Parteienforscher Franz Walter sieht SPD in "einer der schwersten Krisen in ihrer Geschichte"
Der Göttinger Politologe Franz Walter glaubt, dass sich die SPD vom Konzept einer Volkspartei verabschieden muss. "In Zeiten rasanter Veränderungen" könne man nicht erwarten, dass "das Parteiensystem auf dem Stand der siebziger Jahre verharrt", sagte der Professor in einem Interview mit dem Nachrichten-Magazin DER SPIEGEL. Die Sozialdemokraten müssten sich darauf einrichten, zum "Scharnier" in einem neuen Mehrparteiensystem zu werden.
Scharfe Kritik übt Walter am Entschluss von Bundeskanzler Gerhard Schröder, Neuwahlen herbeizuführen. "Die nächsten zwölf Monate hätten Regierungskunst verlangt, und davor hat sich Schröder gedrückt. Vor dem Hintergrund, dass er sonst gern den kraftvollen Macher gibt, finde ich das ziemlich kläglich", so der Wissenschaftler.
Für die Zukunft müsse sich die SPD nach seiner Überzeugung "an allen Ecken und Enden erneuern", ihr "fehlt es an jeder Idee von sich selbst", daher befinde sie sich in "einer der schwersten Krisen ihrer Geschichte". Eine radikale Abkehr von der Reformpolitik hält Walter allerdings für falsch: "Sozialdemokraten sollten an den Veränderungen durchaus weiter mitarbeiten, aber sich stärker fragen, wie ein gutes Leben in dieser Gesellschaft aussehen soll", so der Politologe.