Verschleierte Frauen: "Ich liebe meinen Nikab" - DER SPIEGEL
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Debatte über Vollverschleierung "Ich liebe meinen Nikab"

Monika B., 48, trägt seit sieben Jahren den Nikab in Deutschland. Die Diskussion über ein Verbot der Vollverschleierung findet die Konvertitin absurd. Ein Interview von Dialika Neufeld und Jana Sepehr
Ein Interview von Dialika Neufeld und Jana Sepehr
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?
Monika B.

Monika B.

Foto: BERT BOSTELMANN/DER SPIEGEL

SPIEGEL: Sind Sie eine freie Frau?

Monika B. (Name von der Redaktion geändert): Ja, unbedingt. Für mich bedeutet der Nikab das Gegenteil von Unmündigkeit: Wenn ich ihn trage, fühle ich mich selbstbestimmt, habe ich mehr Privatsphäre und bin weniger angreifbar.

SPIEGEL: Angreifbar von wem?

Monika B.: Als ich noch keinen Nikab trug, sondern bloß ein Kopftuch, wurde mein Äußeres dauernd bewertet. Die Leute erkannten mich als Europäerin und ließen mich spüren, dass sie mich als Verräterin sehen. Erst durch den Nikab wurde ich frei. Das gilt übrigens auch für den Umgang mit Männern.

SPIEGEL: Inwiefern?

Monika B.: Ich fand Gespräche mit Männern schon immer interessanter als mit Frauen, doch früher wurde meine offene Art, mit Männern umzugehen, oft falsch verstanden. Männer sind nun einmal sehr augenorientiert. Sie sagten mir, die Farbe des Kopftuchs stehe mir gut, solche Sachen. Dabei wollte ich genau das nicht mehr: schön sein. Das brauche ich nicht. In Deutschland hat eine Frau nur schön zu sein, das will der Islam durchbrechen. Erst als ich anfing Nikab zu tragen, empfanden die Männer mich als neutral. Ich will nicht als Frau wahrgenommen werden, sondern als Person.

SPIEGEL: Bedeutet das für Sie, dass unverschleierte Frauen unfrei sind?

Monika B.: In Deutschland stehen Frauen unter Druck, sie unterliegen einem Modediktat in einer sexualisierten Gesellschaft, sie werden viel stärker durch ihr Äußeres definiert als Männer. Freiheit scheint in Deutschland über das Ausziehen definiert zu sein. Je nackter, desto freier. Das hat für mich nichts mit Gleichstellung zu tun.

SPIEGEL: Sie sehen Vollverschleierung als Symbol der Gleichberechtigung?

Monika B.: Nein. Es geht nicht um ein Symbol, ich bin kein Symbol. Ich möchte einfach die Freiheit haben, mich so zu kleiden, wie ich will. Ich sehe mich mit dem Nikab als gleichberechtigte Person. Ich bin Muslimin in Europa und dankbar dafür. Dass es in vielen arabischen Ländern unterdrückte Frauen gibt, die gezwungen werden, sich zu verschleiern, ist leider so. Aber das sind kulturelle Strukturen, das ist für mich antiislamisch. Eine Frau muss selbst bestimmen dürfen, ob sie Schleier trägt oder nicht.

SPIEGEL: Deutschland diskutiert derzeit über Frauen wie Sie. CDU und CSU wünschen sich ein Teilverbot der Vollverschleierung. Wie erleben Sie diese Debatte?

Monika B.: Mit Verwunderung. Wenn man hier irgendwo zwei Burkaträgerinnen finden würde, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Ich kenne in Deutschland keine einzige andere Nikab-Trägerin persönlich. Schon deshalb ist die Diskussion so absurd. Das Thema wird medial und politisch ausgeschlachtet. Und es verbreitet Angst. Es gibt in Deutschland viele Probleme, aber Burka und Nikab gehören nicht dazu.

SPIEGEL: Sie wohnen in einer mittelgroßen süddeutschen Stadt, wie reagieren die Leute auf der Straße auf Sie?

Monika B.: Ich höre Dinge wie: Geh doch zurück zu denen, nach Arabien! Die Leute vermuten eine antiwestliche Haltung. Sie glauben, dass ich mich nicht anpassen, nur die Sozialsysteme ausnutzen will. Es gibt aber immer wieder auch tolle Erlebnisse, wenn mich jemand anlächelt oder mehr erfahren will. Manche sind dann, wenn sie mich kennenlernen, erst recht irritiert. Weil es niemanden gibt, der mich zum Nikab zwingt, fehlt diesen Leuten die Entschuldigung für mein Handeln, ich muss also eine Macke haben oder psychisch gestört sein. Ich finde es schrecklich zu hören, dass es Männer oder Frauen gibt, die mich befreien wollen. Hinter jedem Nikab steckt eine andere Person, eine andere Geschichte und andere Gründe.

SPIEGEL: Sie sind in Österreich geboren und mit vierzig zum Islam konvertiert. Warum?

Monika B.: Ich hatte Schwierigkeiten, die Ungerechtigkeit in der Welt zu ertragen, und habe mir die Frage gestellt, wie ich mein Leben genießen kann, während es anderen Menschen so schlecht geht. Dann traf ich einen Muslim, der schlimme Schicksalsschläge mit einer Gelassenheit hingenommen hat, die mich faszinierte. Ich fing an, mich mit dem Islam zu beschäftigen, und fand viele Antworten. Vor allem, dass das Leben nur der Weg ist, nicht das Ziel. Nach dem Tod gibt es einen Ausgleich und damit Gerechtigkeit.

SPIEGEL: Wann legen Sie den Schleier ab?

Monika B.: Sobald ich zur Haustür reinkomme. Darunter trage ich Leggins, ein schönes Oberteil, Spaghettiträger-Tops, ganz normale Sachen. Ich ziehe mich auch gern hübsch an. Für mich. Unverschleiert sehen mich außer meinem Mann nur Frauen oder männliche Verwandte, die mich nicht als potenzielle Sexualpartnerin ansehen. Im Islam gibt es übrigens auch für Männer eine Art Verschleierungsgebot, wussten Sie das?

SPIEGEL: Männer mit Burka?

Monika B.: Nein. Es geht darum, dass auch Männer ihre männliche Aura bedecken, also die Partie vom Bauchnabel bis zum Knie, deswegen die weiten Gewänder. Stretch-Jeans oder enge T-Shirts gelten auch bei Männern als unislamisch.

SPIEGEL: Geht Autofahren mit Nikab?

Monika B.: Klar. Die Sicht ist nicht wirklich eingeschränkt. Das ist ungefähr so wie bei einer Brille mit dickem Rand. Ich habe drei Jahre in Ägypten gelebt, und dort bin ich nur mit Nikab gefahren. Wenn ich heute in Deutschland fahre, klappe ich die Nikab aber meist hoch, wegen der Blitzer. Auch, wenn ich zur Bank gehe, zum Amt, irgendwohin, wo es um Sicherheit geht. Da bin ich ganz pragmatisch.

SPIEGEL: Wie ist es beim Telefonieren, wenn Sie unterwegs sind?

Monika B.: Kein Thema. Man hört nicht schlechter durch den Stoff.

SPIEGEL: Sport?

Monika B.: Ich mache sehr viel Sport. Aber nicht im Nikab. Wenn ich in der Au zum Joggen gehe, will ich ja nicht ersticken. Ich ziehe mir dann weite Hosen an und eine Tunika bis zu den Knien. Dazu ein Schlauchkopftuch, das gut hält.

SPIEGEL: Tragen Sie auch mal Burkini?

Monika B.: Ja, aber die Schwimmhalle tue ich mir damit nicht an. Dafür fahre ich regelmäßig ans Meer, gern nach Marokko oder Dubai. Ich war auch schon mal hier am Baggersee. Zur allgemeinen Belustigung der anderen Leute. Aber das stört mich nicht, wenn jemand darüber lächelt oder lange hinguckt.

SPIEGEL: In Frankreich, am Strand von Nizza, haben Polizisten kürzlich eine Frau genötigt, einen Teil ihrer Kleidung auszuziehen, weil sie sie für einen Burkini hielten.

Monika B.: Da fehlen mir die Worte. Das geht schon in Richtung Diktatur.

SPIEGEL: Ein Argument, das man hört: Selbstmordattentäter könnten ihren Sprengstoffgürtel unter einer Burka verstecken.

Monika B.: Das ist doch absurd - dann müsste man weite Kleidung grundsätzlich verbieten. Außerdem erregt eine Verschleierung immer Aufsehen. Wäre ich ein Attentäter, würde ich mich doch möglichst europäisch kleiden.

SPIEGEL: Wie steht ihr Mann zum Nikab?

Monika B.: Ich habe mir gezielt einen Mann gesucht, der für Ganzkörperbedeckung ist. Mein Mann ist Marokkaner, lebt aber schon seit 25 Jahren in Deutschland, er arbeitet als Softwareberater. Allerdings ist er dagegen, dass ich in Deutschland den Nikab trage.

SPIEGEL: Ach.

Monika B.: Er macht sich Sorgen um mich, wenn ich so auf die Straße gehe, wegen der Reaktionen. Er akzeptiert es zwar, fände es aber besser, wenn ich nur den Hidschab nähme, also ein Kopftuch. Das tue ich jüngst tatsächlich wieder öfter. Diese ganze Debatte nimmt mir die Möglichkeit, mich hier frei zu fühlen. Ich liebe meinen Nikab, doch ich möchte den Menschen keine Angst damit machen. Deshalb trage ich jetzt häufiger einen Chimar, eine Art Fledermausgewand mit Kopfbedeckung und Ärmeln. Ich versuche bunte Farben auszuwählen, weniger schwarz. Das Gesicht bleibt dann frei. Ich mag das nicht. Aber was soll man machen?

Animation: Kopftuch, Nikab, Burka?

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