Achilles' Verse: Angst vor allem - DER SPIEGEL
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Achilles' Verse Angst vor allem

Diese armen Läufer. Sie leiden, immer und überall. Gottseidank hat sich Achim daran gemacht, das Übel zu bekämpfen. Leider hat auch er kein Patentrezept. Immerhin kann er im 2. Teil des Läuferängste-ABCs eine frohe Botschaft verkünden: Läufer, ihr seid nicht allein!
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

In der Menschheitsgeschichte war Angst stets eine lebensverlängernde Gefühlsregung, die häufig einen Sprint nach sich zog. Ob Säbelzahntiger, Konquistadoren oder Neanderthalerin - oft empfahl es sich, einfach wegzurennen, statt eine einfühlsame Wertedebatte zu versuchen. Angst und Wetzen, meist gleichzeitig, das ist im Genpool des Menschen angelegt. Panik ist der beste Trainer, da kommt kein Motivations-Coach mit.

Mit den Jahren kommen immer neue Phobien dazu, ohne dass die alten verschwänden. So besitzen Läufer ein prächtiges Knäuel realer und surrealer Ängste, die über die Jahre zu guten alten Bekannten werden. Für jede Trainingseinheit und die Zeit dazwischen gilt das Motto: "Nicht ohne meine Angst". Denn noch lieber als ein Fachgespräch über flottierende Knorpelsplitter im Knie ist dem Läufer der innere Monolog zur aktuellen Panikattacke.

Es wäre ein Fehler, die Angst zu verteufeln. Schließlich sind ihre körperlichen Symptome hilfreich: Aufmerksamkeit und Muskelanspannung werden erhöht, Reaktion und Atmung schneller, die Muskeln stellen Energie bereit, der Schweiß strömt auch ohne die geringste Anstrengung, Und praktischerweise werden Blasen-, Darm- und Magentätigkeit ausnahmsweise mal gehemmt. Die Panik verhindert also den lästigen Spurt ins Unterholz.

Nicht immer allerdings peitscht die Angst zur Höchstleistung, bisweilen bewirkt sie auch eine Blockade. Prima. Nichts geht über eine kapitale Blockade-Angst. Damit unsere Sportsfreunde sich künftig noch kompetenter fürchten können, hier Teil II des großen ABC der Läuferängste, von "Kakorrhaphiaphobie" bis "Rupophobie".

Kakorrhaphiaphobie: Angst, besiegt zu werden. Tja, leider eine sehr berechtigte Angst. Statistisch gesehen ist noch jeder Läufer eines Tages besiegt worden. Die Frage ist immer nur, von wem. Von einem Fremden lässt man sich ja ohne große Seelenqual abhängen. Aber von einem Bekannten, gar einem, der jahrelang langsamer war? Niemals. Der Kakorrhaphiaphobiker ist mithin einer der verbissensten Trainierer überhaupt.

Lachanophobie: Angst vor Gemüse. Der Bestseller-Autor Heinz Strunk formuliert präzise die Haltung, die vor allem männliche Athleten pflegen: "Fleisch ist mein Gemüse". Keniabohnen, Salatblätter oder mit Möhrensaft glasierter Fenchel lösen spontane Panik aus, oft begleitet von Würgereiz. Mögen die Ernährungs-Gurus auch den Wert des Ballaststoffes preisen, so gilt für den virilen Läufer: Keine Experimente. Currywurst und Cremeschnitte sind immer noch der beste Raketentreibstoff.

Medorthophobie: Angst vor Erektion. Völlig zu Recht, denn Läufer sind als Liebhaber legendär. Es gilt der alte Sportlerspruch: Selbst der Zahn der Bisamratte ist weicher als die Läuferlatte. Früher ließ sich die verräterische Ausbeulung noch durch geräumige Turnhosen kaschieren. Seit allerdings Hochleistungsfasern jeden Millimeter des Läuferkörpers zwar verhüllen, aber dennoch grausam exakt abbilden, sind spontane Regungen, insbesondere im Lendenbereich, von allen Mitläufern, vor allem von entgegenkommenden, sehr genau zu erkennen. Was hilft? 90 Minuten einsamer Waldlauf haben noch jeden Testosteronschub gebremst.

Numerophobie: Angst vor Zahlen. Laufen, das bedeutet Zeiten, Strecken und die Kombination von beidem. Zahlen sind die erbarmungslosen, unbestechlichen Zeugnisse des Läufers und entwickeln ungeahntes Horrorpotential. Wer seit Jahren verzweifelt versucht, über zehn Kilometer die magischen 50 Minuten zu unterbieten, der sieht überall nur noch die 49, ob auf Lottoschein, bei Telefonnummern oder in der amerikanischen Football-League und reagiert mit spontanem Zittern. Ähnliches Angstpotential birgt die 44. Marathonis, die gegen die vier Stunden kämpfen, würden im Supermarkt niemals einen Artikel anfassen, der 3,59 Euro kostet.

Obesophobie: Angst vor Gewichtszunahme. Jedes Kilogramm bremst, weshalb der Leistungsläufer schon den Anblick von Hochkaloriegem scheut. Beim Passieren von Bäckereien wendet er sich stets vom Schaufenster ab, die Schorle verdünnt er auf homöopathischen Apfelanteil. Schlägt die Waage tatsächlich mal wieder nach rechts aus, bestraft er sich umgehend mit Langlauf. Gipfel des Genusses: alkoholfreies Bier, aber nur eines am ganzen Abend. Starke Parallelen zum Model-Business.

Phronemophobie: Angst vor Gedanken. Gerade bei Langstrecken-Freaks verbreitet. Denn wer lange alleine läuft, hat sehr bald jeden halbwegs normalen Gedanken gedacht. Nach den normalen kommen die absurden Gedanken. Und danach? Die panischen Gedanken. Vor allem, wenn man zwei Stunden von jeder menschlichen Siedlung entfernt ist. Was bedeutet das Knacken im Busch? Wildschwein, Sittenstrolch oder Walker, die sich im Wald niedergelassen haben, weil ihnen der Weg zurück zu weit war? Dann lieber fremde Gedanken. Daher tragen Phronemophobiker häufig Kopfhörer und lauschen Hörbüchern.

Rupophobie: Angst vor Schmutz. Meist Frauen, die tagelang den Wetterbericht konsultieren, bevor sie sich nach draußen wagen. Rupophobikerinnen sind zu erkennen an ihren Bushido-weißen Laufhosen, die auch nach 32 Minuten Tänzellauf noch blütenweiß sind. Mit spitzen Zehen hüpfen sie um jedes Stäubchen, wischen unablässig den nicht entstandenen Schweiß von der Stirn und atmen flach aus Angst vor Dreckpartikeln in der Luft, die die Popelproduktion anheizen könnten. Für ernsthaftes Laufen nicht zu gebrauchen.

Rhypophobie: Angst vor dem Stuhlgang. Wem je daheim verschweißte Blattreströllchen aus der Laufhose bröselten, der weiß, was gemeint ist.

Achim Achilles liest heute, Dienstag, 4. März 2008, unter dem Motto: Fit in den Frühling. Der bekannte SPIEGEL-ONLINE-Kolumnist gibt Antwort auf alle Läufer-Fragen, aber nur, bis der letzte Zug nach Berlin fährt, weil Mittwochmorgen wieder Hammertraining ansteht. Kartenreservierung unter 0341 / 3 39 75 00-143 Ort: Lehmanns Buchhandlung, Grimmaische Straße 10, 04109 Leipzig Zeit: immer 20.15 Uhr Eintritt: 4 €.

In der nächsten Woche folgt Teil III des Angst-ABCs - von Scopophobie bis Zoophobie

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