Lufthansa-Experten fordern weltweit einheitliche Standards für gefährliche Begegnungen im Luftraum
Nach einem schwerwiegenden Flugzwischenfall in Mexiko drängt die Lufthansa darauf, endlich weltweit einheitliche Standards für gefährliche Begegnungen im Luftraum zu schaffen. Beim Anflug auf den Internationalen Flughafen von Mexiko-Stadt bewegten sich am 7. Oktober um 18.35 Uhr ein Lufthansa-Jumbo mit 407 Menschen an Bord und ein Airbus der Gesellschaft Mexicana mit 120 Insassen auf Kollisionskurs. Die deutsche Maschine befand sich, nach einer entsprechenden Freigabe durch den Lotsen, im Sinkflug, als in etwa 1100 Metern über dem Boden das bordeigene Kollisionswarngerät TCAS ("Traffic Alert and Collision Avoidance System") die Crew zum sofortigen Steigflug aufforderte, weil sich von der Seite her der Mexicana-Airbus bedrohlich näherte. Die Anweisung ("climb") erfolgte etwa 30 Sekunden vor der vom Rechner ermittelten drohenden Kollision.
Der Copilot, der den Jumbo steuerte, zog die Maschine hoch, während der Kapitän, der den Sprechfunk abwickelte, umgehend den Lotsen über das TCAS-Manöver informierte. Der raunzte zurück, die Lufthansa-Crew solle ihren Sinkflug gefälligst fortsetzen - was die Besatzung ignorierte. Eine ähnlich gravierende Lotsen-Fehleinschätzung hatte im Juli 71 Menschen das Leben gekostet, als zwei Jets über dem Bodensee kollidierten. Wie nahe sich die Maschinen diesmal kamen, ist ungewiss, weil die Radaraufzeichnungen des Vorfalls noch nicht ausgewertet sind. Immerhin habe ein Crew-Mitglied, so ein Lufthanseat, trotz schlechter Sicht die Lichter des Mexicana-Jets erkennen können.
Bereits vor zwei Jahren hat die Abteilung Flugsicherheit und Qualitätsmanagement der Lufthansa nach einer Risikoanalyse beschlossen, dass LH-Piloten in Konfliktsituationen nicht dem Lotsen, sondern stets der TCAS-Aufforderung folgen sollten - entsprechend werden die Piloten seither trainiert. Die Beinahe-Katastrophe von Mexiko, so ein an der Analyse beteiligter Pilot, sei die letzte Warnung; das automatisierte Procedere müsse weltweit Standard für Lotsen und Piloten werden. Derzeit weilt ein Sicherheitsexperte der Lufthansa in Mexiko, um den Zwischenfall mit den örtlichen Behörden zu erörtern und sie für das TCAS-Konzept zu gewinnen.