Auf dem Schulweg: Rotkäppchen und Wölfe - DER SPIEGEL
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Auf dem Schulweg Rotkäppchen und Wölfe

Wenn Kinder Angst haben, weil Klassenkameraden sie hänseln, triezen oder hauen werden, dann hat die Schule versagt. Schon in den ersten Jahrgängen muss das friedliche Miteinander eingeübt werden, fordern Jugendgewaltforscher. Aber wie?
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Berlin, 9. Juni 2008. Ein 15-Jähriger würgt einen 14-Jährigen an der Carl-Bosch-Oberschule bis zur Bewusstlosigkeit. Das Opfer muss ins Krankenhaus.

Neuruppin, 3. Dezember 2007. Zwei Brüder bedrohen Grundschulkameraden mit einem Messer. Ein Achtjähriger verletzt einen Elfjährigen.

Berlin, 19. Juni 2007. An der Kurt-Tucholsky-Grundschule in Moabit kommt es zu sogenanntem Happy slapping: "Fröhliches Schlagen" - vor laufender Kamera. Die Anstifterin ist elf. Ein Schüler filmt, wie ein am Boden liegender, schreiender Junge von Mitschülern malträtiert wird.

Jugendgewalt: An den Schulen keineswegs massive Zunahme

Jugendgewalt: An den Schulen keineswegs massive Zunahme

Foto: DPA

"Kinder als Gewalttäter. Es werden immer mehr, sie werden immer jünger", schreibt die "Bild"-Zeitung über einen der Fälle. Mahnend werden die blutigen Amokläufe an Schulen 2002 in Erfurt und 2006 in Emsdetten in Erinnerung gerufen. Droht die Verrohung bald in der Vorschule?

Längst hat die Gegenwehr eingesetzt. Besorgte Eltern schicken ihre Kinder gleich nach der Einschulung zu teuren Selbstverteidigungskursen. Wachmänner sichern die Pausenhöfe einiger Berliner Schulen. Das beliebteste Gegengift der Bildungspolitiker und Schulbürokraten aber heißt "Gewaltprävention": Staat und Privatstiftungen zahlen viel Geld für Programme wie "Faustlos", "Buddy", "Ich schaffs" oder "Aufgschaut".

Es soll, es muss etwas getan werden. Aber was? Schon Grundfragen sind ungeklärt: Was genau ist Gewalt, und wie häufig tritt sie auf? Gehören bereits Rangeln und Raufen auf Pausenhöfen rigoros verboten? Chronisches Mobbing andererseits ist oft gewaltfrei und dennoch schmerzhafter als jeder Faustschlag. Nichts tut so weh, als wenn die zum Geburtstag eingeladenen Mitschüler einfach nicht erscheinen. Was aber können Anti-Gewalt-Programme gegen Ausgrenzung ausrichten?


Zunächst einmal die gute Nachricht: Die Gewalt an Schulen nimmt nicht zu. Sie scheint, im Gegenteil, rückläufig zu sein. Viele Hiobsbotschaften erweisen sich vor diesem Hintergrund als aufgebauscht.

Auch die eingangs zitierten Fälle gingen glimpflicher aus, als die Meldungen nahelegten: Der junge "Würger" in Berlin vergoss hinterher Tränen der Reue. Das "Opfer" habe ihn gepiesakt, da sei er ausgerastet. Schon als der Krankentransport kam, reichten sich die beiden zur Versöhnung die Hände. Der kleine Neuruppiner "Messerstecher" wiederum hatte mit der gefundenen Waffe prahlerisch herumgefuchtelt. Das vorgebliche Grundschulmassaker endete mit einem Kratzer auf einem Handrücken.

Sogar das makabre "Happy slapping" endete eher "happy" als "slapping". Der vor der Kamera vor Schmerz brüllende Junge erwies sich überraschend als nahezu unverletzt. Ein älterer Schüler hatte das Treiben der Jüngeren der Schulleiterin gemeldet, die wiederum die Polizei einschaltete. Die lokalen Medien schlachteten die "Gewalt-Orgie" ("Berliner Kurier") dann dutzendfach aus.

Präzise Statistiken werden über Schulhofprügeleien, über Mobbing im Klassenzimmer und andere Grausamkeiten nicht geführt. Eines steht allerdings fest: Die Bereitschaft der Schulen, Exzesse polizeilich aktenkundig zu machen, ist deutlich gewachsen. Wenn also die Zahl der Kinder in der Tatverdächtigenstatistik steigt - wie etwa in Berlin von 2005 auf 2006 - so ist das noch kein Beweis dafür, dass auch wirklich mehr passiert.

"Wir zeigen neuerdings sogar verbale Gewalt an", sagt der Direktor der Vineta-Grundschule in Berlin-Wedding, Roland Barth. "Lückenlose Aktenführung ist wichtig. Wenn jemand als Jugendlicher gewalttätig wird, weiß die Sekundarschule, ob er schon als Grundschüler auffällig war. Das deutet dann meistens auf ein massives Problem im Elternhaus."

Eine erstaunliche Tendenz verzeichnet der Bundesverband der Unfallkassen: Danach sanken die Versicherungsfälle aggressionsbedingter Verletzungen an Schulen zwischen 1993 und 2006 um mehr als ein Viertel. Eine Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen anhand von Schülerbefragungen, die 1998, 2000 und 2005/06 in München, Stuttgart, Hannover und Schwäbisch Gmünd stattfanden, ergab ebenfalls einen Rückgang der Jugendgewalt: im Gesamttrend um ein Sechstel.

Die Gründe dieser Wendung zum Guten? "Das ist noch nicht erforscht", sagt der Konstanzer Kriminologe Wolfgang Heinz. Er tippt auf die Effekte neuer Präventionsmaßnahmen. "In den letzten Jahren ist da viel passiert. Es wäre verwunderlich, wenn dies nicht Auswirkungen haben würde."

Die Annedore-Leber-Schule in Berlin-Tempelhof-Schöneberg ist mit 600 Schülern eine der größten Grundschulen der Hauptstadt. Berlin kann von schulischer Gewalt ein Lied singen; zuletzt schrieb die Rütli-Schule schlimme Schlagzeilen. Fernab der Öffentlichkeit sammelt der Stadtstaat aber auch schon lange Erfahrung mit Gewaltprävention. An der Annedore-Leber-Grundschule ist Lehrerin Christiane Strack seit 1996 für das zwischenmenschliche Klima zuständig.

Stracks Arbeitsplatz ist der Konfliktlotsenraum, ein ehemaliges Klassenzimmer gleich neben dem Schulhof. In der Ecke steht ein ausgebeultes graues Sofa, an den Wänden hängen Tierposter und Regeln wie: "Lass dich heil. Lass andere heil. Lass Tiere und Pflanzen heil. Es ist okay, wenn du wütend bist. Wenn du wütend bist, dann rede darüber."

Die Pädagogin hat eine ganze Palette von Programmen im Angebot. Ihr neustes Projekt ist der "Ich-schaffs-Club", ein 15-Schritte-Programm des finnischen Psychiaters Ben Furman. Erik kennt sich aus: "Da kommen die Kinder rein, die Streit haben." Der Elfjährige mit den abstehenden Haaren strahlt die vor Gesundheit strotzende Gemütlichkeit eines schwedischen Karlsson vom Dach aus.

Bis vor kurzem war Erik alles andere als gemütlich. Er hat geschubst und gepöbelt, hat Bälle gemopst und Mädchen zum Weinen gebracht. Jetzt hat Erik neue Ziele: "In den kleinen Pausen bin ich vernünftig", formuliert er ernsthaft. "In den großen Pausen gehe ich mit den anderen friedlich um." Zwei eingeweihte Klassenkameraden helfen ihm, so sieht es Furmans Programm vor. "Tennisball", flüstern sie Erik zu, wenn er mal wieder droht, grob zu werden. Tennisball ist der Geheimname für sein Problem. Oder sie halten die Hände zum Time-out-Zeichen hoch. "Dann zähle ich bis drei und atme tief durch."

"Sie schlagen um sich, weil sie sich minderwertig fühlen"


Was das bringt? "Es hilft gut." Erik schöpft Motivation aus seinem Fernziel. "Mehr Freunde", hat er in seiner "Ich-schaffs"-Mappe vermerkt. Am Ende jedes Tages bewerten die Buddys und Erik selbst das Verhalten des Jungen, notieren Rückfälle und Fortschritte. Von Frau Strack winkt bei Erfolg Süßes.

Erik zieht grinsend die Sommersprossen kraus. Seine Verwandlung macht sich sogar zu Hause bemerkbar. "Früher hab ich mich jeden Morgen mit meiner Mutter gestritten. Plötzlich ist das vorbei."

Eriks Nachbar wirkt eher schüchtern hinter seinen Zotteln, aber seine Attacken sind bei den Mitschülern gefürchtet. Die Angst vor möglichen Konsequenzen treibt ihn hierher. Eintrag ins Klassenbuch, Mitteilung an die Eltern, das ginge ja noch. Aber für einen Tag in eine andere Klasse abgeschoben werden? Ihn gruselt's. "Und wenn du noch mal was anstellst, musst du für eine ganze Woche in die Parallelklasse. Das ist schlimmer als Pausenhof fegen."

Dann lieber zu Frau Strack und den Buddys. Etwa die Hälfte aller Sechstklässler hilft Jüngeren. In Zweier-Teams kümmern sie sich um Erstklässler und um behinderte Mitschüler. Die Annedore-Leber-Buddys haben Preise gewonnen: Sie sind Landessieger beim Wettbewerb der Vodafone-Stiftung. Seit 2006 sollen alle Berliner Schulen ihrem Beispiel folgen und Buddys ausbilden.

Buddy sein, das gilt unter den Tempelhofern aber nur als das zweitbeste. Das beste ist Konfliktlotse.

Lehrerin Strack hat zu Beginn jedes Schuljahrs die Qual der Wahl: Wer darf in den erlauchten Kreis der 24 Friedensstifter mit den roten Käppis? Eine Woche lang bildet sie die Kandidaten aus. Anschließend patrouillieren Pause für Pause je sechs Rotkäppchen. Kommt es zu Zank, schreiten sie ein: "Möchtet ihr das im Konfliktlotsenraum austragen?"

"Ich heiße Philipp", "ich bin Wiebke", stellen sie sich dort wechselseitig vor, "und wie heißt du?" Dann die Kardinalfrage: "Wollt ihr eine Lösung für euren Streit?" Immer noch im Wechselsingsang tragen sie Versöhnungswilligen die drei goldenen Regeln vor: Wir sind höflich miteinander. Wir lassen einander ausreden. Ihr redet zuerst nur zu uns.

Das Mediationsgespräch auf dem Sofa - wer hat was getan, wie fühlte sich das an, was wünscht sich künftig einer vom anderen? - führen die Lotsen allein. "Es ist aber gut, wenn ein Lehrer zuguckt", erklärt Wiebke, "dann nehmen die uns ernster."

Von draußen boxen große Jungen gegen das Fenster. Sie feixen. Es sind die Hauptschüler von nebenan. Inzwischen trennt ein hoher Zaun die Schulhöfe. Hier endet der Einfluss von Ulf Redwanz, seit 20 Jahren Leiter der Annedore-Leber-Grundschule.

"Ich war ein schlechter Schüler", sagt Redwanz, breite Schultern, weißer Schnauzer, hörbar Berliner. "Aus Protest bin ich Lehrer geworden." Die Schule, analysiert er, habe sich seit damals verändert, "es gibt die Unterdrückungsmethoden nicht mehr, die aus der Zeit stammten, als Schule auf den Militärdienst vorbereiten sollte". Heute, glaubt Redwanz, "haben wir das Problem des Umgangs mit der Freiheit".

Zudem habe die Schule eine anspruchsvolle Klientel. "Nachdem Deutschland die Monarchie abgeschafft hat", frotzelt der Direktor, "werden die Prinzen und Prinzessinnen jetzt zu Hause gezüchtet." Auf Elternabenden frage er oft: "Wer ist in Ihrer Familie eigentlich der Erziehungsberechtigte?"

Redwanz' Herz schlägt mehr für Bettelknaben als für Prinzen. Ihm ist es zu verdanken, dass auch diejenigen, denen kein "Ich-schaffs-Club" mehr hilft, noch eine Chance haben: in der "Tali" - der Tagesgruppe Lichtenrade des Tannenhofs Berlin-Brandeburg e. V. Hier ist Platz für 39 Kinder im Grundschulalter, die sich ob ihrer Wildheit, Renitenz oder Verschlossenheit als nicht beschulbar erwiesen. In einer alten Villa mit Garten finanziert das Land Berlin Plätze für kleine Drop-outs; rund hundert Euro pro Tag und Kind. In Fünfergruppen werden sie hier von 8 bis 18 Uhr zwei Jahre lang schulfit gemacht.



"Die meisten unserer Jungs haben aus einem Ohnmachtsgefühl heraus Allmachtsphantasien", sagt Tali-Leiterin Tamara Schönnebeck. "Sie schlagen um sich, weil sie sich minderwertig fühlen."

Mehr Körpergefühl für mehr Selbstwertgefühl: In einem mit grünen Gummimatten verkleideten Raum lernen die Tali-Kinder "Raufen nach Regeln" und Judo. "Therapeutischer Kampfsport", nennt das der junge Trainer. "Hier dürfen sie aggressiv sein, ohne gewalttätig zu werden. Sie fühlen Wut, Angst und Versagen, und sie gehen in Kontakt."

In engsten Kontakt. Stumm, schwer atmend ringen sie, bis Gabriel, 9, den gleichaltrigen Max über die rote Linie schiebt. Draußen wartet Monika Cadko, 27, auf ihren Sohn. Die junge Polin ist bereits in zweiter Berufsausbildung und hat viel durchgemacht mit Gabriel. Die Ärzte attestierten ihm ADHS, Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung. "In der Schule bekam er täglich Einträge. Er saß nie still, er hat ständig andere getriezt." Sie seufzt tief. "Er war dick, und sie nannten ihn Doofi."

In der Tali feiert Gabriel erste Erfolge. Er hat den gelben Gürtel im Judo, er löst gern Textaufgaben, und er ist offener. Auch äußerlich passt Gabriel mehr in die Norm - er hat mächtig abgespeckt.

Programme zum Erlernen gewaltfreier Kommunikation oder zur Konfliktlösung gibt es dutzendfach. Aber welches nützt? Der Jenaer Psychologieprofessor Andreas Beelmann hat sich auf die Evaluation von Präventionsmaßnahmen spezialisiert. Er warnt vor überzogenen Erwartungen. "Das beste Programm nützt nichts, wenn die Umsetzung schlecht ist." Nicht jeder Lehrer ist automatisch ein guter Sozialtrainer.

Wie problematisch Gewaltpräventionen sein kann, das lässt sich an der Lutherschule in Erfurt besichtigen. In dem Backsteinbau, der zu DDR-Zeiten ein Internat für förderbedürftige Landkinder beherbergte, lernen Kinder mit "emotionalem und sozialem Förderbedarf". Zu Deutsch: normal begabte Zappelphilippe, Störenfriede oder Schulverweigerer. In vier Klassen wird "Faustlos" angeboten, ein Programm, bei dem das Mitgefühl, die Kontrolle von Impulsen und die verbale Lösung von Problemen trainiert werden sollen.

In der 3b wippen neun Jungs und zwei Mädchen auf den Stühlen, scharren mit den Füßen, kauen auf Nägeln, kratzen sich am Kopf. Ein Drittel ist übergewichtig. Lehrerin Ines Kämmerer hat viel Mühe in ihre Ausbildung zur Faustlos-Trainerin gesteckt. Restlos überzeugt ist sie noch nicht. "Hier im Raum ist der bessere Umgang spürbar", sagt sie. "Aber draußen?" Bisher trainieren nur 4 der 40 Luther-Lehrer Faustlos. "Auf dem Pausenhof, sagen mir die Kinder, da krieg ich dann eins auf die Mütze."

"Gute Schulpädagogik muss auch mal wegsehen können"


Die Situation in Erfurt ist paradox. Die hypernervöse Klientel der 3b soll anhand von Fotos das Fühlen lernen. Körperlich dagegen spüren sie sich selten; die Klasse hat gerade mal zwei Sportstunden pro Woche. Auch das Geschlechterverhältnis an der Förderschule ist ungünstig: 90 Prozent der Schüler sind Jungen, aber nur 10 Prozent der Lehrer Männer.

"Wenn der Lehrer nicht den Alphaaffen gibt, dann macht es halt jemand anders", stellt die Psychologin Mechthild Schäfer von der Ludwig-Maximilians-Universität in München lakonisch fest. Schäfer ist Schulmobbing-Forscherin. Ihre Faustformel: "Zum Mobbing gehören ein fähiger Täter, ein geeignetes Opfer und ein Lehrer, der pennt."

Mobbing, in der Fachsprache auch "Bullying" - Tyrannisieren - ist eine Form von struktureller Gruppengewalt: Ein Kind schikaniert ständig ein anderes, und fast alle übrigen in der Klasse machen mit, feuern an oder schauen stumm zu. Ein geschickter "Bully" gewinnt dabei an Ansehen, während sein - oder ihr - Opfer oft in eine Abwärtsspirale gerät: Je mehr es sich wehrt, je mehr es jammert, petzt oder Schläge verteilt, desto unsympathischer wirkt es auf alle. Mobbing ist chronisch. Erst wenn die Schikanen mindestens drei Monate lang anhalten, sprechen Experten von einem Mobbing-Fall.

Die schlimmen Mobbing-Dramen setzen meist mit dem Wechsel zur weiterführenden Schule ein. Rund eine halbe Million Schüler in Deutschland werden laut Schätzung Woche zu Woche von Mitschülern schikaniert. Doch die Anfänge liegen früher. In Großbritannien erstritt eine 23-Jährige vor Gericht 29 000 Euro Schadensersatz, weil die an der Grundschule erlebte Ausgrenzung sie seelisch ruinierte. Auch in Deutschland wurde das Land Rheinland-Pfalz zu Schmerzensgeld verurteilt, weil ein Lehrer einen Jungen dem Spott der Klasse ausgesetzt hatte. Dadurch hatte er das Mobbing angeheizt.

Olaf Dörr, Studienrat an der Montessori-Schule Schloss Hagerhof in Bad Honnef bei Bonn, glaubt, dass sich "bei aller Prävention Bullying nie ganz verhindern lässt". Zu verlockend sei der miese Spaß, Macht auszuüben, indem man auf Schwächeren herumhackt - zur Gaudi der anderen. "'Du Opfer', das ist regelrecht ein Schimpfwort unter Schülern."

Der Deutschlehrer schwört auf den "No blame approach". Die "Hilfe ohne Schuldzuweisung" ist ein in England entwickeltes Interventionsprogramm, das - glaubt man Anwendern - aggressive Bullys in lammfromme Helfer verwandeln kann. "Ich hatte einen Fünftklässler, der in seiner neuen Klasse alle nervte. Die anderen wehrten sich, ließen ihn beim Fußball nicht mitspielen, hänselten ihn. Daraufhin wurde er krank, fehlte erst Tage, dann Wochen."

Schließlich sprach Dörr mit dem jungen Schulverweigerer. Der gestand eine "Mörderangst" vor den Mitschülern ein. Immerhin: Das Angebot des Lehrers, ihm zu helfen, nahm er an.

Dörr lud die Anstifter des Mobbings ein, dazu zwei Mitläufer und die sozial kompetentesten Schüler der Klasse. Er erzählte ihnen, dass dieser Junge sich sehr unwohl fühle. Dann stellte der Lehrer die entscheidende Frage: "Würdet ihr ihm helfen?"

Verdutztes Schweigen. Und dann: "Na klar." Der Haupttäter dröhnte laut: "Den lade ich nächste Woche zu meinem Geburtstag ein." "Okay", sagte Dörr, "das hilft aber nur einmal. Was machst du täglich?" "Ich stell mich dazwischen, wenn den jemand angreifen will."

Danach sei die Sache einfach: Die Namen der Helfer und ihre Angebote würden an der Tafel notiert, den Kindern vorgelesen, "und der Rest läuft von allein". Und zwar sofort, behauptet Dörr: Immer, wenn er ein Opfer später nach dessen Befinden frage, stelle sich heraus, dass der Betroffene schon tags nach dem "Unterstützertreffen" auf veränderte Klassenkameraden stieß.

"Am glücklichsten sind in der Regel die Bullys selbst", sagt Dörr. "Die haben ja Angst, dass ihnen Strafe droht. Stattdessen bekommen sie eine Chance. Und die ergreifen sie, schon aus Erleichterung."

Die Münchner Psychologin Schäfer ist skeptisch gegenüber vermeintlichen Patentrezepten. "Echtes Mobbing ist sehr schlimm. Und es findet meistens da statt, wo kein Lehrer hinschauen will."

Woher Lehrer die Zeit für Sozialtrainings nehmen sollen, steht sowieso in den Sternen. In den Lehrplänen vorgesehen sind sie nicht. Der Pisa-Schock hat den Druck an Schulen verstärkt, mehr Wissen und weniger Werte zu vermitteln.

Schäfer hat Trost parat. "Die beste Prävention findet sowieso im Unterricht selbst statt, quasi nebenbei. Ein autoritärer Lehrstil führt nachweisbar zu mehr Mobbing. Ein demokratisches Miteinander im Klassenraum führt zu mehr Wertschätzung."

Hans Oswald, emeritierter Bildungsforscher aus Potsdam, hält genau das für die Erfolgsformel. "Je mehr Mitbestimmung an Schulen, desto weniger Gewalt", predigt er, denn: "Kinder mögen aggressive Kinder nicht." Der Anhänger des berühmten Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget setzt darauf, dass Kinder am meisten von Gleichaltrigen lernen. Der alte Gelehrte schimpft: "An vielen Schulen läuft doch ein heimliches Freundschaftsverhinderungsprogramm. Lasst Freunde nebeneinander sitzen! Sogar wenn ihr Getuschel stört, entlasten sie den Lehrer. Weil sie sich gegenseitig helfen."

Kuschelpädagogik liegt Oswald dabei fern. Im Gegenteil: Er ist besorgt, dass Kinder aus lauter Angst vor Gewaltexzessen am Ende nicht mal mehr raufen dürfen. "Kinder müssen rangeln und toben. Erstens macht es ihnen Riesenspaß. Zweitens lernen sie dabei soziale Grundfertigkeiten: Die Mimik des anderen lesen. Antäuschen. Sich abgrenzen."

Oswalds politisch unkorrekter Appell: "Gute Schulpädagogik muss auch mal wegsehen können."

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