Es war schon dunkel, als Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) am Dienstagabend auf dem Berliner Bebelplatz stand und zum Mikrofon griff: Dies sei der Tag »von Enttäuschung«, rief er. Weil »Demokratinnen und Demokraten offenbar nichts gelernt haben aus der Geschichte und die Geschichte sich wiederholen lassen«. An diesem Ort hatten die Nationalsozialisten 1933 Bücher verbrannt. In Sachsen-Anhalt war am Mittag der erste rechtsextreme Landtagspräsident der Bundesrepublik gewählt worden. Vermutlich mit Stimmen der CDU. »Wer das zugelassen hat, hat sich an der Demokratie unseres großartigen Landes vergangen«, sagte Pistorius. Er war mit der SPD-Fraktion in einem spontanen Protestmarsch vom Brandenburger Tor bis zum Bebelplatz gelaufen. Dieser Moment sollte nicht den Rechtsextremen allein gehören. ded
Was war diese Woche gut, was war schlecht für die Demokratie?
Gut: Christa Pike hat ihre Hinrichtung durch Giftspritzen bislang überlebt. So schrecklich dieser Fall ist, er hat immerhin die Debatte um die Todesstrafe in den USA neu entfacht. Sie ist einer Demokratie unwürdig.
Schlecht: Zwei Drittel der Wahlberechtigten halten Friedrich Merz’ Kanzlerschaft für »eher« oder »voll und ganz« gescheitert, wie eine Umfrage im Auftrag des SPIEGEL ergab. Dieser Bundeskanzler regiert ohne das Vertrauen der Regierten. Und das in diesen Zeiten.
Hieroglyphe unserer Zeit
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La France insoumise
Jean-Luc Mélenchon, Chef der linken Partei La France Insoumise (FI), hält die jüngsten Ausschreitungen in Frankreich gegen Lehrermangel und marode Schulen für das Resultat »einer Politik der Sparmaßnahmen und Mittelkürzungen«. Auf den Straßen war auch das offizielle FI-Symbol zu sehen. Der Buchstabe »Phi« aus dem griechischen Alphabet soll klanglich an das Kürzel »FI« und inhaltlich an die Ursprünge der Demokratie erinnern. Oh là là! fra
Messingglänzend schimmern, eingelassen in das Straßenpflaster meist vor den letzten Wohnadressen der Verfolgten und Ermordeten des Nationalsozialismus, jene kleinen quadratischen Gedenktafeln, die die Welt seit mehr als 30 Jahren unter dem Namen »Stolpersteine« kennt. Der Künstler Gunter Demnig hat mit ihnen eine so schlichte wie berührende Art gefunden, an die Opfer des Holocaust zu erinnern. Seit 1992 verlegte Demnig mehr als 100.000 Steine in vielen Ländern Europas, häufig kommt der Künstler dafür noch immer persönlich mit seinem roten Peugeot-Lieferwagen angefahren. So wächst stetig das womöglich größte dezentrale Mahnmal der Welt. In der sächsischen Kleinstadt Heidenau ist die Verlegung dieser Stolpersteine nun verboten worden. Die AfD hatte zusammen mit der CDU einen entsprechenden Antrag in den Stadtrat eingebracht. Ihr Argument sinngemäß: Gedenken solle man nicht mit Füßen treten. Am vergangenen Wochenende haben sich Menschen vor dem Heidenauer Rathaus zu einem »Mahngang« getroffen, um stattdesen mit den Mitteln einer Demonstration an jene zu erinnern, für die eine Steinverlegung zuletzt geplant gewesen war. Und nun nicht mehr stattfinden wird. ded
CDU-Stimmen für Rauch? Frei spricht von »Spekulation«
Helena Baumeister / DER SPIEGEL
Landauf, landab
Teuer Tanken Kostspielig war es für Fahrerinnen und Fahrer von Verbrennerautos überall, denn der September war der mit Abstand teuerste Tankmonat bisher. Besonders tief in die Tasche greifen musste man in allen Bundesländern für Diesel, groß waren die Unterschiede dabei nicht. Während der Liter in Brandenburg im Schnitt 2,408 Euro kostete, waren es in Bayern vier Cent weniger. Für die unterschiedlichen Preise sorgt zum einen der lokale Wettbewerb: Je weniger Tankstellen es gibt, desto teurer kann es werden. Hinzu kommen die Beschaffungs- und Transportkosten für die Kraftstoffe, die unter anderem mit der aktuellen Auslastung der nächstgelegenen Raffinerien zusammenhängen. bbr/kfr
Bei strömendem Regen trägt Rocío Bucci ein Bildnis der Jungfrau von Luján, Argentiniens Nationalheiliger. Tausende nahmen am 3. Oktober an der jährlichen »Prozession der Jugend« in der Provinz Buenos Aires teil. Viele laufen die 60 Kilometer lange Strecke zu Fuß. Sie singen und beten und bitten die Heilige um Schutz und Beistand. Es ist ein besonderes Jahr für Argentiniens Katholiken: Im November kommt Papst Leo XIV. zu Besuch. Sein argentinischer Vorgänger Franziskus hatte einen Besuch in seiner Heimat vermieden, um nicht politisch vereinnahmt zu werden. jgl
Prozent, rund fünf US-Cent, hat der Euro seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar verloren. Auslöser sind Sorgen um die Verschuldung einiger Euroländer.
Quelle: LSEG Datastream
Maschine der Woche
Laubbläser auf Schienen: Schrubbi bei der Arbeit
Foto: Janne Baumann
Herbstputz
Löscht künstliche Intelligenz die Menschheit aus? Das wird heute als reales Risiko debattiert. Umso mehr freut man sich über Maschinen, die nur tun, was sie sollen. Zum Beispiel: Laub entfernen. Sonderzug »Schrubbi« erfüllt diese Aufgabe bei der Hamburger S-Bahn seit 2008, gebaut wurde er schon in den Achtzigern. Rund neun Stunden täglich fährt Schrubbi im Herbst umher und sprüht Wasser mit einem Druck von etwa 500 bar auf die Gleise. Vergleichbare Reinigungsgeräte setzt die Bahn auch in anderen Teilen der Republik ein. Denn feuchte Blätter bilden einen Schmierfilm, der die Reibung zwischen Zugrädern und Schienen verringern kann – eine Gefahr. Zwei Monate dauert Schrubbis Herbstputz, er kommt auf rund 10.000 gefahrene Kilometer pro Jahr. dab
Die Menschen setzen seinem Lebensraum im Regenwald immer mehr zu – und dieser Orang-Utan auf der Insel Borneo scheint das per unmissverständlicher Geste kommentieren zu wollen. Mit der Aufnahme hat es der Fotograf Tanner Mansell in die Schlussrunde des beliebten Wettbewerbs »Nikon Comedy Wildlife Awards« geschafft, den es seit 2015 gibt. Tausende Einsender aus 112 Ländern hatten dieses Mal ihr Glück versucht mit absurd-komischen Schnappschüssen aus der Tierwelt. Der lachende Sieger wird am 8. Dezember in London gekürt. me
Jahre alt ist Jonathan, eine Riesenschildkröte, die seit 1882 auf St. Helena im Südatlantik lebt. Jonathan ist derzeit das älteste bekannte Landtier. Er verdankt seine Langlebigkeit laut einer neuen Studie außerordentlichen Genen, die unter anderem für eine exzellente Reparatur von DNA-Schäden sorgen.
Was wie eine Aufwärmübung für Schlangenmenschen aussieht, ist in Wahrheit ein traditioneller indischer Sport: Mallakhamb. Das bedeutet in etwa »Ringen am Pfahl« und diente ursprünglich als Training für Ringer. Die Sportlerinnen und Sportler erklimmen einen etwas mehr als zweieinhalb Meter hohen Holzpfahl. Daran führen sie mal anspruchsvolle Gymnastik durch, mal verharren sie in einer Pose wie sonst beim Yoga, gestützt nur von der schmalen Pfahlspitze. Wem das Holz zu hart ist, der kann alternativ zum Seil wechseln. mon
CDU-Stimmen für Rauch? Frei spricht von »Spekulation«
Helena Baumeister / DER SPIEGEL
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Rodrigo Abd / AP
Laubbläser auf Schienen: Schrubbi bei der Arbeit
Foto: Janne Baumann
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Tanner Mansell / Nikon Comedy Wildlife Awards
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Ashish Vaishnav / ZUMA Press Wire / IMAGO
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