrenzfähig sein soll. Das lehnt Brüssel strikt ab. Und auch 460 Franken, das letzte Berner Angebot, erschien dem britischen Verkehrskommissar Neil Kinnock so indiskutabel, daß er ein für Ende Mai fest vereinbartes Treffen der EU-Verkehrsminister absagen ließ.
Seither ist, so Verkehrsminister Moritz Leuenberger, »die Hoffnung dahin«, noch dieses Jahr eine Einigung mit der EU zu erzielen. Ein Abkommen kann erst im nächsten Jahrhundert wirksam werden - wenn überhaupt. Denn der Vertragstext muß so ausgewogen sein, daß er eine Volksabstimmung unter dem geballten Störfeuer der mächtigen rechtsbürgerlichen Europa-Gegner überstehen kann.
Trotzig, ganz im Sinn der Mehrheit seiner Landsleute, hielt der Sozialdemokrat Leuenberger Kurs: »Unsere schweizerische Unabhängigkeit ist mir wichtiger als ein Abkommen.«
Dabei läge ein möglicher Kompromiß nahe: Durch irgendeine Form der Subvention für Bahntransporte, nicht nur durch die Schweiz, könnte die EU beweisen, daß sie ihre Bekenntnisse zum umweltfreundlichen Schienenverkehr ernst nimmt. Die Berner Regierung ihrerseits will die Bahn-Manager zu größerer Effizienz anhalten, indem sie den Gütertransit durch die Alpen international ausschreibt.
Konkrete Aussicht auf eine Verständigung besteht allerdings noch nicht. »Ob es uns paßt oder nicht«, beschrieb der Lausanner NOUVEAU QUOTIDIEN die Lage, »die Affäre um die jüdischen Vermögen hat auch Folgen in Brüssel. Es herrscht dort eine so schlechte Stimmung gegenüber der Schweiz, daß ein Scherbengericht nicht auszuschließen ist. Bald stehen wir auf gleicher Stufe wie Kroatien.«
Ängstlich ducken sich die regierenden Parteien vor den Attacken des rechtspopulistischen Abgeordneten und Großindustriellen Christoph Blocher. Der Europa-Gegner freut sich über das Brüsseler Fiasko, höhnt über die schwachen Nerven der Unterhändler und droht mit einem Referendum gegen alles, was das Land verändern und öffnen könnte.
In einer neuen Anzeigenkampagne warnt er vor Erpressern, die sich angeblich anschicken, den armen Eidgenossen Geld aus der Tasche zu ziehen. Gemeint sind jüdische Organisationen, die Wiedergutmachung zugunsten der Holocaust-Opfer verlangen, und immer auch die übermächtige EU, die zum Sturm auf die Alpenfestung ansetzt.
[Grafiktext]
Profil des Gotthard-Basistunnels
[GrafiktextEnde]
[Grafiktext]
Profil des Gotthard-Basistunnels
[GrafiktextEnde]